Der Sohn Gottes im Alten Testament

Gott spricht: Ich selbst habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.
Ps 2,6

Liebe Gemeinde

„Das Christuszeugnis des Alten Testaments“ heisst das zweibändige Lebenswerk des Schweizer Theologen Wilhelm Vischer. Er schrieb es im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs. Im Hintergrund dieser Bücher steht seine Auseinandersetzung mit Nazideutschland und dessen offizieller Kirche. Anders als die „Bekennende Kirche“, die Adolf Hitler und das Gedankengut der NSDAP ablehnten, bejahten die „Deutschen Christen“ das neue Regime.

Entsprechend der Naziideologie entwickelte sich eine völkische Theologie, die die jüdischen Einflüsse auf das Christentum ablehnte. In Folge des braunen Gedankengutes war es das erklärte Ziel dieser Theologie das Christentum vom Judentum zu reinigen. Sie behauptete, dass das Alte Testament für den christlichen Glauben entbehrlich sei. Allein das Neue Testament sei heilsnotwendig.

Dagegen erhob, nicht nur, aber auch Wilhelm Vischer seine Stimme. Er suchte die Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament zu beweisen indem er nach dem Christuszeugnis des Alten Testaments suchte. Er war der Meinung, dass der präexistente Sohn Gottes, der im neuen Testament Mensch wird, seine Spuren bereits im Alten Testament hinterlassen haben muss.

Seine Suche war nicht umsonst. Er fand zahlreiche Spuren besonders im mosaischen Gesetz, aber auch in der frühen Prophetie. Auch die Psalmen enthalten solche Spuren. Unser heutiger Psalm gehört dazu.

Der Wert des Ansatzes Wilhelm Vischers liegt in seiner Auseinandersetzung mit der grossen Gefahr seiner Zeit. Anders als damals, wollen kaum mehr Christinnen und Christen das Alte Testament dem Neuen Testament gegenüber abwerten. Altes und Neues Testament zusammen sind das eine, unteilbare Zeugnis des Wort Gottes.

Die Gefahr unserer Zeit ist deshalb eine andere. Nicht mehr die Trennung von Altem und Neuem Testament gefährdet den Zusammenhalt, sondern die Verschmelzung von hebräischem und griechischem Zeugnis. Wo die Kontinuität der Heilsgeschichte überbetont wird, da ist ihre Entwicklung in Gefahr. Das Alte Testament wird christlich vereinnahmt. Es wird aus der Christusperspektive gelesen. Es wird überlesen.

Die Eigenständigkeit des ersten Testaments gerät in Gefahr. Das Verbindende wird überbetont. Das Trennende überhört.

Dadurch verliert aber auch das Christuszeugnis des Neuen Testaments an Schärfe. Das radikal Neue der Gottesoffenbarung in Jesus, das durch Kreuz und Auferstehung beglaubigt wird, droht übergangen zu werden. Der lebensermöglichende Bruch wird zugemauert, wenn Altes und Neues Testament nicht auch in ihrer Unterschiedlichkeit erkannt werden.

Der zweite Psalm lädt geradezu ein einem Stück Christuszeugnis des Alten Testamentes zu folgen. Er ist fast schon ein exemplarisches Lehrstück. An ihm kann verbindendes und trennendes dieses Zeugnisses erkannt werden.

Beginnen wir mit den verbindenden Stücken. Es sind drei zu nennen. Gott ist wahrer Herrscher, sein Repräsentant auf Erden ist der Sohn und die Welt bedroht den Sohn.

Gott ist wahrer Herrscher.
Altes und Neues Testament verkünden Gott als wahrhaftigen Herrscher über die Welt. Er ist Herr der Geschichte. Nichts auf Erden geschieht, das er nicht geschehen lässt. Er weiss um jeden Gedanken in des Menschen Herzen. Und doch ist sein eingreifen in die Geschichte voll von Geheimnissen.

