Reformiert sein

Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit.
Joh 1,14

Liebe Gemeinde

Die Ausstellung „Reformiertsein“ begleitet uns zwei Wochen. Sie lädt ein über unser reformiert sein nachzudenken. Ich habe mich auf diese Herausforderung eingelassen.

Die Ausstellung steht in der Kirche. Sie kann jederzeit besucht werden.

Sie lädt ein in die Kirche zu kommen, wenn nichts läuft. Wenn die Kirche als Gebäude leer steht und dabei doch nicht leer ist. Denn die Atmosphäre sogar in der kargsten und nüchternsten Kirche ist doch auf geheimnisvolle Weise ganz anders, als in einer leeren Turnhalle oder in einem verlassenen Fabrikgebäude. Fast scheint es, als hätten sich auch die reformierten Kirchen etwas von der Heiligkeit ihrer katholischen Pendenz bewahrt. Die Ruhe in der Kirche ist eine meditative, für das Transzendente öffnende und scheinbar dieser Welt nicht ganz zugehörigen Stille.

So meine ich die Kirche sei wie geschaffen als Ort für diese Ausstellung. Gerade in dieser gefüllten Stille dieses Ortes, komme sie richtig zur Geltung. Dabei spannt sich ein feiner Kontrast zwischen der Subjektivität und Zeitlichkeit der Aussagen der porträtierten Menschen und der Gültigkeit und Ewigkeit des beherbergenden Kirchenraums.

Versteht ihr, was ich meine? Man kann es kaum in Worte fassen. Aber ich meine in dieser Ausstellung an diesem Ort werde etwas lebendig, was eigentlich nicht lebendig ist. Die Stelen dieser Ausstellung setzten sich mit dem reformiert sein auseinander. Sie präsentieren uns das, was die jeweils porträtierte Persönlichkeit dazu sagte. Dabei werden diese Stelen zu einer Art Stellvertreter. Sie wiederholen gewissermassen den Kern des Denkens der interviewten Menschen.

Wir lesen diese Aussagen. Sie kommen uns als Texte entgegen. Dabei sind diese Texte mehr als Verschriftlichungen des mündlich Gesagten. Der Interviewte hat den Text nicht diktiert. Der Interviewer und Ausstellungsmacher ist mehr als ein menschlicher Rekorder, der eins zu eins wiedergibt, was er aufgenommen hat.

Die Ausstellung mit ihren Worten und Texten steht als festgeschriebenes und unveränderliches Produkt bei uns. Doch der Prozess des Entstehens, war viel dynamischer und kreativer, als es die bunten Panels zeigen, die in diesem Jahr von Kirchgemeinde zu Kirchgemeinde wandern.

Der Ausstellungsmacher, oder besser die Ausstellungsmacher, führten Gespräche. Dabei begegnete der Journalist der später auf der Stele abgebildeten Persönlichkeit. Sie kamen miteinander ins Gespräch. Der Autor machte sich Notizen, vielleicht benutze er auch ein Aufnahmegerät. Das Gespräch lieferte ihm Material, wie der Steinbruch dem Bildhauer die Grundlage seines Schaffens gibt. Doch tat der Befragte mehr, als sich seine Gedanken und Ansichten entlocken zu lassen. Er gab mehr als Worte. Im Gespräch darüber, was Refomiertsein sei, bekamen auch seine Gedanken neue Anstösse, die sich im Gespräch niederschlugen. So ist das Brechen von Wortstein in diesem Steinbruch der Gedanken ein kreativer und dynamischer Prozess!

Doch mit dem Brechen des Materials, mit dem Ende des Interviews, ist der Prozess längst nicht abgeschlossen. Dem Gespräch folgt ein intensiver Arbeitsprozess am Schreibtisch und vor dem Computerbildschirm. Das ganze Material des Interviews, vermutlich jeweils ein gutes Dutzend A4 Schreibmaschinenseiten, musste zu den handlichen Texten dieser Panels redigiert werden. Auswählen, weglassen, neu formulieren und Schicht für Schicht den Kerngedanken heraus zu schälen ist ein komplexer und zugleich schöpferischer Akt. Das Gespräch wird gewissermassen im Prozess zwischen Formulieren, Nachdenken und Reformulieren destilliert. Wie der Schnaps tröpfchenweise aus der Destille fliesst, so werden die Sätze Wort für Wort in Text gegossen. Wie der Edelbrand die Aromen konzentriert, so bringt der Schreibprozess die Gedanken auf den Punkt.

Vermutlich wurden die fast fertigen Texte noch einige male hin und her geschickt. Nicht nur die dargestellte Persönlichkeit machte noch Anmerkungen, auch die Lektorin oder der Lektor wünschten Änderungen. Vielleicht gab es gar eine Endredaktion im Team der Ausstellungsmacher.

Die entstandenen Texte haben äusserlich kaum mehr etwas mit den Gesprächen zu tun, die am Anfang standen. Das Wesentliche dieser Gespräche aber trifft in konzentrierter Form auf uns.

Die Dynamik und das Ringen um Worte und Gedanken, die zu ihrer Entstehung führten, sieht man ihnen nicht mehr an. Sie stehen fest, als wären sie ein für allemal geschrieben. Als würden sie über alle Zeiten hinweg gelten.

An dieser Stelle kommt ein Grundzug des reformierten Wesens ans Licht. Reformiertsein lebt in diesem hin und her zwischen dynamischem Prozess und festgeschriebenen Ergebnissen.

