Gott schafft Raum in der Bedrängnis

Erhöre mich, wenn ich rufe,
Gott meiner Gerechtigkeit.
In der Bedrängnis hast du mir Raum geschaffen.
Sei mir gnädig und höre mein Gebet.
Ps 8,4

Liebe Gemeinde

Es würgt im Hals, als ob ein Stück Brot stecken geblieben wäre. Man fühlt, dass man weinen möchte, doch es kommen keine Tränen. Der Druck auf der Brust schnürt die Lunge ein. Fast bekommt man keine Luft mehr. Das Herz schmerzt. Die Seele brennt. Ein stimmloser Schrei verhallt ungehört in der Finsternis des eigenen Schmerzes. Der Sinn wich aus der Welt. Aus Fülle wird Leere. Bedrängnis hält das Leben fest umschlossen. Es drückt zu. Man droht zu zerbrechen.

Ich kenne dieses Gefühl in meinen Leben. Gewiss bin ich nicht der einzige. Das Leben besteht nicht nur aus Sonnenstunden. Glück ist eine Erfahrung. Es ist kein Zustand. Auch die Regentage gehören mit zum Leben. Auch die Finsternis nimmt sich ihren Raum, ob ich es will oder nicht.

Über Bedrängnis reden wir nicht gern. Weder über die eigene noch über die fremde. Unsere Bedrängnis ist uns oft zu nahe. Sie macht uns Angst. Wir leugnen und verdrängen sie, damit wir uns ihrer nicht stellen müssen. Sie passt nicht in unsere Selbstdarstellung vor der Welt. Sie passt nicht in das strahlende Bild, das wir gerne von uns selbst haben.

Aber auch die fremde Bedrängnis rührt an uns. Sie ist uns unangenehm. Es braucht Mut und Kraft sich ihr aus zu setzten. Oft ertragen wir sie nicht. Vielleicht erinnert sie uns zu sehr an eigene Erfahrungen. Die Bedrängten meiden wir gern. Wir wollen uns von Dunkelheit und Schmerz nicht hinunter ziehen lassen.

Es ist einfacher über das Helle, über das Schöne und das Glück zu reden. Es ist in Ordnung, wenn sich jetzt der eine oder andere fragt, ob das schwere Thema heute sein muss. Ob man heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, nicht über etwas hoffnungsvolleres als die Bedrängnis predigen kann.

Und doch, wenn nicht heute, wann dann? Gerade heute am Totengedenken ist es wichtig. Mit der Erinnerung an die Verstorbenen wird auch die eigene Trauer erinnert. Sie darf sein. Sie darf noch einmal Raum einnehmen. Sie muss nicht verleugnet werden, weil sie in unserer Gesellschaft nicht sein darf. Sie muss nicht möglichst schnell verarbeitet werden, damit sie aus der Welt geschafft ist. Die Trauer darf ihren Platz haben. Auch unser Bedrängnis darf zu Wort kommen.

Bedrängnis hat mit Enge zu tun. Wo das eigene Drängen an Grenzen stösst, da wird Enge erlebbar. Enge wird als Einschränkung erlebt. Schranken können nicht einfach überwunden werden. Bedrängt und damit begrenzt können wir auf drei Arten werden. Begrenzung hat darum für mich drei Dimensionen.

Mein Leben kann räumlich, zeitlich und in der Fähigkeit zu Beziehungen beschränkt sein. Ja, mitunter überschneiden sich zwei der Dimensionen oder es durchdringen sich gar alle drei. Insbesondere im Sterben, Tod und Trauer ist dies der Fall.

Um deutlich zu machen, was ich meine, möchte ich alle drei Dimensionen näher betrachten. Ich möchte sie abschreiten und dabei einen ersten Halt machen, bei der Bedrängnis als räumliche Einschränkung. Einen zweiten Halt bei der Bedrängnis als zeitliche Einschränkung und als drittes die Bedrängnis als Verunmöglichung von Beziehung.

Bedrängnis als räumliche Enge – eine erste Dimension.

Es ist vermutlich der erste Gedanke, der auftaucht, wenn man von Bedrängnis spricht. Das Bild eines Menschen, den Räuber in die Enge treiben.

So rasch einem dieses Bild in den Sinn kommt, so aktuell ist es leider auch. Nicht unbedingt in der klischeehaften Gestalt einer dunklen Gasse, aber unter der Vignette des erfolgreichen, gut gestellten älteren Herrn, der eine Dame, oft Jahre jünger als er selbst, in Bedrängnis bringt.

Es macht mich traurig, wie viele solche Fälle zur Zeit ans Licht kommen. Es ist nur schwer zu begreifen, wie oft diese Fälle eben nicht in der Anonymität einer finsteren Gasse geschahen, sondern in aller Öffentlichkeit. Häufig waren nicht nur Opfer und Täter zu Gegen, sondern auch Unbeteiligte. Zeuginnen und Zeugen schwiegen und haben damit auch Anteil, dass so vieles so lange verborgen blieb.

