Wüstenzeit

Dann wird der Lahme springen wie der Hirsch,
und die Zunge des Stummen wird jubeln,
denn in der Wüste brechen Wasser hervor
und Flüsse in der Steppe.
Jes 35,6

Liebe Gemeinde

Die Israeliten hadern mit Mose. Sie haben kein Wasser. Die Wüstensonne brennt. Vor sich sehen sie nichts als Steine, Fels und Sand. Ihr Weg für sie in unbekanntes und feindliches Land. Niemand wartet auf die entlaufenen Sklaven.

Hinter ihnen liegt Ägypten mit seinem fruchtbaren Ackerland und seinen vollen Kornkammern. Der Nil nährt. Wie eine Nabelschnur des Lebens zieht er sich durch das Land. Sein Schlamm düngt die Böden. Sein Wasser stillt das Verlangen von Mensch und Tier. Das alte Ägypten kennt keinen Durst.

Doch es gibt kein Zurück für das Volk. Mose, der von Gott erwählte Befreier, führte sie in die Wüste. Die Freiheit, die Gott seinem Volk schenkt, ist keine Freiheit ohne Sorgen. Zur Freiheit des Gottesvolkes gehört die Not. In der Wüste sind sie frei und zugleich bedroht.

Diese Freiheit haben sie sich nicht gewünscht. Sie ist nicht nach ihrem Gusto. Sie haben kein Wasser. Babys schreien. Kinder weinen. Mütter verzweifeln. Männer schimpfen. Witwen klagen. Miesmacher hatten es ja immer schon gewusst: Das nimmt kein gutes Ende.

Das Volk hadert mit Mose.

Hadern. Welch wunderschönes Wort. Der Staub des Vergangenen hat sich auf dieses Wort gelegt. Es hat Patina. Vielleicht ist es auch etwas abgegriffen, wie ein Paar alte Schuhe, in denen man schon weite Wege ging.

Mir fällt auf, dass das Volk nicht schimpfte, nicht fluchte und nicht demonstrierte. Nein, es hadert. Die Israeliten führten ein Hader mit Mose.

Ein Hader meinte ursprünglich einen Zweikampf. Später dann auch eine gerichtliche Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien. Beides, Zweikampf und Prozess vor Gericht, wurde nach bestimmten Regeln ausgefochten. Wenn das Volk mit Mose hadert, war kein chaotischer Zustand gemeint. Vielmehr verlief dieser Hader in bestimmten Bahnen und nach traditionellen Regeln.

Dieser komplexe Prozess brauchte seine Zeit. Er hatte Dauer. Es war eine ernste Angelegenheit und nicht ganz unkompliziert. Man konnte sich im Hader verheddern, wie es in der Mundart heisst.

Vielleicht geht das nur mir so, aber ich kann das Volk gut verstehen. Auch ich kenne das. Man trifft eine Entscheidung. Es fühlt sich gut an. Die ersten Schritte gehen leicht. Es gelingt, wie man es sich gewünscht hat. Man befreit sich aus einem alten Zwang, wie das Volk Israel aus dem Zwang der Sklaverei in Ägypten befreit worden ist.

Man durchschreitet auf fast schon wundersame Weise das Meer der ersten Widerstände. Die Zuversicht ist gross. Ich bin auf dem richtigen Weg. Gott ist mit mir. Es kommt gut.

Es muss kein grosser Aufbruch sein, wie es bei den Israeliten gewesen ist. Es muss nicht die Berufswahl sein, die Entscheidung zu Heiraten oder die Geburt vom ersten Kind. Es kann auch im Kleinen sein. Eine neue Sprache, die man lernen möchte. Eine neue Handarbeitstechnik, die man sich aneignen will. Eine neue Art sich gesünder zu ernähren, die man beabsichtigt sich anzugewöhnen. Oft fallen die ersten Schritte leicht. Es geht wie von selbst.

Doch dann gerät das Fortkommen ins Stocken. Es wird anstrengend. Man kommt nicht weiter. Man steht an. Es will nicht gelingen.

Zumindest mir passiert es dann gern, dass ich in dieselbe Falle tappe, wie die Israelitinnen und Israeliten. Ich beginne zu hadern. Mit der Entscheidung. Mit dem Schicksal. Mit mir selbst.

Das Volk hadert zwar mit Mose, doch im Grunde geht es um den Hader mit der eigenen Entscheidung.

Niemand zwang sie aus Ägypten aufzubrechen. Der Pharao hätte sie gerne hierbehalten. Mose sträubte sich gegen den göttlichen Auftrag am brennenden Busch. Gott bot die Freiheit dem Volk an. Durch Mose liess er seinen Bund den Israelitinnen und Israeliten antragen. Keiner machte einen Hehl daraus, dass der Weg lang, beschwerlich und reich an Gefahren sein wird. Das gelobte Land, in dem Milch und Honig fliesst, liegt nicht hinter dem nächsten Hügel.

Und doch. Die Menschen haben das Angebot angenommen. Aus freien Stücken flohen sie aus Ägypten. Alles schien besser als das Leben im Sklavenhaus. Freiheit! So lautete ihre Losung. Lieber in Freiheit sterben, als in Ägypten als Sklaven leben! In Ägypten hätten sie diese Sätze unterschrieben.

Doch jetzt auf dem Weg? In der Wüste ohne Wasser? Die Babys schreien und Kinder weinen vor Durst. Den Frauen und Männern brennt das Verlangen nach Wasser in der Kehle. Das Sterben in Freiheit ist zur realen Möglichkeit geworden.

