Rein werden

Und ich werde euch mit reinem Wasser besprengen, und ihr werdet rein werden; von all euren Unreinheiten und von all euren Missgötzen werde ich euch rein machen.
Ez 36,25

Liebe Gemeinde

Ezechiel erlebt seine Berufung zum Propheten in einer unmöglichen Lebenslage. Er ist eine Geisel. Er gehört zu den sprichwörtlichen „oberen Zehntausend“ Judas, die auf Befehl des babylonischen Königs Nebukadnezar II entführt worden sind. Die Geiseln sichern die Oberherrschaft des Königs über Juda, das er im Jahr 597 v. Chr. erobert hatte.

Zum Zeitpunkt als Ezechiel Prophet wird, ist Juda noch nicht zerstört. Erst eine zweite Straferoberung durch die Babylonier 586 v. Chr. wird die Stadt und das Land in Schutt und Asche legen. Die Berufung fällt in eine Zwischenzeit, in der die Zerstörung bereits im Gange ist und doch noch Hoffnung auf Rettung besteht.

Diese Situation prägt die Worte Ezechiels. Auf der einen Seite lebt seine Gerichtsprophetie aus ihr. Leidenschaftlich verkündet er Israel und der Welt das Urteil Gottes. Es ist eine Verurteilung.

Doch schon in diesen frühen Worten bricht eine andere Seite an. Das Gericht ist kein totales. Es klingt schon in den Gerichtsworten immer wieder ein Same der Hoffnung an. Dieser Samen wird in der späten Prophetie des alt gewordenen Propheten erblühen. Ein Leben lang hält er an der Hoffnung fest. Die Hoffnung auf Gott wird zum tragenden Motiv seines Prophetentums.

Gerade die Prophetie seiner späten Jahre wird durch diese Perspektive der Hoffnung geprägt. Aus diesem Teil seines Werkes ist auch der Vers über der Predigt entnommen.

Doch wer war Ezechiel, der zum Propheten berufen Gericht und Hoffnung verband?

Geboren wurde er in Jerusalem als Sohn eines Priesters. Seine Abstammung versprach eine relativ angenehme Lebensführung mit wenigen Sorgen und hohem Ansehen bei Volk und König. Als Sohn eines Priesters bereitete er sich auf das Priesteramt vor, zu dem er mit Erreichen seines 30. Lebensjahres geweiht worden wäre.

Doch die Weltgeschichte wollte es anders. Als Ezechiel 25 Jahre alt war, wurde Jerusalem erobert. Anstatt Priester wird er Geisel der Babylonier. Man entführte ihn, seine Familie und die Elite Judas ins Land am Eufrat. Dort wurden sie zuerst abseits der Stadt Nippur am Fluss Kebar in der Wüste angesiedelt.

In der Fremde und in der Gefangenschaft erscheint ihm Gott. Gerade in jenem Alter, als er eigentlich Priester werden sollte, wird er zum Propheten des Höchsten. Anstatt als Priester das Volk vor Gott zu vertreten, wird er als Prophet zum Boten Gottes vor dem Volk.

So steht seine Prophetie nicht nur unter dem Spannungsfeld von Gericht und Hoffnung, sondern auch unter der doppelten Perspektive des Menschen vor Gott und Gottes gegenüber dem Menschen.

Diese Perspektive hat etwas Universelles an sich. Sie gilt für den Mensch aller Zeiten und aller Orten. Auch wenn sich die konkrete Situation ändert, bleibt diese doppelte Perspektive gültig.

Mit der Situation damals, vor mehr als 2500 Jahren, verbindet uns heute kaum noch etwas. Wir sind keine Gefangenen. Wir leben nicht in einem fremden Land. Keine Macht hindert uns unsere Traditionen und unseren Glauben zu leben. Im Gegenteil, wir sind so frei, wie nur möglich.

Und doch stehen auch wir unter der gleichen doppelten Perspektive, wie die Judäer im Babylonischen Exil. Auch wir stehen vor Gott. Auch an uns will Gott handeln.

Die Veränderung der Situation macht es nötig, dass wir neu durchdenken, was die doppelte Perspektive für uns bedeutet. Was würde ein neuer Ezechiel uns heute sagen? Es wären wohl andere Worte und doch wären sie vom gleichen Geist getragen.

