Gottesknecht

Christus spricht:
Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.
Joh 8,12

Liebe Gemeinde

Es braucht nur wenig Phantasie um in diesem Prophetentext (Jes 49,1-13), den wir als Lesung hörten, ein alttestamentliches Christuszeugnis zu hören. Zu gut passen die Worte zu den Bildern, die wir uns von Jesus machen.

Es passt. Nicht erst heute. Schon seit neutestamentlicher Zeit wurden diese sogenannten Gottesknechtlieder auf den Sohn Gottes bezogen. Es gibt gar Forschende, die glauben, diese Deutung gehe auf den Mann aus Nazareth selbst zurück, doch sicher ist dies nicht. Mit Sicherheit dürfen wir aber annehmen, dass Jesus die Gottesknechtlieder kannte, selbst wenn er sich selbst nicht als den Gottesknecht bezeichnet haben sollte.

Die fünf Gottesknechtlieder im Jesajabuch besingen einen messianischen Erlöser. Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass sie wohl auf einen unbekannten Propheten oder eine Prophetengruppe zurückgehen, die gegen Ende des Babylonischen Exils oder in der Zeit danach das Werk des historischen Jesaja weiterschrieben und aktualisierten. Sie nahmen die Verheissung der ersten Kapitel des Jesajabuchs wieder auf, in denen Gott dem Volk zwar das Gericht ankündigt, aber auch verspricht, dass das Gerichtswort nicht das letzte Wort sein wird. Er will sich nach dem Gericht erbarmen. Der Untergang des Königreichs Juda soll nicht das Ende sein. Gott hält an seiner Treue dem Volk gegenüber fest. Gottes Treue ist das Motiv dieser Schrift. Der Gottesknecht wird das Volk befreien.

Als um die Mitte des 6. Jh. vor Christus der persische König Kyros II, auch der Grosse genannt, Nachbarvolk um Nachbarvolk unterwirft und schliesslich auch vor den Türen Babylons steht, sehen diese Prophetenkreise, die das Jesajabuch weiterschreiben, Gott selbst eingreifen.

Man muss sich das einmal vorstellen. Da gibt es ein Reich – die Babylonier – die praktisch die ganze damalige Welt beherrschen. Sie unterwarfen mächtige Völker. Einzig die Ägypter konnten ihnen widerstehen. Sie kontrollierten praktisch alles. Nebukadnezar II war der starke Mann jener Zeit. Das babylonische Reich ein tausendjähriges Reich. Unbesiegbar. Beschützt von einem ganzen Heer von mächtigen Göttern.

Doch dann kommen die Perser. Ein kleines Volk ganz am Rande der Welt. In wenigen Jahren erobern sie die Welt unter ihrem König Kyros dem Grossen. „Das kann nicht mit rechten Dingen zu gehen!“, dachten wohl nicht nur die Exiljudäer in Babylonien. Als Kyros sie auch noch in ihre Heimat entlässt und ihnen befiehlt den alten Kult am Jerusalemer Tempel wieder aufzunehmen, da war ihnen klar: „Diesen Mann hat Gott geschickt! Er machte sein Schwert scharf und seinen Arm stark. Dieser König ist eine Waffe in der Hand unseres Gottes. Er ist gesandt uns zu befreien!“

Das Persische Grossreich, das Kyros schuf, wird mehr als 200 Jahre lang bestehen. Es bringt relativ Ruhe und Frieden mit sich. Die eroberten Völker können sich trotz der persischen Oberherrschaft einer gewissen Freiheit erfreuen. Zwar sind dieser Freiheit Grenzen gesetzt, doch werden diese Grenzen mehr als Sicherheitsschranken, denn als Eingrenzungen erfahren. Die Nähe zur populären Deutung der Zehn Gebote als Leitplanken für gelingendes Leben ist dabei nicht bloss zufällig. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kyros erlöst die Völker vom schweren Joch der Babylonier. Das Joch der Persischen Herrschaft erscheint ihnen vergleichsweise leicht. Sie bringen Frieden. Kyros ist ein Friedensfürst. Ein Retter von Gott gesalbt. Ein Licht für die Nation! Dass er beim Versuch weitere Gebiete zu befreien – oder doch zu erobern – stirbt, tut seinem Ruhm keinen Abbruch. Im Gegenteil. Er wird zur Lichtgestalt.

Alexander der Makedonier soll rund 200 Jahre später noch voller Ehrfurcht am Grab des grossen Persischen Königs gestanden haben. Just jener Alexander, der als der Grosse das Perserreich zerstören wird.

Kein Wunder, dass die spätere Messiaserwartung des Judentums der Zeitenwende stark vom Bild des Königs Kyros geprägt war. Der Messias soll als himmlischer Kriegerkönig kommen. Ein neuer Kyros soll Israel aus der Unterdrückung durch die Truppen Roms befreien. Die Schriftgelehrten, die Priester und die Pharisäer waren davon so sehr überzeugt, dass sie den wahren Messias nicht erkannten. Ja, als Lügner und Gotteslästerer liessen sie ihn ans Kreuz schlagen. Wie sehr der Mensch verblendet sein kann!

„Ich bin das Licht der Welt!“, spricht Jesus in die Verblendung der Welt hinein. Doch passen wir auf, dass wir das Licht auch recht sehen und uns nicht die Augen verderben, meinend es schon längstens erkannt zu haben. Auch wir Christinnen und Christen können in die Irre gehen. Auch unsere Bilder von Jesus können uns zu Trugbildern werden. Lassen wir uns warnen und versuchen wir uns konsequent vom Licht der Welt ansprechen zu lassen.

Was sagt uns Jesaja, wenn wir unseren heutigen Lesungstext auf Christus auslegen?

