Der fordernde Fremde

Das Mehl im Krug wird nicht ausgehen, und der Ölkrug wird nicht leer werden, bis zu dem Tag, an dem der HERR dem Erdboden Regen gibt.
1. Kön 17,14

Liebe Gemeinde

Ganz schön dreist, dieser Elija aus Tischbe. Er kommt als Flüchtling in ein fremdes Land. Er begegnet einer Witwe. Nicht bittend, sondern fordernd. Sie solle ihm von dem Wenigen geben, das ihr zum Leben blieb. Elija verlangt bewirtet zu werden. Erst danach soll sich die arme Frau um ihren Sohn und sich kümmern. Eine Frechheit. Ich hätte den Fremden wohl in hohem Bogen aus meinem Haus geworfen. „So nicht, Bürschchen!“ hätte ich gesagt.

Nicht, dass ich einem Menschen in Not nicht helfen würde. Wer anständig an der Pfarrhaustüre fragt, darf mit Unterstützung rechnen. Vielleicht ist es nur ein Gespräch, ein Volg-Gutschein oder ein freundliches Wort, das ich bieten kann. Mitunter ist ein Wunsch auch zu gross, als dass ich ihn mit den Mitteln der Kirchgemeinde erfüllen kann, aber ich versuche den Bittenden doch wenigsten bei einer Stiftung oder einer spezialisierten Stelle unterzubringen. Und selbst wo dies nicht möglich ist, versuche ich doch zumindest Verständnis und Empathie für die Situation des Gegenübers aufzubringen.

Doch kommt mir einer fordernd und wirft mir aggressiv ins Gesicht: „Sie müssen mir so und so viel Geld geben. Sie sind Pfarrer!“ Wird er wohl enttäuscht werden. Die Art und Weise der Hilfe bestimme immer noch ich! Ich bin weder Kiosk noch Kassenschrank und schon gar kein Selbstbedienungsladen! Selbst wenn ich nach aussen meistens freundlich bleibe, innerlich tobt ein Sturm der Entrüstung zur Musik von Polo Hofer!

Einer, wie Elija, bekäme bei mir seine Wünsche nicht erfüllt. In dieser Hinsicht bin ich kein Pfarrer, wie man ihn sich vorstellt. In dieser Hinsicht bin ich wohl ein schlechter Christ, denn es fällt mir nicht ein, die andere Backe hinzuhalten.

Wohlgemerkt. Ich würde einen Elija nicht grundsätzlich wegschicken. Doch er müsste Bitten und nicht Fordern, wie er es bei der Witwe von Zarefat tat. Er müsste mir erklären und erzählen, was in seinem Leben vorgefallen ist und was ihn nun in mein Haus führt.

Vielleicht würde er beginnen zu erzählen. Von seiner Kindheit in Tischbe. Wie er als kleiner Junge die Schafe hütete. Die Familie bestellte den Boden nach dem überlieferten Recht Israels. Es ging ihnen ganz gut. Wenn sie auch keine Reichtümer anhäuften, so hatten sie doch genügend zu Essen und mussten sich über die Zukunft keine Sorgen machen.

Doch dann stieg Achab, der Sohn Omris, zum König auf.

Omri war der erste König Israels, der seine Spuren nicht nur in der Bibel, sondern auch in archäologischen Zeugnisssen hinterlassen hat. Noch heute kann die Mescha-Stele im Louvre in Paris besichtigt werden. Mescha, der König von Moab, musste sich in einer kriegerischen Auseinandersetzung gegen Omri behaupten. Die geglückte Verteidigung gegen den Angreifer verewigte er auf der Mescha Stele, die vom Verlauf des Kampfes berichtet und dabei Omri zweimal nennt.

