Fünf Stufen des Gebets – Eine Typologie

Es überrascht wohl nicht, dass Beten und Gebete ein fester Bestandteil meines Alltags als Pfarrer sind. Ob im Gottesdienst, bei Geburtstagsbesuchen, zur Taufvorbereitungen oder ganz privat für mich spreche ich Gebete. So verwundert es mich nicht, wenn ich darauf angesprochen werde. Hie und da wird dabei nicht nur um ein Gebet gebeten, sondern gefragt: „Herr Pfarrer, wie betet man eigentlich?“

Gebete sind Gespräche mit Gott. Wie in jedem Gespräch sind alle Themen erlaubt. Es gibt nichts, was man nicht vor Gott aussprechen dürfte. Auch das grösste Geheimnis ist sicher bei ihm. Doch, welches Gespräch beginnt schon mit dem grössten Geheimnis? Das Gespräch wächst. Es gewinnt an Tiefe. So ist es auch mit dem Gebet.

Über diese Stufen schreibe ich heute. Es sind Entwicklungsschritte, wie ich sie aus meiner Biographie abgeleitet und in Gesprächen erprobt habe. Dabei bin ich mir bewusst, dass kaum eine Stufe in Reinform vorkommt. Es handelt sich um ein Modell, dass die Gebeteswirklichkeit elementarisiert und dadurch beschreibbar macht, zugleich aber die Komplexität der Realität nicht fassen kann. Im Gebetsleben kommt es zu Sprüngen und Regressionen. Ja, oft kommen in einem einzigen Gebet mehrere Stufen vor. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass dieses Stufenmodell des Gebets dabei helfen kann, das eigene Gespräch mit Gott zu vertiefen.

Die Stufen des Gebetes in Übersicht:

  1. Feste Gebete
  2. Wunsch- und Bittgebete
  3. Dankgebete
  4. Hörende Gebete
  5. Vereinte Gebete

Die erste Stufe: Das feste Gebet

Feste Gebete sind aufgeschriebene, überlieferte und oft auswendig gelernte Gebete. Mit einem dieser Gebete begann mein Gebetsleben. Als ich ein Kind war, gab es ein „Ins-Bett-Geh-Ritual“. Dazu gehörte ein festes Gebet. Es lautete: Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘, schließe beide Äuglein zu. Vater, laß die Augen dein über meinem Bette sein.“

Doch sind feste Gebete nicht auf die Kindertage beschränkt. Auch heute spreche ich sie noch gern. Zum Beispiel in der Form des Unser-Vater-Gebetes (oder Vater-Unser-Gebetes unserer römisch-katholischen Geschwister).

Feste Gebete lernt man auswendig. Wobei auswendig ein unzutreffendes Wort ist. Die Gebete bleiben nicht auswendig am Menschen, sondern sinken ins Herz. Franzosen und Engländer haben dies besser verstanden. Sie sprechen von „par coeur“ und „learning by heart“. Das Auswendiglernen legt den Samen ins Herz. Die beständige Wiederholung lässt es keimen und wachsen. Aus fremden Worten werden eigene. In der Tiefe des Herzens werden erste, eigene Gebete geboren.

Die zweite Stufe: Wunsch- und Bittgebete

Bei mir und vielen anderen Menschen waren Wunsch- und Bittgebete eine erste freie Form des Gebetes. Sie traten neben die festen Gebete und ergänzten sie. In ihnen kommen unsere menschlichen Bedürfnisse und Wünsche vor Gott.

Dies klingt vielleicht egoistisch, doch ist es eine wichtige Stufe. Hier entsteht ein „Ich“, das vor Gott tritt. Dieses „Ich“ weiss (oder ahnt zumindest), dass seine Existenz mehr als Zufall ist. Die Welt, in der es lebt, ist geborgen in Gottes Hand. Er schenkt, was die Welt braucht. Diesen Gott kann das „Ich“ um die Erfüllung seiner Wünsche und Bedürfnisse bitten.

Dies ist gut, denn in diesen Gebeten lernt das betende „Ich“ seine Wünsche und Bedürfnisse kennen. Es beginnt zu verstehen, dass diesen unterschiedliche Notwendigkeiten zukommen. Nicht jeder Wunsch ist lebensnotwendig. Doch gibt es lebensnotwendige Bedürfnisse, die erfüllt sein müssen.