Auf diesem Hintergrund deuten die Autoren des Alten und des Neuen Testaments die Ereignisse von denen sie Zeugen wurden oder von denen sie hörten. Es ist ihr Schlüssel für das Verständnis der Geschichte.

Doch ergeben sich in ihrer Deutung bereits Differenzen. Insbesondere der Umgang mit der dunklen Seite der Geschichte unterscheidet sich. Denn wenn Gott Herr über die Geschichte ist, so muss auch erklärt werden, warum er bei Unglück, Bedrohung und Krieg nicht eingreift.

Hier unterscheiden sich die Antworten. Ganz grob kann man sagen, dass das Alte Testament Unglück und Bedrohung als Strafe auffasst. Israel fällt den fremden Völkern anheim, weil es gegen die Gebote Gottes verstiess. Doch ist die Strafe nicht endgültig. Gott erbarmt sich nach der Strafe immer wieder.

Anders das Neue Testament. Es verzichtet mehrheitlich darauf Unglück zu erklären. Wo Christus gegenwärtig ist, da hebt er in Heilungs- und Auferweckungswundern das Unglück auf. Es gehört nicht zum Reich Gottes. Der Glaube, der Anteil an diesem Reich gibt, wird so zur Begründung der Heilung.

Wo Christus nicht mehr anwesend ist, wird das Unglück als Aufgabe für die Christinnen und Christen gesehen. So heisst es etwa, dass wir den Hungernden zu essen, den Durstenden zu trinken und den Kranken und Trauernden Trost geben sollen. Ebenso ist es Aufgabe der Christen die Gefangenen zu besuchen. „Liebt eure Feinde und betet für die euch verfolgen“, empfiehlt Jesus (Mt 5,44). Gerade im veränderten Umgang mit der dunklen Seite der Welt erweist sich Gott als Herr über sie.

Der Repräsentant Gottes auf Erden ist der Sohn.
Sowohl im zweiten Psalm auch in der Taufe Jesu durch Johannes erklärt eine göttliche Stimme den Repräsentanten zum Sohn. Im Begriff „Sohn“ ist das Wortfeld von der Familie berührt. Damit sind Stichwort wie Nähe, Intimität, Generationenverhältnis und Erbe verbunden, um nur einige zu nennen. Zwischen Gott und seinem Repräsentanten besteht ein enges Band.

Doch sind die Repräsentanten im Psalm und in den Evangelien ganz unterschiedlich gezeichnet. Auf der einen Seite steht ein König, der von Gott über sein Volk gesetzt ist. Er herrscht auf dem Zion. Er sitzt auf dem Thron. Er übt Macht aus. Er lebt in einem reich geschmückten Palast in einer mit Mauern befestigten Stadt. Er herrscht von Jerusalem aus über das Land.

Auf der anderen Seiten der Mann aus Nazareth. Ein Handwerker aus dem Volk. Er geht zu den Menschen. Er ist arm. Er kann kein Haus sein eigen nennen. Ja, er hat nicht einmal ein festes Bett, in dem er schläft. Er wandert durch das Land. Jerusalem wird ihn nicht verehren. Es wird ihm zum Ort des Todesurteils. Der Sohn des neuen Testamentes ist kein königlicher Herrscher. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.

Die Welt bedroht den Sohn.
Die Welt lehnt den Sohn ab. Seine Herrschaft ist bedroht. Er kann sein Werk nicht ungestört in die Tat setzten. Widerstände wollen ihn hindern.

Doch kommt der Widerstand aus unterschiedlichen Richtungen. Der königliche Sohn des Psalms wird durch sein Volk anerkannt. Die Bedrohung seiner Herrschaft kommt von aussen. Es sind die fremden Völker. Israel und sein König werden durch die Welt bedroht.

Ganz anders Jesus. Seine Königsherrschaft wird durch Israel bedroht. Es sind die Anführer des eigenen Volkes, die ihn von Anbeginn verfolgen. Der Plan ihn zu töten wird von den Schriftgelehrten, Pharisäern und Hohepriestern gefasst.

