Erntedank

Glaubst du daran, dass er wiederkommt
und deine Ernte auf deine Tenne bringt?
Hiob 39,12

Liebe Gemeinde

Heute feiern wir Erntedank. Wir blicken zurück auf das vergangene Landwirtschaftsjahr mit seinem Rhythmus im Takt von pflügen, eggen, säen, düngen, spritzen, sorgen, hegen und ernten. Es war kein einfaches Jahr, das nun in der Ruhe des Herbstes verklingt. Der späte Frost im Frühling forderte in den Reben seinen Tribut. Der eine oder andere Hagelzug im Juni und Juli hinterliess seine Spuren auf Kirschen, Äpfeln und Birnen. Zum Glück konnte der Sturm der vergangen Woche dem Korn nicht mehr schaden. Die Frucht des Feldes war längst unter Dach. Doch hinterliessen die Sturmböen den einen oder anderen Schaden an Gebäuden und knickten Bäume im Wald.

Unsere Bäuerinnen und Bauern hatten es schwer in diesem Jahr. Mancher hätte Grund zum Klagen. Doch sind wir nicht hier zum Klagen. Nach einem schwierigen Jahr haben wir Grund zum Dank. Vielleicht sogar ein Stück mehr als sonst. Denn ein schweres Jahr macht deutlich: Wachstum und Gedeihen steht nicht in des Menschen Macht, sei er Bauer, Saatguthändler oder Agrochemiker. Trotz aller Technik und hochentwickelten Dünger- und Spritzmitteln lässt sich die Natur nicht zwingen. Wachstum und Gedeihen kommen aus Gottes Hand.

Als Christinnen und Christen sind wir uns dessen bewusst. Gott gibt gute Gaben. Wir empfangen sie aus seiner Hand. Dieses Wissen macht uns dankbar. Wir feiern miteinander Gottesdienst. Wir sagen unserem Schöpfer danke. Wir erneuern damit die alten Riten des Erntedanks und gliedern uns ein in die Kette der Tradition. Alles geht seinen gewohnten Gang. Alles scheint in bester Ordnung zu sein.

Doch ist bei uns wirklich alles in Ordnung? Was blenden wir nicht alles aus! Viel Dunkles und Schweres ist da. Streit in Familien, Beziehungen die auseinander brechen und Gleichgültigkeit gegen den Nächsten. Nur allzu oft verdrängen wir, was wir nicht aushalten. Wir schauen weg, wo wir hinsehen sollten. Wir leben in christlicher Tradition – doch leben wir unseren Glauben noch?

Es ist gut, dass es die Tradition des Erntedanks gibt. Sie erinnert uns, dass wir beschenkt sind und Dank schulden. Doch ist es noch mehr als Folklore? Sagen wir danke oder tun wir bloss so? Richtet sich unser Dank an die Idee Gott oder unseren lebendigen Herrn im Himmel?

Leben wir noch in der Erwartung, dass er wiederkommt? Bringt unser Leben Frucht? Oder wie es im Buch Hiob heisst: „Glaubst du daran, dass er wiederkommt und deine Ernte auf deine Tenne bringt?“ (Hiob 39,12)

Dieser kleine, einfache Vers steht über der Predigt. Er stellt unser Leben in Frage. Lesen wir darum genau.

Ein Sprecher fragt ein Gegenüber. Das Verhältnis beider scheint vertraut zu sein. Die Anrede „du“ und die Frage nach einer ganz persönlichen Glaubenshaltung legen nahe, dass zwischen den beiden Akteuren eine enge Beziehung besteht. Der Fragende darf diese persönliche Frage stellen. Der Gefragte schuldet ihm eine Antwort.

Aus dem Kontext des Hiobbuchs erfahren wir, dass der Fragende niemand geringeres als Gott ist. Er verliess den Himmel um dem Gefragten zu begegnen. Dieser Mensch heisst Hiob. Er ist die Hauptfigur des Buchs. Hiob hat alles verloren. Hof, Vieh und die eigenen Kinder. Er versteht sein Schicksal nicht. Er leidet in Sack und Asche gehüllt. Er findet keine Antwort auf seine Frage nach dem Warum. Auch seine drei Freunde, die ihn besuchen, können ihm sein Leid nicht erklären.

Dass es sich bei seinem Schicksal um eine Glaubensprüfung handelt, weiss der Leser aus dem Prolog im Himmel. Hiob bleibt diese Einsicht verschlossen. Auch Gott wird ihn darüber nicht aufklären. Hiob wird nicht zur Erkenntnis gelangen und dennoch tröstet ihn die Begegnung mit Gott. Im Gespräch erfährt er, dass Gott für ihn da ist, auch wenn er seine Wege nicht versteht. Das gibt ihm, dem Hoffnungslosen, neue Hoffnung.

Gott befragt Hiob. In der Frage über der Predigt wird ein Dritter erwähnt. Wer ist dieser „er“, der wieder kommt. Wer hilft bei der Ernte? Von wem redet Gott?