Ezechiel klagt das Volk an. Den Namen Gottes haben sie nicht heilig gehalten. Sie haben fremden Göttern gedient. Sie haben ihre Wurzeln aufgegeben und sich der Welt angepasst.

Den Dienst in den Tempeln fremder Götter kann man uns heute wohl kaum vorwerfen. Und doch betreiben nicht auch wir als Einzelne und als Gemeinschaft unsere ganz eigenen Formen des Götzendienstes? Besteht nicht auch bei uns die Gefahr, dass der Name Gottes missbraucht wird? In der Form, das dieser Missbrauch einer Anpassung an die Welt entspricht. Wo der Name Gottes zur Verschleierung des modernen Götzendienstes wird?

Ich meine, in unserer Gesellschaft herrsche eine verdrängte Spaltung zwischen Idealbildern und den realistischen Möglichkeiten. Dabei bekommen die Idealbilder einen Wert und eine Position zugeteilt, die sie zu Heilsversprechungen machen. Wem es gelingt dem Idealbild zu entsprechen, der ist gerettet.

Doch das Idealbild steht soweit über den Möglichkeiten des Menschen, dass es unerreichbar ist. Es wird dem Menschen vor die Nase gehalten, wie einem Esel eine Karotte durch seinen Reiter vor das Maul gehalten wird. Der Esel will sie fressen. Er macht einen Schritt auf sie zu. Doch der Reiter und mit ihm die Karotte bewegen sich mit dem Tier, so dass die Karotte nun einen weiteren Schritt weg vom Maul des Tieres baumelt. Jeder Schritt auf das Idealbild zu entfernt das Bild wieder um einen Schritt.

Der Esel und der Mensch sind getriebene. Sie merken es nicht, weil sie völlig auf die Belohnung fixiert sind. Das Idealbild treibt uns an. Doch wir erkennen nicht, wie sehr es mit uns verbunden ist und wie jeder Schritt darauf zu uns von ihm zugleich entfernt. Ein solches Idealbild wird zum unerreichbaren Götzenbild. Es ist ein Versprechen, das nie eingelöst werden kann.

Ich meine, viele Teile unserer Gesellschaft seien mit solchen Idealbildern durchsetzt. Auch als Kirche tragen wir sie oft mit. Nicht, weil wir die Menschen verführen wollen, sondern weil die Attraktivität dieser Bilder auch uns blendet. Sie haben oft grosse Ähnlichkeiten mit christlichen Vorstellungen.

Was ich meine, will ich in einem dieser Teilbereiche unserer Gesellschaft deutlich machen. Es gilt aber nicht nur für diesen Bereich. Ähnliche Gedankengänge gelten auch für andere Teile.

Ich greife den Teilbereich „Familien“ auf.

Die Werbung als Kristallisationspunkt unbewusster Idealbilder, zeigt uns die Familie als Hort der Eintracht, des Glückes und der Gemeinschaft über die Grenzen der Generationen hinweg. Man sässe gerne mit diesen Familien aus der Werbung zum Frühstück an den Tisch. Man wäre gern mit dabei, wenn sie einen Ausflug unternehmen. Man träumt davon, dass die eigene Familie doch wenigstens ein wenig so sein könnte, wie diese Familien aus der Werbung.

Vor lauter Glanz ist man geblendet. Man erkennt nicht mehr, wie traditionelle Familienbilder durch die Werbung geistern. Am Tisch aus der Werbung treffen sich grossartig erzogene Kinder, mit Vätern, die gut gelaunt und ohne Anzeichen von Druck oder Stress gerade von ihrem Vollzeitarbeitsplatz heim kommen. Die liebende Mutter geht selbstverständlich in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau auf. Auch dort, wo sie als Berufstätige gezeigt wird, scheint das berufliche Engagement keine Zeit zu kosten, denn sie lebt mit ihrer Familie nicht nur in einem top gepflegten Haus, sondern auch ihren Garten pflegt sie ganz nebenbei, als wäre eine ganze Gruppe Gärtner ohne Unterbruch am Werk. In der Einfahrt stehen zwei Autos, aktuell und mindestens obere Mittelklasse. Trotz aller Belastung, die mit solch hohem Lebensstandard verbunden sein müsste, bastelt die Werbemutter mit der Kleinen, während der Werbevater dem Grossen bei den Hausaufgaben hilft.

