Sprung ins Leben

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Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient.
Römer 8,28a

Liebe Laura
Liebe Tauffamilie
Liebe Gemeinde

Heute sind wir eingeladen Muttertag zu feiern. Wir wollen unseren Müttern danke sagen für all das Gute, das sie an uns getan haben. Es fällt uns leicht. Wir danken unseren Müttern gern, denn sie haben uns das Leben geschenkt. Sie haben uns genährt, wie es unserem Alter entsprach. Muttermilch, Brei, Früchte, feste Nahrung. Nicht alles haben wir mit Freude verzehrt. Kinder sagen auch mal: „Bäh, das esse ich nicht!“ Die meisten von uns waren wohl keine Ausnahme. Unsere Mütter haben es hingenommen. Mit Liebe und Strenge uns davon überzeugt, es doch zumindest zu versuchen.

Sie haben uns ermutigt neues zu probieren. Sie haben uns den Weg ins Leben geführt. Mit Liebe und Strenge haben sie uns begleitet. Die Balance zwischen beidem suchend. Nicht jeder ist es gelungen. Es macht mich traurig, dass am Muttertag nicht jedes Kind aus vollem Herzen seiner Mutter danken kann. Auch das gibt es. Es macht mich umso dankbarer, dass ich nichts vorzuwerfen habe.

„Danke Mami. Danke, dass du mich begleitet hast. Danke, dass du für mich da bist. Danke, dass du dich mit mir freutest und mit mir weintest. Danke, dass du dich um mich sorgtest!“

Ja, auch die Sorge gehört mit zur Mutter. Sie bangen um uns, wissend um die Gefahren auf dem Weg des Lebens. Wissend aber auch, dass sie uns vor diesen Gefahren nicht ewig beschützen können. Ja, dass diese Gefahren mit zum Lebensweg gehören. Wir würden nicht leben, wenn wir nicht in Gefahr wären.

Eine Mutter muss ihr Kind loslassen, wenn es erwachsen werden soll. Eine Mutter muss es auf sich nehmen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter eigene Wege geht. Sie muss den Schmerz aushalten, wenn das Kind auf Abwege gerät. Sie muss es zulassen, dass es Fehler macht, denn aus Fehlern lernen wir, was wir anders nicht lernen wollen. Sie muss bangen, wo Kinder neue Wege gehen. Neue Wege mit unbekannten Gefahren, aber auch mit überraschenden Möglichkeiten. Denn es sind die neuen Wege, die zu neuen Ufern führen. Unentdecktes Land liegt hinter ihnen. Wartend darauf, dass der erste Mensch seinen Fuss daraufsetzt.

Das Leben bietet Chancen. Es bringt Gefahren mit sich. Wir möchten unseren Kindern das eine ermöglichen und sie vor dem anderen bewahren. Doch das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Darin liegt der Grund der Sorge der Eltern um ihr Kind.

In dieses Sorgen hinein ist Vater und Mutter; ist Sohn und Tochter; ist uns allen dies Wort gegeben:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient.“

Dieser Vers ist zuallererst ein Versprechen. Alles dient zum Guten! Dieses Versprechen haben wir dir, Laura, als Segenswort zur Taufe mit auf den Lebensweg gegeben. Alles möge dir zum Guten dienen!

Freilich schränkt Paulus, von dem dieses Wort stammt, zugleich ein. Alles wird zum Guten dienen, dem, der Gott liebt. Dem, der auf Gott vertraut. Dem, der auf Gott baut. In der Liebe Gottes kann dem Menschen nichts Schlechtes widerfahren. Im Vertrauen auf ihn ist alles von Sinn erfüllt. Der Glaube an ihn transzendiert die Welt mit ihrer letzten Grenze dem Tod.

Alles dient zum Guten. Die Liebe, die wir von unseren Eltern erfahren. Die Freude, die wir im Umgang mit unseren Freunden erfahren. Das Glück, das wir mit unseren Kindern empfinden. Die Befriedigung einer sinnvollen Arbeit und Aufgabe. Das Vergnügen, das wir empfinden, wenn wir unseren Hobbies nachgehen. Dies alles dient zum Guten.

Hier können wir Paulus folgen. Das dies alles zu unserem Guten dient, leuchtet uns ein. Doch der Apostel geht weiter. Er meint alles. Wirklich alles.

Ich bin versucht ihm auf die Schulter zu tippen und zu fragen: „Alles? Wirklich alles? Bist du noch ganz bei Trost?“

Dient auch unser Sorgen und Fürchten; dient auch unser Schmerz und unsere Trauer; dient auch unsere Krankheit und unser unentrinnbares Sterben zum Guten? Haben Gewalt, Krieg, Hunger, Epidemien, Erdbeben, Überschwemmungen, Fluten, Folter und Völkermord einen Sinn? Einen Sinn der zum Guten dient?

Als Mensch kann ich Paulus nicht folgen. Die Welt ist so! Die Welt widerspricht dem Satz: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient.“ Nein, wir wissen es nicht! Nein, es dient nicht alles zum Guten!

