Es ist vollbracht

Als Jesus nun den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und er neigte das Haupt und verschied.
Joh 19,30

Liebe Gemeinde

Karfreitag. Jesus am Kreuz. Er stirbt. Verurteilt. Unter die Verbrecher gezählt. Ausgestossen aus der Gesellschaft. Als Verfluchter hängt er am Holz. Denn in der Tora heisst es: „[E]in Gehängter ist von Gott verflucht“ (Dtn 21,23). Die Todesstrafe des Kreuzes nimmt den Verurteilten jede Menschlichkeit. Es entstellt das Gesicht durch die Qual der Schmerzen. Es raubt die Würde, weil im Todeskampf jegliche Kontrolle über den Körper verloren geht. Es trübt jedes Erinnern, weil das Kreuz alles Lebendige in der Erinnerung erstickt. Es nahm dem Andenken die Unschuld.

Wer zum Tod am Kreuz verurteilt worden war, starb dreimal. Er starb körperlich. Er starb seelisch. Er starb in der Erinnerung seiner Mitmenschen.

Der Tod am Kreuz war ein stiller Tod. Denn das eigene Gewicht erstickte den Verurteilten langsam. Irgendwann kam die Atemmuskulatur nicht mehr an gegen die Schwerkraft, die die Lungen immer mehr einschnürte. Ein Schrei oder gar ein klares Wort, wie es die Evangelien berichten, passt nicht zu dieser Hinrichtung. Doch das Leben Jesu wollte; konnte nicht still vergehen. Aussergewöhnlich wie sein Sein, sollte auch das Ende sein.

Es ist zu vermuten, dass den ersten Lesern des Johannesevangeliums die Diskrepanz zwischen Erzählung und Wirklichkeit weit mehr auffiel, als sie dem heutigen Leser auffallen kann. Kreuzigungen gehörten zu ihrer Lebenswelt. Sie kannten sie aus nächster Nähe. Sie mussten sie miterleben. Gekreuzigt wurde nicht verborgen vor der Öffentlichkeit. Sie fanden an belebten Strassen und Wegkreuzungen ausserhalb der Städte statt. Das Kreuz sollte wahrgenommen werden. Die Grausamkeit der Strafe sollte abschrecken.

Gemessen an der Realität erzählen alle Evangelien mit äusserster Zurückhaltung. Mancher Leser mag sich angesichts dieser Zurückhaltung fragen, ob die Berichte überhaupt „wahr“ seien. Warum berichtet Johannes nicht von der Qual? Warum verdreht er in seinem Bericht die historische Realität so sehr, dass aus der äussersten Erniedrigung ein Bericht der Erhöhung wird?

Johannes wollte nicht erzählen wie es war. Er wollte erzählen was geschah! Nicht auf der Oberfläche der Wahrnehmung, sondern in der Tiefe der Wirklichkeit. Die Schattenwesen Platons sollten befreit werden und das Feuer der Wahrheit erblicken.

„Es ist vollbracht!“ ist kein historisches Zeugnis. Vielmehr blickt es tief. Es schlägt den Vorhang der Welt zurück und blickt hinter die Bühne der Wahrnehmung. Es reisst ein Loch in die Mauer der Realität und weist den Weg über diese Welt hinaus. „Es ist vollbracht!“ ruft Gott in die Welt hinein.

„Es ist vollbracht!“ Wie können wir diese Worte verstehen?

Es ist ein vielschichtiges Wort. Mindestens drei Ebenen sind zu unterscheiden. Alle sind auf einander bezogen. Sie nähern sich. Sie sind Grundlage unseres Glaubens.

„Es ist vollbracht!“ gilt auf der Ebene des Textes. Es gilt auf der Ebene der Heilsgeschichte. Es gilt auf der Ebene Beziehung von Gott und Welt.

Die Textebene:
Die Schriften des Alten Testamentes spielen in verschiedener Gestalt auf eine Figur an, die von Gott als Retter in die Welt gesandt werden sollen. Dieser Retter wird ganz unterschiedlich gezeichnet. Mal wird er als von Gott gesalbter, als Messias, dargestellt. Mal tritt er als der leidende Gerechte auf. Mal ist er von königlicher Abstammung und kommt als Friedensfürst. Mal heisst es schlicht, er sei der Menschensohn.

Zur Zeit der neutestamentlichen Schriften sind alle diese Vorstellungen zur Vorstellung des Erlösers verbunden. Weil sich Judentum und Christentum noch nicht von der gemeinsamen Wurzel getrennt hatten, stritten die verschiedenen Triebe um die Bedeutung Jesu.

In diese Situation hinein schreibt Johannes sein Evangelium. Er liest die Geschichte Jesus von Nazareth neu. Er beschreibt sein Leben und setzt es in Verbindung mit all diesen Bruchstücken der alttestamentlichen Hoffnung auf einen Messias. Jesus lebte, wie es die Propheten beschrieben. Er starb, wie es das Alte Testament über den Retter vorhersagte. Er erfüllte die Worte. Er war der Messias.