So erfahren wir indirekt etwas über die damaligen Vorgänge. Omri begründete eine Dynastie. Als König über das Nordreich, das nach biblischem Bericht aus dem Zusammenbruch des Grosskönigreichs Israel hervorging, über welches Saul, David und Salomo geherrscht haben, musste er zuerst wieder ein Königreich erobern. Denn beim Zusammenbruch des Grosskönigreichs blieben einzelne, untereinander zerstrittene Fürstentümer zurück. Jeder strebte nach der Macht. Omri errang sie schliesslich im Norden und knüpfte an die Israel Tradition an.

Für die Landbevölkerung änderte sich durch diese Vorgänge vorerst nichts. Wie die Familie Elijas bestellten sie weiterhin ihre Felder und weideten ihre Schafe. Sie beriefen sich dabei auf das überlieferte Recht Israels.

Doch als Omri starb und Achab König wurde, änderte sich die Lage. Achab erbt ein Königreich. Doch noch ist es nicht gefestigt. Er will ihm eine staatliche Form geben. Dazu ändert er das Gesetz. Nicht länger gilt das überkommene Recht Israel, Achab erlässt eigene Gesetze. Insbesondere der Bodenbesitz wird neu geregelt. Künftig liegen alle Rechte an ihm beim König.

Familien, wie die Familie Elijas, verlieren ihre Existenzgrundlage. Der Boden, den sie seit Generationen bestellen, gehört ihnen plötzlich nicht mehr. Der König verteilt ihn neu nach seinen eigenen Vorstellungen.

Was damals vor fast 3000 Jahren geschah, wiederholt sich heute auf ähnliche Weise in Afrika und Südamerika. Die Bevölkerung des Landes verliert ihr Recht am Boden. Äcker, die seit Jahrhunderten von derselben Sippe bestellt wurden, werden plötzlich von korrupten Regierungen im Namen des Fortschrittes und der Entwicklung an internationale Konglomerate verkauft. Die ursprüngliche Bevölkerung wird vom Land vertrieben, das nun einem anderen gehören soll. Die Konzerne nutzen ihr Land, das sie nach eigenem Empfinden rechtmässig vom Staat kauften. Modern spricht man von „Land Grabbing“.

Elija erlebt mit wie das alte, von Gott gegebene Recht ausgehöhlt wird. Achab hält nicht am biblischen Gott und seinen Geboten fest. Vielmehr erneuert er den alten Kult um Ba‘al. Ob er aus politischem Kalkül handelte oder ihn seine religiöse Überzeugung trieb, lässt sich nicht mehr sagen. Auf jeden Fall diente ihm der Ba‘alskult zur Legitimierung seiner Politik.

Elija konnte nicht länger schweigen. Er musste reden. Er war sich gewiss von Gott gesandt zu sein. So kam er nach Samaria. Er verkündete seine Botschaft als Wort Gottes Achab. Soziales Engagement und religiöse Botschaft verknüpften sich in seinen Worten. In diesem Konflikt geht es nicht nur um das Recht am Land. Es geht um mehr, als um den Kampf um den Besitz am eigenen Boden. In der Auseinandersetzung geraten auch zwei Götter aneinander. Ba‘al und der Gott des Alten Testamentes. Fruchtbarkeitsgott und Schöpfergott.

Für uns wird es wohl keine Überraschung sein, dass der König nicht hören will. Auch wer heute biblisches argumentiert, wird wohl eher belächelt als gehört werden. Immer, wenn sich die Kirche mit biblischer Botschaft in einen Abstimmungskampf melden, treten auch Menschen zur Kirche aus. Man will die Botschaft nicht hören. Achab will Elija zum Schweigen bringen. Er muss fliehen.

Eine grosse Dürre kommt über das Land. Der Regengott Ba‘al vermag es nicht Wasser zu bringen. Der biblische Gott hindert ihn daran. Der Gott Elijas ist mächtiger als der Gott Achabs.

Doch die Dürre betrifft nicht nur Israel. Auch die Nachbarvölker sind von der dreieinhalbjährigen Trockenheit betroffen. Die Saat geht nicht auf. Die Frucht wird nicht reif. Die Ernten fallen aus.