Angesicht des drohenden Todes verlässt sie der Mensch. Sie hadern mit sich und ihrer Entscheidung. Ein Sündenbock muss her. So hadern sie mit Mose, ihrem Anführer, der es nie sein wollte.

Der Weg durch die Wüste ist eine Prüfung. Gott hat ihnen die Freiheit geschenkt, doch sind sie dieser Freiheit auch würdig? Werden sie an ihm festhalten, wenn ihr Vertrauen auf die Probe gestellt wird?

Sie hadern mit Mose. Sie kämpfen mit der eigenen Entscheidung. Noch ist die Prüfung nicht überstanden. Ja, sie hat eben erst richtig begonnen.

Der Weg in Gottes Verheissung ist ein langer Weg. Prüfungen und Versuchen gehören mit dazu. Auf dem Weg des Gottesvertrauens kann der Mensch scheitern. Der Weg ist schwer. Damals genauso wie heute.

Als Christinnen und Christen gehen wir einen ähnlichen Weg, wie ihn das Volk damals in der Wüste beschritten hatte. Zwar führt uns unser Pfad nicht durch eine Wüste aus Stein und Fels, und doch erleben auch wir steinige Abschnitte auf unserem Lebensweg. Auch wir können in eine Wüste der Schicksalsschläge und der Ausweglosigkeit geraten. Der Durst nach gelingendem Leben kann uns quälen, wie die brennende Sonne Ägyptens das Volk Gottes quälte.

Sie schauten aus nach Wasser, doch sie sahen keines. Nur Stein und Fels. Doch gab es wirklich kein Wasser?

Gott griff ein. Tat er ein Wunder und liess das Wasser aus dem Fels quellen? Oder bestand das Wunder nicht eher darin, dass Mose seiner Stimme folgte und die Quelle entdeckte?

Mir scheint es so, dass auch wir das Wasser in der Wüste unseres Lebens oft nicht sehen. Dabei ist es oft gar nicht weit weg.

Das Wasser, das ich meine, ist das Wort des Lebens, wie Gott es uns zugesprochen hat. Es steht bei vielen ganz nahe. Kaum ein Bücherregal in dem nicht eine Bibel steht.

Doch in der Wüstenzeit vom Leben vergisst mancher das Wort. Er hat es in der satten Zeit von seinem Leben nicht kennengelernt. Und selbst wenn er das Buch aus dem Regal nimmt, so scheint es ihm nun erst recht eine Wüste zu sein.

Die Worte der heiligen Schrift sind tote Steine. Die Texte eine Wüste aus schwarzer Farbe auf weissen Papier.

Das Wort von Gott offenbart nicht unbedingt auf den ersten Blick die Fülle des Lebens, die es enthält. Man muss das Wasser des Lebens in ihm finden.

Gott hilft dem Volk in der Wüste. Er leitet Mose durch sein Wort zum rechten Fels. Mit seinem Stab schlägt er auf den grossen Stein. Er tut sich auf und das Wasser quillt hervor.

Es ist der gleiche Stab den er vor den Pharao warf und der sich in eine Schlange verwandelte. Es ist der gleiche Stab, den er in die Luft hob, als sich das Meer teilte. Dieser Stab von Mose ist kein Zauberstab. Jedoch steht er für die Kraft des Höchsten.

Diese Kraft kennen auch wir. Unser Symbol für sie ist kein Stab, sondern ein Vogel. Als Taube dargestellt kommt sie in der Taufe auf Christus. Als Flamme legt sie sich an Pfingsten auf die versammelte Gemeinde.

Die Kraft Gottes ist sein Geist. Der Heilige Geist öffnet die Quelle im Fels. Der Heilige Geist öffnet uns das Wort der Bibel, wenn es uns zur Wüste wird, ob der Sorgen des Alltags. In ihm schliesst uns Gott die Quelle des Lebens auf. Im Vertrauen auf ihn dürfen wir lebendiges Wasser schöpfen. Er wird uns zur inwendigen Quelle der Kraft, der Hoffnung und des Trostes.

Die Israelitinnen und Israeliten stillten ihren Durst in der Wüste. Das Wasser aus dem Felsen erlöste ihre Kinder von ihrer Qual. Gerade als der Tod in Freiheit zur bedrohlichen Möglichkeit wurde, schenkte Gott Leben.

Die Freiheit, zu der Gott uns befreit, ist keine Freiheit zum Tod, sondern eine Freiheit zum Leben. Doch ist sie nicht unser Besitz. Die Quelle seines Wortes muss sich uns immer wieder öffnen. Gott gibt seinen Geist dazu.

Die Zeit in der Wüste gehört mit zu unserem Lebensweg. Wie das Volk dürfen auch wir hadern. Wir dürfen uns beklagen und wir dürfen in Zweifel geraten. Doch ist der Hader tödlich, wo wir die Quelle vergessen.

Auch im grössten Zweifel, ja in der tiefsten Verzweiflung dürfen wir Gott um seinen Geist bitten. Er vermag es den Felsen des äusseren Wortes zu brechen. Aus seinem Spalt fliesst das lebendige Wasser des inneren Wortes.

Der Kampf mag hart, der Weg mag weit sein. Doch im Vertrauen auf Gott können wir ihn gehen. Er bricht den Felsen entzwei. Er lässt uns an seinem Wasser laben.
Amen

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