Augenblick und Ewigkeit

Denn das Sichtbare gehört dem Augenblick, das Unsichtbare aber ist ewig.
2. Kor 4,18b

Liebe Gemeinde

Wie wissen wir um unsere Welt? Warum wissen wir, was wir wissen? Was sagen wir, wenn wir sagen, dass eine Sache existiert oder eben nicht existiert?

Wir leben in der Zeit des Augenblicks. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit zählte das Hier und Jetzt so sehr. Nie zuvor wurde das Bewusstsein um die eigene Geschichte und Tradition so klein geschrieben. Sie zu kennen, lohne sich nicht, denn was bringe es für das Leben, meinte jüngst ein Schüler. Und überhaupt: Warum Daten und Fakten auswendig lernen, sind sie im Bedarfsfalls doch schnell zur Hand. Ein Klick mit dem Handy; eine rasche suche auf Google und schon steht die benötigte Information zur Verfügung.

Die Technik bestimmt unser Leben. Sie umgibt uns. Sie versorgt uns mit mancher Annehmlichkeit. Sie ist stets up to date und auf der Höhe der Zeit. Sie entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit. Was heute Hightech ist, erfüllt morgen die Ansprüche gerade noch. Schon Übermorgen wird es veraltet sein.

So ist unsere Zeit nicht nur eine Zeit des Augenblicks, sondern auch der Technik. Technik aber fusst auf Wissenschaften. Auf der Fähigkeit des Menschen die Welt zu vermessen und zu verstehen.

Wir leben in der Zeit, in der das Pendel zwischen Religion und Wissenschaft eindeutig in Richtung Wissenschaft ausschwingt. Seit der Aufklärung gelten Verstand und Logik als höchste Leuchtfeuer der Erkenntnis. Mit wissenschaftlichen Methoden und zwingenden Argumenten schreitet die Menschheit von Erkenntnis zu Erkenntnis. Die Erkenntnisse ermöglichen technische Entwicklungen. Sie machen unser Leben einfacher.

Mit der Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert fiel der Startschuss. Gerade im Bereich der Mathematik, Physik und Ingenieurskunst führte sie zu einer Explosion der Möglichkeiten. Immer schneller drehte sich das Rad des Fortschritts. Dampfmaschine, Elektrizität, Verbrennungsmotor, Telegraf und Telefon, Flugzeug, elektronische Datenverarbeitung, Atomkraft, Computer und Smartphone sind Kinder, Enkel und Urenkel der Aufklärung. Sie machen unser Leben einfacher. Ihre Fähigkeiten sind oft nützlich aber immer öfter überflüssig. Sie sparen Zeit und verführen dazu, Zeit zu verschwenden. Wie so oft hat auch diese Medaille zwei Seiten. Dennoch meine ich, dass die Bilanz positiv ist. Wir profitieren mehr vom technischen Fortschritt, als dass er uns schadet.

Die Grundlage dieses Erfolges ist der menschliche Verstand. Doch damit all das möglich ist, braucht dieser Verstand Daten. Daten können analysiert und berechnet werden. Aus der Analyse und Berechnung folgt der Fortschritt. Die Grundlage dieser Daten ist die sichtbare Welt, wie sie sich im Augenblick zeigt. Nur diese Welt ist sichtbar. Nur diese Welt kann vermessen werden. Die Messwerte sind die Daten. Auf dieser Grundlage ist die Welt berechenbar.
Nehmen wir als Beispiel James Watt. Er entwickelte die Dampfmaschine entscheidend weiter. Dafür musste er nicht nur etwas von Mechanik verstehen, sondern auch deren Berechnung beherrschen. Nur so gelang es ihm die optimale Stärke des Stahles für den Druckkessel zu finden und die korrekte Belastung im Zylinder vorauszubestimmen und ihn entsprechend zu konstruieren. Mathematik und die Möglichkeit zur Berechnung sind seither die Leitwissenschaften der neuen Zeit.

Diese Vormachtstellung der Naturwissenschaft führte seit den 1960er Jahren dazu, dass wissenschaftlich nahezu zum Synonym für berechenbar wurde. Der Druck zur Berechenbarkeit wurde so gross, dass auch die Geisteswissenschaften empirisch, also datenbasierend und damit berechenbar, werden mussten. So spielt Mathematik heute selbst in der Theologie eine nicht zu unterschätzende Rolle, wollen doch auch Theologinnen und Theologen als Wissenschaftler ernst genommen werden.