Die Welt kommt nur am Rande vor. Sie ist im Grunde freundlich gestimmt. Die Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern folgen, beten ihn als neuen König der Juden an. Jesu Verkündigung ausserhalb Israels wird freudig angenommen, wenn die Menschen auch über seine Macht erschrecken. Der römische Statthalter Pontius Pilatus soll keine Schuld an ihm gefunden haben, so will es zumindest Lukas und Johannes wissen. Unter dem Kreuz wird es schliesslich der römische Hauptmann sein, der das wahre Wesen Jesus ausspricht.

So zeigen sich bereits in den Gemeinsamkeiten erste Unterschiede. Erst recht aber, wenn man auf die Art der Herrschaft blickt.

Da ist der König des Psalms. Sein Führungsstil ist autoritär. Er befiehlt, die Seinen haben zu gehorchen. Aus sicherer Distanz leitet er seine Streitkräfte. Seine Soldaten beschützen ihn. Sein Leben muss um jeden Preis bewahrt werden. Keiner Gefahr darf er sich aussetzten. Er bleibt in der Sicherheit des Palastes. Boten bringen seine Botschaft unter das Volk. Sie berichten ihm von dem, was die Menschen bewegt. Er hat keinen unmittelbaren Kontakt zu den Menschen.

Der König des Psalms herrscht als Repräsentant Gottes, wie ein kleiner Gott. Er steht über den Menschen.

Wie anders der Sohn, der in Jesus Mensch wird! Er ist bei den Menschen. Er geht zu ihnen. Er lebt mit ihnen. Aus erster Hand weiss er, was sie bewegt. Er steht nicht über den Dingen, sondern leidet mit. Er ist Leidensgenosse des Volkes.

Seine Botschaft verkündigt er mitten unter dem einfachen Volk. Er wird ihnen zum Diener, denn der Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass man ihm diene, sondern damit er zum Diener aller wird.

Er geht den Weg voran. Seine Jüngerinnen und Jünger dürfen ihm nachfolgen. Er bewahrt sein Leben nicht, sondern gibt es hin, damit wir mit Gott versöhnt sind.

So unterscheidet sich das Ergebnis seiner Herrschaft auch fulminant von der Herrschaft des göttlichen Sohnes des Psalms.

Wer gegen den Sohn des Psalms ist, dem wird Strafe, Tod und Vernichtung angedroht. Die Menschen sollen sich für ihn entscheiden, weil sie der ewigen Verdammnis entgehen wollen. Denn dieser König zerschlägt seine Feinde.

Wie anders Christus. Er ist für uns. Er gibt sich hin, damit wir leben. Wir dürfen ihn annehmen, nicht weil wir seine Strafe fürchten, sondern weil er uns aus Gnade gibt. Er schenkt das ewige, wahre Leben.

Der Tod ist keine Drohung mehr in seiner Hand. Vielmehr nimmt er dem ewigen Tod die Macht. Er gibt Leben in Fülle!

Es ist wahr. Das Alte Testament legt Zeugnis ab von Christus. Doch ist sein Zeugnis verhüllt. Die Zeit der Offenbarung des Wesens des Sohnes ist noch nicht gekommen. Der Mensch kann es sich nicht erdenken.

Erst als Gott sich selbst in Jesus zeigt, kann die Welt sehen. Doch sieht sie nicht mit den Augen. Auch der Sohn des Neuen Testaments erschliesst sich nicht der Weisheit der Welt. Erst wo der Glaube das Herz heilt, kann er erkannt werden. Er öffnet die Augen für die Heilsgeschichte Gottes, wie sie im Alten und Neuen Testament bezeugt wird. Einer Heilsgeschichte, die uns gilt, wo wir uns im Vertrauen auf den Sohn, in der Heilung durch den Heiligen Geist auf den Vater einlassen.
Amen

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