Für gewöhnlich behandeln wir unser reformiert sein, wie wir unsere Nationalität behandeln. Der Schweizer hat einen schweizer Pass, der Deutsche einen deutschen Pass, der Italiener ein italienischen, der Japaner einen japanischen, der Brasilianer ein brasilianischer und so weiter. Die Nationalität ist eindeutig bestimmt. Wer den entsprechenden Pass hat oder zumindest ein Anrecht darauf, der ist eben Deutscher, Franzose, Österreicher oder Schweizer.

Doch reformiert sein ist nicht so eindeutig bestimmt, wie unsere Nationalität. Was es heisst reformiert zu sein, dass lässt sich nicht ein für allemal sagen. Es muss immer wieder aufs Neue errungen werden. Die reformierte Identität ist eine Identität im werden.

Mag sein, dass es frühere Generationen einfacher hatten. Vom 17. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wussten unsere Vorfahren zwar auch nicht was ihr reformiert sein ausmacht. Eines aber wussten sie genau: Wir sind nicht katholisch!

Abgrenzen und ausschliessen bestimmten die eigene, reformierte Identität während hunderten von Jahren. Das sich in dieser langen Zeit auch die katholische Schwesterkirche veränderte, bekamen die Reformierten lange nicht mit.

Ein jeder kochte sein eigenes Süppchen, bis die Töpfe überliefen. Der erste Weltkrieg und das völlige Versagen reformierter, lutherischer und katholischer Theologie angesichts der unmenschlichen Gewalt zeigten, dass die alten Wege Sackgassen waren. Man musste die eigene Identität neu klären.

Es war deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet in diesen Jahrzehnten nach dem ersten und über den zweiten Weltkrieg hinaus vieles dazu geschrieben wurde. So entsteht in dieser Zeit die wohl wortgewaltigste Darstellung, was es heisst reformiert zu sein.

Über 9000 Seiten umfasst die Darstellung und ist dabei doch bloss eine Momentaufnahme, wie der Autor selbst betont. Der Autor wollte verantwortlich Auskunft geben über den Glauben der reformierten Kirchen. Das Werk, die Kirchliche Dogmatik, die dabei entstanden ist, gilt als eines der bedeutendsten theologischen Werke und trug zum Ruhm seines Autors, dem Basler Theologieprofessor Karl Barth, bei.

Karl Barth durchdachte in den vier Hauptbänden der Kirchlichen Dogmatik nicht nur den Glauben der reformierten Kirche, er geht auch immer auf die theologische Entwicklung ein und zieht in grossen Bögen die ganze Kirchengeschichte nach. Dabei nimmt er immer wieder die Punkte auf, die für die eigene Darstellung wichtig sind.

So teilt er die Hochachtung vor dem Wort mit Ulrich Zwingli, Heinrich Bullinger und Johannes Calvin, um nur einige Namen zu nennen. Es ist das Wort Gottes, das im Zentrum stehen soll.

Für die schweizerischen Reformatoren – eben für die Väter der reformierten Kirchen – stand das Wort so sehr im Zentrum, dass sie alles aus den Kirchen entfernen liessen, was nicht dem Wort diente. Das Wort rückte in die Mitte. So wird in vielen Kirchen bis heute die biblische Lesung in der Mitte des Chors gehalten. Das Wort ist die Mitte und die biblische Lesung und ihre Auslegung in der Predigt stehen im Zentrum des reformierten Gottesdienstes. Darin hob er sich von Anfang an von der katholischen Messe ab, deren Zentrum die Eucharistie bildet.

Karl Barth nimmt diese Hochschätzung des Wortes auf. Er macht damit nichts Neues. Er nimmt den Faden auf, der sich seit der Reformation durch die reformierten Kirchen zieht. Dass das Wort im Zentrum steht, ist ein zweiter Punkt, der typisch ist, für das Reformiertsein.

Doch was ist mit dem Wort gemeint?

„Die Bibel!“ sagten die Reformatoren. „Falsch!“ antwortete Karl Barth darauf. Die Bibel als Wort Gottes wäre festgeschrieben, wie die Aussagen auf den Panels unserer Ausstellung. Die Texte aber sind nicht das lebendige Gespräch. Die Texte sind auf ihre Art tot, doch das Wort Gottes ist lebendiges Wort. Der Mensch muss in Beziehung dazu treten. Wo könnte er sich besser auf eine Beziehung einlassen, als in der Begegnung von Angesicht zu Angesicht?

So nimmt Karl Barth den Johannesprolog auf, den wir in der Lesung gehört haben. Er nimmt ihn wörtlich. Das Wort Gottes ist Mensch geworden. Christus ist das Wort. Das einzige Wort Gottes!

Das Wort ist lebendig. Das Wort soll aktuell werden in der Predigt. Ihm dürfen wir im Abendmahl begegnen. Weil es lebendig ist, kann es nicht festgehalten werden, es muss immer wieder von neuem gesucht werden. Es muss neu werden im Gespräch mit Gott.

Diese Dimension der Beziehung und der Begegnung mit dem Flüchtigen, das immer wieder aufs Neue entsteht, ist ein dritter Teil, dessen was reformiert zu sein heisst.

Müsste ich also auf die Frage der Ausstellung antworten, so könnte ich keine abschliessende Antwort geben. Ich würde aber diese drei Punkte nennen:
1. Reformiert sein ist ein dynamischer Prozess.
2. Im Zentrum des Reformiertseins steht das Wort.
3. Das eine Wort Gottes ist in Jesus Christus Mensch geworden. Es wird lebendig in der Beziehung.

Was wäre eure Antwort? Was heisst reformiert zu sein heute? Lasst euch zu eigenem Suchen und Antworten durch die Ausstellung anregen.
Amen

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