Das Grab ist nicht leer!

Kommt, seht die Stelle, wo er gelegen hat.
Mt 28,6

Liebe Gemeinde

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, machte ich eine Entdeckung, die mein junges Leben veränderte. Meine Grossmutter gab mir ein Stück Metall. Es war rund, silberglänzend und zeigte auf der einen flachen Seite eine Frau mit Schild und einem Speer. „Das isch Geld“, erklärte sie mir. „Dämit chasch diir öppis kaufe. Chum ich zeigs diir.“ Sie nahm mich an die Hand und wir schlenderten zum Migrosverkaufswagen, der damals noch wöchentlich bei uns im Quartier Station machte. Ein Laden auf Rädern. Ich kaufte ein Glacé und Süssigkeiten. Ich begriff: Mit Geld bekommt man, was das Herz begehrt. Ich muss mehr von diesen silbernen Scheiben haben.

Bald merkte ich auch, dass man diese silbernen Scheiben nicht einfach so bekommt. Man musste etwas dafür tun. Einkaufen, beim Bügeln helfen oder das Treppenhaus putzen. Immer gab es am Ende die eine oder andere Münze.

„Was gisch miir, wenn ich für dii …“, begann ich zu fragen. Was ich zuerst ohne Aussicht auf Lohn aus Freundlichkeit tat, wurde zum Mittel zum Zweck. Geld und sein Versprechen korrumpieren eine junge Seele schnell.

Ich glaube, meiner Mutter gefiel meine Entwicklung nicht. Als ich das nächste Mal für eine kleine Gefälligkeit einen Lohn forderte, bot sie mir „es goldigs Nüüteli“ an.

So fleissig und schnell hatte ich noch nie gearbeitet. Und tatsächlich. Am Ende bekam ich meinen Lohn. Ein „goldiges Nüüteli“ – wollt ihr es sehen?

Zeigt die leere Hand.

Ja, auch wenn es golden ist – ein „Nütteli“ bleibt ein „Nütteli“. Man kann das Nichts nicht fassen.

Die Frauen machten sich auf zum Grab. Anstatt den Leichnam Christi, finden sie einen Engel. Er verkündigt ihnen: „Fürchtet euch nicht! Denn ich weiss, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat.“ (Mt 28,5f.)

Zum Beweis der Auferstehung zeigt der Bote Gottes den Jüngerinnen die Stelle, wo der Leichnam des Gekreuzigten zur letzten Ruhe gebettet worden war. Eine leere Liege in einem leeren Grab.

Ein Beweis, der kein Beweis ist. Denn fehlt eine Leiche muss der Verstorbene längst nicht auferstanden sein. Es gibt viele Möglichkeiten, die erklären können, wie ein Toter verschwand ohne, dass er ins Leben zurückgekehrt ist.

Die Auferstehung lässt sich nicht beweisen. Sie ist ein Ereignis das die Sphären des Beweisbaren weit übersteigt. Die Auferweckung Christi hat ihre Mitte nicht in dieser Welt. Sie gehört dem göttlichen an. Dennoch wirkt sie in dieser Welt. Wie die Wellen eines Steins, der ins Wasser geworfen wird, berühren ihre Auswirkungen das Ufer unserer Wirklichkeit. Sie streifen es sanft. Sie verlieren sich in den Steinen der Zeit.

Alles, was den Frauen blieb, war ein Nicht-Beweis. Eine leere Stelle. Eine Leerstelle.

Es ist unserem Auge unmöglich das Nichts zu sehen. Das Nichts auf einem Tisch, auf dem nichts steht, sehen wir nicht. Wir sehen nur einen Tisch, auf dem keine Gegenstände stehen.

Wir können das Leere in einer leeren Flasche nicht sehen. Wir sehen nur scheinbar nichts. In Wirklichkeit ist die Flasche nicht leer. Sie ist voll Luft.

Bis in die frühe Neuzeit hinein, war es selbst unter Gelehrten umstritten, ob es überhaupt das Vakuum gibt. Man sprach vom „horror vacui“ der Natur, von der Angst der Schöpfung vor dem Nichts.

