Liebesbrief

Unser Brief seid ihr, geschrieben in unsere Herzen, verständlich und lesbar für alle Menschen.
2. Kor 3,2

Liebe Gemeinde

Wow! So grossartig! Ein schöneres Kompliment kann man einer Gemeinde fast nicht machen. Paulus macht es der Gemeinde in Korinth. Die Gemeinde sei ein Brief. Sie sei ein Brief von Gott. Nicht auf Papier aufgezeichnet. Nicht in Stein gemeisselt. Sondern geschrieben in die Herzen der Menschen. Klar und verständlich für alle Menschen.

Die Gemeinde in Korinth war keine Mustergemeinde. Ja, eigentlich war sie ein richtiges Sorgenkind. Der Streit über die richtige Lehre wurde hart geführt. Verschiedene Lehrer beanspruchten die Führung der Gemeinde. Paulus musste oft um seine Autorität kämpfen. Immer wieder weist er die Gemeinde zurecht. Sie ist alles andere als eine Einfache!

Der zweite Brief an die Gemeinde in Korinth ist ein beredtes Zeugnis für diesen Kampf. Er schwankt zwischen Lob und Tadel. Er durchdenkt immer wieder aufs Neue Zuspruch und Anspruch.

In der Forschung heisst es, dass dieser Brief über längere Zeit entstanden sei oder gar aus mehreren Briefen zusammengesetzt worden ist. Denn immer wieder ändert sich die Situation der Empfänger. An einigen Stellen schreibt Paulus auch, dass er Nachricht aus Korinth erhalten habe.

Durch diese komplizierte Entstehungsgeschichte des Briefes – es sei einmal dahingestellt, ob es sich ursprünglich um ein oder mehrere Schreiben gehandelt hatte – wird deutlich: Paulus kämpft, klagt, weint, freut sich und leidet mit der Gemeinde in Korinth. Dennoch, trotz all der Mühe, bezeichnet er sie als lebendigen Brief.

Nicht nur die Briefe, die er ihr schrieb, legen Zeugnis ab vom Evangelium, sondern die Gemeinde ist der Brief! Klar und verständlich für alle Menschen sei dieser Brief, so schreibt es der Apostel.

Wenn dies von einer Gemeinde wie Korinth gilt, die alles andere als eine Musterschülerin unter den Gemeinden war, sollte es dann nicht für jede Gemeinde gelten? Ist dann nicht jede christliche Gemeinde ein Brief? Was heisst es, wenn wir uns und unsere Gemeinde als Brief betrachten?

Wir sind ein Brief!

Vielleicht zunächst ein ungewöhnlicher Gedanke, aber ein schöner, wie ich meine! Wir dürfen ein Brief sein. Du und ich, wir alle – jeder für sich ein Satz dieses Briefes. Abgeschlossen mit Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen und doch erst im Zusammenhang ein ganzer Brief. Es braucht jeden Satz. Wo ein Satz fehlt, merkt man es dem Text an. Wo zu viele Sätze fehlen, wird der Brief unverständlich. Für unseren Gemeindebrief bist du unersetzbar!

Du bist wichtig! Du bist richtig! Schön, dass du heute hier bist! Wir wären nicht der selbe Brief, wenn du nicht hier wärst. Du stehst an der richtigen Stelle. Du bringst einen wertvollen Gedanken ein! Du bringst dich ein!

Wir sind ein Brief, ein Gemeindebrief!

Bleiben wir bei diesem Bild. Schauen wir uns das Couvert an. Prominent, rechts unten, steht eine Adresse. Der Brief richtet sich an einen Empfänger. Einen Mann oder eine Frau, ein Ehepaar, eine Familie, eine ganze Gruppe.

Über der Adresse klebt eine Briefmarke. Die Sendung ist nicht umsonst. Wenn wir einen Brief erhalten, dann war es einem anderen Wert eine Marke darauf zu kleben. 85 Rappen oder einen Franken, vielleicht auch mehr, wenn der Brief Übergrösse hat oder von weither kommt.