„Paulus, du hast wohl mehr an Leid erlebt, als die meisten von uns, aber kannst du dies Wort wirklich ernst meinen?“

Ja, Paulus meint es ernst. Er meint es todernst. Er hat es ertragen, als man ihn wegen seiner Predigt schlug. Er wehrte sich nicht, als man ihn wegen seiner Verkündigung ins Gefängnis warf. Er lief nicht davon, als Gott ihm die Freiheit schenkte und ihn vor die Wahl stellte. Immer wieder entschied er sich auf Gott zu vertrauen. Er tat seinen Dienst wissend, dass er ihn nicht zu seiner eigenen Ehre, sondern zur Ehre Jesus Christus tat. Wissend, dass er ihn in Todesgefahr brachte. So sehr auf Gott hoffend, dass er sich dem Schwert des Scharfrichters in Rom beugte. Vertrauend darauf, dass auch dieses Schwert ihm zum Guten dient. Das Schwert, das ihm den Tod brachte.

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient.“ Es ist ein Versprechen. Ein Versprechen, das in der Welt enttäuscht wird. Denn in der Welt dient nicht alles zum Guten. Es ist nichts als blanker Hohn einem Leidenden zu sagen: „Kopf hoch! Dein Leiden lehrt dich. Dein Leiden hat einen Sinn! Du musst es nur verstehen, dann ist es gut!“

Auch uns Christinnen und Christen dient in der Welt nicht alles zum Guten. Der Glaube ist keine Garantie, dass das Leben gelingt. Der Glaube ist keine Versicherung, dass einem ihm Leben kein Leid widerfahren wird. In der Verstrickung der Welt mit dem Leiden und dem Tod unterscheidet nicht das Geringste den Christen vom Nicht-Christen. In der Welt gibt es keinen vernünftigen Grund zu Glauben.

Keiner kann den Glauben mit Argumenten und zwingender Logik verbreiten. Er ist nicht erklärbar. Er ist, wie es Paulus schreibt, Torheit in der Welt.

Und dennoch ist der Glaube nicht leer. Paulus glaubt. Er vertraut auf Gott. Darin dient ihm alles – wirklich alles – zum Guten.

Wer sein Leben ganz Gott anvertraut, wird es erleben. Der Glaubende erkennt Sinn. Er erkennt den Sinn des Lebens. Im Glauben und nur im Glauben erfahren wir die Fülle des Lebens.

Doch ist dieser Glaube nicht erklärbar. Es gibt keine Brücke, die auf sicherem Weg vom Unglauben in den Glauben führt. Der Glaube kann nicht schrittweise erreicht werden. Der Mensch muss springen, wie es der dänische Theologe Søren Kierkegaard sagt. Er muss in den Glauben springen. Er muss alle menschlichen Lebensentwürfe und Sicherheiten hinter sich lassen. Dieser Sprung lässt sich mit dem Verstand nicht fassen. Der Sprung geht über den Verstand hinaus.

Paulus ist gesprungen. Er ist ins Vertrauen auf Gott gesprungen. Sein Sprung war ein Sprung ins Leben. Ein Sprung, den die Gläubigen aller Zeiten sprangen. Ein Sprung, den einem niemand abnimmt. Ein Sprung, der jeder selber springen muss.

Es ist nicht zu erklären. Worte sind zu schwach. Es kann höchstens in Bildern gesagt werden.

Ein solches Bild habe ich in einer Naturdokumentation gefunden. Davon möchte ich euch zum Abschluss erzählen.

In Grönland leben Weisswangengänse. Die Weibchen legen ihre Eier in sichere Nester. Diese Nester befinden sich auf einem 120 Meter hohen Felsen. Geschützt vor Fressfeinden schlüpfen die Jungen. Doch können sie auf dem Felsen nicht überleben. Zwei Tage nach dem Schlüpfen müssen sie den Felsen verlassen. Die Gänseeltern fliegen vom Felsen herunter. Sie rufen ihren Jungen. Doch die Küken haben noch keine Federn. Nur Flaum bedeckt ihre nackten Körper. Sie können noch nicht fliegen. Und dennoch springen sie!

Sie springen 120 Meter in die Tiefe! Es ist ein Sprung ins Leben. Denn auf dem Felsen würden sie verhungern. Das sichere Nest ist der sichere Tod.

Die Küken wagen den Sprung. Es ist ein Wunder, dass sie überleben. Sie springen, ohne Wissen zu können, dass ihr Sprung gelingt. Sie vertrauen darin einzig dem Lockruf ihrer Eltern.

Paulus sagt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient.“

Gott zu lieben ist ein Wagnis. Es gibt in der Welt keinen vernünftigen Grund dieses Wagnis einzugehen. Gott zu lieben heisst wider alle Vernunft und alle Erfahrung der Welt auf ihn zu vertrauen. In diesem Vertrauen gilt es zu springen. Es ist ein Sprung ins Leben. Ein Leben, das über diese Welt und ihre Vernunft, ihre Sicherheit und ihre Erfahrung hinaus weisst.

Möge der Sprung gelingen!
Amen

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