Freunde

Er wird seinen Boten gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.
Ps 91,11f.

Liebe Gemeinde

Das Baby, das wir heute taufen durften, hat von seinen Eltern einen wunderschönen Namen bekommen. Seraphina. Ein Name wie ein Lied. Schon der Klang der Aussprache nimmt einem mit auf eine Reise. Seraphina. Düfte und Gerüche eines Landes voll Zauber und Wunder steigen einem in die Nase. Seraphina. Das Versprechen eines neuen Morgens, der eben erst beginnt aus dem Dunkeln der Nacht aufzublühen. Der Sonnenaufgang eines erfüllten Lebens.

Seraphina. Frisch, neu, leicht und lieblich. Und doch mit tiefen Wurzeln. Ein Name aus alter Weisheit geboren. Geschöpft aus der Quelle der hebräischen Bibel.

Wahrhaftig, dieser Name steigt hoch ins Reich Gottes. Er bringt ein Stück Himmel auf die Erde.

In Seraphina klingt Seraphim an. Seraphim ist kein Namen. Die Seraphim sind Engelwesen. Sie bilden den höchsten, himmlischen Chor und sind Gott sehr nahe.

Der Prophet Jesaja sah sie in einer Vision des göttlichen Thronsaals. Er berichtet von seiner Begegnung mit Gott und beschreibt dabei einen Seraph, so die Einzahl dieser Engelsart.

Sechs Flügel habe er, berichtet der Prophet. Mit zwei Flügeln bedecke er seinen Körper. Mit zwei Flügeln schütze er sein Gesicht vor der Herrlichkeit Gottes und mit zwei Flügeln fliege er in der Luft.

Doch sei der Seraph nicht allein. Zusammen mit den anderen Seraphim umkreise er Gott in beständigen Lobgesängen. „Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen! Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit.“

Nicht nur in der Vision des Propheten Jesaja bilden die Seraphim den Chor der Engel. Als Engelschor sind sie bei Gott. Sie sind diejenigen Engelwesen, die Gott am nächsten sind. Beständig singen sie vor ihm. Ihr Loblied klingt ewig.

Keine andere Engelsart kommt Gott so nahe, wie die Seraphim. Sie sind ständig bei ihm. Sie sind eng mit ihm. Sie sind Gottes Freunde.

Wer wäre nicht gerne einer von ihnen? Wer möchte Gott nicht ebenso nahe sein, wie sie? Auf Du und Du mit Gott? Ein Freund Gottes sein?

Der 91. Psalm, aus dem der Taufspruch stammt, besingt diesen Wunsch. In verschiedenen Bildern beschreibt der Sänger, wie es sein könnte Gott nahe zu sein. Er lässt die Freundschaft zu Gott klingen und erzählt von ihr.

Sein Lied speist sich aus den Bildern des Lebens jener Zeit. So kümmert sich der Freund nicht nur um seinen Freund. Er beschützt ihn auch im Krieg. Er steht ihm bei in der Zeit der Krankheit. Er lässt ihn nicht unbegleitet gehen, denn mit guten Freunden geht man ein Stück Weg. Gerade auf den gefährlichen Strassen und Pfaden jener Zeit. Denn Freunde sind stark. Sie brauchen sich nicht vor Räubern und wilden Tieren zu fürchten. Ja, in der Zeichnung des Psalms behüten sie sich gar davor, dass sich ihr Fuss an einem Stein stösst.

Einen guten Freund zu haben, ist das Beste, was es im Leben gibt. Nicht nur damals. Auch heute gilt dies noch. Ein guter Freund, eine gute Freundin ist mehr wert als alle Schätze dieser Erde.

Solche Freunde und Freundinnen wünsche ich dir, liebe Seraphina. Sie sollen dich auf all deinen Wegen begleiten.

Doch wie sollen sie sein, damit sie dir gute Freunde sind?

Liebe Fabienne, Lieber Sebastian im Taufgespräch haben wir uns darüber unterhalten. Gute Freunde haben tausend wunderbare Charakterzüge, Fähigkeiten und Eigenschaften. Es ist darum gar nicht leicht zu sagen, was wir uns von einem guten Freund wünschen und doch haben wir im Gespräch versucht dem Geheimnis der Freundschaft auf die Schliche zu kommen.

