Zwei Sünder

Einer aber von den Verbrechern, die am Kreuz hingen, verhöhnte ihn und sagte: Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!
Da fuhr ihn der andere an und hielt ihm entgegen: Fürchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du vom gleichen Urteil betroffen bist?
Lk 23,39f.

Liebe Gemeinde

Es ist eine eigenartige Szene, die uns Lukas schildert. Zwei Verbrecher diskutieren bei ihrer Hinrichtung über Jesus, der mit ihnen gekreuzigt wird. Sie denken über Christus nach. Ein jeder von ihnen auf seine eigene Art.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Gespräch damals wirklich stattfand. Die Schmerzen und die Pein bei der Kreuzigung nach römischer Art liessen dem Verurteilten kaum genügend Kraft um zu spotten oder über die eigene Lage und den Sohn Gottes nachzudenken. Wenn ein Mensch am Kreuz zu Tode gequält wurde, dann konnte er höchstens noch einige wenige Worte hauchen. Oft unverständlich für die Umstehenden.

So gesehen, gehen alle Jesus Filme an der historischen Realität vorbei, wenn am Kreuz noch grosse Reden gehalten werden. Die Darstellung nutzt den dramaturgischen Höhepunkt und lässt sich nicht durch den Willen zu einer möglichst historischen Darstellung leiten. Selbst die grausamste, sich an der Gewalt ergötzende, filmische Inszenierung, wie sie Mel Gibson in der „Die Passion Christi“ zeigt, kommt nicht im entferntesten an die Grausamkeit der historischen Kreuzigung heran.

Die Hinrichtung am Kreuz zielt auf die völlige Entwürdigung des Verurteilten. Das letzte Bisschen Mensch sein, soll ihm genommen werden. Nicht der Tod, sondern die völlige Vernichtung ist ihr Ziel.

Wenn die Evangelien jeweils seltsam zurückhaltend sind in der Darstellung des Leidens, dann besteht in dieser Zurückhaltung ein erster, leiser Protest gegen die Entmenschlichung des Menschen. Sie ist ein erstes Zeichen, dass im Tod dem Mensch die Würde nicht genommen wird, sondern dass Gott dem Mensch die Würde am Kreuz zurück gibt. Der Grausamkeit des Menschen wird eine Grenze gesetzt. Gott stirbt in Jesus Christus gegen die Grausamkeit.

Die Darstellung des Kreuzes nimmt dies literarisch auf, indem sie der Pein nur wenig Raum gibt. Statt-dessen macht sie das Kreuz zum Ort der Reflexion über das, was Gott in Jesus Christus getan hat. Dabei sind die vier Evangelisten nicht einer historischen Wahrheit verpflichtet, die doch nur an der Oberfläche des Geschehens verharren würde. Sie suchen in ihren Berichten nach dem tieferen Sinn. Sie sind der theologischen Suche nach der Wahrheit verpflichtet. Einer Wahrheit, die sie und wir alle, die ihnen folgen, doch in der Welt nie in ihrer ganzen Tiefe erfassen, geschweige denn aussprechen können.

Wenn Lukas an dieser Stelle von einem Gespräch der beiden Männer berichtet, die mit Jesus gekreuzigt wurden, so will er eine tiefere Erkenntnis zum Ausdruck bringen. Die beiden Verbrecher sind Projektionsflächen. Sie sind Stellvertreter der Entscheidung, in die wir Menschen vor Gott gestellt sind. Sie vertreten die Menschheit. Sie vertreten uns am Kreuz. Sie stehen für uns Menschen in unserer Vergänglichkeit und in unserem Sein vor Gott. Sie sind Sünder, wie auch wir Sünder sind.

Und doch. In unserem Sünder sein vor Gott können wir uns auf zwei Arten zu ihm verhalten. Zwei Arten, die exemplarisch in diesen beiden Menschen zum Ausdruck kommen.

Da ist zuerst einmal der Spötter.

Er verhöhnt Jesus und sagt: „Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!“

Mit seiner Rede stimmt er in den Spott der Umstehenden ein. Diese fordern Christus auf seine Göttlichkeit zu zeigen. Er soll die himmlischen Heerscharen rufen. Sie sollen ihn befreien, wie man eine Geisel aus der Gewalt der Geiselnehmer befreit. Allein das Leben des Opfers zählt. Die Geiselnehmer sollen vernichtet werden.

Die Spötter spotten nicht über ihr Geiselnehmer sein. Sie nehmen diese Rolle bejahend an. Sie spotten über ihr Opfer. Denn das sei, so meinen sie, nicht der, für den er sich ausgibt.

Um im Bild der Geiselnahme zu bleiben: Ihre Geisel hat sich als einer ausgegeben, der der Sohn eines Königs ist. Ein Sohn eines einflussreichen Vaters. Doch der Vater unternimmt nichts gegen das Verbrechen. Sein Sohn ist ihm egal. „Zeigt das nicht, dass er gar nicht der ist, für den er sich ausgibt?“, könnten sie fragen.

