Ich bin bei dir!

Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir!
Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!
Ich mache dich stark, ja, ich stehe dir bei!
Ja, ich halte dich mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit!
Jes 41,10

Liebe Gemeinde

Was für ein Geschenk, wenn nach neun Monaten Schwangerschaft ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblickt. Wie wunderbar, wenn er mit liebenden Händen in Empfang genommen wird. Das neue Leben wird mit Freudentränen und fröhlichem Lachen begrüsst. Die Welt, so hart sie auch sein kann, zeigt sich dem Kind als erstes von der hellen, strahlenden, glücklichen Seite.

Neun Monate des Wartens, des Bangens, der Hoffnung, der Vorfreude und der Vorbereitung sind vorbei. Ist die Geburt glücklich überstanden, fällt mancher werdenden Mutter und werdendem Vater ein Stein, ein Fels, ja ein ganzes Gebirge vom Herzen. So fürsorgend und vorsorgend die moderne Geburtshilfe auch ist, kann sich doch nicht jede Sorge von der Schwangeren fernhalten. Ja, mitunter ist gar ihre Diagnostik Anstoss für schlaflose Nächte. Der modernen Medizin zum Trotz ist es doch nicht nur ihr Verdienst, wenn einer Familie eine gesunde Tochter oder ein gesunder Sohn geborgen wird.

Doch mit der Geburt ist das Sorgen nicht vorbei. Es beginnt erst recht. Es ist ein langer Weg vom Baby zum Erwachsenen mit einer gestärkten Persönlichkeit. Das Kind ist auf diesem Weg auf die Unterstützung seiner Eltern angewiesen.

Es ist eine schöne Aufgabe, das eigene Kind auf dem Lebensweg begleiten zu dürfen. Es ist aber auch eine grosse Aufgabe. Ich stelle mir vor, dass einem dabei auch einmal Angst und Bange werden kann. Es gibt nicht nur Sonnenstunden. Auch Sorgen gehören mit zu diesem Weg. Das gilt für beide, Eltern und Kind.

Ob wohl der Taufspruch, den wir in der Taufe Levi als Segenswort mit auf den Lebensweg gegeben haben, in dieser Aufgabe eine Hilfe und Unterstützung sein kann?

Ich meine Ja. Der Vers über der Predigt kann als Leitmotiv in der Erziehung eines Kindes helfen. Er enthält wesentliche Punkte, die einem Kind dabei helfen in der Welt anzukommen. Der Taufspruch kann zum Leitwort werden, das den Weg zu einer starken, erwachsenen Persönlichkeit weisst. Einem Erwachsenen, der selber Vater oder Mutter werden kann und aus der Kraft seines eigenen Weges frei und verantwortungsvoll lebt.

Diese Wegweiser sind: „Ich bin bei dir!“, „Ich stehe dir bei!“ und „Ich halte dich!“

„Ich bin bei dir!“

Das Gegenteil von Angst ist Geborgenheit. Geborgenheit ist lebensnotwendig für jedes Baby. Nackt, schwach und hilflos wird der Mensch geboren. Ohne die liebende Unterstützung seiner Eltern und den Schutz der Sippe, in die er hineingeboren wird, kann er nicht überleben. Seine Mutter nährt ihn. Sie stillt sein Verlangen. Sie wärmt ihn.

Die Geborgenheit, welche ein Mensch in frühster Kindheit erfährt, prägt ihn ein Leben lang. In dieser Geborgenheit kann das Urvertrauen in die Welt wachsen. Es ist unabkömmlich für eine gesunde Persönlichkeit. Aus der frühkindlichen Geborgenheit wächst ein starkes Ich, das im Unbill des Lebens nicht leicht bricht und anderen eine Stütze sein kann.

„Ich stehe dir bei!“

Die Grundlage des Urvertrauens wird in der frühkindlichen Geborgenheit gelegt. Doch das Baby bleibt kein Baby. Es wächst. Es wird zum Kind. Es beginnt seine Welt zu entdecken.

Es braucht Mütter und Väter mit einem starken Nervenkostüm in dieser Phase. Denn nun ist nicht mehr die fürsorgliche Geborgenheit der ersten Jahre gefragt, sondern die Bereitschaft loszulassen und doch nicht fallen zu lassen.

Die Nähe der Beziehung der ersten Jahre muss sich weiten, damit sie nicht zur hinderlichen Enge wird. Das Kind braucht Raum. Es braucht eigenen Raum. Einen Raum, der nicht beständig von den Eltern überwacht wird. Das Kind braucht Raum für Fehler. Es muss fallen dürfen um das Aufstehen zu lernen.

