Wie ein Baum am Wasser

Der ist wie ein Baum,
an Wasserbächen gepflanzt:
Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit,
und seine Blätter welken nicht.
Ps 1,3

Liebe Gemeinde

150 Lieder und Gebete sind im Buch der Psalmen zusammengestellt. Die einzelnen Psalmen haben je ihre eigene Entstehungsgeschichte. Einige gehörten zum Gottesdienst am Tempel. Sie wurden vom Volk gesprochen oder ein Priester sang sie. Andere hatten ihren Sitz im Leben in der persönlichen Andacht. Der gottesfürchtige Mensch fand in ihnen ein Vorbild für das Gebet. So brachte er sein Leben vor den himmlischen Vater. Auch wenn eigene Worte fehlten, konnte man mit Hilfe der Psalmen beten. So erklärt sich die grosse Bandbreite an unterschiedlichen Psalmen. Für jede Situation gibt es den passenden Text. Der Bogen wird von der Klage, über die Trauer bis hin zum Dank und der Dankbarkeit geschlagen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es bereits damals für manche Menschen ein Stück Trost bedeutete, zu merken, dass man nicht alleine mit seinem Leid ist. Es gab schon Menschen vor einem selbst, die sich ungerecht verfolgt wussten. Beter die in Krankheit schwach wurden und von Gott erfuhren, dass es in Ordnung ist. Geteiltes Leid ist halbes Leid, weiss der Volksmund noch heute. Auch wo es nicht zu trösten vermag, tut es doch gut zu merken, man ist nicht allein. Auch andere fühlen ähnlich.

Die Psalmen waren ein Stück Lebenshilfe. Nicht nur damals, auch heute erfahren Menschen dies immer wieder. Man findet viel Kraft in diesen alten Liedern.

Es ist deshalb bestimmt kein Zufall, dass das Buch der Psalmen seinen Platz in der Bibel bekommen hat. Man ordnete es zwischen dem Buch Hiob und dem Buch der Sprüche ein.

Hiob leidet. Er versteht Gott nicht. Er will verstehen. Der Autorenkreis des Buchs der Sprüche dagegen fand Gelassenheit in der Weisheit. Rückblickend auf das Leben scheinen ihre Ratsprüche formuliert zu sein. Gewissermassen wie wenn der Grossvater sein Enkelkind in einer ruhigen Stunde auf das Bänkli vor dem Stöckli nimmt und sagt: „Wenn du gut leben willst, dann befolge meinen Rat. Lass dir gesagt sein, was der gute und der rechte Weg ist.“

Wenn das Buch der Psalmen zwischen Hiob und dem Buch der Sprüche steht, dann scheint es mir, als ob die Psalmen den Weg weisen sollen. Die Psalmen führen vom unverständigen Leid des Hiobs zur gelassenen Weisheit des Buchs der Sprüche. Sie gehen den Weg mit. Sie sind Wegbegleiter.

Geht man mit diesem Bild an die Deutung der Psalmen, so ist unser Psalm, den wir heute in der Lesung gehört haben, ein Art Prologe. Als Vorwort und Einstieg will er die Türe öffnen. Durch ihn tritt der Leser auf den Weg. Er öffnet ihn, indem er eine Leseanleitung für die Psalmen sein will. Wer durch diese Türe tritt, wird vor die Wahl gestellt. Will er im trostlosen Leid verharren oder den Weg zur gelassenen Weisheit gehen.

Dieser Frage können wir uns nicht entziehen. Wir haben den Psalm gehört. Damit steht auch die Frage im Raum. Wir sind in Frage gestellt. Es ist unmöglich hinter diese Frage zurück zu gehen. Egal was wir machen. Wir haben sie gehört. Wir müssen darauf antworten. Ja, sogar wenn wir so tun würden, als ob wir sie nicht gehört haben, wäre das doch auch schon eine Antwort. Denn auch die Verweigerung einer Antwort ist eine Antwort.

Wie wollen wir also sein? Gerechte oder Spötter? Weisheit Sucher oder Frevler, die lieber lachend da sitzen und meinen Wahrheit gäbe es nicht? Wollen wir uns aufmachen oder im Leid des Hiobs verharren?

