Vor aller Zeit

Der Herr hat uns errettet und uns berufen mit heiligem Ruf,
nicht aufgrund unseres Tuns,
sondern aufgrund seiner freien Entscheidung und seiner Gnade,
die uns in Christus Jesus zugedacht wurde,
vor aller Zeit, jetzt aber sichtbar geworden ist
im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus.
2 Tim 1,9

Liebe Gemeinde

Montagemorgen. Der Wecker von Peter M. piepst eindringlich. Noch halb im Schlaf wischt er sich über die Augen und blickt auf die Uhr. 6.16 blinkt die aktuelle Zeit in roten LEDs auf dem Gerät. „Schon so spät?“, geht es ihm durch den Kopf, denn Peter sollte heute zeitig aufstehen.

So macht er sich auf den Weg ins Bad. Die Zeit unter der Dusche tut ihm gut. Das Wasser trägt nicht nur die Reste des Duschmittels mit sich, es wäscht ihm auch den Schlaf aus den Augen. Für einen Moment vergisst er die Zeit unter dem warmen Wasserstrahl. Erst durch den Ruf Claudias, seiner Frau, schreckt er aus diesem zeitlosen Zustand auf. Es sei Zeit zu gehen, mahnt sie. Es bleibt Peter M. keine Zeit für einen Kaffee. Der Zug in die grosse Stadt fährt zu seiner Zeit.

So kommt Peter im Büro an. Seine Arbeitszeit beginnt automatisch erfasst zu werden, sobald er sich in den PC einloggt. Der Blick in die Agenda verrät ihm, dass in seinem Team heute ein Meeting zum Thema „Zeitmanagement und Zeitersparnis durch automatisierte Prozesse“ angesetzt ist.

Er lädt seine Präsentation zum Thema ins Firmennetz, damit er sie während des Meetings direkt starten kann. Es kostete ihn in den vergangenen Tagen viel Zeit das ganze Material über das Zeitsparen in eine PowerPoint Präsentation umzusetzen. „Ob das gut investierte Zeit war?“, fragt er sich. Doch noch ist es nicht so weit, er hat noch Zeit für einen Kaffee vor der Präsentation.

Natürlich läuft es wieder wie immer. Vor lauter nebensächlichen Zeitfressern während der Teamsitzung bleibt kaum genügend Zeit um über das Zeitmanagement zu referieren. Viele Folien überspringt er unbesprochen, damit er in der Zeit fertig wird. „Was für eine Zeitverschwendung!“ denkt er und sagt dabei: „Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt und meiner Präsentation aufmerksam gefolgt seid!“ Für Rückfragen bleibt keine Zeit.

So geht man miteinander in die Mittagszeit. „Teamzeit“ nennt das sein Chef. „En Guete!“, wünschen alle, ausser Helmut, der sagt: „Mahlzeit!“

So vergeht Peters Tag im alltäglichen Fluss der Zeit. Immer mehr seiner Kollegen wünschen einen guten Abend, schliesslich geht auch Peter. Der Arbeitszeit folgt die Freizeit, wenn Peter auch Arbeit für den Heimweg einpackt.

Claudia kommt heute später nach Hausse, so kocht Peter. Das macht er gern. Obwohl er beim Kochen die Zeit im Auge behalten muss, kann er sich doch beim Schnipseln und Schneiden verlieren. Gerade, als er das Seelachsfilet aus dem Steamer holt, geht die Haustüre auf und Claudia kommt herein. Essenzeit.

Der Fisch auf einem Bett aus Lauch mundet beiden, wenn die Kartoffeln auch etwas versalzen sind, wie Claudia bemerkt. Sie erzählt von ihrem Tag und Peter berichtet aus dem Meeting zum Zeitmanagement. „Genug von der Arbeit!“, befiehlt Claudia lachend, „Jetzt ist Paarzeit!“. Sie nehmen sich bewusst Zeit für einander. „Weisst du noch, wie wir uns kennenlernten?“, fragt Peter. „Du hast mich auf dem Bahnhof angesprochen und nach der Zeit gefragt.“, lächelt Claudia. „Die Zeit stand in diesem Moment still“, träumt Peter. „Wir sollten wieder einmal richtig Zeit für einander haben!“