Das wir heute in der Kirche über so komplizierte Dinge wie die Sinus-Milieu-Studie diskutieren, hat viel mit diesem Glauben an die Berechenbarkeit zu tun. Nur was messbar und damit berechenbar ist, zählt.

Ob wir es wollen oder nicht, überall werden wir vermessen. Die Berechnungen kluger Algorithmen bestimmen unser Leben, selbst dort, wo wir es nicht bemerken. Wir leben in einer Welt der Mathematik. Zahlen bestimmen unser Leben. Das Sicht- und damit Messbare zählt alleine.

Welch grosser Kontrast zum Vers über der Predigt. „Denn das Sichtbare gehört dem Augenblick, das Unsichtbare aber ist ewig.“ (2. Kor 4,18b)

Eine ganz andere Perspektive wird hier angesprochen. Das Unsichtbare kann nicht gemessen werden. Es entzieht sich der Berechenbarkeit. Es hat einen schweren Stand in einer aufgeklärten Welt. Denn das Nicht-Messbare existiert im Weltbild einer aufgeklärt-wissenschaftlichen Gesellschaft nicht. Das Unsichtbare hat letztlich nur noch seinen Platz in der Welt der Kinder. Sie dürfen noch imaginäre Freunde haben, doch wo ein Erwachsener dem Unsichtbaren Raum gibt, wird er belächelt oder gar für verrückt gehalten.

Als Christinnen und Christen sind wir in besonderer Weise davon betroffen. Im Zentrum unseres Glaubens steht ein unsichtbarer Gott, der sich gegen jede Darstellung wehrt. So heisst es schon im zweiten Gebot des Dekalogs: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen.“

Wo wir als Kirche in der Welt sichtbar werden, da wird nie das Eigentliche unseres Wesens sichtbar. Es ist fast wie im Höhlengleichnis des Platons: Nur der Schatten der unsichtbaren und ewigen Kirche Christi wird in der Welt sichtbar. Dieser Schatten ist oft verzogen und schief, wie Schatten nun einmal sind. Es gibt das Schlechte und Böse in ihr. Die sichtbare Kirche ist nicht heilig. Skandale und Verbrechen gehören zu ihr, der sichtbaren und augenblicklichen Schattenkirche.

Auch heute, wo wir miteinander Gottesdienst feiern, bleibt das Eigentliche unsichtbar. Wir treffen uns nicht, weil es so schön ist miteinander Lieder zu singen. Wir treffen uns nicht, weil gemeinsame Gebete mächtiger sind, als das Gebet in der stillen Kammer. Wir treffen uns nicht, weil die Gedanken des Pfarrers in der Predigt so weltbewegend wären – Sie sind es oft genug nicht!

Das Eigentliche des Gottesdienstes bleibt dem Auge verborgen. Wir treten vor Gott. Wir feiern im Angesicht des unsichtbaren Herrn. Er bleibt dem Auge entzogen und doch ist er da. Ja, wo ein Mensch sein Leben im Bewusstsein führt, dass er immerzu von Gott umgeben ist und er jeden Augenblick vor Gott steht, wird das ganze Leben zum Gottesdienst. Auch ohne Loblieder, fromme Gebete und mehr oder weniger kluge Predigtworte.

Der äussere Schein und die innere Wirklichkeit sind aufeinander bezogen. Es ist die Haltung des Herzens, das Bewusstsein vor den unsichtbaren Gott zu treten, die den Gottesdienst erst zum Gottesdienst machen. Alles Singen, Beten und Hören ist unnütz, wo das Herz nicht dabei ist.

Der Mensch kann vor der Welt ein noch so frommes und gottgefälliges Leben führen, doch steht er vor Gott mit leeren Händen da, wo es am Herz fehlt. Das Sichtbare gehört dem Augenblick. Es vergeht. Es gibt nichts Ewiges in der Welt. Selbst die Welt als Ganzes hat keinen Bestand. Sie ist Augenblick, auch wenn dieser Augenblick schon 15 Milliarden Jahre währt.

Alles Sichtbare ist vergänglich. Alles Messbare wird eines Tages nicht mehr gemessen werden. Wenn nur das Berechenbare ist, so ist alles vergänglich. In einer Welt des reinen Verstandes gibt es keinen Platz für Gott.

Müssen wir als Christinnen und Christen also die Aufklärung und ihre Folgen ablehnen? Müssen wir uns dem Fortschritt verschliessen, wie es zum Beispiel die Amischen in Amerika tun?

