Wie glaubst du?

Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!
Mk 9,24

Liebe Gemeinde

Ein archaischer Text hörten wir heute Morgen in der Lesung (1. Könige 18,16b-39). Auf der Textebene ist er rasch zusammengefasst.

Wieder einmal, wie so oft zuvor, fiel Israel von Gott ab. Durch den Abfall des Volkes wandte sich die Liebe Gottes in den Augen der Menschen zu brennendem Zorn. Eine lange Dürre kam über das Land. Die Vorräte waren aufgebraucht. Nur die Umkehr zum wahren Gott könne jetzt das Leben der Menschen noch retten, verkündigte Elija.

Wie so oft wurde der Bote der Anklage mit dem Ankläger verwechselt. Achab, der König des Nordreiches, trachtete Elija nach dem Leben. Doch es wurde nicht besser. Eine Entscheidung sollte fallen. Es kam zum Duell der Götter auf dem Karmel. Baal gegen Jahwe. Ein Kampf auf Leben und Tod, zumindest für ihre jeweiligen Priester und Propheten.

Es kam, wie es kommen musste, der Gott Jakobs und Befreier aus dem Sklavenhaus Ägyptens, erwies sich als weitaus mächtiger als sein Kontrahent. Trotz der Anfeuerung und Ermutigung seiner Anhänger kämpfte er so schwach, dass er praktisch inexistent blieb.

Anders der Gott Elijas. Obwohl der Prophet alles tat, damit die Probe nicht gelang und gar eimerweise Wasser über den Altar goss, entzündete die feurige Macht Gottes das Brandopfer. Ein klarer K.O. Sieg!

Die Anhänger Baals wurden als falsche Propheten entlarvt. Sie verloren sogleich das Leben. Eine grausame Strafe. Dafür kehrte der Regen zurück. Die Dürre war beendet.

Die Legende des Gottesurteils auf dem Karmel verrät viel über das Denken des alten Orients. Im Vergleich mit dem archäologischen Zeugnis jener Zeit werden viele Spannungen sichtbar. In der Legende wird ein langer Prozess auf den Bericht der Ereignisse eines einzelnen Tages konzentriert. Ein Entwicklungsprozess, der sich über viele Jahrhunderte erstreckte, wird in der Erzählung an einem Tag erzählt und so überdeutlich sichtbar. Der Gott Israels offenbart sich und wird zum einzigen Gott, der verehrt wird.

Der religionsgeschichtliche Blickwinkel ist spannend, doch was hat die Geschichte mit uns zu tun? Warum wird sie im Gottesdienst gelesen, einem Kontext, dessen Anspruch darin besteht, dass in ihm das Wort Gottes uns verkündigt wird?

Im Gottesdienst bedenken wir den Menschen vor Gott. Doch es ist nicht irgendein Mensch, der vor irgendeinem Gott steht. Wir denken darüber nach, was es heisst, dass wir vor unserem Gott stehen.

Aus der Perspektive der Religionsgeschichte nehmen wir die Geschichte in ihrem historischen Kontext war. Sie kann uns erstaunen, befremden, verwundern, abschrecken, langweilen, verängstigen, erfreuen und vieles mehr. Doch erst, wo es gelingt uns selber in ihr zu erkennen, wird sie zu unserer Geschichte. Erst dann stehen wir in ihr vor Gott.

Die Frage, die mich angesichts dieser Geschichte beschäftigt, lautet: „Wie halte ich es mit Gott? Orientiere ich mich an den Priestern Baals oder lasse ich mich in meinem Glauben von Elija leiten?

Für mich steht nicht mehr die Frage des Textes „Wer ist der wahre Gott – Baal oder JHWH?“ im Zentrum. Diese Frage haben wir – so hoffe ich doch – als Christinnen und Christen längst entschieden. Und dennoch gibt es in unserem Glauben an Gott Anteile, die an das Verhalten der Baalspriester erinnern. Andere Teile sind näher bei Elija. Wie unterscheiden sich die Arten? Wo treffen wir sie in unserem alltäglichen Glauben an?

Aus diesem Blickwinkel steht die Art des Glaubens der Baalspriester für den Versuch durch die eigene Glaubenskraft etwas zu bewegen. Ihr Glaube soll ein Feuer entzünden!

So stimmen sie ihren Ruf an: „Baal antworte uns!“ und tanzten um den Altar.

„Antworte uns!“ In der Schule haben wir gelernt, dass es sich grammatikalisch dabei um einen Imperativ handelt. Plakativ gesagt, der Gottheit wird ein Befehl erteilt, wie der König seinem Diener befiehlt. Das Verhältnis von Gott und Mensch ist auf den Kopf gestellt. Der befehlende Mensch stellt sich über Gott.

Auch wir sind alles andere als gefeilt vor dieser Umkehr der Verhältnisse. Gerade dort, wo wir uns bewusst auf Gott einlassen wollen, stehen wir besonders in Gefahr ihr zu erliegen. „Komm in unsere Mitte oh Herr!“, „Giesse deinen Geist aus über uns!“ oder „Gib uns unser täglich Brot!“

Ja, selbst das Unser-Vater-Gebet kann die wahren Verhältnisse auf den Kopf stellen! Dabei wird deutlich, nicht die grammatikalische Form macht den Unterschied, sondern die innere Haltung. Beten wir im Vertrauen auf die Kraft des eigenen Glaubens? Immerhin heisst es von ihm, dass er Berge versetzen kann!

