Der Kindermord zu Betlehem

Als der König Herodes davon hörte, geriet er in Aufregung und ganz Jerusalem mit ihm.
Mt 2,3

Liebe Gemeinde

Im Advent durfte ich im Namen der Kirchgemeinde vielen Seniorinnen und Senioren Grüsse und ein kleines Geschenk überbringen. Anlässlich dieser Besuche entstanden viele bereichernde Gespräche, für die ich sehr dankbar bin. Viel Frohes und Helles erfuhr ich und freute mich mit. Auch Dunkles wurde berichtet. Gemeinsam beweinten wir Unglück und Abschied.

Natürlich bietet der Besuch des Pfarrers auch Gelegenheit die eine oder andere Frage zu Gott, der Bibel und unserer Kirche zu stellen. Ich beantworte sie jeweils gern und nach besten Wissen und Gewissen. Manche Fragen sind dabei durchaus eine Herausforderung. Eine von diesen Fragen sollte mich gar durch die Weihnachtszeit begleiten.

Sie kam unvermittelt und traf: „Herr Pfarrer, warum predigt man eigentlich nie über den Kindermord von Betlehem? Wie konnte es Gott nur zulassen, dass Herodes alle Knaben ermorden liess? Wie ist das möglich, wenn die Kirche stets vom lieben und allmächtigen Gott redet?“

Nicht immer ist eine erste Antwort auch eine gute Antwort. Doch wo die Frage nach dem Kindermord des Herodes gestellt wird, da muss auch historisch geantwortet werden.

Herodes der Grosse war ein skrupelloser Machtmensch, der Gewalt nicht scheute, wie sich auch heute noch so mancher Diktator durch beispiellose Grausamkeit an der Macht zu halten weiss. Der Kindermorde zu Betlehem würde zu seiner Regierung passen.

Dennoch ist er wohl eine Legende. So weiss der Evangelist Lukas, der sich selbst als Historiker der Geschichte Jesu versteht und genau arbeitet, nichts von einem Kindermord. Auch der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der in seinem Werk über die Jüdischen Kriege minutiös alle Gewalttaten und Verbrechen des Herodes aufzählt, schweigt dazu. Hätte es den Befehl zum Kindermord gegeben, so hätte gerade Josephus kaum geschwiegen. Zu gut hätte er in seine Darstellung des Herodes als Unterdrücker des jüdischen Volkes gepasst.

Der Kindermord zu Betlehem mag eine literarische Legende sein, viele andere Grausamkeiten der Geschichte sind es nicht. Die Hölle von Verdun, die Napalmbomben von Vietnam oder das Massaker von Srebrenica sind es nicht. Doch wie kein anderes Verbrechen der Menschheit ist Auschwitz zum Symbol der grössten Unmenschlichkeit geworden.

Wo war Gott? Wie konnte er dies zulassen? Kann ich Angesichts der offenkundigen Ungerechtigkeit der Welt noch an Gott glauben? Ist Gott noch unser Gott?

Dies sind grosse Fragen. Sie stellen sich nicht erst seit der Schoa und der Ermordung über sechs Millionen Menschen durch die Schergen des Dritten Reiches.

Es sind drängende Fragen. Sie fordern den Glauben heraus. Die Theologie befasst sich seit hunderten von Jahren mit ihnen. So alt die Fragen sind. Es gibt keine überzeugenden Antworten. Auch ich habe keine Lösung. Doch möchte ich einige Gedanken mit euch teilen.

Gott ist Schöpfer und Herr über seine Schöpfung. Er steht zu ihr, wie der Töpfer zum Gefäss. Der Töpfer hat Macht aus dem Klumpen Ton auf seiner Drehscheibe eine Schüssel, einen Topf, einen Teller oder eine Tasse zu formen. Er ist frei in seinem walten.

Gott schuf unsere Welt aus freiem Entschluss. Er tat es, wie es ihm gefiel. Er hätte sie auch anders schaffen können. Wie ein Uhrmacher zum Beispiel.

Der Uhrmacher sägt, schleift und setzt die Teile der Uhr präzise zusammen. Zahnrädchen greift in Zahnrädchen. Die Unruh gibt den Takt. Die Feder treibt das Werk an. Die Zeiger drehen sich auf vorbestimmten Bahnen. Im Zusammenspiel aller Teile lebt die Uhr. Sie funktioniert auch ohne ihren Schöpfer. Selbst wenn der Uhrmacher stirbt, tickt seine Uhr weiter.

Gott war frei die Welt als Uhr zu schaffen. Er ist frei sich von ihr zurückzuziehen. Die Welt funktioniert auch ohne ihn.

Doch Gott entschied sich anders. Er begleitet sein Werk. Er ist frei hie und da in ihren Lauf einzugreifen. Doch er ist nicht dazu verpflichtet.

Ich frage mich, warum greift Gott ein? Es erstaunt mich viel mehr warum er es tut, als dass er es nicht tut. Vorsichtig und unscheinbar handelt er. Fast als wolle er durch sein Eingreifen die Freiheit zum Glauben des Menschen nicht gefährden.

Der Mensch soll sich aus freien Stücken zu Gott entscheiden. Das Herz muss es zu Gott ziehen. Nicht der Verstand soll es erzwingen.

Könnte der Mensch noch frei entscheiden, hätte Gott mit himmlischen Heerscharen der Arme der Engel eingegriffen?

Doch hätte er es nicht heimlich verhindern können? Wer weiss. Der Glaube bleibt Herausforderung.