Es scheint keine Frage zu sein. Es ist doch klar! Und doch, nicht jeder wird sich für den Aufbruch entscheiden. Das Neue und Unbekannte bringt auch immer Gefahr mit sich. Der Weg ist nicht frei von Leid. Ja, mitunter ist erst der Aufbruch Grund neuen Leids. Selbst das Ziel, die gelassene Weisheit, ist nicht frei von Schmerz. Nur der Umgang mit dem Leid ist in ihr verändert. Denn auch der Baum, der am Wasser gepflanzt ist und seine Frucht bringt, wird von den Stürmen des Herbstes durchgepeitscht. Auch er leidet unter der Kälte des Winters und der Hitze des Sommers.

Doch er steht am Wasser. Auch in der brennendsten Sonne verdorrt er nicht. Er hat eine Kraftquelle. Wer Weisheit gefunden hat, ist auch im Leid getrost, denn er weiss um die lebensspende Quelle der Wahrheit Gottes.

Der Weise ist, wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Der seine Kraft schöpft. Doch an welchem Wasser stehen wir?

Kraft können wir im Leben aus ganz unterschiedlichen Gewässern ziehen. Von frischen Quellen und alten Flussläufen. Aus seichten Pfützen und tiefen Ozeanen. Es schmeckt süss, salzig oder gar bitter.

Anders als ein wirklicher Baum, können wir uns auch von einem zum anderen Gewässer bewegen. Wir sind nicht ein für alle Mal eingepflanzt. So lohnt es sich doch auch zu fragen: Wo steht dein Lebensbaum? An welchem Ufer und aus welchem Lauf ziehst du deine Kraft? Was treibt dich an und motiviert dich?

Oder, in Anlehnung an das Bild des Psalms: An welchem Wasser steht dein Baum?

Wir Menschen haben ganz unterschiedliche Möglichkeiten Kraft zu schöpfen. Sinn in unserem Tun zu finden scheint mir dabei der zentrale Punkt zu sein. Sinnhaftes zu tun ist das Wasser im Bild des Psalms.

Das tönt wohl noch recht theoretisch. Ich will es mit einer Geschichte verdeutlichen. Gut möglich, dass ihr sie auch schon gehört habt. Vielleicht in einer anderen Version.

Meine Geschichte spielt im Mittelalter. Sie geht so: Eine Stadt beschliesst, dass der Bau eines Domes ein weitsichtbares Zeichen für den Wohlstand und die Macht der Stadtväter ist. Man engagiert Architekten, Künstler und Baufachleute. Der Bau kommt gut voran. Sogar der Kaiser hört davon und beschliesst die Baustelle zu besuchen. Als einfacher Mann verkleidet mischt er sich unter die Steinmetze.

Er spricht den ersten an: „Werter Steinmetz, was macht ihr da?“

Der Angesprochene blickt nicht auf und antwortet wirsch: „Hast du keine Augen im Kopf? Du siehst doch, dass ich einen Steinblock behaue!“

Der Kaiser spricht einen anderen an: „Werter Steinmetz, was macht ihr da?“

Der Arbeiter blickt auf. Schweiss steht auf seiner Stirn. Sein Blick ist Müde: „Ich baue an einem Dom! Ich werde nie das ganze Werk sehen! Man wird mich vergessen.“

Wiederum spricht der Kaiser einen Steinmetz an: „Werter Steinmetz, was macht ihr da?“

Er blickt freundlich von seiner Arbeit auf. „Ich denke an meine Familie. Meine liebe Frau und die Kinder. Es soll ihnen gut gehen. Sie sollen es einmal leichter haben im Leben als ich. Als Steinmetz verdiene ich recht und kann ihnen gute Grundlage zum Leben bieten.“

Nachdenklich geht der Kaiser weiter. Einen letzten Arbeiter will er noch fragen: „Werter Steinmetz, was macht ihr da?“

