Auf das die Liebe wachse

Ich preise dich, dass ich so herrlich, so wunderbar geschaffen bin; wunderbar sind deine Werke, meine Seele weiss dies wohl.
Ps 139,14

Lieber Theodor
Liebe Tauffamilie
Liebe Gemeinde

Gemeinsam haben wir heute Morgen Theodor auf den Namen Gottes getauft. Er soll dem himmlischen Vater gehören. Christus soll ihn im Leben geleiten. Der Heilige Geist soll ihn umgeben. Der Taufspruch soll ihm zum persönlichen Segen auf all seinen Wegen werden.

Ich wünsche es dir, Theodor, dass du eines Tages das Gotteslob des Psalmensängers zu deinem eigenen Lob machen wirst. Stimme ein in sein Preis!

Doch halte dich davon fern, ihn so beten zu müssen, wie er in seinem Ursprung gebetet wurde! So tröstlich seine Worte sind, so unrühmlich ist sein Sitz im Leben. Denn der 139. Psalm ist ein Gebet vor Gericht.

Der Angeklagte betet ihn. Er ruft Gott zum Zeugen an. Der Ewige solle seine Unschuld bezeugen, denn er kennt ihn. Er hat ihn geschaffen und weiss um jeden Gedanken, jeden Plan und alles Wollen. Seinem Schöpfer kann er nicht entfliehen. So bleibt nichts verborgen. Kein Traum, kein Schritt, kein Wort.

„Gott sieht alles!“, trichterte man früher den Kindern bei der Erziehung ein. Dem einen oder anderen wird der Satz noch heute im Ohr klingen und im Herzen wiederhallen. „Gott sieht alles!“ ist ein schrecklicher Satz mit schlimmen Nebenwirkungen. Er vergiftete schon manchem Menschen seine Gottesbeziehung. Ja, dieser Satz vergiftet Gott. „Lieber an keinen Gott glauben; lieber jede Gottesbeziehung ablehnen; lieber verdrängen und verkennen als sich von diesem allsehenden Gott terrorisieren zu lassen!“, mag sich so mancher sagen.

Lieber Theodor, ich wünsche dir, dass deine Eltern dir nie mit einem allwissenden Gott drohen. Sollten sie es doch tun – und es gibt in jeder Erziehung Situation in denen man als Eltern zumindest versucht sein wird – so lass dir gesagt sein, sie können sich dabei nicht auf deinen Taufvers berufen.

Vor jenem Gott, den der Sänger des Psalms lobt, kann man sich nicht verstecken. Es gibt keinen Ort, wo er nicht gegenwärtig wäre. Auch dieser Gott ist allwissend. Doch ist er kein Zeuge gegen den Sänger, sondern Zeuge für den Sänger. Gott sieht alles, doch er verwendet es nicht gegen dich, lieber Theodor. Vielmehr tritt er als Zeuge für dich ein.

Er hat dich geschaffen. Du bist sein Werk. Eine herrliche und wunderbare, göttliche Handarbeit, wie es im Hebräischen heisst. Ja, nimmt man es wörtlich, so heisst es gar: „Ich preise dich, dass ich zum Fürchten gut geschaffen bin!“ So gut, dass es schon wieder zum Erschrecken ist. Du bist perfekt, so wie du bist. In Gottes Augen könntest du nicht besser sein, lieber Theodor. Das ist doch einmal eine Ansage!

Es ist kein drohender, anklagender Gott, der dich auf deinem Lebensweg begleiten will. Vielmehr steht er auf deiner Seite. Er ist für dich da, in jeder Lebenssituation, sogar dann, wenn dich Menschen vor Gericht zerren steht er zu dir, wie er zum Sänger des Psalms steht.

Wer auf Gott vertraut muss sich nicht fürchten vor der Anklage durch Menschen. Frei und Gewiss wird er sprechen, als treuer Diener der Wahrheit. Als ob er nicht vor Gericht stünde. Denn wer sich auf Gott verlässt muss sich nicht vor Menschen verantworten. Er weiss sich als Werk seines Schöpfers einem anderen verpflichten.

So sehr wir uns nicht vor den Blicken, den Tuscheleien und Anklagen von Menschen fürchten müssen, so sind wir doch nicht entlassen aus unserer Verantwortung. Nicht vor Menschen müssen wir uns rechtfertigen, aber als Geschöpfe sind wir dem Schöpfer gegenüber verpflichtet. Wir sollen und wir müssen für unser Leben Verantwortung übernehmen.