Im Wunsch- und Bittgebet erfährt das „Ich“, dass nicht jedes Gebet erhört wird. Es lernt mit Enttäuschung umzugehen. Es macht aber auch die Erfahrung, dass Gebetsanliegen erfüllt werden. Dies führt das betende „Ich“ auf die nächste Stufe.

Die dritte Stufe: Das Dankgebet

Die Erfahrung, dass Gebete erhört werden und sich erfüllen, führt zur Dankbarkeit. Dieser Dank darf vor Gott gebracht werden.

Doch nicht nur die Gebetserfüllung führt zum Dank. Wer Rückschau hält auf den gestrigen Tag, das vergangene Jahr oder gar sein Leben stellt fest, wie viel Glück, Chancen und Möglichkeiten ihm gegeben waren. Ohne dass der Mensch darauf Einfluss hat, fliessen sie ihm zu. Dies kann dankbar machen. Dieser Dank darf vor Gott kommen.

Dankbarkeit verändert den Beter. Wer nur während einiger Wochen jeden Abend für drei Dinge oder Ereignisse, die ihm am Tag widerfahren sind, dankt, wird bald merken, dass es ihn zufrieden macht. Das Glück wächst. Im Gebet danke ich Gott und werde mir meines Glückes bewusst. Ich bin getragen von Gott. Er ist für mich da.

Die vierte Stufe: Das hörende Gebet

Gott ist für mich da. Er ist gegenwärtig im Gespräch des Gebets. Sollte er nicht auch zu Wort kommen dürfen?

Wer sein Herz vor Gott ausgeschüttet und ihm seinen Dank dargebracht hat, wird ruhig. Die Worte des Gebets verstummen. Das Herz schweigt. Es wird zum Ohr.
Es beginnt in der Stille des Gebets die Stimme Gottes zu hören. Was sagt er? Was wünscht er für mein Leben? Wo möchte er mich hin führen?

Je mehr ich bereit bin zuzuhören, desto deutlicher höre ich. Ich nehme seinen Willen war. Gott wird mir zum Gegenüber. Im hörenden Gebet stösst mein Wille auf Widerstand. Menschen Wille und Gottes Wille sind oft nicht ident. Doch mir ist Freiheit geschenkt. Auch im Gebet. Noch folge ich meinem Willen.

Die fünfte Stufe: Das vereinte Gebet

Es ist die höchste Stufe des Gebets. Eine Stufe, die uns höchst selten geschenkt ist. Alleine Jesus betete ganz in ihr. Dies wird deutlich im Garten Getsemani (vgl. Mt 26,36-46; Mk14,32-42; Lk 22,39-46). Im Wissen um das bevorstehende Leiden und den Kreuzestod betet Jesus. Er schliesst sein Gebet in dem er sich ganz mit dem Willen seines himmlischen Vaters vereint. „Dein Wille geschehe!“

Jesus ergibt sich nicht in sein Schicksal, wie man meinen könnte. Es sind keine Worte der Resignation, die er spricht. Vielmehr bekräftigt er, dass es sein Wille ist, sich ganz mit dem Willen des Vaters zu vereinigen. Was Christus will ist der Wille des Vaters. Was der Vater will ist der Wille Christi.

Auf der fünften Stufe des Gebets vereinen sich der Wille des Menschen und der Wille Gottes. Dies gelingt dem Menschen nicht von sich aus. Es ist Geschenk. Für einen Augenblick sieht der Beter in völliger Klarheit. Gott hat sein Herz berührt. Es spricht: „Dein Wille geschehe!“

 

Über fünf Stufen führt das Gebet immer tiefer in das Gottvertrauen hinein. Jede Stufe hat ihren Wert. Jede Stufe ist vollgültiges Gebet. Es ist vor Gott nicht nötig, dass wir die fünfte Stufe erreichen. Doch darf es Ziel unserer Gebetspraxis sein, immer mehr in der Tiefe unseres Herzens beten zu können: „Dein Wille geschehe!“

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