Doch als Claudia vorschlägt, dass sie am Wochenende wieder einmal ins Theater gehen könnten, meint Peter, er habe die Zeit schon anders verplant. „Nie hast du Zeit für mich!“ wirft ihm Claudia scharf an den Kopf. Ende der Paarzeit. Doch zum Glück keine Zeit zum Streiten. Denn es ist Zeit für die Tagesschau. Der erste Beitrag berichtet über die Zeit des Wahlkampfs in einem fernen Land. Später berichtet der Romkorrespondent aus dem Vatikan. Der Papst hatte eine Gnadenzeit ausgerufen. Dem Pilger wird Erlass von Strafzeit versprochen. In der anschliessenden Dokumentation versucht ein Physiker die Relativitätstheorie vom Einstein allgemein verständlich zu erklären. Die Zeit sei relativ, führt er aus, aber es sei unmöglich eine Zeitmaschine zu bauen. Claudia interessiert das alles nicht. Sie macht währenddessen lieber eine Stille Zeit für sich.

Schliesslich ist es Zeit für das Bett. Peter hat Claudias Vorhalt nie Zeit zu haben zum Glück längst vergessen. So endet der Tag für beide mit einer romantischen Kuschelzeit. Dann ist Schlafenszeit.

Zeit bestimmt das Leben. Nicht nur das von Peter und Claudia. Wir alle leben in der Zeit. Sie ist ein beständiger Fluss. Ein Ereignis folgt dem anderen. Es hat Einfluss auf die Nächsten und ist zugleich von seinem Vorgänger mitbestimmt. Ja, mitunter stehen die Ereignisse in einer Kausalkette. Dann ist B von A vollständig bedingt und führt in logischer Fortsetzung zu C. Wir erleben einen Verlauf. Unsere Zeit ist Verlaufszeit.

Für unser alltägliches Leben und unser Denken in der Welt ist das gut so. In diesem Ablauf können wir unser Leben planen. Wir können uns erinnern. Wir können den Moment geniessen. In der Verlaufszeit können wir als Gesellschaft die Menschheitsgeschichte erfassen. Wir können gegenwärtige Herausforderungen anpacken und damit die Zukunft dieser Welt gestalten. So teilen wir ein in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Die Verlaufszeit umfasst vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges.

Im Alltag ist das gut so. Doch es bringt Schwierigkeiten mit sich, wenn wir mit unserem Zeitverständnis beginnen über Gott und die Erwählung nachzudenken. Denn was heisst es, wenn es, wie im Vers über der predigt, heisst „vor aller Zeit“?

Dass es dabei um mehr als eine akademische Spielerei unter Theologen geht, sieht man, wenn man mit unserem alltäglichen Zeitverständnis an den Vers heran geht. Man „vor aller Zeit“, zeitlich versteht. Vor aller Zeit, heisst dann vor dem Anfang der Welt. Vor der Zeit gleich versteht wie z.B. vor der Mittagszeit. Dann meint man vor der Zeit, sei gleichbedeutend mit Vor der Schöpfung. Man zieht die Zeitlinie über den eigentlichen Beginn gegen die Zeitlinie aus.

In diesem Verständnis müsste man sagen: Gott entscheidet sich einige Menschen durch seinen Sohn zu retten, noch bevor er den ersten Menschen, Adam, schuf. Entscheidet er sich aber dafür einige zu retten, dann muss zumindest damit gerechnet werden, dass er die andern verwirft. Die Entscheidung trifft Gott noch vor der Schöpfung und damit auch vor dem Sündenfall. Schon Adam und Eva im Garten Eden können wir uns dann nicht mehr als Freie denken. Ihr Schicksal ist bestimmt. Ihr Handeln dadurch gebunden. Erst Recht könnten wir dann in Bezug auf den Menschen nach dem Sündenfall nur noch von einer scheinbaren Freiheit sprechen. Auch die Befreiung im Glauben an Christus würde nicht zur Freiheit führen. Denn die Freiheit wäre durch die Wahl vor aller Zeit in ihrer Freiheit beschnitten.

Versteht man „vor aller Zeit“ als Vorzeitigkeit, dann führt es in direkter Linie zu einem populären Verständnis der calvinistischen Prädestinationslehre – also der Vorbestimmung durch Gott. Damit diese Prädestination nicht völlige Willkür auf Seiten Gottes ist und seine Gerechtigkeit gewahrt bleibt, muss auf ein göttliches Vorauswissen abgestellt werden. Gott würde, damit seine Erwählung und Verwerfung nicht dem Zufall unterworfen ist und es trotzdem stimmt, dass der Glaube rettet, schon von Anfang an wissen, welcher Mensch zum Glauben kommt und welcher im Unglauben bleibt.