Gott lasse es nicht zu, dass es das Nichts gibt. Jeder Raum sei erfüllt von seiner Schöpfung. Denn die Leere sei nicht vereinbar mit der Erhabenheit Gottes.

Ein leeres Grab ist eine Herausforderung. Es ist nicht vereinbar mit der Schöpfung. Es ist neue Schöpfung. Ein neuer Anfang in Mitten der alten Schöpfung.

Mit dem leeren Grab beginnt etwas völlig Neues. Das leere Grab ist kein neuer Teil innerhalb der Schöpfung. Es eröffnet vielmehr einen eigenen neuen Raum. Eine neue Schöpfung, die die alte verwandelt. Kreis um Kreis. Welle um Welle. Schritt für Schritt breitet es sich aus. Sie durchwirkt die alte Schöpfung, wie Sauerteig in frischen Teig geknetet, diesen selbst verwandelt. Die neue Schöpfung mischt sich nicht mit der Alten, so dass sie verdünnt wird. Nein, sie durchzieht die alte Schöpfung, die selbst zu neuer Schöpfung wird.

Man sieht es nicht. Das Grab ist leer. Und doch wirkt es in die Welt.

Man sieht es nicht. Das Grab ist leer. Und doch bleibt es nicht im Verborgenen. Es liegt offen vor uns. Uns fehlen nur die Augen, um es zu sehen. Oder wir schauen mit den falschen Augen.

Was das leere Grab bewirkt, können wir mit den Augen im Kopf nicht sehen. Doch der Glaube und das Hoffen auf Jesus Christus können uns die Augen des Herzens für die Wirklichkeit von Ostern öffnen. Im Vertrauen auf Jesus Christus können wir mitten in der Finsternis des Todes das Licht des Lebens erkennen.

Auch wenn wir es nicht direkt sehen, so ist es da.

In der Kunst und der Grafik hat dieses indirekte Sehen der Seele eine Analogie. Im Bereich des Sehens mit den Augen nennt sich diese Analogie „negativ Raum“. Das scheinbar unerfüllte, das doch gefüllt ist.

Im negativ Raum kann in aller Klarheit eine Botschaft versteckt werden. So enthält das Logo eines amerikanischen Postunternehmens einen verborgenen Pfeil, der Dynamik und eine prompte Zustellung verspricht.

Ihr glaubt mir nicht? Dann seht einmal genau hin, wenn ihr das nächste Mal eine Lieferung von FedEx erhaltet. Zwischen dem E und dem x ist ein Pfeil nach rechts versteckt. Die scheinbar leere Fläche, der Hintergrund zwischen den Buchstaben, wird zum Pfeil. Die Botschaft ist offen da und doch vor den meisten Augen verborgen.

Und jetzt nehmt das Liedblatt hervor. Das Titelbild. Eigenartig? Oder habt ihr es schon erkannt? Die moderne Kunst ist gar nicht schwer zu lesen. Man muss nur auf die Zwischenräume achten. Und schon liest man JESUS.

Einmal erkannt, erkennt man es immer wieder. Ja, unser Hirn kann nicht zurück. Selbst wenn man wieder einfache schwarze Flächen sehen will – es geht nicht. Das Hirn hat JESUS erkannt. Es kommt nicht zurück hinter diese Erkenntnis.

Wie die Negativräume in der Grafik, so bildet auch das leere Grab ein negativ Raum für die Augen unserer Seele. Das Grab ist leer.

Doch wo der Glaube die Augen öffnen, sieht die Seele nicht länger das leere Grab, sondern es erkennt den Auferstandenen. Es sieht ihn, denn das leere Grab ist nicht leer. Es ist ein negativ Raum. Vor allen Augen steht, was doch den meisten verborgen bleibt.

Doch hat es die Seele einmal erkannt, so kann sie es nicht mehr vergessen. Der Glaube hat ihr die Hoffnung auf das ewige Leben eingeschrieben. Sie erkennt es im leeren Grab. Das leere Grab wird zum Urgrund ihrer Hoffnung. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Das Grab ist leer. Wir dürfen auf Christus vertrauen. Er schenkt uns das ewige Leben. Er ist uns Weg zum Vater. In ihm sind wir gerettet.

„Kommt, seht die Stelle, wo er gelegen hat.“
Amen

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