Zeugenaufruf!

Danach bestimmte der Herr weitere zweiundsiebzig und sandte sie zu zweien vor sich her in jede Stadt und jede Ortschaft, in die er gehen wollte.
Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist gross, Arbeiter aber sind nur wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Geht! Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.
Lk 10,1-3

Liebe Gemeinde

72 Boten sendet Jesus aus mit dem Auftrag in alle Dörfer und Siedlungen zu gehen, in die auch er gehen wollte. Sie sollen die Kranken heilen und das nahe Reich Gottes verkünden. Doch gehen sie nicht einzeln. Immer zu zweit treten sie ihre Reise an. 36 Botenpaare des himmlischen Friedens. Sie gehen Jesus voran, wie man sagt, dass ein guter Ruf einem Menschen vorangeht.

Wie mögen sie sich gefühlt haben? Wie hätten sie sich gefühlt, zu so einem Auftrag ausgewählt zu werden? Zur handverlesenen Gruppe der zweimal sechsunddreissig Diener des Wortes Gottes zu gehören?

Die Auswahlkriterien waren streng. Der Bruch mit der Welt gehörte mit dazu. So erfahren wir im vorausgegangenen Kapitel des Lukasevangeliums, dass der Menschensohn keinen Ort hat, wohin er sein Haupt legen könnte, keinen Platz in der Welt, der ihm Heimat sein kann. Auch für seine Nachfolger gilt dies. Einem wird die Nachfolge versagt, weil er noch seinen toten Vater bestatten wollte. Ein anderer wird abgelehnt, weil er darum bat, sich von seinen Liebsten und seiner Familie zu verabschieden.

Es ist eine Elite, die im Evangelium nach Lukas ausgesandt wird. „Die Ernte ist gross, Arbeiter aber sind nur wenige“.

Ich wäre stolz gewesen zu dieser Gruppe dazuzugehören. Für eine so wichtige Arbeit ausgewählt worden zu sein. Ich hätte mich wohl als Held gefühlt, wie ein Schaf unter die Wölfe gesandt zu werden. Vielleicht wäre auch ich zu allem bereit gewesen und mein Leben hätte auch mir nichts mehr gegolten, wenn ich doch nur ausgewählt worden wäre.

Wie hätten Sie sich gefühlt? Hätte Stolz ihre Brust geschwellt? Hätten sie sich als Teil einer Elite gefühlt? Oder, wären sie erschrocken, ob der grossen Verantwortung? Erbleicht wegen der Todesgefahr?

Vielleicht ist es gut, dass Jesus uns nicht vorausschickt um seine Botschaft zu verkünden…
Oder sind wir etwa doch gesandt?

In einem der letzten Verse im Lukasevangelium heisst es: „und in Jesu Namen wird Völkern Umkehr verkündigt werden zur Vergebung der Sünde – in Jerusalem fängt es an – und ihr seid Zeugen dafür.“ Die Jünger und wohl auch die Jüngerinnen, auch wenn sie nicht genannt werden, sind Zeugen. Was macht es aus, Zeuge zu sein?

Ein Zeuge ist einer, der oder die etwas erlebt hat, das von allgemeinem Interesse ist.
Welches es wert ist, erzählt zu werden. Ja, das weitererzählt werden muss, weil es die Realität, oder zumindest die Wahrnehmung selbiger verändert. Ein Zeug kann über einen Sachverhalt oder über ein Ereignis Auskunft geben. Von einem guten Zeugen, von einer guten Zeugin erwarten wir, dass sie von allem berichtet, was sie erlebt hat und wovon sie weiss. Nichts soll sie anders erzählen, als wie sie es erlebte. Nichts soll sie dem Bericht hinzufügen, kein Detail durch verschweigen auslöschen.

Wird der Zeuge eines Verbrechens vor Gericht geladen, ist er zur Treue gegenüber seinen Erinnerungen an das Ereignis oder den Sachverhalt verpflichtet. Verstösst er gegen diese Treue, so wird der Verstoss, wenn er ruchbar wird, sanktioniert.

Als Christ habe ich erlebt, wie Gott befreiend in mein Leben eingegriffen hat. Wie ich getröstet wurde in Momenten tiefster Verzweiflung und Trauer. Ich habe erlebt, wie in scheinbar ausweglosen Situationen sich doch noch eine Türe öffnete oder ein Fenster aufgesprungen ist. Ich habe Dinge erlebt, die es eigentlich wert sind erzählt zu werden.

Und doch, erzähle ich nicht davon. Ich verhalte mich nicht wie ein Zeuge dessen, was in Jerusalem vor zweitausend Jahren begann.

Allerdings verhalte ich mich damit nicht aussergewöhnlich. Entsprechend den Konventionen unserer aufgeklärten Gesellschaft, haben viele von uns – und ich rechne mich mit Bedauern durchaus zu diesen – das Gespräch über den eigenen Glauben in den Raum des halbprivaten und privaten verlegt.