Wenn es darum geht laufen zu lernen, sehen wir dies instinktiv ein. Die tapsigen Gehversuche lassen wir gelassen geschehen, auch wenn sich die Kleinen mitunter unbeabsichtigt hinsetzten oder sich gar in den eigenen Beinchen verheddern. Mitunter gehört auch die eine oder andere Erschreckensträne mit dazu, doch tut sich kaum ein Kind ernsthaft weh beim Laufen lernen.

Was beim Laufen lernen noch natürlich ist; wohl eher mit einem „Jööh!“ oder einem „Upps!“ seitens der Eltern quittiert wird, ist beim späteren Fehler machen können oft anders.

Natürlich wollen wir nicht, dass unsere Kinder im Leben scheitern. Es schmerzt uns, wenn sie straucheln und fallen. Die Versuchung ist gross sie in die Watte der Überfürsorglichkeit zu packen. Gerne würden wir jede Enttäuschung, jeden Schmerz und jeden Verlust von unseren Kindern fernhalten.

Bloss: Enttäuschungen, Schmerzen und Verluste sind Teil des Lebens. Werden sie dem Kind nicht zugemutet und wird es davor bewahrt, so kann es nicht lernen damit umzugehen. Wer nicht lernt damit umzugehen, der kann nicht stark werden im Leben. Die erste grosse Enttäuschung, der erste tiefe Schmerz und der erste erschütternde Verlust bringen ihn zu Fall.

„Ich halte dich!“

Ja, das Leben bringt die Gefahr mit sich, den Halt zu verlieren. Nicht erst als Erwachse können wir abstürzen. Nicht erst als Erwachsene können wir in die Irre gehen. Nicht erst als Erwachsene können wir an den Herausforderungen des Lebens scheitern.

Abstürzen, sich verlaufen und scheitern gehören gerade mit zum Jugendalter. Ein Kind muss sich von seinen Eltern lösen dürfen. Es muss sich Freiheit erobern. Es muss Grenzen überschreiten, damit es seinen eigenen Platz im Leben finden kann. Es muss den Raum der Eltern verlassen.

Ein harter Kampf mit Gefahren. Liebende Eltern mögen versucht sein ihr Kind davor abzuhalten, doch hindern sie es dadurch nur am Erwachsen werden. Wir sollen unsere pubertierenden Jugendlichen nicht abhalten, aber wir sollen ihnen Halt geben.

Ein Jugendlicher muss scheitern dürfen, auch wenn es schmerzt. Denn nur wer als Jugendlicher auch einmal Mist bauen darf, lernt sich wieder aufzurappeln. Scheitern gehört mit zum Leben. Es kommt alleine darauf an, nach dem Scheitern wieder aufzustehen.

Darf ein junger Mensch in seinem Scheitern erfahren, dass seine Eltern ihm beistehen und ihm helfen wieder auf die Beine zu kommen, so hilft dies entscheidend dazu bei, dies auch als Erwachsener zu können. Nicht die Angst vor dem Scheitern leitet, sondern das Vertrauen auch einmal etwas Wagen zu können!

Liebe Gemeinde

Bei aller Freude, die Kinder in unser Leben bringen, ist ihre Erziehung mitunter doch hartes Brot! Es darf einem zu weilen als Eltern Angst und Bange werden. Dafür muss man sich nicht schämen. Es gehört mit dazu einen Menschen ins Leben zu begleiten.

Doch müssen wir nicht verzweifeln. Angst und Furcht sollen nicht das letzte Wort haben. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass wir nicht nur die Kinder unserer Eltern sind, sondern dass auch Gott uns ein himmlischer Vater und eine tröstende Mutter sein will. Er lässt uns nicht im Stich.

Wie wir für unsere Kinder da sein möchten, ihnen beistehen und Halt geben wollen, so verspricht uns Gott für uns zu sein. Er ruft nicht nur unseren Kindern zu: „Ich bin bei dir!“, „Ich stehe dir bei!“ und „Ich halte dich!“ Auch uns gilt sein Versprechen. Denn wie unsere Kinder immer einen Platz in unserem Herzen haben, so sind wir erst recht von der Liebe Gottes eingehüllt.

Er ist bei uns, wenn wir uns um unsere Kinder sorgen. Er steht uns bei, wenn wir unsere Kinder durch die erste Enttäuschung und Verlusterfahrung begleiten. Er hält uns, wenn wir unseren Kindern aufhelfen.

Wo wir auf ihn vertrauen, da gilt sein Wort uns:
„Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir!
Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!
Ich mache dich stark, ja, ich stehe dir bei!
Ja, ich halte dich mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit!“
Amen

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2 Responses to Ich bin bei dir!

  1. Familie Streit sagt:

    sehr schön gschribe, danke für die schöni Taufi.

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