Von Angesicht zu Angesicht

Die Weisheit aber, die von oben kommt, ist zuerst einmal lauter, dann aber auch friedfertig, freundlich, wohlwollend, voller Barmherzigkeit und voll guter Früchte, unparteiisch, fern jeder Verstellung.
Jak 3,17

Liebe Gemeinde

Das Hungertuch, das in dieser Passionszeit bei uns in der Kirche hängt, wurde von Chidi Kwubiri geschaffen. Chidi Kwubiri ist ein international anerkannter Künstler, der ursprünglich aus Nigeria stammt. Heute lebt und arbeitet er in der Nähe von Köln.

„Ich bin, weil du bist“ mit diesem Titel hat er sein Werk bezeichnet. Der Gedanke „Ich bin, weil du bist“, sagt er, sei für ihn Ausdruck afrikanischer Lebensphilosophie. Jeder wisse sich mit seiner Familie, seinen Freunden und seinen Nachbarn verbunden. Doch das Gefühl der Verbundenheit gehe über den unmittelbaren Bezugskreis hinaus. Jeder Mensch sei eingebunden in das Netz der Menschheit und der Schöpfung. Leidet einer, dann leiden alle. Freut sich einer, dann freuen sich alle. Stirbt einer, dann sterben alle. Wird einer geboren, so leben alle.

Diese Sichtweise, so sagt Chidi Kwubiri, sei typisch für Afrika. Ich meine, sie habe auch Wurzeln im Glauben der Urgemeinde und bei Paulus. Das Bild der Gemeinde als Körper, bei dem jeder Gläubige ein Glied des Ganzen ist, nimmt einen ähnlichen Gedanken auf. Dieser Gedanke schwingt mit, wenn Paulus den Glauben in Verbindung mit dem Kreuz und der Auferstehung setzt. Er sagt, wir Christinnen und Christen seien mit Jesus gestorben, darum leben wir auch mit ihm. Wenn die Welt mit dem Menschensohn stirbt, lebt sie in ihm. Sie wird Teil jenes Körpers, dessen Haupt Christus ist.

Von diesem afrikanischen und urchristlichen Gedanken aus blicken wir auf Palmsonntag und den Bericht vom Einzug in Jerusalem, den wir als Lesung (Mt 21,1-11) hörten.

Der Strom der Pilgerinnen und Pilger erkennt in Jesus den wahren König. Er reitet auf einem Eselsfohlen. In diesem erkennen wir aus vielen Einzelnen, die sonst in ihrem Leben nichts miteinander zu schaffen hatten, das eine Volk Christi. Dieses Volk begrüsst den Friedenskönig, der im Alten Testament verheissen wurde. Sie jubeln und jauchzen. Einige stimmen an: „Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe!“

Christus sammelt die Menschen. In Christus sind wir Schwestern und Brüder. Wir sind vernetzt. Aus Verstreuten wird ein Volk, eine Familie und ein Körper.

Es ist eine urchristliche Perspektive, der Gedanke der Vernetzung. Doch sie wurde immer wieder vergessen. Es ist gut, wenn wir uns heute auf unsere Wurzeln besinnen. Gerade auch als moderne Menschen, die zwar um diese Vernetzung wissen und doch nur allzu leicht beziehungslos leben. An die Stelle der Gemeinschaft ist der Wunsch nach absoluter Selbstverwirklichung und ungebundener Freiheit getreten. „Jeder ist sich selbst der Nächste“, heisst es dann. Und „Wenn jeder für sich schaut, ist auch für alle gesorgt.“

Manchmal vergessen wir unsere eigenen Wurzeln.

Wir glauben, dass wir Volk Gottes sind. Wir feiern in unseren Gottesdiensten, dass wir eine Familie von Schwestern und Brüdern sind. Doch im Alltag verhalten wir uns oft anders ohne es zu wollen.

