Wahrheit

Der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.
Eph 1,17

Liebe Gemeinde

Ulrich Knellwolf, Achim Kuhn, Johannes Gönner, Felix Leibrock, Matthias Fischer und Angela Rinn alias Vera Bleibtreu, um nur einige zu nennen, teilen zwei Eigenschaften. Alle sechs genannten Personen sind Pfarrerinnen und Pfarrer und zu gleich Krimiautorinnen und -autoren. Einige von ihnen schreiben mittlerweile hauptberuflich. Sie sind die bekanntesten unter den krimischreibenden Berufskollegen, doch weitaus nicht die einzigen. Ich meine gehört zu haben, dass es in keiner anderen Berufsgruppe so viele Hobbykrimiautorinnen und – autoren wie bei den Geistlichen gibt.

Auch wer unter den Berufskollegen selber nicht aktiv schreibt, liest häufig gerne Krimis. Das Verbrechen in der Literatur und seine Aufklärung ziehen manchen von uns in ihren Bann. Es scheint so, dass Pfarrerinnen und Pfarrer eine besondere Affinität zum Krimi haben.

Woran könnte das liegen?

Böse Zungen könnten nun meinen, es liege am Pfarrberuf. Schliesslich arbeite der Pfarrer nur am Sonntag und die restliche Woche müsse er sich halt auch beschäftigen. Aber so ist es nicht. Zum Pfarramt gehört mehr als das Halten der Gottesdienste. Auch Unterricht, Seniorenarbeit und Seelsorge gehört mit dazu. Und wie in so vielen anderen Berufen wächst der Anteil administrativer Arbeiten von Jahr zu Jahr. Auch als Kirche neigen wir dazu, uns immer mehr mit der Verwaltung zu beschäftigen. Es bleibt immer weniger Arbeitskraft für die wichtigen Aufgaben der Kirche.

Es ist für mehr als genug Arbeit gesorgt. Keine Pfarrerin und kein Pfarrer müssen sich neben dem Amt die Zeit mit dem Schreiben von Krimis vertreiben.

Die Faszination für Krimis muss einen anderen Ursprung haben. Das Genre des Krimis und die Theologie scheinen einen gemeinsamen Bereich zu haben. Ich meine, es sei die Schnittmenge beider Disziplinen, die die Aufmerksamkeit fesselt.

Beides, Krimi und Theologie, teilen die Frage nach der Wahrheit. Auf der einen Seite steht der Krimi. Er fragt nach der Wahrheit der Ereignisse. Ein Verbrechen ist geschehen. Ein anfangs unbekannter Täter wird gesucht. Verschiedene Verdächtige kommen in Frage. Doch was geschah wirklich? Wer hatte welche Motive? Wer profitiert von der Tat? Welcher Akteur liess sich zum Verbrechen hinreisen?

Geheimnisse werden aufgedeckt. Der Leser folgt den Spuren. Er betritt Irrwege. Nicht alles, was aus verborgenen Winkeln ans Licht kommt, hat auch mit der Aufklärung des Verbrechens zu tun. Schliesslich lüftet sich das Geheimnis. Der wahre Täter wird überführt. Das Rätsel ist gelöst. Der Gerechtigkeit ist genüge getan. Die Welt – wenigsten die Welt des Krimiromans ist wieder in Ordnung.

Auf der anderen Seite die Theologie. Auch sie sucht nach der Wahrheit. Mit detektivischem Spürsinn erforscht sie die biblischen Texte und geht jedem Jota nach. Sie seziert die Texte und spürt den Stufen ihrer Entwicklung nach. Immer darum bemüht zu verstehen, was die jeweiligen Zeuginnen und Zeugen des Wirkens Gottes erlebt, gesehen, gehört und verstanden haben. Dabei ist sie im Gespräch mit Verwandten Wissenschaften wie der Archäologie, der Philosophie, der Sprachwissenschaft, der Geschichtswissenschaft und vielen anderen mehr.

Theologie und Kriminologie sind sich nicht unähnlich. Sie gehen Spuren nach. Sie untersuchen Beweise. Sie befragen Zeuginnen und Zeugen. Stets bemüht, die Wahrheit zu finden. Oder sich ihr zumindest zu nähern.

