Gott bitten

Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an; denn wir wissen nicht, was wir eigentlich beten sollen; der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit wortlosen Seufzern.
Er aber, der die Herzen erforscht, er weiss, was das Sinnen des Geistes ist, weil er dem Willen Gottes gemäss für die Heiligen eintritt.
Röm 8,26f.

Liebe Gemeinde

Februar 1854. Flaute im Gelben Meer. Dichter Nebel hatte sich über den Zweimaster „Dumfries gelegt. An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Die Mannschaft setzt den Anker. Es gilt sich in Geduld zu üben. Man kennt das. Eine solche Wetterlage hält sich meist Tage, wenn nicht Wochen. Es gibt nichts zu tun. Ohne Wind ist das Segelschiff manövrierunfähig. Nicht vor Anker zu gehen wäre zu gefährlich. Die Meeresströmungen würden den Schoner an einer der felsigen Küsten zerschellen lassen. Die See lehrt Geduld. So schicken sich alle an, die nächsten Tage tot zu schlagen.

Alle? Nicht ganz. Hudson Taylor mag nicht warten. Fast beginnt er mit Gott zu hadern. Er ist sich ganz gewiss, es ist seine göttliche Bestimmung den Menschen in China den christlichen Glauben zu predigen. Als Missionar weiss er sich von Gott ausgesandt. „Doch warum jetzt noch diese Verzögerung?“, begehrt es in seinem Herzen auf. Keine zwanzig Seemeilen vor ihnen liegt Shanghai, das vorläufige Ziel seiner Reise. „Warum, Gott, hältst du mich zurück?“

Fast beginnt Doktor Taylor an Gott zu zweifeln. Doch er will nicht zweifeln. Er will die Zeit nutzten. So bittet er Mannschaft und Passagiere zum Gottesdienst unter Deck in den fensterlosen Speisesaal. Gemeinsam singen sie einige Lieder und hören einen Psalm. Hudson Taylor legt ihn in spontaner Predigt aus. Voll Zuversicht im Herzen betet er zu Gott, er möge ihnen günstigen Wind senden.

Die einfache Andacht dauert vielleicht eine Stunde. Mit dem abschliessenden Segen verlässt die kleine Gottesdienstgemeinde die Messe und begibt sich wieder an Deck. Doch was ist das? Sonnenstrahlen funkeln auf dem Wasser. Der Nebel hat sich wie durch ein Wunder gehoben und eine sanfte Brise füllt die Segel. Plötzlich herrscht rege Betriebsamkeit. Der Anker wird gelichtet. Die Dumfries nimmt gemächlich Fahrt auf und erreichte ihr Ziel Shanghai.

War es Zufall, wie der Zweifler sagt, oder hatte Gott seine Hand im Spiel? Es ist oft nicht einfach zu sagen, ob wirklich ein Gebet erhört worden ist. Doch wo Menschen beten, da erleben sie immer wieder wie günstige Winde aufkommen und das Schiff ihres Lebens weitertragen. Gebete sind mehr als eine fromme Übungen. Gebete werden erhört. Nicht immer, aber manchmal.

Wie ist das bei dir? Hast du auch schon erlebt, wie ein Gebet erhört wurde? Es gehen einem wundersam die Augen auf. Aus scheinbar ausweglosen Situationen führt plötzlich ein Weg. Es strömt einem neue Kraft und frischer Mut zu. Hoffnung darf wachsen. Eine neue Art zu leben nimmt ihren Anfang.

Die beiden Blinden, von denen wir in der Lesung (Mt 9,27-31) hörten, erlebten es, als sie Jesus begegneten. „Was wollt ihr, dass ich euch tue?“, fragte er sie. „Sehen!“, gaben sie ihm zur Antwort. „Wir glauben an dich, Sohn Davids und vertrauen darauf, dass du grosse Wunder tust!“

Da berührte Jesus ihre Augen. Sie taten sich auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen sie klar. Ein göttlicher Wind hob den Nebel, der bisher ihr Leben umgab. Voll Freude erzählten sie allen davon, obwohl Christus es ihnen verboten hatte. Er wird ihnen nicht böse gewesen sind, meine ich, viel mehr freute er sich mit ihnen.

Das Gebet kann Grosses bewirken. Doch nicht jedes Gebet nützt.

Wer betet macht auch die Erfahrung, dass es nicht kommt, wie man es wünscht. Die Traumstelle bekommt ein Anderer. Man muss mit einer Absage leben. Ein geliebter Mensch öffnet sein Herz Gott gegenüber nicht. Er bleibt im Unglauben. Er verharrt in seinem Zweifel, obwohl man für ihn betet. Eine Krankheit, die sich auf die Seele eines Menschen legte, hebt sich nicht. Ein Kind stirbt – trotz der Fürbitte einer ganzen Gemeinde. Sinnlos. Zum Verzweifeln.

Beide Seiten gehören zum Gebet. Der Beter erlebt Erhörung und Enttäuschung. Wortloses Seufzen. Zweifelndes Vertrauen.

Man mag sich fragen: „Warum hört Gott mich? Warum hört er mich nicht? Was darf, was kann und will ich beten? Was macht mein Gebet aus?“

Fehlt es am Glauben? Vertraut nicht genug, wer am Gebet verzweifelt? Wessen Gebet nicht erhört wird?

