Bäume der Gerechtigkeit

Dann werden sie Terebinthen-der-Gerechtigkeit genannt werden, Pflanzung-des-HERRN, damit er sich selbst verherrlicht.
Jes 61,3b

Liebe Gemeinde

Gott setzt eine Terebinthe auf Zion. Der Baum steht für sein Volk. Er will ihn wachsen lassen. Er soll gross und mächtig werden. Der Baum der Gerechtigkeit soll weit herum sichtbar sein. Er ist ein Zeichen seiner Herrlichkeit und soll der Welt die Kraft Gottes zeigen. Die Völker sind durch sein Zeichen eingeladen. Die Terebinthe weist den Weg. Ein jedes soll nach Jerusalem kommen. Gott will sich als der eine wahre Gott offenbaren. Seinem Volk zuerst, doch dann der Welt.

Jesaja zeichnet sein Bild der Völkerwahlfahrt als zukünftiges Bild. Noch ist es nicht soweit. Noch lebt das Gottesvolk unter der Sünde. Es ist getrennt von Gott. Es folgt seinem Wort nicht.

Das Volk scheint verloren wegen des Abfalls von Gott. Der Prophet spricht ihm das Urteil. Doch Jesaja verkündigt nicht nur Gericht. Er gibt den Menschen auch Hoffnung. Seine Prophezeiung lebt von der Erwartung eines von Gott gesandten Retters. Der Gottesknecht, wie er ihn nennt, wird Israel erlösen. Das Volk wird sich neu sammeln. Das zerstörte Jerusalem wird wiederaufgebaut. Als Leuchtfeuer der Gerechtigkeit Gottes wird es in die Welt hinaus strahlen. Alle Völker werden Gott als ihren Herrn anerkennen.

Wer hier die letzten Kapitel des Jesajabuchs schreibt, kann nicht der historische Jesaja des 8. Jahrhunderts vor Christus sein, der sich als Prophet im Namen Gottes an die Könige Judas wendet. Die drohende Zerstörung durch die Babylonier ist keine Drohung mehr. Sie war bereits geschehen. Wer auch immer hier schrieb, schrieb im Wissen, dass Jerusalem zerstört, sein Tempel entweiht und die Stadtmauer geschliffen worden ist. Das Ende war gekommen. Das Gottesvolk war aus dem gelobten Land vertrieben worden. Die Israeliten lebten als Fremde im Babylonischen Exil.

Vermutlich ist der Schreiber oder Autorenkreis unter den Exulanten in Babylon zu suchen. Davon geht zumindest die aktuelle Forschung aus. Sie zeichnet das Bild des Jesajabuchs ähnlich einer Zwiebel. Um einen historischen Kern, der aus den Worten und einer Denkschrift des historischen Menschen Jesaja besteht, legen sich Schicht um Schicht weitere Texte und Visionen an. So wächst das heutige Jesajabuch Stück um Stück vom historischen Kern, der zwischen 740-701 v. Chr. entstanden ist, bis zu den letzten Zufügungen um 500 v. Chr an. Seine endgültige Festlegung im heutigen Wortlaut kann wohl erst für die Zeit um 150 v. Chr. angenommen werden, bis dahin wurde in den Text eingegriffen. Das Jesajabuch entsteht also über einen Zeitraum von rund 600 Jahren!

600 Jahre! Man kann das zuerst als Enttäuschung wahrnehmen. Gerne hätten wir es doch, wenn die Bücher des Alten Testamentes, wie das Jesajabuch, jeweils von einem religiösen und von Gott inspirierten Genie geschrieben wurde. Es würde die Weltgeschichte über viele hundert Jahre im Voraus kennen und dem Volk die Wahrheit offenbaren.

Einer solchen Autorität wäre zu vertrauen, haben sich ihre Visionen und Prophezeiungen doch als zuverlässig erwiesen. Weil sie mit solcher Weisheit über die Geschichte spricht, wäre auch in Bezug auf ihre Aussagen über Gott kein Zweifel möglich. Hat sie sich in der Geschichte als Prophet erwiesen, so müssen auch ihre Worte über Gott zutreffen. Man kann ihr glauben. Man muss ihr glauben!