Als Christinnen und Christen sind wir versucht, die Frage christologisch zu beantworten. Wir hören in diesem Vers eine alttestamentliche Christusprophezeiung. Christus kommt um die Ernte einzufahren. Er ist gekommen und er wird wieder kommen. Die letzte Ernte ist das Ende der Welt. Im jüngsten Gericht nimmt das ewige Reich Gottes seinen Anfang. In ihm endet der immerwährende Rhythmus von säen und ernten. Es ist das Ende der Zeit, wie wir sie kennen.

Die letzte Ernte. Der letzte Dank – Denken wir dies heute mit, wenn wir Erntedankfeiern? Oder denken wir im Ernten schon wieder an die neue Saat? Können wir umgehen mit der Endlichkeit, nicht nur des eigenen Lebens, sondern der Schöpfung überhaupt?

Gott schuf diese Welt mit ihrem Rhythmus von Werden und Vergehen. Doch schuf er sie nicht auf Ewigkeit hin. Unser Leben. Unser Schaffen. Unser Säen und Ernten ist vergänglich. Die Welt ist uns eine Heimat auf Zeit. Ihre Gewinne und ihre Missernte, ihr Mangel und ihr Überfluss sind relativ. Sie vergehen. Sie stehen nicht fest.

Dies wird in der Frage an Hiob doppelt deutlich: „Glaubst du daran, dass er wiederkommt und deine Ernte auf deine Tenne bringt?“

Denn es gilt erstens: Der Dritte, dieser „er“ der Frage, ist im Kontext des Verses noch nicht Christus. Es bezieht sich vielmehr auf einen Wildesel, der einige Verse vor unserer Stelle genannt wird. Ein Wildesel als Erntehelfer. Es ist ein groteskes Bild. Denn der Wildesel ist eine natürliche Bedrohung für die Ernte. Er kommt und frisst sich satt. Er erntet, wo er nicht gesät hat. Er vernichtet die Ernte.

Und es gilt zweitens: Selbst wenn der Wildesel als Helfer tauglich wäre, es gäbe nichts zu ernten. Hiob hat alles verloren. Es ist ihm nichts mehr geblieben. Er ist nicht einfach von einem schlechten Jahr betroffen. Er kann es nicht einfach abhaken und nach vorne schauen. Sein Verlust ist vollkommen. Er hat jegliche weltliche Grundlage zur Hoffnung verloren. Es gibt für ihn keine neue Chance im nächsten Jahr. Er hat keinen Grund mehr zur Hoffnung.

Und doch. Hiob hält an seinem Gott fest. Er vertraut auf ihn. Er ist gewiss, dass Gott alles vermag, sogar einen Wildesel zum tüchtigen Erntehelfer zu machen. Er vertraut auf seinen Gott, obwohl er ihn nicht versteht.

So können wir an diesem Erntedankfest dreifach von Hiob lernen.

Erstens:
Vor Gott zählt nicht wie gross oder klein unsere Ernte ist. Es zählt nicht wie viel Erfolg oder Misserfolg wir im Leben haben. Es zählt nicht, ob wir meinen Grund zur Klage oder zum Dank zu haben. Es zählt allein, dass wir an Gott festhalten, wie Hiob es tat. Wie Hiob dürfen wir auf Gott vertrauen, gerade auch dann, wenn wir ihn nicht verstehen.

Zweitens:
Hiob versteht, dass Gott selbst aus einem Wildesel einen tauglichen Erntehelfer machen kann. Gott ist es nicht unmöglich die Sache um 180 Grade zu drehen. Er kann auch aus dem Bösen das Gute schaffen. Er vermag auch dort reich zu ernten, wo scheinbar nichts gewachsen ist. Es gibt kein unfruchtbares Leben. Jeder und jedem von uns gibt Gott unzählige Chancen. Der Acker unseres Lebens kann oft Frucht bringen. Missernten gehören zum Leben dazu. Doch bestellen müssen wir ihn, soll etwas wachsen.

Drittens:
Und doch. So viele Gelegenheiten es auch geben mag seine geistige Frucht zu bringen, einmal kommt der letzte Herbst. Ein letztes Mal wird die Ernte eingebracht.

Ein Leben lang haben wir Zeit unsere geistige Frucht in die himmlische Tenne zu bringen. Gott gibt uns immer wieder neue Chancen. Jeden einzelnen Tag unseres Lebens sind es unzählig viele. Wir müssen nicht jede nutzen. Ja, es liegt in seiner Gnade, dass sie so zahlreich sind, dass wir die allermeisten nicht einmal erkennen. Und doch. Der letzte Tag und die letzte Chance kommen. Wartet nicht bis zuletzt. Bringt eure Frucht in der Zeit. Tragt heim, bevor der letzte Wildesel alles verschlingt! Bringen wir unsere Früchte auf die Tenne Gottes.

Bringen wir ihm unseren Dank. Für die Ernte und alles Gute, das er uns widerfahren lässt. Bringen wir ihm die Frucht unseres Herzens!
Amen

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