Wir brauchen die heilsame Besinnung auf das Fundament unseres Lebens. Gut deshalb, dass uns das Hungertuch von Chidi Kwubiri wieder an diese Vernetzung erinnern will. Gut, dass es sein Bild auf einer anderen Ebene tut, als es Pfarrerinnen und Pfarrer in den Worten der Predigt sagen können, die den Verstand von uns Menschen ansprechen. Bilder sprechen auf einer anderen Ebene. Sie sprechen das Herz an. Sie wecken Gefühle. Sie erzeugen Stimmungen. Sie werden emotional verstanden.

Über das, was ein Bild bei uns auslöst, können wir reden. Im Gespräch kommen subjektive Eindrücke zusammen. Nicht jeder sieht im Bild das Gleiche. Jedes Bild ist offen für mehr als eine Deutung. Es kann verschieden verstanden werden. Es kann auch ganz anders verstanden werden, als es der Künstler ursprünglich wollte. Bilder führen ein Eigenleben. Das künstlerische Werk ist der Kontrolle des Künstlers entzogen, sobald es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Das Bild führt seine eigenen Gespräche mit seinen Betrachtern.

Es darf unterschiedlich verstanden werden. Wir dürfen unsere Gedanken zum Bild teilen. Ich möchte euch meine Gedanken mitteilen. Ihr müsst ihnen nicht folgen. Vielleicht macht ihr euch ganz eigene Gedanken. Sie sind nicht richtiger und nicht falscher, nicht unwahrer und nicht wahrer als meine. Alle unsere Gedanken zum Hungertuch sind gut. Alle unsere Gedanken sind wertvoll. Vielleicht kommen wir ja nach dem Gottesdienst noch ins Gespräch. Es wäre auf jeden Fall spannend!

Schauen wir miteinander das Hungertuch an. Mir fällt als erstes auf, dass es nicht ein Bild ist, sondern zwei. Der feine weisse Streifen zwischen den Gesichtern deutet es an. Chidi Kwubiri malte sein Werk bewusst auf zwei Leinwände. Erst durch den Druck des Hungertuchs kommen beide Gesichter zusammen.

Zwei Leinwände blicken sich mit ihren Gesichtern an. Ich sehe darin die Freiheit symbolisiert, zu der der Mensch geschaffen ist. Auch wenn wir Teil sind eines Netzes, so sind wir doch darin nicht gefangen. Gott hat uns Freiheit geschenkt. Seine Freiheit gilt auch dem Volk seines Reiches.

Nicht das Netz oder die Verbundenheit bestimmt den Einzelnen, sondern es sind unsere je eigenen Beiträge, die die Gemeinschaft gestalten. Was es heisst, Christ zu sein, entsteht im Gespräch und dem Miteinander all jener, die sich von Gott berühren lassen. Damit wir frei sind, ist Jesus nach Jerusalem gezogen. Karfreitag und Ostern bringen uns diese Freiheit.

Das scheint mir wichtig zu sein. Gerade in der Zeit, in der wir leben. Es gibt in unserer Gesellschaft eine Vorstellung des guten Lebens. Zwar hat die Politik verstanden, dass sich diese Vorstellung nicht mit Gesetzen durchsetzen lässt, doch sollen Abgaben und Steuern den Menschen zum rechten Verhalten motivieren. Wir leben in einer Zeit, in der uns diese Idealbilder zu besseren Menschen formen sollen.

In den Köpfen von Gesundheits-, Bildungs-, und Sozialpolitiker existiert ein Bild davon, wie der ideale Mensch sein soll. Es sind Bilder, die auch wir als Gesellschaft in uns tragen. Wir wissen, wie wir uns verhalten sollten. Wir wissen, was wir tun und lassen sollen, damit wir möglichst lange, gesund, ökonomisch und ökologisch leben.

Doch das Idealbild raubt die Freiheit, so zu sein, wie man ist. Gott befreit den Menschen, warum legen wir uns selbst wieder fesseln an?

Die wahre Gemeinschaft in Gott trägt alle ihre Glieder ohne danach zu fragen, ob der andere so lebt, wie ich das gut finde.

Die Gesichter wenden sich einander zu. Sie sind sich zugewandt und blicken einander in die Augen. Sie lachen nicht, sie weinen nicht, sie hassen nicht, sie langweilen sich nicht. Es sind offene Gesichter, die sich betrachten.