Für Peter und Claudia würde dies heissen: Ihr ganzes Leben muss von Gott in jedem einzelnen Detail vorausgekannt und vorausbestimmt sein. Nur dann ist der Zufall ausgeschlossen, der es zumindest denkbar macht, dass jemand stirbt, bevor er seinen vorbestimmten Glauben auch glauben kann. Das Leben ist in diesem Verständnis nichts anderes als der Ablauf eines Films. Es gibt keine Zufälle. Es gibt keine Freiheit. Wer glaubt, kann nicht anders, wer nicht glaubt ebenso. Das Ganze ist nichts anders als ein kompliziertes Uhrwerk. Leben nichts als eine Illusion.

Doch das kann nicht sein. Gott selber sagt von sich, er sei ein Gott der Lebenden, nicht ein Gott der Toten. Ist er aber ein Gott von Lebenden, so muss die Welt mehr sein, als ein Uhrwerk. Mehr als ein Apparat, der nach genauer Vorbestimmung abläuft.

Will man „vor aller Zeit“ als vor der Zeit und damit doch eigentlich zeitlich verstehen, so führt das in der Konsequenz zu einer undenkbaren Welt. Man macht aus dem „vor aller Zeit“, ein Element vor dem ersten Element der Zeit. Ein Buchstabe vor dem A, dem dann doch B folgen muss. Damit geht man vor die Schöpfung, doch nicht vor die Zeit. Dieses „vor aller Zeit“ ist dann genau nicht vor der Zeit, sondern es bleibt in der Zeit.

Wie können wir „vor aller Zeit“ besser verstehen? Wie können wir es verstehen, ohne dabei zeitlich im Sinn unserer alltäglichen Verlaufszeit zu denken?

Wir können es nicht, aber wir können uns dem nähern, was „vor aller Zeit“ heisst. Doch es bleibt ein Stück Geheimnis Gottes auch in der Näherung. Ein Mysterium, von dem wir nur staunen können.

Doch nähern können wir uns, weil Gott sich uns offenbart. Weil er uns nicht als Gott, sondern immer schon als Gott für uns, begegnet. Gott ist der uns zugewandte Gott.

Das göttliche „vor aller Zeit“ ist durchdrungen von dieser Zuwendung. In ihr ist Gottes rettender Wille gegenwärtig.

Dieser rettende Wille ist nicht einmal gewesen und wäre jetzt nicht mehr. Er ist nicht bloss vor der Schöpfung wirksam, sondern in der Schöpfung in jedem Augenblick. Er trägt und umspannt die Zeit.

Gottes Vorsehung und Bestimmung betrifft nicht die Zeit. Sie ist nicht Prädestinationslehre, wie man es oft in starker Verkürzung als vermeintliche Lehre Calvins und der Reformation hört. Sie legt das Leben nicht fest. Sie ist nicht im Sinn einer erweiterten Verlaufszeit als ein allerstes Element vor jedem zeitlichen Element zu denken.

Gottes Vorsehung und Bestimmung ist vielmehr wirksam in jedem einzelnen Teil der Zeit. Sie umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In seiner Vorsehung durchdringen sie sich gegenseitig. In ihr ist die Zeit selbst gehalten.

So ist es dann auch uns nicht vorbestimmt, ob wir glauben oder nicht. Vielmehr erfahren wir im Glauben das Durchdrungensein aller Zeit von der göttlichen Kraft. So ist auch unser Glaube kein Besitz, sondern wird uns jeden Augenblick auf das Neue geschenkt. Im Glauben trifft uns die Entscheidung Gottes als Gnade vor aller Zeit. Aber als Gnade, die in aller Zeit wirkt. In dieser Entscheidung sind wir zur Entscheidung gerufen.

So wird auch das „jetzt aber sichtbar geworden“ unseres Verses der Vergangenheit entrissen. Weil wir in jedem Augenblick von der Entscheidung und der Gnade Gottes im Glauben getroffen sind, ist das „jetzt“ kein „jetzt“ von damals, als Jesus erschienen war. Sondern ein „jetzt“, das Heute, das gerade jetzt gilt. Jetzt, im Glauben dieses Momentes wird Christus sichtbar unter uns.

Christus erscheint – hier und jetzt – im Glauben, der uns von Gott geschenkt ist. Jeder Zeit und immerdar.
Amen

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