Doch eben, so ist es nicht. Und es ist gut, dass es nicht so ist. Das Jesajabuch ist nicht von einem göttlich inspirierten Genie geschrieben, sondern über viele Generationen gewachsen. Wäre es von einem Weisen und wäre es verlässlich, weil sich seine historischen Vorhersagen erfüllten, so würden die Menschen glauben. Doch sie würden dem Propheten glauben und nicht Gott. Denn es wären seine Worte, die sich als wahr erwiesen haben und nicht Gottes Wort.

Gerade die lange und komplizierte Entstehungsgeschichte, gerade der Kampf um die rechte Offenbarung Gottes, macht das Jesajabuch für mich glaubhaft. Hier spricht nicht ein Genie, sondern viele Menschen, die mit Gott gerungen haben. Er hat sich ihnen offenbart. Stück für Stück. So glaube ich Gott und nicht seinem Propheten, wenn ich das Jesajabuch lese. Ich stelle mich dem Ringen um die Offenbarung, wie jene mit ihm rangen, die dieses Prophetenbuch schrieben. Angefangen beim historischen Jesaja bis hin zum letzten anonymen Redaktor. Denn in diesem Ringen rangen sie um das Versprechen, das mit dem Namen Jesaja gegeben ist. Jesaja bedeutet nichts anderes als: „Gott hilft!“ bzw. „Gott hat geholfen!“

Dieses Versprechen spitzt sich im Jesajabuch auf die Vision des Gottesknechtes zu. Gott sendet seinen Knecht. In ihm, dem leidenden Gerechten, stellt Gott wieder her, was der Mensch zerstört hatte. Er heilt die gebrochenen Herzen. Er befreit die Gefangenen und richtet die Unterdrückten auf. Er löst die Banden des Todes indem er sie auf sich nimmt. Er, der Knecht Gottes, stirbt für die Sünde der Welt.

Für Jesaja und seine Nachfolger war dies Zukunftshoffnung. Immer wieder traten Gestalten auf, die von manchem Zeitgenossen für den kommenden Gottesknecht gehalten wurden. Doch stehts blieben die Blinden blind und die Tauben taub. Kein Lahmer nahm sein Lager unter die Arme und ging nach Hause. Kein Toter wurde von den Toten auferweckt. Die Terebinthe, der mächtige Baum der Gerechtigkeit Gottes, war noch nicht gepflanzt. Noch galt es auf den Erlöser zu warten.

Doch dann wurde es Weihnachten. Jesus trat in Galiläa auf. Er starb am Kreuz. Die Zeit des Wartens war vorbei. Der Gottesknecht war erschienen.

Als Christinnen und Christen glauben wir, dass Jesus der Christus ist. Der Sohn Gottes nahm Fleisch an und wurde Mensch. Er wurde zum Gottes Knecht. Als gerechter litt er am Kreuz. Für die Sünde der Welt starb er. Er erfüllte, was durch die Autoren des Jesajabuchs versprochen worden ist.

Wir glauben! Nicht wegen den Worten des Buches, sondern weil in Christus Gottes Wort selbst Mensch wurde. Wir glauben nicht an die Worte in einem Buch, sondern an das lebendige Wort Gottes. Wir glauben an Jesus Christus!

Dieser Glaube macht uns zu Christinnen und Christen. Als Gemeinschaft unter seinem Geist, sind wir Kirche. In uns ist erfüllt, was das Wort über der Predigt versprach. Als Kirche sollen wir als Baum der Gerechtigkeit Gottes vor der Welt stehen.

Was heisst dies nun für uns?

Die Terebinthen, die zu Bäumen der Gerechtigkeit werden, werden in der Bibel als mächtige und hohe Bäume beschrieben. Sie stehen für das, was ewig gültig ist. Sie verweisen auf das Heilige und werden dadurch selbst zu heiligen Bäumen. Sie sind heilig, nicht aus sich selbst, sondern weil sie dem Göttlichen geweiht sind. Sie gehören zu Gott.