Die beiden sind aneinander interessiert. Sie sind sich wohlgesonnen. Das eine ist ganz für das andere da. Es gibt keine Hierarchie. Sie begegnen sich auf Augenhöhe.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Chidi Kwubiri möchte, dass beide Gesichter sagen: „Ich lebe, weil du lebst.“

Mir sagen sie darüber hinaus: „Ich interessiere mich für dich. Ich möchte von dir lernen. Zeig mir diese Welt durch deine Augen. Hilf mir neue Erfahrungen zu machen. Lass uns gemeinsam unsere Freiheit in Verbundenheit leben.“

Diese beiden sind darum mehr als aneinander interessiert.

Sie strecken die Arme aus. Ich meine im Bild den Augenblick zu erkennen, kurz bevor sich beide in die Armen schliessen. Die Umarmung ist noch nicht da, aber sie ist nahe. Es ist der Moment des „schon jetzt und doch noch nicht“ der Umarmung. Fast wie bei einer Blütenknospe, die kurz davor ist sich zu öffnen. Die Herrlichkeit der Farben und der Form lässt sich schon ahnen, auch wenn man sie noch nicht sieht.

So einen Moment kurz vor der Umarmung, in dem schon die ganze Liebe und Wärme da ist, ist der Palmsonntag. Jesus zieht nach Jerusalem ein. Er wird der Friedenskönig sein. Das Reich Gottes ist nahe. Die Menschen, die ihm singen, spüren schon etwas von der Liebe und Freiheit dieses Reiches.

Doch noch ist es nicht da. Es muss Karfreitag werden. Erst Ostern beginnt diese Welt zu verändert. Es braucht Zeit. Die Verwandlung dauert an.

Als Christinnen und Christen leben wir in diesem Augenblick, der zeitlos ist. Gott streckt seine Arme nach uns aus. Wir dürfen ihm unsere Arme entgegenstrecken. Die Umarmung ist noch nicht, doch sie ist schon fast!

Gerade diese Nähe, gerade diese „schon jetzt und doch noch nicht“, gerade unser Leben auf Gott hin, müsste es uns deutlich machen, dass wir uns nicht anderen Göttern unterwerfen dürfen.

Wir dürfen unsere Freiheit nicht hergeben und uns unter andere Götter stellen. Weder Gesundheit, Reichtum noch die Staatsraison dürfen uns zu Göttern werden. In der Umarmung mit Gott halten wir uns frei. Die Liebe dieser Umarmung darf unser Handeln leiten. Die Umarmung Gottes dürfen wir in unserem Tun zur Umarmung seiner Schöpfung werden lassen.

Zwei Gesichter im Moment kurz vor der Umarmung zeigt uns das Hungertuch. Das eine golden, das andere in Grün gehalten. Auch diese Farben haben für mich eine besondere Bedeutung.

Mit grün verbinde ich Natur, Wald, Wiese, fruchtbares Land, bewohnbares Land, Leben. Das Grün zeigt für mich den Menschen. Zeigt uns Menschen.

Gold dagegen steht für mich für Licht, Kraft, Macht und das Göttliche. So sehe ich in dieser Farbe einen zweiten Hinweis auf die Begegnung von Gott und Mensch. Der Mensch ist Gott zugewandt, Gott ist dem Menschen zu gewandt. Noch berühren sich die Welten nicht. Doch das Gesicht ist zu sehen und die Wärme der Umarmung zu spüren.

Es ist nicht ein ferner, erhabener Gott, sondern der Mensch gewordene Gott, der am Palmsonntag in Jerusalem einzieht.

In Jesus Christus zeigt Gott sich uns in einem menschlichen Gesicht. Ihm dürfen wir in die Augen schauen, wie die Menschen, die damals Palmzweige streuten und den Weg mit ihren Gewändern schmückten, Jesus ins Gesicht schauen durften. Er blickt zurück, wenn wir uns ihm zuwenden.

Sein Blick ist voll Liebe. Er interessiert sich für jedes von uns. Sein Gesicht ist uns in Wohlgefallen zugewandt. Er streckt uns die Arme entgegen. Wir dürfen ihm begegnen.
Amen

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