Ich meine nein. Ob unsere Gebete erhört werden oder nicht, liegt nicht an der Grösse unseres eigenen Glaubens. Nicht unser Vertrauen und unser unerschütterliches Hoffen wirken bei Gott. Es ist Gott, der aus Gnade gibt. Nicht das Gebet wirkt. Gott wirkt.

Die Segel der Dumfries wurden nicht durch die Kraft des Gebetes von Hudson Tayler aufgebläht. Er betete nicht im Vertrauen auf seine eigene Gebetskraft. Vielmehr bat er Gott im Wissen um seine menschlichen Schwächen. Ein Wunder konnte er tun. Nur Gott konnte den Nebel lüften.

Jesus öffnete den Blinden die Augen. Der allmächtige Schöpfer legte einen Wind auf das Gelbe Meer. Er griff ein. Doch tat er nicht alles.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Gebete nicht an unserem Kleinglauben scheitern. Einem Glauben der so klein und schwach ist, dass er keine Berge versetzt. Hätten wir auch nur Glauben für ein Senfkorn, welche Kraft hätte unser Gebet! Nein. Es ist nicht fehlender Glaube, denn auch der schwächste Glaube ist kein menschliches Werk, sondern ein Geschenk Gottes.

Unsere Gebete scheitern nicht am Glauben, sondern daran, dass wir nicht wissen, wofür wir beten. Nur wer weiss, was er bittet und wer die Bitte vor Gott geprüft hat, darf mit Erhörung rechnen!

Hudson Taylor wusste sehr genau, wohin er wollte. Er hatte ein Ziel. Nach Shanghai wollte er. Es war sein Ziel, den Menschen in China die frohe Botschaft Gottes zu verkünden. Er wusste, was er will. Er wusste, was er dazu beitragen muss. Er war bereit das Menschenmögliche zu tun. Nur was darüber hinaus ging, legte er im Gebet in Gottes Hand.

Gott sandte der Dumfries nicht einfach Wind. Aus der falschen Richtung hätte er ihnen nicht genützt. Hudson Taylor bat Gott um günstigen Wind, einen Wind der ihn auf dem Weg weiterbrachte. So kam der göttliche Wind aus guter Richtung. Der junge Missionar kannte seinen Weg. In seinem Leben gab es ein Ziel, auf das er hin schritt.

Wie ist es mit dem Segelschiff deines Lebens? Hältst du Kurs auf ein festes Ziel oder lässt du dich treiben? Weisst du, was du willst? Weisst du, was du dazu tun kannst und um was du Gott bitten musst?

Nur wer weiss, was er will, kann beten. Nur wer weiss, was er will, wird ihn diesem Gebet auch um seine menschlichen Möglichkeiten wissen. Das ist wichtig. Denn Gott nimmt uns nicht ab, was wir selber tun können. Es nützt nicht für Frieden in der Familie zu bitten und dabei bei jeder Gelegenheit Öl ins Feuer zu giessen. Es nützt nicht für eine gerechtere Welt zu beten und sich daran genügen sein zu lassen. Es nützt nicht für die Erweckung und das Wachstum der Gemeinde zu flehen, dabei aber doch lieber unter sich zu bleiben und jedes neue Gesicht mit Misstrauen zu empfangen.

Gebete sind keine Selbstläufer. Gott nimmt uns das unsrige nicht ab. Wäre es anders, dann hätte Hudson Taylor England nie verlassen müssen. Er wäre einfach zu Hause im gemütlichen Sessel vor dem wärmenden Kamin gesessen und hätte gebetet. Er hätte ganz auf das Gebet vertraut und es Gott überlassen sich den Menschen in China zu zeigen.

Hudson Taylor machte es anders. Denn er wusste um die Erfahrung der Mönche und Nonnen. Nicht das Gebet allein wirkt. Es braucht auch die menschliche Anstrengung. Ora et labora – Beten und Arbeiten.

Hudson Taylor packte das Werk an. Er betete in seinem Werken immer wieder. Sein Werk ist zum Gebet geworden.

Als junger Missionar wusste er, was er will. So bat er Gott um Hilfe bei seiner Mission in China. Er hatte sie nötig. Die abenteuerliche Reise von London nach Shanghai mit dem Kulturwechsel von England nach China war bloss der Auftakt zu einer abenteuerlichen und manchmal auch gefährlichen Mission in Fern Ost. Auch nach der Ankunft in der Stadt am Jangtsekiang stellten sich ihm immer wieder neue Schwierigkeiten und Herausforderungen in den Weg.

Wo er am Anfang Gott noch nach seinem Willen bat, lehrte er auf seinem Weg mit Gott immer mehr sich selbst zurück zu stellen. Das Schiff seines Lebens segelte mit jedem Tag ein Stück mehr unter der Flagge eines Anderen, Höheren. Immer mehr betete er: „Dein Wille geschehe!“

Das Seufzen, das im Wort über der Predigt der Anfang des Gebets ist, ist auch das Ende des vollkommenen Gebets. Es ist das Ziel einer lebenslangen Gebetspraxis. Doch wo es am Anfang noch ein Seufzen aus Unvermögen zum Gebet war, da wandelte es sich durch das Leben zum wortlosen Gebet des Vertrauens.

Voll Vertrauen baute Hudson Taylor sein Missionswerk auf. Die Liebe zu den Menschen, die ihm anvertraut waren, wuchs über Jahre und Jahrzehnte. Er fand zu ihnen. Er fand zu Gott. Er ergab sich voll Vertrauen ganz dem göttlichen Willen. Sein Leben ward zum Gebet.
Amen

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