Das Bild des Töpfers und des Tons führt mich zu einem zweiten Gedanken. Ist der Handwerker dem Werk seiner Hände Rechenschaft schuldig?

Wer fragt, warum Gott das Leid zulasse, der fordert von Gott eine Erklärung. Gott soll sein Nichteingreifen rechtfertigen. Er soll sich dafür verantworten.

In der Frage nach dem warum setzen wir Gott auf die Anklagebank. Wir wollen über ihn richten. Er soll sich verantworten.

Doch kehren wir damit nicht die Verhältnisse um? Sind es nicht wir, die uns vor ihm verantworten müssen? Ist nicht das Geschöpf seinem Schöpfer verpflichtet?

In der Frage, wie konnte Gott dies zulassen, stellen wir uns über Gott. Als Aussenstehende wollen wir urteilen. Doch stellen wir uns damit nicht nur über Gott. Wir blicken auch herab auf die Opfer. Die Frage nach der Verantwortung Gottes macht aus ihnen Objekte. Wir entmenschlichen sie.

Anstatt uns mit den ermordeten Kindern Betlehems, den gequälten Vietnamesen, den gemeuchelten Bosniaken und den Kriegsvertriebenen unserer Tage zu solidarisieren, klagen wir Gott an. Wie kannst du es nur zulassen!

Ja, Gott lässt das Leiden zu – auch das sinnlose. Doch wo wir uns zum Richter erheben, da ist er solidarisch bei den Leidenden. Ja, er ist unter den Leidenden. Er ist mitten im Elend der Welt Mensch geworden. Im Stall bei Betlehem.

Sein Leben ist bedroht. Er flieht. Er leidet. Die Häscher des Bösen greifen nach ihm. Er predigt unter Entbehrung und Tränen das Reich Gottes. Er greift ein. Er heilt Kranke, er macht Blinde sehend und Taube hörend. Er weckte Tote auf!

Und doch die Welt erkennt ihn nicht. Ein Freund verrät ihn. Er wird verurteilt. Er stirbt am Kreuz.

„Wo war da Gott?“, wollen wir in unserer Vermessenheit fragen. Er hing am Kreuz! Kann Gott dem Leiden der Welt näher sein? Kann er ihm näher sein als am Kreuz mitten unter den Opfern?

Gott will bei den Menschen sein. Er wird an Weihnachten Mensch.

Er tut nicht bloss so. Er ist Mensch geworden. Zum Mensch sein gehört die Ohnmacht. Auch diese nimmt Gott an. Er fürchtet sich vor dem schweren, dunklen und elenden des menschlichen Lebens nicht! Er nimmt es an.

Dieser, unser Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, ist ein revolutionärer Gott. So etwas hat es vor und nach ihm nie wieder gegeben. Einen solchen Gott kennt nur das Christentum!

Herodes war vielleicht der einzige, der Weihnachten damals wirklich verstand. Dieser Gott bedrohte seine Herrschaft wahrhaftig. Dieser Gott ist die eine wirkliche Bedrohung jeder menschlichen Macht.

Er entzieht menschlicher Macht die Grundlage. Denn er verzichtet auf sie! Weil Gott sich mit den Elenden, Gequälten und Ermordeten solidarisiert, kann er nicht länger als Begründung menschlicher Unterdrückung, Gewalt und Herrschaft missbraucht werden.

Es ist wahr. Gott ist allmächtig. Doch verzichtet er auf den Gebrauch seiner Allmacht. Denn wenn er seine Allmacht ausübte, bliebe kein Raum für unsere Freiheit. Es wäre alles bestimmt. Die Weltgeschichte würde vorbestimmten Bewegungen folgen, wie eine Uhr den mechanischen Abläufen folgt, die ihr Uhrmacher bestimmte.

Doch Gott wollte nicht Uhrmacher sein. Die Schöpfung ist keine Spieluhr, an der er sich erfreut. Gott will in Beziehung treten zur Menschheit. Wir sollen ihm du sein.

Es ist sein freier Wille. Er schuldet uns keine Erklärung. Gott muss sich nicht rechtfertigen. Es liegt in seinem göttlichen Wesen, dass er auch ganz anders könnte.

Und doch dürfen wir wissen. Wenn Gott uns auch nicht bewahrt vor der Erfahrung von Leid, Sinnlosigkeit und Ohnmacht, so ist er uns doch nahe in allem Leiden. Er ist bei uns. Er ist solidarisch Mensch geworden – auch, wenn wir ihn nicht verstehen. Er bleibt uns treu, auch wenn wir ihn anklagen. Er mutet sich uns zu.

Es liegt nicht an uns ein Urteil über ihn zu fällen. Wir würden uns nur selbst unserer Schuld überführen.

Es mag sein, dass wir uns Gott gerne anders wünschten. Es mag sein, dass wir ihn besser verstehen würden, wenn er allmächtig eingriffe, wo Unheil droht.

Doch es steht uns nicht zu ihn zu ändern. Er ist wie er ist. Er ist Gott. Wenn wir auch nicht verstehen können, wie er den Kindermord von Bethlehem, die Katastrophe des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Tragödien unserer Zeit zulassen kann, so bleibt er doch unser Gott.

Er hat uns angenommen, wie wir sind. Er bietet uns an, unser Gott zu sein. Er möchte, dass wir ihm Volk sind. Nehmen wir ihn an, wie er ist. Einen anderen Gott gibt es nicht für uns. Er ist uns Mensch geworden.
Amen

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