Liest man diese Berichte, so fällt mir immer wieder ein Detail auf. Ein guter Teil der Bedrohung des Übergriffs hat mit der Ausweglosigkeit der Situation zu tun. Das Opfer kann sich der Situation nicht ohne weiteres entziehen. Der Raum wird eng. Man fühlt sich in die Ecke gedrängt.

Der Täter nimmt dem Opfer die Freiheit, oft ohne eine Berührung. Er lässt das Gefühl von Ohnmacht entstehen. Das Opfer ist gefangen in seiner Bedrängnis. Das gibt dem Täter Macht.

Damit räumliche Enge bedrohlich wird, muss die Komponente der Ausweglosigkeit dazu kommen. Ist räumliche Enge so ausgelegt, dass man ihr jederzeit entkommen kann, erlebt man sie weniger als Ohnmacht. Ja, sie kann richtig angenehm sein.

Auch die Umarmung eines geliebten Menschen macht einem eng. Doch fühlt sich diese Enge geborgen und warm an.

Auch der Tod und die Trauer umarmen uns, aber wir können ihnen nicht entfliehen. Wir können uns nicht lösen. So werden sie zur Bedrängnis.

Bedrängnis als zeitliche Enge – eine zweite Dimension.

Gebraucht zu werden und ein voller Terminkalender zu haben, kann ein schönes Gefühl sein. Es tut gut, wenn man gebraucht wird. Es tut gut, wenn sich andere auf meinen Beitrag verlassen.

Doch gerade in der vorweihnachtlichen Zeit kann der Kalender auch einmal übervoll werden. Wenn das, was man noch tun will und die Zeit, die man dafür noch hat, ins Ungleichgewicht geraten, dann gerät man in Zeitnot. Mehr Aufgaben als Zeit, das löst Stress aus.

Die Zeit läuft einem davon. Der Abgabetermin rückt unerbittlich näher. Unerbittlich rieselt der Sand durch das Stundenglas. Bald fällt das letzte Sandkorn. Man hört den Sekundenzeiger ticken. Die Uhr an der Wand bringt einem in Bedrängnis.

Es ist darum gewiss kein Zufall, dass man oft auf alten Grabsteinen und Erinnerungsplatten Sanduhren als Symbol der Vergänglichkeit findet. Die Zeit vergeht ohne Rücksicht. Gleichmässig und unerbittlich fliesst sie dahin.

Gerade im Sterben wird dies deutlich erlebt. Noch so vieles wäre zu sagen. Noch so viele gute Worte und Werke aneinander zu vollziehen. Ja, mitunter gibt es auch noch den einen oder anderen Knopf, den man gerne lösen würde. Ein Wort des Verzeihens oder eine Bitte um Vergebung will ausgesprochen werden. Doch die Zeit vergeht, auch wenn die gewünschte Versöhnung nicht mehr gelingt.

Was in der Zeit ungelöst bleibt, kann die Seele im Sterben bedrängen. Der Raum wird eng. Der Sterbende geht, auch wenn er noch nicht bereit ist. Der Tod ist die letzte Bedrängnis.

Bedrängnis als Verunmöglichung von Beziehung – eine dritte Dimension.

Der Tod ist der Abbruch jeder Beziehung. Nur die Erinnerungen bleiben. Was im Leben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umschloss, wird auf die Vergangenheit reduziert. Es gibt keine Gegenwart und keine Zukunft in dieser Beziehung mehr. Sie sind verloren. Das macht traurig.

Der gemeinsame Beziehungsraum, den man miteinander gestaltet hat, wird mit dem Tod geschlossen. Er ist dem Leben entzogen. Es gibt ihn nur noch als Erinnerung. Die Bedrängnis des Todes hat ihn geraubt.

Bedrängnis, die alle drei Dimensionen umfasst, wird im Erleben des Sterbens und des Todes konkret. Der Tod macht traurig. Die Trauer bedrängt das Leben. Das darf sein.

Doch kann das Leben nicht in Bedrängnis gelebt werden. Bedrängnis ist Tod. Der Mensch aber braucht Raum zum Leben. Er braucht Lebensraum.

Auch wenn Gott den Tod und die Trauer im Leben von uns Menschen zulässt, so will er doch nicht, dass wir unter der Last dieser Bedrängnis zerdrückt werden. Wie der Sänger des Psalms dürfen wir zu ihm rufen. Auch in der tiefsten Not schafft das Gebet einen Raum des Lebens.

Vor Gott dürfen wir die Trauer und das Elend bringen. Nicht so, dass er sie von uns nimmt. Und nicht so, dass er uns zur Ausrede wird, einander im Leiden nicht beizustehen. Doch so, dass wir auch im unerhörten darauf vertrauen dürfen, dass er hört. Unser Gebet ist nie sinnlos. Es ist ein Geschenk Gottes. In ihm schafft er uns Raum auch in der Bedrängnis. Im Gebet schenkt Gott uns Lebensraum!
Amen

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