Wäre der, den sie am Kreuz sterben lassen, wirklich der Messias, so müsste Gott alles zu seiner Rettung unternehmen. Ja, als Sohn Gottes wäre er seinen Peinigern so überlegen, dass er sich selber aus der Todesbedrohung befreien könnte. Er wäre in der Lage nicht nur sich selber, sondern auch seine Mitgefangenen zu befreien.

Gottes Göttlichkeit würde sich am Kreuz in seiner Macht zeigen. Ein allmächtiger Gott steigt vom Kreuz. Ein allmächtiger Gott bestraft seine Peiniger. Dieser Gott stellt die Gerechtigkeit her indem er sein Gesetz durchsetzt.

Doch dieser Gott ist ein ferner Gott. Er schwebt über den Dingen. Alles Menschliche kennt er bloss aus Beobachtung. Es betrifft ihn nie, weil er, anders als wir Menschen, der Sterblichkeit entflieht. Er stirbt nicht.

Er stirbt nicht nur den Tod nicht, der der Sünde Sold ist, wie es Paulus sagt. Diesen Tod kann auch Jesus nicht sterben, weil er frei ist von der Sünde. Dieser Gott stirbt überhaupt nicht. Auch nicht den kreatürlichen Tod. Es ist dieser Tod, der zu allem geschaffenen dazu gehört. Dieser Tod macht das Menschsein aus. Diesen Tod kann auch Jesus sterben. Er stirbt ihn als der vollgültig menschgewordene Gott.

Dieser Gott, wie ihn sich die Spötter vorstellen, hält Abstand zu seiner Schöpfung. Er kann sich nur scheinbar auf seine Schöpfung einlassen. Er könnte nur zum Schein Mensch werden.

Der Spott des Spötters rechnet mit einem fernen, erhabenen und majestätischen Gott. In diesem Spott wird ein Verhalten des Menschen zu Gott sichtbar, das Mensch und Gott trennt. Diese Haltung muss nicht zum offensichtlichen Spott werden. Sie kann auch zu einer bestimmten Art von Frömmigkeit werden.

Ja, diese Haltung, die hinter dem Spott am Kreuz steckt, ist wohl ein Teil unserer aller Frömmigkeit. In dieser Betrachtungsweise drängen sich die Fragen auf, die sich wohl die meisten Menschen am Karfreitag stellen. Es sind die Fragen: „Warum musste Jesus leiden? Warum musste er gekreuzigt werden? Warum liess Gott dies zu?“

Dieser Gott der Spötter, der seine Göttlichkeit in seiner Allmacht hat; dieser Gott muss sich wahrhaftig fragen lassen: „Warum braucht es dieses Opfer? Warum opfert er seinen Sohn?“

Diese Frömmigkeit gehört wohl zu uns allen. Aus dem Kreuz wird Opfertheologie. Aus dem Gott, der sich dem Mensch zuwendet, ein ferner, dunkler Gott, vor dem der Mensch in frommer Ehrfurcht erzittert.

Wir entscheiden uns oft für die Position des spottenden Sünders am Kreuz. Doch gibt es den zweiten Sünder, von dem uns Lukas berichtet. Seine Haltung ist die Alternative zum frommen Spott.

Er antwortet auf den Spott des Ersten: „Fürchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du vom gleichen Urteil betroffen bist?“

Seine Haltung ist eine andere. Der Gott, von dem er redet, ist nicht fern, sondern unendlich nahe. Dieser Gott lässt sich vom gleichen Urteil treffen, wie es ihn, den Sünder, trifft.

Nicht, dass Gott dieses Urteil und den Tod verdient hätte, sondern so, dass Gott sich ganz auf die Seite des Sünders stellt. Dieser Gott hält nicht an seiner Allmacht fest. Seine Göttlichkeit besteht nicht in der Macht, sondern in der Liebe.

Gott wird Mensch. Nicht zum Schein, sondern wirklich. Er wird ganz und gar Mensch, so dass er auch die Begrenztheit des Menschen lebt. Erst im Sterben lebt Christus als ganzer Mensch und ganzer Gott.

Das ist ein Wunder. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft. Dieser Gott stirbt unseren Tod. Er stirbt mit dem Sünder. Er geht mit ihm mit. Sogar durch den Tod wird er ihn begleiten.

Das Kreuz als Hinrichtungsart hatte zum Ziel den verurteilten Menschen endgültig und vollkommen zu entmenschlichen und zu vernichten. Gott aber lässt das nicht zu. Er stellt sich ganz auf die Seite des Sünders. Er geht mit ihm. Er gibt dem Sünder das Menschsein zurück. Er gibt es uns zurück.

Weil Gott am Kreuz stirbt, ereignet sich Versöhnung. Doch nicht Gott wird am Kreuz mit dem Mensch versöhnt. Er versöhnt den Menschen mit sich. Er gibt dem Sünder, dem entmenschlichten Menschen, sein Mensch sein zurück. Gott leidet mit dem Menschen, damit das Leiden des Menschen nicht ohne Hoffnung ist. Gott leidet mit dem Sünder. Er leidet mit uns Sündern, damit wir nicht den ewigen Tod sterben, sondern in ihm das Leben haben.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.