Menschliche und göttliche Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

Jesus sagt: „Es ist nicht der Wille eures Vaters im Himmel, dass auch nur eins verloren gehe.“
Mt 18,14

Liebe Gemeinde

Gott will, dass wir leben. Er will, dass keiner von uns verloren geht. Er will uns ewiges Leben schenken. Wir sind berufen in der Gegenwart seiner Liebe und im Licht seiner Gerechtigkeit zu wandeln. Wo Gottes Licht ist, gibt es keine Schatten. Denn sein Licht verzehrt die Schatten.

Es ist ein grosses Versprechen und eine mächtige Zusage, die uns gegeben ist. Ohne Schatten sollen wir leben. Sein Licht sollen wir widerspiegeln. So vollkommen sollen wir werden, dass die Welt an uns seine Gerechtigkeit erkennt. Als Täterinnen und Täter seiner Liebe sind wir seine Kinder.

Es ist ein grosses Versprechen. Fast ist es für uns unvorstellbar, dass es eingelöst wird.

„Ist es überhaupt möglich, dass ein Mensch so gerecht werden kann?“, mögen viele mit gutem Grund zweifelnd fragen. Denn wenn Gottes Gerechtigkeit wie Licht ist, so kann sie keinen Schatten der Ungerechtigkeit ertragen. Sie verbrennt, was einen Schatten auf sie wirft. Sie vernichtet den Sünder. Sie vernichtet uns.

Ja, seine Gerechtigkeit muss es nicht nur, sie kann gar nicht anders. Gott kann nicht anders. Er kann nicht beschliessen, dass er Ungerechtigkeit erträgt. Es ist unmöglich, wie es unmöglich ist, dass es auf der Sonne Schatten gibt.

Doch, was heisst das? Kann denn ein Mensch vor Gott nicht bestehen? Wie können wir im Wirkbereich seiner Gerechtigkeit überleben? Und ganz grundlegend: Was meint „Gottes Gerechtigkeit“?

Zuerst einmal ein Fehler, den wir rasch begehen. Ich meine den Fehler von Gott zu reden, als ob wir von der Welt sprächen. Denn oft reden wir von göttlicher Gerechtigkeit, wie wir von menschlicher Gerechtigkeit sprechen. Das ist falsch.

Gott ist gerecht, doch ist seine Gerechtigkeit anders als die Gerechtigkeit der Welt.

Ein Beispiel: Wir urteilen nach alltäglichem, weltlichem Massstab, wenn wir etwa sagen: „Das ist gerecht.“

Denn wenn wir sagen „Das ist gerecht.“, dann meinen wir, dass es unserer Vorstellung des Ausgleichs entspricht. Sagen wir dagegen „Das ist ungerecht!“, dann meinen wir, dass sich Tun und Ergehen nicht entsprechen. Einer nimmt sich mehr als das er gibt. Er nimmt zum Nachteil des andern. Er nimmt ihm etwas weg.

Gerechtigkeit im alltäglichen Sinn meint, dass wir nach unseren Massstäben einen fairen Ausgleich schaffen. Macht das einer nicht, so ist er gescheitert an unseren Massstäben der Gerechtigkeit. Er erfüllt die Kriterien nicht. Er ist ungerecht.

Gerecht zu sein heisst zu tun, was die Gesellschaft von uns verlangt und zu unterlassen, was sie uns verbietet. So steht unser menschlicher Gerechtigkeitsbegriff in einem starken Bezug zum Gesetz. Menschliche Gerechtigkeit hat ihren Sitz im Leben vor Gericht. Gerechtigkeit nach den Massstäben der Welt gehört zur Rechtsprechung. Sie ist juristische und damit äussere Gerechtigkeit.

Sie kann nur über Taten urteilen. Ins Herz des Menschen sieht sie nicht. Es kann einer als gerecht gelten, obwohl es in seinem Herzen ganz anders aussieht. Auch der im Herzen ungerechte, wird vor Gericht frei gesprochen, solange er nicht gegen ein Gesetz verstossen hat.