Liebe Gemeinde, es sind ganz unterschiedliche Dinge, die wir an unseren Freundinnen und Freunden schätzen. Und es ist gar nicht gesagt, dass das, was ich an meinen Freunden schätze, auch andere an ihnen schätzen würden. Was dem einen lieb und teuer, ist dem anderen ein Graus. So kann es gut sein, dass ich meinerseits unmöglich fände, was gerade ihr an euren Freunden besonders mögt.

So individuell wie unsere Freunde sind, so einzigartig sind auch die Eigenschaften, die wir an ihnen schätzen.

Doch gibt es zumindest eine Eigenschaft, die per se zu unseren Freunden gehört. Es ist vielleicht die Eigenschaft, die Freundschaft ausmacht.

Freunde haben für einander ein offenes Herz. Sie sind einander zugewandt. Freunde können sich in die Augen schauen. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei zugleich sich selbst und dem Gegenüber. In echter Freundschaft wird die Grenze zwischen Ich und Du durchlässig, ohne dass dabei der Andere vereinnahmt würde.

Freundschaft ist deshalb eine Herzenshaltung. Sie ist bestimmt vom gegenseitigen Wohlwollen und einem tief empfundenen Gefühl der Verbundenheit.

Das Gefühl der Verbundenheit ist dabei nicht an die Gegenwart des Freundes gebunden. Ein Freund ist für mich da, auch wenn er nicht da ist.

Fast könnte man sagen: Freundschaft heisse miteinander auf dem Weg zu sein, auch wenn man in unterschiedliche Himmelsrichtungen geht.

Ein Freund geht mit. Er steht einem zur Seite, wenn er da ist. Man trägt ihn im Herzen, wenn er abwesend ist.

Mit einem guten Freund kann man über alles reden. Denn selbst wenn er nicht der gleichen Meinung ist, so hört er doch mit offenen Ohren und wohlwollendem Herzen zu.

Auf offenen Herzen kann Freundschaft wachsen. Sie erklingt in allen möglichen Melodien. Eine tragende Freundschaft kann zum Lied des Lebens werden. Sie bietet einen Resonanzkörper für Gefühle und Gedanken.

Sie wird zum Spiegel. So hilft sie dabei, gute Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, nach denen man sich auch am nächsten Morgen noch im Spiegel sehen kann, ohne dass es einem anders wird.

Freundschaft kann zum Schlüssel werden, der einem das Schloss des Lebens aufschliesst. So ermöglicht sie Begegnungen, die dem Leben ganz neue Richtungen geben.

In gelingender Freundschaft lernt man nicht nur den Andern besser kennen. Man entdeckt sich selbst völlig neu. Man findet Seiten an sich, von denen man nie geglaubt hätte, dass sie zu einem gehören können.

Freundschaft wurzelt in offenen Herzen. Sie wächst in den Himmel inniger Gemeinschaft.

Freunde und Freundinnen, mit denen man tiefe Freundschaft erleben darf, sind ein seltenes Geschenk. Vielleicht begegnet man im Leben zwei oder drei Menschen, mit denen dies möglich ist.

So wünsche ich dir, liebe Seraphina, dass du die Menschen als Geschenk Gottes erkennst, wenn sie dir begegnen.

Einem aber, bin ich dabei gewiss. Ich verspreche dir, dass es einen gibt, der dich schon längst zur Freundin erwählt hat. Er will, dass du „Freund“ zu ihm sagst. Er will unser aller Freund sein.

Es ist Jesus Christus, von dem ich spreche. Gott ist in ihm Mensch geworden, damit nicht länger nur die Seraphim auf Du und Du mit ihm sind. Gott will nicht nur mit Engeln befreundet sein.

Er ist Mensch geworden, damit wir ihm begegnen können. Aus dieser Begegnung darf Freundschaft wachsen. Er will uns allen Freund sein. Er will uns begleiten.

Wer mit Jesus geht, wird nicht davor bewahrt sich ab und an den Fuss an einem Stein zu stossen. Stolpersteine gehören mit zu unserem Leben. Doch wo wir in seiner Begleitung gehen, da ist er uns nahe, wenn wir stolpern. Er fängt uns, wenn wir hinfallen.

Christus bietet uns seine Freundschaft an. Ob wir das Angebot annehmen oder nicht liegt auch an uns.
Amen

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