Wenn ich hier und heute in der Predigt über mein Zeugesein, bzw. mein Versagen als Zeuge spreche, dann tue ich dies letztlich zwar öffentlich zugänglich, aber nicht mehr öffentlich. Ich darf mir gewiss sein, dass ihr mit der Erwartung gekommen seid, eine Predigt zu hören. Vielleicht kommt es nicht gut an, was ich zu sagen habe. Vielleicht lehnt ihr es auch ab. Aber, dass im Gottesdienst über Gott und den Glauben gesprochen wird, überrascht wohl niemanden. Es entspricht der Konvention.

Was würde wohl geschehen, wenn ich vorschlagen würde, dass wir an einen richtig öffentlichen Ort gehen und dort unseren Gottesdienst fortsetzten? Wer kommt mit auf den Bahnhof?

Ich weiss nicht, ob sie innerlich zusammengezuckt sind. Oder ob sie voller Freude schon zum Mantel greifen wollten. Ob sie, wenn sie mitgekommen wären, gekommen wären um mit ihrer Anwesenheit Zeugnis abzulegen oder ob sie gekommen wären um zu sehen was passiert. Vielleicht in der heimlichen Erwartung zu sehen, wie ich mich blamiere?

Ich weiss es nicht – vielleicht zum Glück.

Nun bin ich aber wohl nicht der einzige, der sich selbst als Christ oder Christin bezeichnen würde. Zumindest im letzten Frühling beim Ausfüllen der Steuererklärung haben sich die meisten von uns zum Christsein bekannt.

Als Christinnen und Christen gilt die Aufforderung des auferweckten Christus am Ende des Lukasevangeliums uns allen. „und ihr seid Zeugen dafür“. Wir sind Zeugen, den wir alle haben Gottes Handeln in unserem Leben erfahren. Mit seinem Handeln an unserem Leben hat er uns gerufen Zeugen zu sein. Wir sind berufen zu Erntearbeitern zu werden. Warum sind wir es nicht?

Die ersten Christinnen und Christen mussten damit rechnen ihren Zeugendienst mit dem Leben zu bezahlen. Immer wieder kam es in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende zu mehr oder weniger offiziellen Christenverfolgungen. Immer wieder kam es vor, dass bekennende Christinnen und Christen durch einen aufgehetzten Mob verspottet, verletzt oder getötet wurden. Auch heute noch gibt es Länder, in denen Christinnen und Christen allein aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden.

Bei uns jedoch wird kein Gebildeter unter den Verächtern der Religion seine Hand gegen einen gläubigen Menschen ausstrecken. Im schlimmsten Fall müssen wir damit rechnen wie naive Kinder angeschaut und belächelt zu werden. Wer heute zu seinem Glauben steht und davon bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erzählt, muss sich vielleicht auch den einen oder anderen dummen Spruch gefallen lassen. Er oder sie wird möglicherweise gefragt werden, zu welcher Sekte er gehöre und ob es für ihn nicht doch Zeit sei, endlich erwachsen zu werden.

Wenn ich mich frage, warum ich nicht mehr von meinem Glauben spreche und dafür Zeugnis ablege, dann fallen mir eigentlich keine echten Gründe ein, die wirkliche Hindernisse sind. Und doch, spreche ich nicht mehr darüber, kann ich meine Ängste nicht überwinden.

Vielleicht bin ich damit nicht allein. Vielleicht fühlt der eine oder die andere von ihnen ähnlich?

Wenn ich in solchen Zeiten mich deswegen gräme und mir der Vers, den ich über die Predigt gestellt habe zur drückenden Last wird. Wenn auch mir gesagt wird: „Die Ernte ist gross, Arbeiter aber sind nur wenige.“ Dann lese ich weiter und höre: „Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Gott hat uns berufen Zeugen seines Reiches in der Welt zu sein. Es ist viel Arbeit, die vor uns liegt und manchmal sind wir schwache Arbeiterinnen und Arbeiter. Hie und da versagen wir in unserem Zeugen sein. Doch dann hören wir, dass auch wir den Herrn der Ernte, Gott selbst bitten dürfen, Arbeiter in seine Ernte zu senden. Wenn wir erschöpft und mutlos sind, dann ist noch längst nicht alles verloren. Die Ernte ist gross und es braucht jeden Arbeiter. Doch Gott sendet auch zu uns Zeugen seines Reiches. Zeugen, die uns dort wieder aufbauen, wo wir in unserem eigenen Zeugesein versagt haben. Menschen, die ihre Gegenwart und ihre Liebe mit uns teilen, dort wo wir versagen.

Vor Gott zählen wir nicht, weil wir gute und fleissige Arbeiter, weil wir mutige Zeugen seines Himmelreiches sind. Gott blickt uns durch unser Versagen hindurch als liebender Vater an. Er baut sein Reich mit uns. Auch mit unsrem Versagen. Zu ihm dürfen wir kommen und ihn dürfen wir bitten. Sei es um mehr Arbeiter, weil die Ernte gross ist oder sei es um Trost, wenn wir uns als Versager fühlen.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.