Doch Gottes Gerechtigkeit ist anders. Wir verstehen sie oft falsch, weil wir unsere menschlichen Vorstellungen auf sie übertragen.

Wenn wir von Gericht und Gerechtigkeit Gottes sprechen, dann vermischen wir bald, was nicht vermischt werden darf. Wir reden mit irdischen Begriffen über himmlisches. Wir vermenschlichen Gott. Wir geben ihm die Ehre nicht, die ihm gebührt.

Darum: Obacht, damit wir im Reden von Gericht und Gerechtigkeit Gottes, nicht vermischen, was nicht vermischt werden darf.

Doch was gilt von Gott? Ist er gerecht? Ist er gnädig? Können wir überhaupt noch etwas sagen, wenn wir doch nur in menschlichen Worten reden können?

Wir können es. Doch nicht direkt, wie in der Welt, sondern indirekt mit Bildworten.

Unsere Worte sind wie Bilder. Sie sind mit Vorsicht zu geniessen. Bild und Abgebildetes darf nicht verwechselt werden. Wir müssen lernen Spannungen und Grenzen der Sprache auszuhalten. Bei Gott kommt zusammen, was wir nicht zusammen bringen können.

So gilt zugleich: Gott ist gerecht und Gott ist gnädig.

Gott ist gerecht. Das bezeugen die biblischen Autoren immer wieder. So singt der Sänger des Psalms: „Du, HERR, bist gerecht und recht sind deine Gebote.“ (Ps 119,137).

Aber sie sagen auch, dass Gott gnädig sei. So heisst es auch in den Psalmen: „Barmherzig und gnädig ist der HERR, langmütig und reich an Güte.“ (Ps 103,8).

Gerecht und zugleich gnädig? Es ist ein Widerspruch. Entweder ist ein Urteil gerecht oder gnädig, denn Gnade heisst das verdiente Urteil nicht zu vollstrecken. Als Menschen müssen wir uns für das eine oder das andere entscheiden. Beides geht nicht.

Wir können nicht anders. Als Menschen leben wir im Fleisch, wie es Paulus im Römerbrief (Röm 8,1-11) sagt. Als Fleisch-Menschen leben wir. Als Fleisch-Menschen kommunizieren wir. Als Fleisch-Menschen reden wir. Als Fleisch-Menschen hören wir. Als Fleisch-Menschen verstehen wir.

So hören wir: Gott ist gerecht und gnädig. Wir verstehen: Gott ist manchmal gerecht oder manchmal gnädig, wie ein Mensch entweder wach oder schlafend sein kann.

Der Fleisch-Mensch versteht: Man ist wach, weil man sich im Zustand der Wachheit befindet. Dabei gab es eine Zeit vor dem Erwachen und es wird auch eine Zeit nach dem Einschlafen geben. Kein Mensch ist immer wach.

Ebenso missversteht der Fleisch-Mensch das Wort: „Gott ist gerecht“. Gerechtigkeit zeigt sich nach dem Fleisch immer nur im konkreten Handeln und Urteilen. Eine Tat oder ein Urteil können gerecht oder ungerecht sein. Ein Mensch entscheidet sich gerecht zu handeln.

Doch ist dadurch der Mensch an und für sich nicht gerecht. Seine Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit erfüllt sich immer nur im Moment des Handelns und im Augenblick des Urteilens. Sie ist flüchtig und vergänglich, wie wach sein und schlafen vergänglich sind.

Hört der Fleisch-Mensch „Gott ist gnädig“, glaubt er es sei ein Attribut, eine Näherbestimmung des Wesens Gottes.

So versteht der Fleisch-Mensch die Aussage zweifach falsch. Als ob Gottes Gerechtigkeit nur in seinem Handeln und Urteilen bestünde und als ob sein gnädig sein als Attribut zu Gottes sein hinzu komme. Beides ist ganz weltlich gedacht.

Gott ist nicht gerecht und gnädig, so dass beides neben einander stehen würde. Vielmehr fallen in Gott Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen. Seine Gerechtigkeit ist barmherzig; seine Barmherzigkeit ist gerecht.