„Es ist vollbracht!“ meint auf dieser Ebene: „Ich habe getan, was ihr vom Messias erwartet. Ich habe die Tora, die Propheten und die Schriften erfüllt.“

Die Erzählung des Johannesevangeliums spitzt sich so am Kreuz zu. Jesus war treu im Kleinen. Er wird auch treu im Grossen sein. Auf ihn ist Verlass.

Die Ebene der Heilsgeschichte:
Würde das Wort „Es ist vollbracht!“ nur auf der Ebene des Textes spielen, so wäre es nicht mehr als eine nette Pointe eines Diskussionsbeitrages. Was hätte es mit uns zu tun, wäre es auf der Ebene des Textes gefangen? Das Wort „Es ist vollbracht!“ muss seinen historischen Ort verlassen, damit es für uns an Bedeutung gewinnt.

Was ich damit meine, ist nicht ganz einfach zu erklären. Ich versuche es über den Umweg einer Analogie aus unserem kirchlichen Leben. Wie jede Analogie hat sie ihre Grenzen.

Am letzten Sonntag feierten wir mit den Schülerinnen und Schülern den Abschluss ihres kirchlichen Unterrichts. Im Zentrum jenes Gottesdienstes stand die Konfirmation. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden traten in den Chor der Kirche. Mit dem Konfirmationsakt wurden sie zu erwachsenen Glieder unserer Kirche erklärt. Das heisst, dass jene Worte der Konfirmationsformel wirkmächtige Worte waren. Sie bewirken was sie besagen. Sie machen aus Kindern Erwachsene.

Mit der Konfirmation ändert sich alles und nichts. Es ändert sich alles, denn die jungen Menschen werden zu Erwachsenen. Es ändert sich nichts, denn sie verhalten sich nach dem Gottesdienst nicht anders als vor dem Gottesdienst. Man sieht ihnen ihr Erwachsensein noch nicht an.

Es braucht noch seine Zeit, bis sie ganz im Erwachsensein angekommen sind. Einige werden dabei auch nie ganz erwachsen. Erwachsenwerden geschieht nicht durch eine Erklärung. Es ist ein Prozess, der in der Welt vielleicht nie ganz abgeschlossen werden kann.

So ist es auch mit dem Wort „Es ist vollbracht!“

„Es ist vollbracht!“ gilt. Die Heilsgeschichte hat ihren Wendepunkt erreicht. In diesem Wort geschah die Versöhnung von Schöpfer und Geschöpf. Die Trennung von Gott und Welt ist aufgehoben. Das Wort schlug das eine Loch in die Wand der Sünde.

Am Kreuz verwandelt Christus die Welt ein für alle Mal. Er stellt die Schöpfung vom Kopf wieder auf die Beine. Er ordnet, was durch den Menschen in Unordnung geraten ist.

Doch es braucht Zeit, eine letzte Zeit, in welcher in der Welt Wirklichkeit wird, was am Kreuz geschah. Unsere Zeit ist die Zeit des Erwachsenwerdens, um es ins Bild der Konfirmation zu übertragen.

Das Kreuz betrifft die Welt. „Es ist vollbracht!“ Es gilt, auch wenn es noch nicht sichtbar ist.

Die Ebene der Beziehung:
„Es ist vollbracht!“ verändert die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Gott lässt sich nicht länger im Bereich des Göttlichen einsperren. Er durchbrach die Gefängnismauer, die der Mensch durch seine Sünde aufgerichtet hatte. Gott liess sich nicht länger unter die Zwänge menschlichen Denkens zwingen.

„Es ist vollbracht!“ aus dem Munde des Totgeweihten ist ein Akt der Befreiung. Er sagt: „Nicht ihr bringt mich um. Ich vollbringe. Ich bringe euch die Treue und die Barmherzigkeit Gottes:“

Wo der Mensch die Treue in der Beziehung zu Gott nicht halten konnte und so zum Sünder wurde. Wo die Untreue des Menschen ihn von Gott trennte, da bleibt Gott treu. Er bleibt sich selber treu, trotz der Untreue des Menschen. Er handelt frei. Seine Treue ist Freiheit in höchster Form.

„Es ist vollbracht!“ streckt dem Menschen die Hand zur Versöhnung entgegen. Es ist geschehen. Der Mensch darf zugreifen.

Was damals am Kreuz fern ab meiner Lebensrealität geschah, betrifft mich in dieser entgegenstreckten Hand. Als Mensch unter Menschen darf ich sie ergreifen. Gott kommt mir entgegen. Die Trennung ist aufgehoben. „Es ist vollbracht!“
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Allgemein, Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.