Gerade weil sie sich nahestehen, können wir von der Kriminologie in der Theologie lernen. Die künstlerische Umsetzung des Verbrechens und seiner Aufklärung im Krimi kann uns als Bild für die Suche nach der Wahrheit in der Theologie und in der Kirche dienen. Die Frage nach der Wahrheit ist mehr als eine intellektuelle Herausforderung. Sie ist die Frage nach der Verlässlichkeit unseres Glaubensgrunds.

An zwei Kunstfiguren aus der Welt der Ermittler versuche ich die zwei Wege der Suche nach Gewissheit im Glauben und ihre Grenzen aufzuzeigen. Wie nähern sie sich der Wahrheit? Warum können sie sie nicht erreichen?

Wir folgen zwei Figuren. Einem Schweizer und einem Engländer. Beide kenne ich aus meinen Kindertagen. Der eine Erkenntnisweg wird von Polizist Gottfried Wäckerli vertreten, der andere durch den Detektiv Sherlock Holmes.

Gottfried Wäckerli habe ich an einem verregneten Sonntagnachmittag kennengelernt. Bei solchen Gelegenheiten versammelte sich die Familie um das Fernsehgerät in der Stube. Das Schweizer Fernsehen zeigte zu jener Zeit gerne alte Schweizer Filme. In schwarz-weiss und mit knackender Tonspur haben sie mir eine Heimat gezeigt, die damals schon längst vergangen war.

Gottfried Wäckerli gehört zu jener Heimat. Schaggi Streuli verkörperte ihn in der Verfilmung von Kurt Früh aus dem Jahre 1955. In einer ganz speziellen Mischung aus polizeilicher Klarheit, ja gelegentlicher Schroffheit und väterlicher Wärme und Einfühlungsvermögen löste er die Diebstähle in Allenwil. Dabei schlägt er sich, ganz seinem Namen entsprechend, wacker und mit einer guten Portion Gottvertrauen. Denn zu den Verdächtigen zählt ausgerechnet auch sein Sohn, Ruedi, der den Rank im Leben noch nicht ganz erwischt hatte.

Keine einfache Situation für Polizist Wäckerli. Mit Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit geht er den Fall an. Anders als in heutigen Krimis werden noch keine Spuren gesichert und kein potentielles Beweismittel ins Labor geschickt. Gottfried Wäckerli ist auf sich alleine gestellt. Doch er ist nicht dumm.

Er befragt alle beteiligten Personen und sucht nach möglichen Zeuginnen und Zeugen. Direkt und ohne Umschweife stellt er seine Fragen. Ausweichende Antworten lässt er nicht stehen. „Gisch kei Antwort?“ fordert er zu weilen sein Gegenüber heraus und blickt im tief in die Augen, als ob er direkt in die Seele sehen könnte. Doch Wäckerli bleibt Mensch, ab und an dringt durch die harte Schale des Polizisten eine väterliche Wärme durch.

Mit Fragen und genauem zuhören gelingt es ihm der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Denn er nimmt seine Gesprächspartner als Zeugen ernst. Gerade auch in jenen Situationen, in denen seine Zeugen eingestehen müssen die eigentliche Tat nicht gesehen zu haben.

Wir alle können in unserem Umgang mit der Bibel zu Wahrheitssuchenden nach dem Vorbild des Gottfried Wäckerli werden. Wie er, sind wir aufgefordert genau hinzuhören. Wir können mit der Bibel ins Gespräch kommen, wie der Allenwiler Polizist mit den Beteiligten ins Gespräch kam. Wo wir die Bibel als Zeuge der Wahrheit Gottes ernst nehmen, da können wir uns dieser Wahrheit im Gespräch nähern. Wir bekommen eine Ahnung von ihrer Grösse und Bedeutung.

Eine zweite Art der Wahrheitssuche begegnet uns im Werk des englischen Schriftstellers Sir Arthur Conan Doyle. Er gibt der Hauptfigur seiner vier Detektivromane und 56 Kurzgeschichten den Namen Sherlock Holmes. Sherlock Holmes steht dabei für die am Ende des 19. Jahrhunderts neu entstehende forensische Wissenschaft. Der beratende Detektiv, wie Holmes seine Funktion selbst benennt, misstraut Zeugenaussagen. Er weiss darum, wie leicht sich Menschen in ihren Sinneseindrücken täuschen, oder gar getäuscht werden. Deshalb verlässt er sich nicht auf Zeugenaussagen, sondern beobachtet genau und schliesst aus vielen kleinen Beobachtungen auf die Wahrheit.