Manchmal, aber weitaus nicht immer, findet sich auch ein Absender auf der Rückseite. Nicht jedes Couvert verrät, von wem es eingesandt wurde. Erst wer das Couvert öffnet, erfährt mehr!

Wenn wir als Gemeinde ein Brief sind, an wen sind wir adressiert? Wer hat unseren Gemeindebrief geschrieben? Was kostet uns der Versand? Was steht in ihm?

Täglich gehen wir zum Briefkasten. Selten ist er ganz leer. Neben Zeitungen und Zeitschriften finden wir unsere Post. Was findest du in deiner Post? Enthält das Couvert Werbung? Ist es eine Rechnung oder gar die erste Mahnung? Oder wirst du zum Fest eingeladen? Berichtet ein langjähriger Brieffreund von seinen Abenteuern, die er seit dem letzten Brief bestanden hatte? Überrascht die ausgewanderte Cousine mit guten Nachrichten – kündet womöglich einen Besuch an? Schreibt gar ein pochendes Herz mit scheuer Hand vom Wunder der Liebe?

So unterschiedlich wie die Briefe in der Post, sind auch unsere Gemeinden. Was für ein Brief wollen wir sein? Was steht in unserem Gemeindebrief? Sind wir Mahnung? Sind wir Werbung? Sind wir Einladung? Oder sind wir gar ein Liebesbrief?

Jeder Brief hat einen Absender. Er ist von einer Schreiberin oder einem Schreiber verfasst. Ein Mensch teilt sich in ihm mit.

Die Gemeinde in Korinth ist ein Brief des Apostel Paulus. Sie ist ein Empfehlungsschreiben, so haben wir es in der Lesung (2. Kor 3,1-6) gehört. Nicht mit Tinte geschrieben. Nicht auf Papier. Sondern in die Herzen der Menschen.

Doch schreibt Paulus nicht allein. Der Heilige Geist schreibt mit ihm, ja er schreibt durch ihn. So ist die Gemeinde in Korinth nicht nur ein Brief des Paulus, sondern viel mehr ein Brief Gottes.

Zwar sind Paulus und seine Mitarbeiter prägend für die konkrete Gestalt der Gemeinde in Korinth, wie auch engagierte Christinnen und Christen und Pfarrerinnen und Pfarrer vor mir prägend für unsere Gemeinde waren, doch der eigentliche Grund der Gemeinde ist nicht Paulus. Weder Korinth, noch Veltheim-Oberflachs, noch sonst eine christliche Gemeinde gründen sich auf den Willen eines Menschen. Sie alle haben den selben Urgrund. Sie alle haben den selben Urheber. Sie alle sind geschrieben vom selben Geist, dem Heiligen Geist Gottes.

Auf Christus ist die Gemeinde gebaut. Sein Evangelium ist der Inhalt jedes Gemeindebriefes. Ein jede Gemeinde ist ein Brief Gottes.

Wir sind ein Liebesbrief Gottes! Denn Gott liebt so sehr, dass er sich selbst dahingab. Am Kreuz zeigt er uns seine Liebe. Am Kreuz stirbt er zu unserer Rettung!

Man kann es unterschiedlich sagen. Jeder Gemeindebrief erzählt dies in anderen Worten. Doch wo dieser Brief in seinem Kern nicht Liebesbrief ist, da hat die Gemeinde ihr Wesen als Brief Gottes verfehlt. Da ist sie hohl und leer geworden, denn es fehlt ihr die Mitte!

Seien wir also Liebesbrief! Doch nicht für uns. Kein Brief ist an sich selbst geschrieben! Ein jeder Brief braucht seinen Empfänger. An wen sind wir gesandt? Wer soll uns lesen?

Die Gemeinde in Korinth ist der Empfehlungsbrief des Paulus. Ein Liebesbrief Gottes. Er wendet sich an alle jene, die vom Gemeindeleben in Korinth hören. Als Empfehlungsschreiben bereitet er die weitere Mission des Apostels vor. Er richtet sich vordergründig an die nächsten Gemeinden auf Paulus Weg, doch er gilt dem eigentlichen Ziel der paulinischen Mission. Gott sandte Paulus. Er machte ihn zum Missionar nicht nur für einige Städte in Kleinasien, sondern für die Welt!

