Dankbarkeit

Und du sollst dich satt essen, und du sollst den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.
Dtn 8,10

Liebe Gemeinde

Ein Land, in dem Milch und Honig fliessen, verspricht Gott seinem Volk. So lesen wir es in der Bibel. Während der legendären, 40jährigen Wanderung durch die Wüste bekräftigt Gott sein Versprechen. Das Land, welches er seinem Volk zur Heimat bestimmt hat, soll ihnen wie ein Paradies erscheinen.

Mit dem Land, das Gott seinem Volk schenkt, stellt er zum Teil die Ordnung wieder her, die mit dem Sündenfall zerstört worden ist.

Adam und Eva wurden aus dem Paradies in eine leere und staubige Welt vertrieben. Das Volk darf nun aus der Wüste einziehen in eine Gegend, die fruchtbar ist. Es ist ein Wechsel, wie Tag und Nacht. Anstatt das Beige der Steine und das Gelb des Sandes, wird sanftes Grün die Erde bedecken. Anstatt der brütenden Sonne am Mittag schutzlos ausgeliefert zu sein, wird man sich im Schatten unter die Bäume in den Auen setzten. Anstelle mit dem wenigen Wasser knapp den eigenen Durst löschen zu können, wird man an frischen Wassern lagern.

Es sind reiche Bilder, die das gelobte Land dem Volk in der Wüste skizzieren. Noch heute kann man sie verstehen, wenn man in Israel an den Jordanquellen unterwegs ist. Überall grünt es. Überall blüht es. Überall rauscht es.

Es ist schön. Fast so schön wie bei uns im Schenkenbergertal!

Ich weiss, es sind heute bestimmt auch Gäste von ausserhalb unter uns und auch ihr wohnt bestimmt in grossartigen Landschaften. Aber so traulich und lieblich wie bei uns? Das Schenkenbergertal ist einfach die wundervollste Gegend unseres Vaterlands.

Die sanften Südhänge bieten ausgezeichnete Bedingungen um Reben zu kultivieren. Auf dem fruchtbaren Boden spriesst Korn. Die fetten Wiesen eignen sich um Kühe weiden zu lassen. Die Wälder spenden Schatten im Sommer und Brennholz im Winter. Das Klima ist mild. Es regnet im rechten Mass. Die Hügel, die das Tal einrahmen, schützen es vor manchem Unwetter.

Kein Wunder, dass sich in so einer gesegneten Gegend schon in der Steinzeit Menschen ansiedelten. Jahrhunderte lang gab das Tal seinen Bewohnerinnen und Bewohnern das tägliche Brot und ein Auskommen für die Familie.

Auch wenn heute die Meisten von uns nicht mehr in der Landwirtschaft tätig sind und viele von uns ihren Erwerb nicht mehr im Tal haben, so dürfen wir es doch mit recht als unsere Heimat bezeichnen. Es ist – um es mit biblischen Worten zu sagen – ein Land, in dem Milch und Honig fliessen. Es gibt uns Kraft und lässt uns Leben. Wir dürfen die Frucht geniessen, die in ihm spriesst. Ja, wir dürfen sie feiern, wie wir am Räbfescht den eigenen Wein feiern. Wir dürfen stolz darauf sein, wie die Winzer stolz auf das Produkt ihrer Arbeit sind.

Gott schenkt seinem Volk ein fruchtbares Land. Es soll ihnen zur Heimat werden. Doch ist das Geschenk auch mit einer Verantwortung verbunden.

„Vergesst mich nicht, wenn ihr in der versprochenen Heimat ankommt!“, sagt er: „Dann wird es euch gut gehen.“

„Vergesst nicht!“ Es tönt wie eine unnötige Warnung. Wie soll der Schenker auch vergessen werden, wo ein unvorstellbar fruchtbares Land geschenkt wird? Und doch schon bald nach der Ankunft haben ihn die Menschen vergessen.

Wenn es einem gut geht, dann vergisst man rasch. Die nichtigen Sorgen des Alltags und die kleinen und grossen Freuden des Lebens machen vergessen, dass alles ein Geschenk Gottes ist. Die Schätze unseres Landes verstellen uns den Blick auf ihren Ursprung. Wir erkennen Gott, den Geber, nicht mehr. Wir nehmen es als selbstverständlich.

So geht nicht nur das Bewusstsein für die Verantwortung verloren. Auch Dankbarkeit wird immer kleiner geschrieben.