Lieber Theodor, lebe so, dass du Verantwortung für dein Leben übernimmst. Antworte als wunderbares Werk deinem Schöpfer. Lasse dein Leben als Lobpreis für das Geschenk erklingen, dass dir gemacht ist. Du darfst leben. Lebenszeit ist dir geschenkt. Leben ist uns anvertraut.

Gott will, dass wir unsere Zeit nicht mit Lieblosigkeiten verschwenden. Zorn, Verbitterung und Hass stehen nicht in seinem Plan für unser Leben. Vielmehr sollen wir lieben. Denn leben wir in Liebe, erfüllen wir sein Gebot. Leben wir in Liebe muss nicht alles einem Zweck dienen, doch wird kein Augenblick unseres Lebens sinnlos sein.

Gott fordert Liebe von uns. Zu lieben ist deshalb mehr als ein guter Rat oder wohl gemeinte Empfehlung. Es ist seine Forderung – sein Befehl. Gott stellt uns die Liebe zur Aufgabe. Vor dieser Verantwortung können wir uns nicht drücken. Wir können uns aus ihr nicht entschuldigen.

Lieber Theodor, es muss gesagt sein. Die göttliche Forderung zu lieben ist mehr als eine Herausforderung. Sie überfordert jeden von uns. Als Menschen können wir nur daran scheitern.

Auch in der liebevollsten Beziehung zu unseren Liebsten gelingt es uns nicht reine Liebe zu leben. Erst recht scheitern wir daran, all unsere Mitgeschöpfe zu lieben, wie Gott es von uns fordert. Denn es gibt unter unseren Mitmenschen eben auch immer jene, die uns auf die Nerven gehen, die uns auf die Füsse treten, die sich über uns stellen wollen und uns vor den Richter ziehen. Menschliche Liebe kennt Grenzen.

Manchmal sind Grenzen Zugeständnisse an die Ambivalenz und Gebrochenheit unserer Welt. Es geht in der Welt oft nicht ohne sie. Einschränkungen und Gesetze ermöglichen erst unser Zusammenleben. Ein Zusammenleben, das in der Liebe nicht absolut ist.

So sehr die Seele darum weiss, dass sie wundervoll geschaffen ist, so weiss sie auch darum, dass sie Gottes Liebesgebot überfordert. Sie muss daran verzweifeln. Denn sie weiss darum, dass sie vor dieser Anklage nicht bestehen kann. Sie kann nicht für sich selbst zeugen. Sie weiss darum, dass sie das Liebesgebot gebrochen hat.

Die Seele vor dem Richter muss verzweifeln, wie der Sänger des Psalms vor Gericht verzweifeln müsste. Doch er verzweifelt nicht.

Er weiss darum, dass er sich nicht selbst verteidigen kann. Er weiss darum, dass er seine Unschuld nicht selbst beweisen kann. Er weiss darum, dass es ihm nicht gelingen wird sich selbst zu rechtfertigen.

Doch er weiss um einen Zeugen, der ihn entlasten wird. Er ruft Gott selbst in den Zeugenstand. Er ruft seinen Schöpfer an. Der Schöpfer steht treu zu seinem Geschöpf. Auch dort, wo das Geschöpf an seiner Treue scheitert.

Das Gebot zu lieben überfordert uns. Wir können uns dieser Verantwortung nicht entziehen. Wir scheitern darin. Doch Gottes Liebe ist mächtiger. Wo wir scheitern, da erfüllt er. Wo wir verzweifeln, da baut er auf. Wo wir schuldig sind, spricht er uns frei.

Er selbst tritt als Zeuge für uns ein. Er steht zu uns, seinen Geschöpfen.

Lieber Theodor, liebe Gemeinde:
Ich hoffe, dass wir unser Leben in Verantwortung führen. Ich wünsche uns, dass wir in Liebe einander und der Welt begegnen. Ich vertraue darauf, dass Gott zu uns steht in unserem Scheitern und unserer Verzweiflung. Ich glaube fest daran, dass er für uns Zeuge ist.

So stimme ich mit dem Sänger des Psalms in seinen Lobgesang ein und bekenne:
„Ich preise dich, dass ich so herrlich, so wunderbar geschaffen bin; wunderbar sind deine Werke, meine Seele weiss dies wohl.“
Amen

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