Wenn wir als Christinnen und Christen Bäumen der Gerechtigkeit gleich werden sollen, dann hat dies Konsequenzen. Wie werde ich ein Baum der Gerechtigkeit? Was verlangt Gott von mir? Was fordert er und wozu ermächtigt er mich?

Als Baum der Gerechtigkeit muss ich zuerst einmal Baum sein! Unerschütterlich wie eine Eiche. Aufrecht, wie eine Tanne. Blühend, wie eine Linde. Einladend, wie der Schatten unter einer Kastanie.

Als Baum soll ich Frucht bringen. Denn jeder Baum trägt seine Frucht. Das ist seine Aufgabe. Dazu wurde der Baum von Gott geschaffen.

Der Baum soll Frucht bringen. Ein jeder nach seiner Art. So verschieden wir Menschen sind, so verschieden sind die Früchte der Bäume. Nicht jeder ist gleich! Doch bringen sie alle ihre Frucht. Ob Apfel oder Birne, Baum- oder Haselnuss, Tannzapfen oder Kastanie; alles sind Früchte. Sie dienen alle dem gleichen Zweck. Als Träger der Kerne oder Samen geben sie das Leben weiter. Aus ihrem Keim reift ein neuer Baum.

So sollen auch wir als Bäume der Gerechtigkeit Gottes den Samen seines Wortes weitergeben. Wir sind nicht für uns zum Baum geworden, sondern für Gott. Er hat sich uns offenbart, damit wir seine Offenbarung weitergeben. Im Vertrauen auf sein Wort, streuen wir den Samen. Wir säen ihn; nicht mit der Hand, sondern mit jedem Wort des Zeugnisses, das über unsere Lippen kommt. Wir erzählen mit unseren Worten von Gott. Wir berichten, was er mit und aus uns macht.

Wir dürfen es mit unseren eigenen Worten sagen. Gewiss und zweifelnd, tastend und suchend, leuchtend und trüb, geschwätzig und wortkarg – Wichtig ist nur eines: Dass wir von ihm erzählen!

Doch dazu müssen wir Bäume sein. Nicht aus uns selbst, sondern weil Gott uns dazu macht. Er macht aus mir einen Baum. Er lässt mich in der Welt wachsen. Ich soll und darf sichtbar werden. Als heiliger Baum darf ich den Weg zu ihm weisen. Aber nicht aus eigener Kraft! Nicht ich heilige mich, weder durch Gebete noch durch fromme Taten!

Gott heiligt mich; und dich. Nicht weil wir so toll sind, sondern weil er uns in seinem Bereich, in seinem heiligen Garten, setzt. Wir sind heilig, weil wir zu ihm gehören. Weil er uns in Jesus Christus hinein in sein Reich nimmt. Er das Haupt, wir seine Glieder.

Doch damit der Baum unseres Lebens zu einem Baum der Gerechtigkeit wird, braucht er starke Wurzeln. Diese Wurzeln finden wir in der Gemeinschaft der Christen. Wer alleine stehen will, wird bald von den Stürmen des Lebens entwurzelt. Nur in der Gemeinschaft finden wir Halt. Wir brechen nicht im Sturmwind, auch wenn er uns biegt.

Als Gemeinschaft der Bäume der Gerechtigkeit wachsen wir in Gottes Garten. Unsere Wurzeln greifen in die fruchtbare Erde seines Wortes. Aus ihm schöpfen wir Kraft. Es gibt unserem Leben Saft. Es erhält unseren Stamm und lässt uns Früchte tragen.

Wo wir auf unseren Herrn vertrauen, da empfangen wir Kraft. Wo wir seine Kraft empfangen, sollen und dürfen wir seine Liebe weitergeben. Als Frucht wächst sie am Baum unseres Lebens. So werden wir zu Bäumen der Gerechtigkeit Gottes. Gepflanzt im Garten seiner Ewigkeit. Uns zur Kraft. Gott zur Ehre.
Amen

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