Diese deduktive Methode schliesst aus den Spuren, die ein Ereignis hinterlassen hat, auf das Ereignis selbst. So schliesst er aus flachen, zum Haus hinführenden und tiefen, vom Haus wegführenden Fussspuren auf einen Diebstahl. Anderorts erkennt er in einer leeren Weinflasche und einem ganzen und einem zerbrochenen Glas einen Streit zwischen Freunden. Und vieles weitere mehr.

Sherlock Holmes beobachtet. Er stellt Theorien auf. Er verwirft sie, wenn die Fakten ihr nicht entsprechen. Stets nach seinem Motto: „Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrigbleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist.“

Anders als Wäckerli liest Holmes nicht in den Zeugnissen der Menschen, sondern die Welt, soweit sie für seinen Fall in Frage kommt.

Lässt man diese Einschränkung weg, so ist es ein kurzer Schritt zu den Versuchen der Theologie Gott zu beweisen. Hier wird versucht aus der Welt zurück auf ihre Ursache, den Schöpfer zu schliessen. In klassischer Form lautet dieser Gottesbeweis: Jedes Ding in der Welt ist Folge eines früheren Dings. Da auch dieses frühere Ding, wiederum Folge eines noch früheren Dings ist und ebenso dieses wieder ein noch früheres als Grund haben muss, kann man in unendlicher Reihe auf einen ersten Grund schliessen. Dieser Grund muss Gott sein. Aus dem Fallen einer Reihe Dominosteine wird auf den Finger geschlossen, der den ersten Stein umstiess.

Wenn die klassischen Gottesbeweise ihren Status als Beweise auch verloren haben, so kann man sie dennoch als gute Gründe für den Glauben an Gott bezeichnen. Es lohnt sich über sie nachzudenken.

Der Gott der klassischen Gottesbeweise muss nicht der christliche Gott sein. Hier ist der Suche nach Wahrheit mit der Methode eines Sherlock Holmes ihre Grenze gesetzt. Wie auch der Detektiv im einen oder anderen Fall mit seiner Theorie nicht ganz die Wahrheit trifft, so ist die Suche nach Gott aus den Spuren in der Welt kein Weg, der zur völligen Erkenntnis Gottes führen kann.

Sowohl Gottfried Wäckerli als auch Sherlock Holmes kommen der Wahrheit mit ihrer Methode auf die Spur. Es ist gut, wenn wir uns in unserem Suchen nach Gott von ihnen inspirieren lassen. Wir sollen den Zeugen der Bibel so genau zuhören, wie der Polizist von Allenwil. Wir dürfen in der Natur über die Spuren Gottes in seinem Werk staunen und ihnen auf dem Weg zu Gott folgen, wie der Detektiv aus der Baker Street 221B seinen Beobachtungen folgte.

Doch zur Gewissheit führen uns beide Wege nicht, wie auch der Leser im Krimi nicht durch die Arbeit der Ermittler zur Gewissheit findet. Die Gewissheit, dass der Fall wirklich gelöst ist, findet der Leser des Detektivromans erst am Schluss. Es ist diese Gewissheit, die ihn das Buch erst beruhigt zur Seite legen lässt. Gewissheit bringt erst das finale Geständnis des Täters.

Auch wir finden die Gewissheit in der Religion nicht in der Natur und nicht im Lesen der Bibel. Erst wo Gott uns sein Geständnis ablegt, wo er sich uns persönlich offenbart als der Urgrund unseres Lebens, wird uns diese Gewissheit geschenkt. Erst wenn Gott uns begegnet findet unsere Seele den Trost der Wahrheit.

Möge Gott uns seinen Geist geben, der uns diese Wahrheit zeigt. Jesus Christus allein kann uns den Vater offenbaren. Erst ihn ihm können wir erkennen. Oder wie es im Epheserbrief heisst:
„Der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.“
Amen

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