Der Angesprochene blickt freudenstrahlend auf. Lachend berichtet er: „Ich baue mit am Reich Gottes! Zwar kann ich nicht predigen, wie unser Bischof. Ich weiss nicht, wie man den Glauben lehrt. Doch in diesem Dom wird einst gepredigt werden. Viele Genrationen werden darin das Wort Gottes hören. Mancher wird zum Glauben finden. Gott hat es mir gegeben, dass ich Teil sein darf davon. Denn es braucht uns Bauleute, damit dieser Dom gebaut werden kann. So haben wir Anteil an der Verkündigung. Es ist unser Beitrag. Gott hat mich zu einem Mitarbeiter seines Reiches gemacht!“

Alle vier Steinmetze machen dieselbe Arbeit. Aber sie ziehen ganz unterschiedlichen Sinn daraus. Wo der eine nur die Hammerschläge zählt, sieht sich der andere als Arbeiter am Reich Gottes.

Die Gewässer, wo ihre Lebensbäume Wurzeln geschlagen haben, sind ganz unterschiedlich. So können auch wir uns fragen: Wo steht unser Lebensbaum?

Steht er an der sprudelnden Quelle des augenblicklichen Glücks? Ganz im Moment lebend, ohne an Morgen zu denken? Es ist schön an dieser Quelle. Doch das Wasser hält sie nicht. Es treibt weiter. Vertrocknet diese Quelle, so ist das Glück dahin. Es hat keinen Bestand.

Steht der Baum unseres Lebens am plätschernden Bächlein der Selbstverwirklichung? Es ist toll, sich selber sein zu dürfen. Es kann viel Glück bedeuten eigene Ideen und Träume zu verwirklichen. Die Erinnerungen an das Schaffen können auch dann noch Glück bedeuten, wenn aktuelle Projekt nicht mehr umgesetzt werden können. Das plätschernde Bächlein hat mehr Gehalt als die Quelle. Und doch auch seine Kraft kann sich auflösen.

Vielleicht steht dein Lebensbaum aber auch an einem rauschenden Gebirgsbach? Hier ist viel Kraft dahinter. Es ist das Gewässer der Karriere, die ein Mensch macht. Oder auch des sportlichen Erfolgs, den er hat. Der Wettbewerb kann dich beflügeln. Der Wille besser zu sein als seine Konkurrenten setzt ungeahnte Energie frei. Man erreicht, was man nicht für möglich gehalten hat.

Das ist nicht schlecht. Doch der Gebirgsbach kann dich mitreisen. Er kann zerstören, was dir vielleicht auch noch wichtig wäre im Leben. Er kann sich über eine Felskanten ergiessen und als Wasserfall zerstäuben.

Da ist gut, wenn der eigene Lebensbaum am fröhlich glucksenden Fluss der Familie seine Wurzeln hat. Wer eingebunden ist in ein Netz von tragfähigen Beziehungen, der wird nicht so schnell mitgerissen.

Die Familie kann eine tiefe Quelle der Kraft und des Sinnes sein. Der Steinmetz in der Geschichte des Dom Baus lächelt. Er gewinnt aus den Gedanken an seine Liebsten Kraft, die ihm hilft seine schwere Arbeit zu tun.

Doch steht die Familie, wie alles in der Welt, unter dem Zeichen der Vergänglichkeit. Ein Schicksalsschlag kann die Familie treffen. Er kann empfindlich verletzen. Es kann den Boden unter den Füssen wegziehen.

Ist das Unglück gross, so kann der Fluss in neue Bahnen gelenkt werden. Er gibt dem Baum sein Wasser nicht mehr. Der Baum kann keine Frucht mehr bringen.

Doch gibt es einen Ort, dem das Wasser nicht ausgeht. Der Ozean der Liebe, Gnade und Weisheit Gottes.

Zu diesem Ozean will uns das Buch der Psalmen führen. An seinem Ufer finden wir halt. Auch im Unbill des Lebens. Wer in seine Weisheit eintaucht, der ist auch im grössten Leid der Welt gehalten. Er darf darauf hoffen, dass in Gottes Ewigkeit die Bruchstücke seines Lebens zu einem neuen Bild gefügt werden. Er darf Hoffnung haben in Trauer, Sterben und Tod.

Wo also, willst du deinen Baum des Lebens einpflanzen?
Amen

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