Ist es nicht traurig, wie vieles man heute oft als selbstverständlich nimmt? Pünktliche Züge, saubere Strassen, sichere Häuser, freie Meinungsäusserung, Rechtssicherheit, gesunde Natur, genügend Nahrung, reines Wasser … All dies, ist wie selbstverständlich da! Gerne vergessen wir zu danken.

Was kann man dagegen tun? Wie kann es gelingen dankbarer und dabei auch glücklicher zu werden?

Dem Volk Israel wird in der Bibel von Gott befohlen die Gebote zu halten. Sie sollen am Tempel die Opfer darbringen und Gottesdienst feiern. Dabei sollen sie sich auch der Zeit in der Wüste erinnern. Sie sollen an ihre Wurzeln denken.

Dankbarkeit wird gewissermassen historisch-religiös verankert. Im Erinnern und im Vollzug der alten, gemeinsamen Überlieferung dankt das Volk Gott.

Dieser Weg steht auch uns offen. Ein Stück weit gehen wir ihn heute gemeinsam, indem wir am Räbfescht Gottesdienst feiern.

Doch ist es ein Weg, der vielen von uns nicht mehr vertraut ist. Wir sind es uns nicht mehr gewohnt uns zuerst als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Anders als im Alten Israel sind wir zuerst einmal Individuen. Wir sind viele „Ich“s. Wir sind frei und wollen unsere eigenen Wege gehen. Kirche und Gottesdienst passen nicht immer zu diesem Weg. Das ist in Ordnung – auch dafür dürfen wir dankbar sein. Es ist ein Teil der Freiheit, die Gott uns schenkt.

Doch auch auf dem eigenen Weg ist es möglich dankbar zu sein. Wenn auch die Kirche nicht der Ort ist. Immer wieder höre ich, dass sich auch kirchenferne Menschen ihren Ort suchen. Es ist dann der Spaziergang im Wald, der zum Gottesdienst erklärt wird. Ein spezieller Ort in den Reben, an dem man auftanken kann.

Auch da kann man dankbar sein. Ob in der Natur oder im Gottesdienst – es sind die gleichen Schritte, die einem zum Dank führen. Wahrnehmen, Erkennen, als Geschenk annehmen.

Nehmt bewusst wahr, was ist. Achtet auf das Gänseblümlein am Wegrand. Zählt die Blütenblätter. Seht wie die Sonnenstrahlen in den Tauperlen glänzen.

Oder nehmet ein Glas des heimatlichen Weins. Hört beim Öffnen der Flasche wie es tönt. Hört bewusst den Klang, der entsteht, wenn der Rebsaft ins Glas fliesst. Betrachtet den Wein, wie er im Kelch ruht. Lasst ihn atmen und riecht an ihm. Nehmt einen Schluck und spürt den Aromen nach.

Ein unglaublich intimer Moment entsteht, wenn man dabei der Versuchung widersteht mit den Umstehenden ins Fachsimplen zu geraten. Behalte deine Eindrücke für dich – sie gehören dir allein.

Etwas Kleines, bewusst wahrgenommen, kann zu etwas Grossem werden. Ein kurzer Augenblick zur Ahnung der Ewigkeit.

Plötzlich wird einem bewusst, wie einmalig dieser Augenblick ist. Was alles nötig war, damit er zustande kam.

Die Arbeit des Winzers am Hang und im Keller, das handwerkliche Geschick des Glasbläsers bei der Herstellung des Weinglases, das Wissen des Züchters der Rebsorte und so viel mehr. Vieles haben Menschen in der Hand, doch es kommt etwas dazu, das grösser ist als wir.

Das Wachstum der Reben und das Reifen der Früchte können wir Menschen nicht machen. Es muss sich die geheimnisvolle Kraft des Lebens auf die Pflanzen legen. Gott muss seinen Segen ausgiessen.

Wer dies erkennt, geht den zweiten Schritt. Er merkt, dass das Leben von uns Menschen getragen ist. Es ist etwas da, das trägt, auch wenn wir ihm nicht Gott sagen. Damit wir leben können, braucht es mehr, als unsere eigenen Fähigkeiten.

Dieses mehr ist ein Geschenk. Wir dürfen es annehmen. Es ist uns ohne Verdienst gegeben. Es ist uns von Gott gegeben.

Weil wir beschenkt sind, dürfen wir Gott loben. Damit tun wir den dritten Schritt. Der himmlische Vater hat uns im Kleinen und im Grossen alles gegeben, das wir zum Leben brauchen. Wir sind reich beschenkt. Uns ist dies Tal anvertraut. Es ist uns zur Heimat gegeben. Lobt Gott, für das gute Land, das er uns gegeben hat.
Amen

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