Nicht vom Brot allein

Lesung Lk 19,1-10

Jesus sagt: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“
Mt 4,4

Liebe Gemeinde

Hunger kennen wir heute nur noch vom Hörensagen. Er ist längstens keine Empfindung mehr, die zu unserem Alltag gehört. Natürlich knurrt auch uns noch ab und an der Magen. Klar haben wir nach getaner Arbeit „Kohldampf“ und ab und an das Gefühl, man könnte eine ganze Kuh verdrücken. Ja, es kann sein, dass uns ein „Hüngerli“ plagt – Doch Erlösung ist bei uns selten ferner als die paar Schritte bis zum Kühlschrank. Keiner mehr muss bei uns verhungern.

Wenn wir Hunger spüren, lassen wir ihn oft freiwillig an uns wirken. Vielleicht hungern wir, weil wir dadurch abnehmen wollen. Vielleicht ist der Hunger ein Teil eines Fastenprogramms und damit eingebunden in einen rituellen oder gesundheitsfördernden Kontext. Verzicht als Lebensschule. Das Gefühl des Hungerns soll zum Wegweiser werden, der hinweist, auf das, was uns im Leben wirklich wichtig ist. Er ist nicht falsch, dieser Hunger. Aber es ist kein hungern an und für sich. Wir hungern für einen bestimmten Zweck.

Unser freiwilliger Hunger ist Teil einer Lebenserfahrung. Freiwillig stellen wir uns dieser Erfahrung. Wir versprechen uns davon einen Gewinn im Leben.

Unser Hunger ist Luxus. Doch es gibt in der Welt eine andere Art des Hungers. Dieser andere Hunger hat seinen Ursprung nicht im menschlichen Willen. Er ist kein Luxus und kein Gewinn. Dieser Hunger ist nicht Teil einer Selbsterfahrung. Er ist alles andere als freiwillig. Er rührt aus bitterer Not.

Es ist den meisten Schweizerinnen und Schweizern meiner Generation unvorstellbar, was es heisst Hunger zu haben und nichts dagegen tun zu können. Vielen ist unbegreiflich, dass es eine Armut zum Tod gibt. Und doch ist dieser Hunger Teil dieser Welt.

Wir sehen uns selbst gern als Teil der weltumspannenden Menschheit. Jeder Mensch ist ein Kind Gottes, sagen wir. Doch wenn man die Armut und den Hunger dieser Welt sieht, muss man sich fragen, wie ernst es uns mit diesem Bild ist. Weshalb gelingt es uns nicht diesen Hunger aus der Welt zu schaffen?

Klar man kann darauf entgegen, dass wir Fortschritte gemacht haben. Die Hungerkatastrophen der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gehören der Vergangenheit an. Damals verhungerten ganze Landstriche, weil Dürren die Ernten vernichteten. Es gelang damals nur ungenügend Nahrungsmittel zu verteilen, obwohl genügend vorhanden gewesen wäre.

Die UNO und die Völkergemeinschaft haben aus jenen Katastrophen gelernt. Man verbesserte die Infrastruktur und baute die Verteilungswege aus. Das ist gut und richtig so.

Und doch verhungern auch heute noch Menschen. Besonders Kinder und Kranke sind davon betroffen. Ganz akut in Kriegsgebieten, in denen wegen der Gewalt die Versorgung zusammenbricht, aber auch in den ärmsten Landstrichen unserer Erde, weil dort nicht alle Menschen mit genügend Nährstoffen, Spurenelementen und Vitaminen versorgt werden können. Auch an Mangelernährung kann man sterben. Auch Mangel ist Hunger.

Der Mensch stirbt ohne Brot. Der Körper braucht Nahrung, sonst funktioniert er nicht. Ohne Nahrung kann er nicht leben.

„Herr, gib denen, die Hunger haben, Brot;
und uns, die wir Brot haben, Hunger nach Gerechtigkeit“, heisst es darum auch richtig in einem Tischgebet. Brot und Gerechtigkeit sind miteinander verbunden. Brot legt die Grundlage für eine gerechtere Welt. Nur wenn jedem Menschen der Zugang zum Lebensnotwendigen offen steht, kann die Menschheit sich entwickeln. Armutsbekämpfung ist darum zu Recht ein wichtiges Ziel gemeinschaftlicher Anstrengung.

Doch gibt es in der Armutsbekämpfung eine Falle, in die man nur allzu leicht tappt. Wenn man glaubt, der Mensch lebe nur vom Brot allein, wird aus der Armutsbekämpfung ein Kampf in Armut. Armutsbekämpfung schliesst so in der Armut ein. Anstatt Freiheit entsteht Abhängigkeit. Der Arme wird abhängig von der Brotspende des Reichen. Die Menschheit teilt sich in Geber und Empfänger. Es entsteht eine Teilung in Menschen erster und zweiter Klasse. Diese Teilung führt dazu, dass der Glaube entsteht, man müsse sich vor den Armen schützen. Man baut Mauern und schliesst Grenzen.