Wenn dies für Korinth gilt, wie sehr gilt es erst für alle Gemeinden und mit ihnen für uns: „Die Gemeinde ist ein Liebesbrief Gottes an die Welt!“

Wir sind Gottes Liebesbrief für die ganze Welt!

Es ist eine gewaltige Zusage! Wir sind es! Gottes Geist hat uns dazu gemacht! Als Gemeinde müssen wir es nicht erst werden. Wir sind es, nicht aus eigener Macht, sondern alleine durch den Willen Gottes. Wir sind es mit unserer Gewissheit und unserem Zweifel. Mit unseren Fragen und unseren Antworten. Mit unserem Glauben und unserem Unglauben!

Weil Gott uns dazu gemacht hat, sollen wir es sein. Weil Gott uns als Liebensbrief für die Welt schreibt, sollen wir seine Liebe in der Welt verkünden.

Aus der Zusage folgt ein Auftrag. Wir sollen! Wir sollen Liebesbrief sein!

Auf dem Brief klebt eine Marke. Der Versand kostet etwas. Es muss uns etwas wert sein Liebesbrief Gottes zu sein!

Unser Zeugendienst als Liebesbrief ist nicht gratis. Er darf uns Überwindung kosten. Er braucht Mut. Konflikte gehören dazu, denn nur wo wir immer wieder aufs Neue um unseren Glauben ringen und uns durch das Wort Gottes herausfordern lassen, sind wir lebendiger Brief. Es kostet uns persönlich etwas.

Aber auch als Gemeinde tragen wir Kosten. Es darf uns nicht reuen auch einmal etwas Neues zu wagen. Die Möglichkeit des Scheiterns darf uns nicht vom lebendigen Versuchen abhalten. Lebendig ist nicht die Mustergemeinde, in der alles immer perfekt läuft, wie es schon immer lief, sondern eine Gemeinde wie Korinth. Suchend, kämpfend, ringend, in die Irre gehend und immer wieder aufs Neue umkehrend! Eine Weg- und Glaubensgemeinschaft, die sich bewegt und nicht in Tradition erstarrt.

Als Liebesbrief Gottes müssen wir nicht ohne Fehl und Tadel sein, auch Korinth war es nicht. Nicht als vorbildliche Gemeinde wurde Korinth zum Empfehlungsschreiben, sondern durch die beständige und lebendige Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes!

Zu dieser Auseinandersetzung gehört es, dass nicht immer alles gelingt. Der Einsatz von Zeit, Arbeit und finanziellen Mitteln darf in einer lebendigen Gemeinde auch scheitern. Nicht diejenigen, die es ja schon immer gewusst haben, machen die Gemeinde lebendig, sondern jeder, der es dennoch wagt. Zum lebendigen Erfolg gehört das erfolgreiche Scheitern dazu! Christliche Gemeinde braucht Macher, nicht nur Warner und Bewahrer!

Fassen wir zusammen:
• Als christliche Gemeinde sind wir ein Liebesbrief Gottes an die Welt!
• Als Gemeindebrief steht in unserem Zentrum Christus!
• Ein jedes von uns bringt seinen Satz ein. Fehlen wir, so fehlt dem Brief wesentliches. Fehlen zu viele, so werden wir als Gemeinde unleserlich.
• Es ist Gott, der uns schreibt, wir müssen nicht aus uns selbst zum Brief werden.
• Aus der Zusage folgt ein Auftrag: Weil wir Brief sind, sollen wir Zeugen sein.
• Das ist nicht gratis. Es kostet ein Brief zu sein. Persönliches Engagement, aber auch den Einsatz von Infrastruktur und Geld.
• Als Gemeinde sind wir lebendig, wo wir es riskieren zu scheitern.
Nun liegt es an uns. Sind wir klarer, verständlicher und einfacher Brief, an alle Menschen?
Amen

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