„Das ist doch nicht möglich. Das geht nur in der Werbung!“, sagen wir. Doch dann kaufen wir die beworbene Schokolade, das Putzmittel oder die Tiefkühlpizza, weil wir ganz tief in uns doch wenigstens ein wenig so sein möchten, wie die Familie aus der Werbung. Bald schon fahren auch wir den Wagen aus der Werbung – Leasing sei Dank! Ein paar Arbeitsstunden mehr pro Woche und die Finanzen bleiben ausgeglichen. Ob es da noch zum Basteln und zur Hilfe bei den Hausaufgaben reicht?

So kommen wir mit jedem Kauf der Idealfamilie einen Schritt näher und entfernen uns doch einen Schritt vom gelingenden Familienleben. Denn je mehr wir für das Leben ausgeben, desto mehr müssen wir verdienen. Es reicht schon längstens nicht mehr, dass nur ein Elternteil arbeitet.

Kaum einer hat es in seinem Beruf noch so ruhig, dass er ohne Sorgen und Stress am Abend heimkommt. Welche Mutter und welcher Vater können es sich noch leisten, so viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, wie sie es gern möchten? Wie es ihnen die Idealbilder der Werbung vorleben?

Das Idealbild der Familie, das in der Werbung sichtbar wird, ist zum Abgott geworden. Unter dem Druck so sein zu wollen, wie man es glaubt sein zu müssen vor diesem Abgott, wird zur Belastung. Unter der Belastung zerbrechen Familien. Die hohen Zahlen der Scheidungsstatistik sprechen eine deutliche Sprache.

Die Kirchen sollten und müssten im Namen Gottes, gegen diese Abgötterei
predigen. Doch wir tun es nicht. Wir huldigen ihnen viel lieber. Das Idealbild der Werbung sitzt tief in unseren vermeintlich christlichen Bildern der Familien fest. Es gelingt uns nicht andere Möglichkeiten zu predigen. Darin werden wir schuldig vor Gott. Darin missbrauchen wir seinen Namen, weil auch wir blind einem Idealbild folgen, das zum Abgott unserer Zeit geworden ist.

Ezechiel verkündet dem Volk seine Schuld. Auch wir sind schuldig geworden vor Gott und der Welt.

Doch bleibt die Verkündigung des Propheten nicht beim Gerichtswort stehen. Er ist Prophet der Hoffnung. So predigt er das göttliche „Trotzdem“.

Gott wendet sich seinem Volk trotz der Abgötterei zu. Er besprengt es mit reinigendem Wasser. Es soll wieder rein werden.

Auch wir sind als Christinnen und Christen besprengte. Karfreitag und Ostern ist ein reinigendes Versprechen. Das Versprechen aber ist kein Trug, wie das Versprechen aus der Werbung. Es täuscht uns nicht. Das österliche Versprechen ist das Versprechen Gottes, dass ein anderes Leben möglich ist.

Nicht länger müssen wir der Erfüllung unserer Idealbilder hinterher rennen. Der Stab der die Karotte vor unserem Maul hielt, ist gebrochen. Wir können uns lösen von der Abgötterei unserer Zeit.

Bei Gott sind wir so willkommen, wie wir sind. Nicht wir müssen uns reinigen. Er macht uns rein. Er befreit uns von unseren Götzen.

So befreit dürfen wir in unseren Familien und unserer Gesellschaft leben, so wie wir sind. Wir müssen uns nicht nach unerreichbaren Bildern strecken. Wir müssen keine anderen werden, sondern dürfen uns in unserem Sein von Gott angenommen wissen. Wir dürfen lieben nach unseren unvollkommen menschlichen Möglichkeiten.

Denn er verspricht uns.
„Ich werde euch mit reinem Wasser besprengen, und ihr werdet rein werden; von all euren Unreinheiten und von all euren Missgötzen werde ich euch rein machen.“
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.