Investigativ Journalismus

Beteiligt euch nicht an den fruchtlosen Werken der Finsternis, sondern deckt sie auf!
Eph 5,11

Liebe Gemeinde

Ein Bürokomplex. Schreibtisch reiht sich an Schreibtisch. Das Klappern dutzender mechanischer Schreibmaschinen dröhnt durch den Raum. Angetrieben durch flinke Hände sausen die Typenhämmer auf das eingespannte Papier. Buchstaben bilden Worte. Worte reihen sich zu Sätzen. Sätze bilden Absätze. Texte entstehen.

Trotz des ohrenbetäubenden Lärms wird an manchen Arbeitsplätzen emsig telefoniert. Mit wichtiger Miene und harter Stimme brüllen die Männer an den Schreibtischen in die Sprechmuscheln ihrer aschgrauen oder olivengrünen Telefone.

Die Kabel der an den Geräten und das Fehlen von Computerbildschirmen macht es deutlich. Wir befinden uns nicht im Heute. Es sind die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Eine amerikanische Zeitungsredaktion. In schwarzen Lettern steht „Washington Post“ an der Wand.

Zwei junge Journalisten schreiten strammen Schrittes auf das Büro des Redaktionsleiters zu. Durch den Höllenlärm der eifrig tippenden Kollegen hört man Fetzen ihres Gesprächs: „Skandal“, „… ein Verbrechen ohne Gleichen …“, „… damit darf er nicht durchkommen!“ „Wahlkampf“, „Nixon“, „Watergate“.

Anfang der 70er Jahre erschütterte der Watergate-Skandal die amerikanische Gesellschaft. Bisher als unverbrüchlich geltende Werte im politischen Leben des Landes waren über Nacht hinfällig geworden. Der Wahlkampf, der als Krone der Demokratie galt, war beschmutzt. Das Volk sah sich getäuscht und war enttäuscht.

Bis zu jenem Bericht der Washington Post, der alles ins Rollen brachte, glaubte man in der ganzen freien westlichen Welt an faire Wahlen. Nun zeigte sich, dass das Wahlkampfteam des damaligen Präsidenten zur Sicherung der Wiederwahl das Wahlkampfbüro des Herausforderers systematisch ausspionierte.

Im Zuge des Skandals und der Berichterstattung kamen weitere Verbrechen ans Licht, die mit Zustimmung des Präsidenten aus dem Weissen Haus begannen wurden, wenn nicht sogar auf dessen Befehl hin.

Die Berichterstattung in der Zeit führte dazu, dass der Druck der Öffentlichkeit auf Richard Nixon zunahm. Schliesslich gab er seinen Rücktritt bekannt und entzog sich damit einem drohenden Amtsenthebungsverfahren.

Wenn der investigative Journalismus der beiden Reporter der Washington Post auch nicht den Skandal aufgeklärt haben mag, so hat er ihn doch in das Bewusstsein der Menschen gehoben. Er hat ans Licht gebracht, was im Dunkeln geschehen sollte. Das Werk in der Finsternis brachte keine Frucht. Wegen den beiden Journalisten fiel es gar auf den Täter zurück. Es erreichte sein Ziel nicht. Ganz im Gegenteil es führte zum Rücktritt.

Fast könnte man meinen der Vers über der Predigt sei für diese Aufgabe des Journalismus geschrieben. Der investigative Journalismus deckte in den 70er und 80er Jahren manchen Skandal auf. Nicht nur im fernen Amerika, auch bei uns führte die Arbeit unerschrockener Reporterinnen und Reporter zu echten Veränderungen.

Nun richtet sich der Vers aber nicht an Journalistinnen und Journalisten, sondern an die Gemeinde in Ephesus. Er spricht die Glieder der Gemeinde nicht als Einwohner der antiken Stadt an, sondern als Christinnen und Christen. Auch wenn er in eine konkrete Zeit und Situation spricht, so ist sein Inhalt doch auf Grundsätzliches gerichtet. Es geht ihm weniger darum, wie das Christsein im antiken Ephesus zu leben sei, als vielmehr um das grundsätzliche Wesen des christlichen Lebens.

Weil er auf das Grundsätzliche zielt, fühlte sich nicht nur die Gemeinde in Ephesus angesprochen. Bald wurde der Brief von Gemeinde zu Gemeinde gereicht und in Abschriften mit den jeweiligen Orten bezeichnet. In dieser grundsätzlichen Ausrichtung auf das Christsein als solches, spricht er durch die Jahrhunderte hindurch.

