Gute Wünsche

Denn er wird seinen Engeln gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen.
Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.
Ps 91,11f.

Liebe Gemeinde

Es ist ein schönes Segenswort, welches wir heute Morgen dem Taufkind mit auf den Lebensweg gaben. Ein Engel möge es begleiten. Er soll es vor Unglück bewahren. Kein Stein soll ihm weh machen. Über kein Hindernis soll es stolpern.

Es ist ein guter Wunsch, denn wir Menschen wünschen unseren Kindern nur das Beste. Sie sollen behütet und ohne Sorgen Kind sein dürfen. Sie sollen im Vertrauen auf die eigene Stärke wachsen. Sie sollen die eigene Schwäche annehmen und zu starken und unabhängigen Erwachsenen werden.

Wir wünschen unseren Kindern Erfolg und Wohlergehen. Sie sollen dauerhaft Glück finden und mit sich und dem Leben im Reinen sein.

Das ist gut so. Wir sollen und wir dürfen einander in Liebe das Beste wünschen!

Doch nicht nur dieser Wunsch nach dem Guten spiegelt sich in diesem Psalmenwort. Der Sänger dieses Psalms weiss, dass das Glück alles andere als selbstverständlich ist. Das Glück von uns Menschen ist auf unterschiedliche Arten gefährdet.

Wenn wir dem Taufkind diesen Vers als Segenswort mit auf den Lebensweg geben, dann sprechen wir damit auch diese Brüchigkeit des Glücks an. Wäre es nicht so, so bräuchte es das Wort nicht. Wäre das Gelingen des Lebens selbstverständlich, bräuchten wir den Halt dieser biblischen Zusagen nicht. Hätten wir Menschen alles im Griff und wäre alles „machbar“, würden wir keine Hilfe suchen bei einer höheren, jenseitigen, allmächtigen Macht.

Der Mensch strebt nach Glück. Er will glücklich sein. Dieser Wunsch ist tief in uns verwurzelt. Doch unser Glück, so zeigt es uns das Leben, können wir nicht machen. Es trifft uns von aussen. Es kommt auf uns zu als unverdientes Geschenk.

Das wir unser Glück nicht machen können, ist unser Unglück. Wir erfahren unsere Grenzen. Unsere Ohnmacht wird sichtbar.

Keiner von uns ist gern schwach, machtlos und ohnmächtig – heute nicht und damals nicht. Auch vor rund 2500 Jahren, als diese Verse aufgeschrieben wurden, konnten es die Menschen nicht leiden ohnmächtig zu sein.

So sehr der Mensch nach dem Glück strebt, so sehr flieht er vor dem Gefühl der Ohnmacht. „Es muss doch etwas zu machen sein!“, protestiert eine Stimme in uns gegen die Ohnmacht. Aus dieser Überzeugung, so erklären es die Psychologen, entstehen Ersatzhandlungen. Das Bedürfnis etwas zu tun, entlädt sich in einer Tätigkeit, die auf magische Weise das Unglück abwenden soll.

Damals, vor 2500 Jahren, gab es solche Ersatzhandlungen in ganz unterschiedlichen Formen.

Man versuchte zum Beispiel mit den Schicksalsgöttern zu handeln. Dazu brachte man ihnen in ihren jeweiligen Tempeln Opfergaben dar. Man versprach ihnen weitere Gaben für den Fall, dass sie einem zu Glück verhalfen. Man tat etwas für die Gottheit und vertraute darauf, dass diese eine Gegenleistung erbringen muss.

Eine zweite Möglich bestand darin, sich Menschen zu suchen, denen eine besondere Beziehung zur Gottheit nachgesagt wurde. Diese Menschen nannte man Propheten. Im alten Orient war es weit verbreitet, dass die Königshöfe Berufspropheten Gruppen unterhielten. Sie sollten den König über den Willen der Götter unterrichten und ihn so in seinen Unternehmungen beraten. Gelang ihnen dies gut, so durften sie sich über ein angenehmes Leben freuen. Misslang es ihnen, so wurden sie vertrieben oder es ereilte sie gar ein schlimmeres Schicksal.

Eine dritte Möglichkeit das eigene Ohnmachtsgefühl zu überwinden, bestand darin auf magische Rituale und Gegenstände zu vertrauen. Oft war diese Möglichkeit günstiger, als das Opfer am Tempel oder der Unterhalt von Berufspropheten. Man fertigte Amulette, die mit Segensworten gegen Unglück mit bannender, magischer Kraft aufgeladen wurden. Diese Amulette trug man bei sich. In Gefahr und Not konnte man sich an sie klammern und so einen Umgang mit der eigenen Angst finden.