Doch fallen sie in Gott nicht bloss zusammen, sondern es gibt in ihm nichts, das nicht gerecht und gnädig ist. Kein Gedanke, kein Wort, keine Tat. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind sein ganzer Wille.

Und so sollen auch wir sein vor ihm. Gerecht und mit reiner Liebe im Herzen.

Doch wie kann es uns Fleisch-Menschen gelingen so zu sein?

Es gelingt uns nicht. Wir müssen scheitern, denn wir sind Menschen. Wir sind schon damit überfordert Gerechtigkeit und Barmherzigkeit miteinander zu denken, ohne dabei dem einen oder dem anderen den Vorrang über das andere zu geben. Es ist ein intellektueller Hochseilakt.

Was dem Denken auch mit äusserster Konzentration kaum möglich ist, ist dem Tun unmöglich.

Dem Fleisch-Mensch kann es nicht gelingen. Der Absturz vom Seil ist gewiss. Kein Schritt weit gelingt der Balanceakt. Vor der Aufgabe muss der Mensch verzweifeln.

Verzweifeln! Verzweifeln müssen wir. Doch gerade dies fällt uns unendlich schwer in unserer Zeit, in der nur der Erfolg zählt. Wir wollen nicht scheitern und schon gar nicht verzweifeln. Wir wollen nicht einmal mehr darüber nachdenken.

Auch in der Kirche darf nicht mehr an Gottes Gebot verzweifelt werden. Es wäre zu deprimierend. Die Kirchenbänke sind so schon leer genug. Da sollen die letzten verbliebenen nicht auch noch mit schweren Gedanken vertrieben werden.

So wird über Verzweiflung nicht mehr gepredigt. Und doch. So schwer und so unmodern es auch ist: Vor Gott sollen und dürfen wir verzweifeln.

Denn an der Aufgabe verzweifeln kann nur, wer mit ganzer Kraft und ganzer Liebe versucht sie zu erfüllen. Zur Verzweiflung braucht es nicht weniger als den ganzen Einsatz des Menschen.

So ist nicht derjenige verzweifelt, der Schulter zuckend die Nachrichten von Krieg, Flüchtlingselend, Klimawandel und Kindern, die ohne Liebe aufwachsen, hört. Sondern nur der, welcher sich mit vollem Einsatz dagegen engagiert.

Der Fleisch-Mensch muss verzweifeln. Er muss sich seinem verloren sein stellen. Erst wenn er sich stellt, kann er auch im vollen Sinn des Wortes erfahren, was es heisst, dass Gott nicht will, dass er verloren gehe.

Gott will nicht, dass wir verloren sind. So sehr wir als Fleisch-Menschen nicht vor ihm bestehen können, so sehr will er uns nicht verloren geben. Er macht, was wir nicht können. Er schenkt uns ein neues Leben. Er schafft uns neu als Geist-Menschen.

Kein Leben mehr im Fleisch. Kein Leben nach den Massstäben der Welt. Kein Leben im irdisch-vergänglichen Sinn. Nein, er schenkt uns seinen Sohn. In ihm dürfen wir neu geboren werden. Eine zweite Geburt, nicht im Fleisch, sondern im Geist. Als Geist-Menschen ist uns Anteil geschenkt an seinem Reich.

Weil er uns zu Geist-Menschen macht, dürfen wir uns in der Verzweiflung unserer Rettung gewiss sein. Weil wir Geist-Menschen sind, dürfen wir uns getrost der Aufgabe des Fleisch-Menschen stellen.

Das Geist-Menschsein entbindet uns nicht davon, nach Gerechtigkeit und Liebe zu streben. Ganz im Gegenteil. Es befähigt uns die Verzweiflung in diesem Streben zu ertragen. So dürfen wir uns in getroster Verzweiflung für diese Welt engagieren. Gerechtigkeit und Liebe sind sein Gebot. Darin sollen wir nicht verloren gehen.
Amen

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