„Hört mich, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, gebt Acht! Schon im Mutterleib hat der HERR mich berufen, im Schoss meiner Mutter schon meinen Namen genannt.“

Inseln und Völker in der Ferne weisen über den unmittelbaren Bezugspunkt des Textes hinaus. Sie stehen für fernes, unentdecktes Land am Rande der Welt. Was hier folgt, soll nicht nur Israel gelten. Es sprengt gar den Rahmen der Mächte und Kräfte, die unmittelbar Einfluss haben auf das Schicksal Judäas. Es geht die fernsten Länder an. Ja, es geht die Welt an. Die Schöpfung überhaupt, gelöst von einer historischen Situation, ist gemeint. Diese Worte wollen Bedeutung haben für alle kommenden Generationen.

Ja, als Schweizerinnen und Schweizer scheinen wir als Insel inmitten Europas und zugleich als fernes Volk doppelt angesprochen zu sein. Als Schweizerinnen und Schweizer sind wir gemeint. Die Angesprochenen sind nicht Jüdinnen und Juden. Nicht Heidinnen und Heiden. Nicht Atheistinnen und Atheisten. Nicht religiöse Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidet, sondern Völker und Nationen sind angesprochen. Es ist eine politische Sache, nicht eine religiöse, die der Knecht Gottes treiben wird.

Dazu ist er auserwählt. Von Mutterleib an und noch im Schoss seiner Mutter, ist es ihm bestimmt, die Welt für Gott zu gewinnen. Das Werk ist bei Gott beschlossen. Es wird Erfolg haben. Doch noch wartet es auf seine Umsetzung.

Bis hierhin passt die Verheissung des Propheten Jesaja zu unserem Bild von Jesus. Doch im zweiten Vers öffnet sich eine Spannung.

„Und wie ein scharfes Schwert hat er meinen Mund gemacht, im Schatten seiner Hand hält er mich verborgen, und zu einem spitzen Pfeil hat er mich gemacht, in seinem Köcher hat er mich versteckt.“

Ein scharfes Schwert und ein spitzer Pfeil wird er sein in der Hand Gottes. Der Prophet greift auf Kriegsbilder zurück. Wer sein Schwert schärft und seine Pfeile spitz macht, der bereitet sich auf eine Auseinandersetzung vor. Es bahnt sich eine Entscheidung an.

Doch gegen wen wird das Schwert erhoben und auf wen zielt der Pfeil?

Es sind keine Feinde von aussen, wie sie noch Kyros bekämpfte. Es ist ein Kampf im Herzen des Menschen, der ausgefochten werden muss. Gott kämpft um die Menschheit. Sein Knecht ist sein Krieger. Eine Waffe der Liebe.

Doch die Liebe lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen. Der Krieger Gottes gewinnt den Kampf nicht mit Macht. Er soll die Herrlichkeit Gottes in der Welt leuchten lassen, doch all seine Kriegskunst ist vergebens.

„Und er sprach zu mir: Du bist mein Diener, Israel, an dir werde ich meine Herrlichkeit zeigen. Ich aber sprach: Vergeblich habe ich mich abgemüht, für nichts und wieder nichts meine Kraft verbraucht.“

Der Gottesknecht tat sein Möglichstes. Er setzte sich mit allen Mitteln für seine Aufgabe ein. Er weiss darum. So verzweifelt er sich fühlt, so gewiss ist er doch, nichts falsch gemacht zu haben. So fährt er fort und sagt:

„Doch mein Recht ist beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.“

Des Menschen Herz lässt sich nicht mit dem Schwert erobern. Es öffnet sich nicht unter Zwang für Gott.

Wer ganz modern sagt: „Es kann kein Gott geben! Denn wenn es ihn gäbe, wie kann er all das Unglück und all diesen Schmerz auf der Welt zulassen!“, der verkennt, dass das Herz des Menschen eine Festung sein kann. Um unser Innerstes hat Gott eine Mauer gebaut, so stark und mächtig, dass selbst sein Krieger mit aller göttlichen Macht bewaffnet, diese Burg des menschlichen Herzens nicht erobern kann. Diese Mauer schützt die Freiheit des Menschen gegen Gott. Der Mensch ist frei in seinem Willen.

Doch die Herzensburg hat ein Tor. Den Schlüssel gab uns Gott. Sein Wort hat ihn gemacht. Es ist in unserer Hand. Ob wir uns öffnen oder nicht liegt bei uns.

Dazu ist der Knecht Gottes gekommen. Nicht dass er aufbricht, sondern dass er sich öffnen lässt.

„Nun aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zum Diener gebildet hat für sich, damit ich Jakob zurückbringe zu ihm und Israel zu ihm gesammelt wird. Dann werde ich geehrt in den Augen des HERRN, und mein Gott ist meine Kraft geworden.“

Der Sohn gab sich dahin. Er ist zum Diener geworden. Zuerst für Israel, dann für uns. Er hat sich nicht auf sein Vermögen verlassen. Sondern Gott ist ihm zur Kraft geworden.

„Und er sprach: Zu wenig ist es, dass du mein Diener bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die von Israel zurückzubringen, die bewahrt worden sind: Zum Licht für die Nationen werde ich dich machen, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“

Der Knecht Gottes blieb treu. Das macht ihn zum Licht für die Nationen. In seiner Treue trägt er das Heil bis an das Ende der Welt. In seinem Licht sammeln sich die, die ihm die Türe aufmachen. Als Gemeinschaft der offenen Herzen und Türen haben sie das Leben. Nicht länger gehen sie in der Finsternis.

Ob wir dazu gehören? Es liegt an uns.
Amen

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