Menschen verlieren ihr Leben, weil sie dieser Abhängigkeit entfliehen wollen. Sie wollen nicht Menschen zweiter Klasse sein. Wer will es ihnen verübeln?

Und doch: Wir verübeln es ihnen!

Das ist tödlich. Diejenigen, die fliehen, sterben auf der Flucht. Diejenigen, die sich schützen wollen, sterben am Schutz. Zwar nicht leiblich, aber die Seele stirbt. Die Menschlichkeit geht zu Grunde an unserer Angst, es habe nicht genug für alle. Wir sterben an unserer Angst um unseren Wohlstand. Wir gehen zu Grund an unserer Angst um unser Brot. Der Mensch stirbt vom Brot allein!

Das Brot, das Leben bedeutet, birgt den Tod in sich, wenn es nicht geteilt wird. Es tötet, die einen am Leib, die andern an der Seele. Die einen sterben, weil es ihnen an Brot mangelt. Die andern, weil ihnen das Brot für die Seele fehlt, das frei macht. Das Seelenbrot erlöst von der Angst um das Materielle.

Wir haben das Wort nötig. Nicht irgendein Wort, sondern das eine Wort aus Gottes Mund, das Mensch geworden ist.

In Jesus begegnet Gott der Welt. Gott selbst zeigt sich seiner Schöpfung. Er offenbart sich einer Gruppe von Menschen, die lange vor uns lebten. Sie waren tief bewegt vom gemeinsamen Weg, den sie mit Jesus gingen. Sie berichteten von diesen Begegnungen. Andere schrieben die Geschichten nieder.

Die Evangelien wurden nicht zuerst für uns geschrieben. Doch sie waren kraftvolle Zeugen, so dass die Texte auch zweitausend Jahre später noch gelesen werden. Ihre Worte, sind nicht das eine Wort, aber sie berichten von ihm, dem Sohn Gottes, der uns den Vater zeigt.

So haben wir in der Lesung (Lk 19,1-10) heute Morgen von Zachäus gehört. Er war einer, der genug Brot hatte. Er war ein reicher Mann geworden. Die Einnahmen aus dem Zollrecht, das er für die Römer ausübte, machten ihn dazu. Doch etwas fehlte ihm. Er spürte, dass der Mensch vom Brot allein stirbt.

So verlangt sein Herz nach dem, der ihn retten kann. Er nimmt Jesus in sein Haus auf. Die Begegnung verändert ihn und rettet ihn und seine ganze Familie. In Christus verändert sich seine Beziehung zum Brot und dem Reichtum. Er wird frei von der Angst das Brot verlieren zu können.

Er gibt die Hälfte seines Vermögens. Er hilft aus freien Stücken. Auch mit dem halbierten Vermögen muss er sich keine Sorgen machen.

Die Geschichte von Zachäus verwirft den Besitz und den Reichtum nicht. Der Mensch darf sein Brot, ja auch seine Vorräte haben. Es geht nicht um eine moralische Verurteilung. Zachäus will nur dort seinen Reichtum kompensieren, wenn er ihn ungerechtfertigt erworben haben sollte. Es ist ein für den Fall der Fälle. Es kann gut sein, dass er legitim zu seinem Reichtum gekommen ist. Zachäus ist keine Sündergeschichte, sondern erzählt von einem lebensdienlichen Umgang mit Reichtum.

Wir dürfen unser Brot haben. Wir dürfen davon leben. Es ist gut, dass wir keinen Hunger leiden müssen. Doch wenn wir nur Brot haben, wenn wir uns nur auf unser Vermögen verlassen, dann füllt es unser Herz aus und erstickt unsere Seele.

Erst das eine Wort Gottes befreit uns von diesem Druck. Es macht frei von der Angst vor dem Verlust. Es befreit uns vom Geiz und lässt unsere Seele atmen.

Wie der Leib das Brot, so braucht die Seele das Wort als Nahrung. Nur wenn der Mensch Wort und Brot hat, ist er ganz Mensch, wie Gott ihn will.

Doch Brot und Wort haben wir nicht für uns allein. Wir sollen und dürfen beides teilen. Wort und Brot!

Es ist eine segensreiche Aufgabe, die uns gegeben ist. Im Vertrauen auf Gott dürfen wir sie angehen. Denn er sagt uns durch Christus: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“
Amen

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