Amulette wurden aus ganz unterschiedlichen Materialien gefertigt. Die aus gebranntem Ton oder bemaltem Holz waren bei der Unterschicht beliebt. Aber auch die Angehörigen höherer und höchster Stände trugen Amulette bei sich. Diese waren standesgemässe kleine Kunstwerke und waren aus Gold getrieben oder aus einem Edelstein geschnitzt.

Wir wissen dies, weil die Archäologie bei Ausgrabungen im ganzen Nahen Osten auf solche Zeugnisse stiess. Auch auf dem Gebiet des antiken Israels sind solche Funde keine Seltenheit.

Warum erzähle ich das?

Es hat mit unserem Psalm 91 zu tun, den wir heute Morgen hörten. Praktisch der ganze Psalm besteht aus Versen und festen Formulierungen, die man auch auf Amuletten des alten Israels fand. Der Psalm ist fast eine Art Sammlung dieser magischen Sprüche.

Sie versprechen Schutz gegen Feinde, die einem mit Fallen zu haschen suchen, wie der Jäger nach dem Wild jagt. Sie helfen gleichermassen gegen die bösen Mächte der Mittags- und der Mitternachtsdämonen. Krieg kann dem Träger eines solchen Amulettes nichts mehr anhaben. Die andern werden sterben, er wird leben. Er nimmt am Krieg nur wie ein Beobachter teil. Ja, selbst die gefürchtetsten Krankheiten jener Zeit, wie die Pest und der Aussatz können dem nichts anhaben, der auf die Macht seines Schutzamulettes vertraut.

Auch unser Vers ist durch Funde bezeugt. Die Amulette, die ihn tragen, sind speziell für all jene gemacht, die auf Reisen sind. Reisen war in antiker Zeit gerade im Gebiet des Nahen Ostens mit erheblichen Gefahren verbunden. Viele Wege führten durch einsame Gegenden, die Räubern und Wegelagerern gute Gelegenheit zu Überfällen boten. Auch war medizinische Versorgung im Falle eines Unfalls alles andere als eine Selbstverständliche. Einzig die Amulette boten auf diesen langen Reisen etwas Trost. Sie Versprachen dem Träger, dass kein Unglück seinen Weg kreuzen soll. Der Engel Gottes soll ihn begleiten und ihn vor den Gefahren der Reise schützen.

Alle diese Amulettensprüche nimmt der Psalm auf.

Das erstaunt! Sind wir doch eher gewohnt, dass die Bibel alles Magische ablehnt. Ja, was auch nur ein wenig nach Esoterik klingt, wird von gewissen Kreisen in der Kirche gerne als Teufelszeug abqualifiziert. Damit will man gar nicht in Berührung kommen!

Auch unserem Vers ist dies widerfahren. So beliebt er als Taufvers ist, er spielt auch eine gewichte Rolle in der Versuchungsgeschichte Jesu in der Wüste. Der Versucher – oft als Teufel verstanden – prüft Jesus in der zweiten Versuchung mit ihm. Er nimmt ihn in einer Traumvision mit nach Jerusalem auf die höchste Zinne des Tempels. „Spring!“, befiehlt der Versucher Jesus. „Denn wenn du der Sohn Gottes bist, so wird er seinen Engel senden, damit du dich an keinem Stein stossen wirst!“

Doch Jesus springt nicht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!“, antwortet er.

Darin liegt das Geheimnis dieses Psalms.

Er nimmt die alten, magischen Formeln auf, aber er bindet sie in ein Grösseres ein. Nicht mehr die magische Macht des Amulettes steht hinter den Zusagen, sondern Gott. Er alleine ist zu verehren. Er alleine verspricht Hilfe in der Ohnmacht.

Die Zusage des Taufverses gilt unserem Taufkind. Doch es ist keine Zusage, die ihre Kraft aus der Taufe als magische Handlung gewinnt. Es sind auch weder unsere Gebete, noch die Loblieder, die das Versprechen mit Kraft ausstatten. Es ist auch nicht so, dass die Zusage erst gilt, wenn das Taufkind zum Glauben an Gott kommt und sein Glaube als frommes Werk dann die Erfüllung des Versprechens bewirken wird.

Gott ist nicht für den Menschen, weil der Mensch für Gott ist. Sondern der Mensch darf Gott erkennen, weil Gott schon längsten für den Mensch ist. Gott hat sich für uns entschieden, darum dürfen wir uns für ihn entscheiden.

Er geht mit. Nicht als romantisch-esoterischer Schutzengel, der uns vor allem Unglück bewahrt. Nicht als einer, der uns Menschen die Verantwortung für unser Handeln abnehmen würde. Das Versprechen des Verses meint nicht, dass wir uns nie den Fuss stossen werden. Gott nimmt uns den Weg nicht ab.

Aber – und das soll unser Glück sein – er ist mit uns auf all unseren Wegen. Er ist für uns da. Wir dürfen auf ihn vertrauen.
Amen

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