Ich meine, es wäre gerade so falsch sich dem Sichtbaren und dem Verstand zu verschliessen, wie es falsch ist, sich dem Unsichtbaren und Unberechenbaren zu verschliessen. Beides gehört zusammen. Unsichtbares ist auf sichtbares angewiesen, wie der Augenblick auf die Ewigkeit angewiesen ist.

Verstand und Glauben, die Fähigkeit zu sichtbarem und unsichtbarem sind Geschenke Gottes. Wir sollen und wir dürfen diese Gaben gebrauchen.

Die Aufklärung erschöpfte sich nicht im Mess- und Berechenbaren. Sie war keine Bewegung der Nützlichkeit. Was heute vom Gedankengut der Aufklärung übriggeblieben ist, ist oft mehr Versatzstück. Die Aufklärung war mehr, als der Startschuss zu einer technologischen Revolution.

Auch die Menschenrechte und viele neue Freiheiten gehören zu ihr. Sie hat sie zwar nicht erfunden. Sie hat sie auch nicht von der Kirche befreit. Vielmehr ist es ihr Verdienst sie neu gedacht zu haben. Die Betrachtung unter dem Licht des Augenblicks und dem Vergänglichen sollten sie erweitern. Sie wollte nicht das Unsichtbare und Ewige widerlegen.

Deutlich wird dies bei Immanuel Kant, einem Philosophen der deutschen Aufklärung. Kant beschrieb in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ die Voraussetzung für unsere Erkenntnis über die Wirklichkeit. Er erkannte, dass uns die Wirklichkeit nicht unmittelbar zur Verfügung steht. Wir erfahren nicht die Wirklichkeit, sondern lediglich die Eindrücke die sie auf uns macht.

So sehen sie nicht mich auf der Kanzel, sondern die Lichtstrahlen, die von mir in ihr Auge reflektiert werden und dort einen Nervenimpuls ins Gehirnauslösen, der vom Gehirn als Bild interpretiert wird. Sie haben nicht mich, sondern lediglich mein Abbild in ihrem Kopf. Auch hören sie nicht meine Stimme direkt. Auch hier werden Schallwellen vom Ohr in Nervenimpulse umgewandelt und von ihrem Hirn interpretiert.

Unser Erleben der Wirklichkeit ist mittelbar. Es ist durch die Sinneseindrücke vermittelt. Ein unmittelbares Erleben gibt es nicht.

Der Verstand kann sich nur auf diese Sinneseindrücke beziehen. Ja, er muss sich fragen, ob diese Sinneseindrücke wirklich ihren Ursprung ausserhalb von sich selbst haben. Jeder Sinnesimpuls könnte Täuschung sein. Der Mensch kann sich der Welt nicht sicher sein. Einzig seiner Selbst. Dies besagt das berühmte Wort Descartes: Cogito, ergo sum! Ich denke, also bin ich! Das Ich ist der gewisse Punkt von dem aus die Welt erfahren wird.

Doch das Ich kann die Welt nur in der Art wahrnehmen, wie es über Sinnesmöglichkeiten verfügt. Sehend, hörend, schmeckend, riechend, tastend. Was sich seinen Sinnesorganen entzieht, kann es nicht wahrnehmen. Doch weil es nicht wahrnehmbar ist, heisst es nicht, dass es nicht ist.

Der Mensch ist ein Wesen des Augenblicks. Unsere Sinnesorgane sind Organe der Vergänglichkeit und können nur wahrnehmen, was der Vergänglichkeit unterworfen ist.

Für das Ewige fehlt uns der Sinn. Das Eigentliche ist uns entzogen.

Und dennoch will Gott nicht, dass wir im Augenblick gefangen bleiben. Er offenbart sich uns. Er zeigt uns seine Liebe. Er, der unsichtbare Ewige, wird in Jesus Christus sichtbar. Der Ewige wird Augenblick. Wir sehen seine Offenbarung und hören seine Worte.

Das Ewige bleibt uns entzogen. Doch ist es uns nicht verborgen. Weil wir es im Augenblick der Offenbarung durch die Kraft der Teilhabe am Leib Christi sehen, dürfen wir getrost sein.

Nicht weil unser Auge sah, sondern weil unser Herz es vernahm. Nicht weil wir Wissende sind, sondern allein aus Glaube. Dem vertrauend, der der Ewige ist. Selig, die nicht sehen und doch glauben! (nach Joh 20,29)
Amen

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