Der Vers ist zweitausend Jahre alt. Doch ist er frisch, wie am ersten Tag. Als Christinnen und Christen sollen wir so sein. Es gilt uns: „Beteiligt euch nicht an den fruchtlosen Werken der Finsternis, sondern deckt sie auf!“

Doch gerade, weil das Wort grundsätzliches des Wesens des Christenmenschen anspricht, muss es für unsere Zeit neu gedeutet werden. Was heisst es, wenn wir die Werke der Finsternis aufdecken sollen? Wie können wir dies tun?

Ich sehe im investigativen Journalismus ein Vorbild für diesen Teil des christlichen Lebens. Es ist die Aufgabe eines guten Reporters das verborgene aufzudecken. Weil auch wir Christinnen und Christen aufdecken sollen, können wir uns von der Arbeit der Journalistinnen und Journalisten anregen lassen.

Was tut also ein guter Journalist?

Er stellt Fragen. Er ist kritisch gegenüber jeder Antwort. Er berichtet.

Er stellt Fragen.
Jeder Zeitungsartikel beginnt mit einer Frage. Auch dort, wo diese Frage im Artikel nicht genannt wird, steht am Ursprung der Recherche doch eine Frage, die den Reporter antreibt. Wer ist verantwortlich für die Schlaglöcher in der Hauptstrasse? Was geschah mit dem Geld, das an der Gemeindeversammlung gesprochen wurde? Warum wurde der chinesische Präsident beim Staatsbesuch vor tibetischen Demonstranten geschützt? Wer profitiert vom Machtwechsel in Amerika?

Auch als Christinnen und Christen müssen wir deshalb Fragen stellen. Diese Fragen können religiöser Natur sein. Warum musste Jesus sterben? Sie dürfen nach der Bedeutung der Kirche fragen: Was heisst es als Kirche politisch engagiert zu sein? Sie können die Kirchgemeinde betreffen: Was würde sich ändern, wenn das Schenkenbergertal zu einer Kirchgemeinde fusioniert? Sie dürfen aber auch die Welt betreffen: Wer profitiert vom Raubbau an den Regenwäldern im Amazonasgebiet? Welchen Einfluss hat die Schweizer Aussenpolitik auf die Menschenrechtslage in Kuba?

Wer Fragen stellt, ist neugierig. Er möchte etwas wissen. Er möchte die Zusammenhänge in der Welt verstehen. Er will erkennen, welchen Einfluss er hat und ob er Teil der Lösung oder Teil des Problems ist.

Wer sich nicht mehr für die Welt interessiert und aufhört Fragen zu stellen, der kann kein guter Journalist sein. Wer nicht mehr nach den Werken des Lichts fragt, beteiligt sich schon am Werk der Finsternis. Wer die Welt nicht in Frage stellt, der kann auch nicht aufdecken. Er scheitert im Sinne des Verses über der Predigt. Denn der Christenmensch ist ein interessierter Mensch.

Jede Reportage beginnt mit einer Frage. Doch bleibt diese Frage nicht allein. Es stellen sich weitere Fragen. Wer, was, wann, wo, wie, warum, woher – Diese sieben W-Fragen sind der Werkzeugkoffer des Journalismus. Wer hat, was, wann, wo, warum getan? Woher stammen die Informationen?

Die ersten sechs W-Fragen fragen nach dem Geschehen. Die siebte W-Frage leitet zum nächsten Punkt über. Nicht jede Information ist glaubwürdig! Deshalb gilt vom guten Journalisten:

Er ist kritisch gegenüber jeder Antwort.
Der Reporter hinterfragt die Antworten, die ihm gegeben wurden. Wer gibt mir Auskunft? Welche Ziele verfolgt er mit seiner Antwort? Ist er wirklich im Bilde und ist seine Antwort kompetent? Stehen seine Antworten im Widerspruch zu dem, was ich schon weiss? Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Muss ich gar meine bisherige Meinung revidieren?

Auch als Christinnen und Christen sollen wir kritisch sein. Stimmt es, was uns die Politiker erzählen? Sind die Argumente des Experten zur Flüchtlingsfrage stimmig und nachvollziehbar? Gibt es die Studie zur Schädlichkeit des nächtlichen Glockenschlags wirklich? Was steht darin? Was ist Ergebnis und wo beginnt die Interpretation?