Hunger kommt über die Welt. Auch Elija ist betroffen. Eine Vision Gottes sendet ihn ins Ausland nach Zarefat im Norden.

Hier trifft er auf die Witwe und ihren Sohn. Dort klopft er an meine Tür.

Vielleicht hätte ich ihn weggewiesen. Vielleicht hätte ich ihn mir seine Geschichte erzählen lassen. Die namenlose Frau aus der Erzählung tut weder das eine, noch das andere. Sie gibt ihm Wasser und sie wird ihm Brot backen aus den wenigen Vorräten, die sie noch hat. Auch sie ist betroffen von der Dürre. Sie droht ihr und ihrem Sohn den Tod zu bringen.

Ob Gott sie auf das Kommen Elijas vorbereitet hatte? Elija nimmt es an. Gott teilte es ihm in seiner Vision mit. Doch die Witwe scheint so ganz und gar unvorbereitet getroffen zu sein. Dennoch hilft sie Elija. Sie vertraut darauf, dass es gut kommt. Sie gibt ihm sprichwörtlich das letzte Brot.

Sie ist bereit zu sterben. Es gibt keine Hoffnung mehr für sie und ihren Sohn. Sie tut wie ihr geheissen. In ihrem hoffnungslosen Vertrauen wird sie gerettet.

Das Mehl im Krug geht nicht aus. Der Ölkrug wird nicht leer. Gemeinsam überstehen sie die Dürre.

Was können wir daraus lernen?

1. Als Christinnen und Christen ecken wir in der Welt an, wenn wir mit unserem Glauben und der Bibel argumentieren. Wir stossen nicht auf offene Ohren. Unsere Botschaft will kaum einer hören. Achab wollte Elija zum Schweigen bringen. Er floh. Darin blieb er dem Wort Gottes treu.

2. Wir haben die Wahrheit nicht. Das Wort Gottes ist uns anvertraut. Nicht als Besitz und nicht als Antwort, sondern als Grund zur Hoffnung. Wir wissen das Wort Gottes nicht, wir vertrauen ihm.

3. Es kann sich lohnen auch dem dreisten Flüchtling zuzuhören. Die Witwe hätte allen Grund Elija davonzujagen. Er kommt und fordert im Namen eines Gottes, der nicht der ihrige ist. Er verlangt, anstatt zu bitten. Er will vor ihr und ihrem Sohn gesättigt werden. Er beruft sich auf das Gastrecht, wie es Israel geboten ist. Die arme Frau hätte allen Grund ihn nicht anzuhören. Doch sie tut es. Sie vertraut.

4. Soziales Engagement und religiöse Botschaft gehören zusammen. Elija verkündigt keinen abstrakten Gott, sondern den lebendigen Herrn der Welt. Dieser Gott gehört nicht in das Private verbannt. Er ist zu gross für das stille Kämmerlein. Sein Wort gilt der Welt. Seine Liebe gilt den Menschen. Sein Wort betrifft den Glauben und das Handeln. Als Christinnen und Christen müssen wir zugleich auf ihn vertrauen und uns sozial engagieren.

5. Es ist besser das Gebot Gottes zu erfüllen ohne es zu kennen, als es zu kennen und dennoch nicht zu tun. König Achab kannte die Gebote. Doch er missachtete sie. Sie standen seinem Willen zur Staatsbildung im Weg. Die Witwe von Zarefat dagegen war keine Israelitin. Sie kannte weder Gott, noch sein Gebot. Dennoch nahm sie Elija auf. Auch wenn er kein einfacher Gast war, bot sie ihm in ihrem Haus Platz. Sie schenkte ihm Sicherheit, gab ihm Nahrung und teilte ihren kleinen Besitzt. So fand sie Gnade bei Gott.

Wer auf Gott vertraut, wird nicht enttäuscht. Auch in der Dürre geht ihm Mehl und Öl nicht aus. Auch in den trüben Stunden leuchtet sein Licht. Auch auf dem schwersten Weg ist er der Ausweg. Er ist mit uns. Er ist unser Gott.
Amen

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