Eine kritische Haltung ist anstrengend. Sie kostet etwas. Doch oft weniger als man meint. Es braucht nur den Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Das heisst im guten Sinne gesunden Menschenverstand zu haben. Aber eben: Es braucht die Auseinandersetzung!

Wer ohne Daten, Argument und Auseinandersetzung meint, es sei doch klar, der zeigt eben gerade keinen gesunden Menschenverstand, sondern er meint seine eigene Antwort müsse er nicht kritisch prüfen.

Wer aber die eigenen Antworten nicht kritisch prüft, der läuft ganz schnell Gefahr die Werke der Finsternis zu tun. Das Böse wirkt tief in unseren Herzen. Es vernebelt unser Denken. Ohne Richtschnur von aussen, kann es uns in die Irre führen. Es kann uns das Herz trüben, so dass wir Finsternis für Licht halten.

Die Verse des Epheserbriefs wissen es: „Prüft, was dem Herrn gefällt“, haben wir in der Lesung gehört. Auch uns selbst sollen wir prüfen. Auch uns selbst gegenüber kritisch sein!

Der Journalist stellt Fragen. Er sucht Antworten im Gespräch und in Publikationen. Er prüft kritisch und hinterfragt seine Quellen und sich selbst. So findet er Antworten. Doch seine Arbeit wäre nutzlos, wenn er sie nicht als Artikel oder in Buchform veröffentlichen würden.

Er berichtet.
Seine Suche nach Antworten ist nicht Selbstzweck. Er will seine Leser informieren. Er hat etwas zu sagen und will es der Welt mitteilen.

Als Christinnen und Christen haben wir unsere Fragen. Wir suchen nach Antworten. Mitunter erleben wir unglaubliches mit Gott. Doch reden wir darüber?

Es ist seltsam. Es scheint zwei Arten von Christen zu geben. Anders als bei den Journalisten, unter denen es ganz verschiedene Ausrichtungen und Weltanschauen gibt, berichten bei den Christen nur die Einen von ihren Erlebnissen mit Gott. Die Andern schweigen.

Es gibt die extrovertierten Christinnen und Christen, die in heiliger und manchmal auch scheinheiliger Art über ihren Glauben reden. Doch kommt in diesem Reden selten die ganze Bandbreite christlichen Glaubens, Fragens und Antwortens zum Tragen.

Neben den Zeugen, gibt es die grosse Masse, der introvertiert Glaubenden. Sie behalten lieber für sich, was sie entdeckt und erlebt haben. Religion sei Privatsache heisst es dann. Über das, was privat ist, redet man nicht. Es soll in der Familie bleiben. Höchsten einem guten Freund oder der besten Freundin erzählt man davon.

Stellt euch einmal vor auch im Journalismus wäre das so! Wenn nur noch Blick-Journalisten berichten würden und alle anderen aber ihre Ergebnisse für sich behalten würden? Unvorstellbar!

Warum aber meinen wir als Christinnen und Christen, dass nur eine Art des Glaubens das Recht hat zur Sprache zu kommen? Warum schweigt der zweifelnde, tastende, suchende Christ über seinen Glauben? Warum kommt nicht die ganze Bandbreite des Glaubens zur Sprache? Ist es denn wirklich so, dass nur über den festen, anfechtungserprobten und starken Glauben gesprochen werden darf?

Ich meine es wäre im Sinn des Verses aus dem Epheserbrief, wenn auch der schwache, zweifelnde, nach Licht suchende und selbstkritische Glaube bezeugt werden würde. Ein solches Zeugnis mag nicht mit der Grösse und Wunderbarkeit des Erlebten beeindrucken, doch es lädt gerade durch seinen scheinbaren Mangel an Gewissheit manchen suchenden ein, seine Fragen zu stellen und seine Kritik auszusprechen.

Im Sinne eines bunten Gemeindelebens muss gerade auch dieser Glaube zur Sprache kommen.

Egal, was eure Fragen, Antworten und Zweifel auch sein mögen, berichtet davon. Kommt ins Gespräch. Schweigt nicht.

Der Vers aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus ruft dazu auf, die Werke der Finsternis aufzudecken. Wer nachfragt und kritisch ist, ist einer der aufdeckt. Doch ans Licht kommt erst, was berichtet wird.

Stell deine Frage. Hake nach und sei kritisch. Berichte von dem, was du mit Gott erlebst.
Amen

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