Oder bitten wir in Demut? Wissend, dass wir vor Gott nur bestehen, weil er uns in Jesus Christus erlöst hat! Als Gerettete erkennend, wie nötig wir seine Rettung hatten? Erschrocken staunend, wie Menschen, die dem Tod nur knapp entkamen und erst nach überstandener Gefahr merken, in welch dramatischer Lage sie waren?

Es ist ein schmaler Grat, der uns von den Baalspriestern trennt. Eine feine Linie, die wir mitunter auch überschreiten!

Dann gilt es anders zu handeln als sie!

Als sie gegen Mittag langsam zu begreifen beginnen, dass ihr Gott nicht auf ihre Befehle hört, bedenken sie nicht ihre eigene Position. Sie verpassen es, sich selbst als vor Gott stehende zu erkennen. Es fällt ihnen nicht auf, wie sehr sie das Verhältnis von Gott und Mensch in ihrem Tun verkehrt haben!

Anstatt zu erkennen und zu verändern, tun sie mehr vom Selben. Sie beginnen sich zu schneiden, bis ihnen das eigene Blut über den Körper läuft. Sie intensivieren ihre Anstrengungen bis sie gegen Abend in eine Art Trance fallen.

Die Tiefe ihres eigenen religiösen Tuns führte sie immer weiter weg von ihrem Gott. Anstatt umzukehren und demütig zu werden, steigerten sie sich noch mehr. Sie gaben sich hin und opferten sich für ihren Gott auf, doch vertrauen sie im Grunde weiterhin auf ihre eigene Macht. Sie vertrauen auf die Kraft ihres eigenen, religiösen Handelns. Aber diese Kraft erwies sich als kraftlos. Es geschah nicht, was sie sehnlichst erflehten. Ihr Glaube vertraute auf die eigene Kraft und war deshalb kraftlos.

Wie halten wir es mit unserem religiösen Tun? Gehen wir als eine Art religiöse Übung in den Gottesdienst? Sprechen wir unsere Gebete, weil wir hoffen Gott damit für seinen Beistand zu bezahlen? Bringen wir unseren Dank, weil wir dadurch hoffen auch zukünftig Grund zur Dankbarkeit zu haben? Ist unser Engagement eine Art Ablasshandel mit Gott?

Oder gehen wir zum Gottesdienst um Gott und seinem Plan für unser Leben zu begegnen? Sprechen wir unsere Gebete als Gespräch mit Gott? Bereit seine Stimme zu hören, auch dort, wo es uns nicht gefällt, was er sagt? Beten wir „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“? Danken wir Gott ohne Hintergedanken? Wissend, dass es sein gutes Recht ist, auch anders zu können?

Worauf vertrauen wir? Vertrauen wir auf die eigene Macht oder lassen wir uns ohnmächtig auf Gott ein? Ganz und gar ihm vertrauend, wie es Elija tat?

Elija baute den zerstörten Altar wieder auf. Gemäss den alten Weisungen bereitete er das Opfer vor. Er tat es in Demut vor Gott.

Dann liess er Wasser bringen und machte alles nass. Darin folgte er nicht der Tradition. Er lieferte sich ganz Gott aus, wissend, dass er sein Leben verwirkt hat, wenn Gott nicht eingreift. Er gab sich und sein Leben ganz und gar in Gottes Hand.

Kein glücklicher Zufall, kein kleiner Funke oder sonst eine natürliche Erklärung konnte ihn noch retten. In Demut sprach er sein Gebet. „Gott offenbare dich. Zeige uns deine Kraft. Doch nicht nach meinem Willen, allein nach deinem Willen!“

So offenbarte sich an jenem legendären Tag Gott dem Volk.

Nicht durch die Kraft Elijas. Es war weder sein Gebet, noch seine Art das Opfer vorzubereiten und schon gar nicht seine Macht als Prophet. Es war allein Gott, der sich aus freien Stücken offenbarte. Es war sein Wille, der Elija zu seinem Propheten machte. Es war seine Kraft, die ihn vor dem Zorn des Königs und des ganzen Volkes rettete.

In Elija wird verborgen vorweggenommen, was in Jesus Christus der ganzen Schöpfung widerfährt. Gott rettet. Er rettet aus freien Stücken.

Wahrhaftig christlicher Glaube besteht deshalb nicht in einer menschlichen Leistung. Es sind nicht die Glaubenssätze, die wir bekennend sprechen, die uns retten. Es ist nicht die Kraft, welche aus religiösen Übungen erwächst, die uns erlöst. Es sind nicht die Gottesdienstbesuche und nicht das tägliche Gebet, auf das wir uns vor Gott stützen können.

Wahrhaftig christlicher Glaube besteht darin, sich ganz dem Paradox des Kreuzes auszuliefern. Gott macht das Unmögliche möglich. Als Mensch stirbt er für den Menschen, damit dieser Leben kann. Was am Kreuz geschah, können wir nur paradox sagen. Der Kern bleibt uns entzogen. Doch ist er da: Gott starb am Kreuz, damit wir mit ihm Leben!

Im Vertrauen auf den lebendigen, toten Gott und den toten, lebendigen Gott ist uns alles geschenkt. Alles, sogar der Glaube, der rettet!

Religiöse Rituale und Praktiken. Gottesdienst und Gebet. Abendmahl und Taufe. Sie erinnern uns an diese Unverfügbarkeit. Sie sind uns schwachen Menschen als Krücken gegeben, die wir oft zu schwach sind. Es gelingt uns nicht den Glauben als Geschenk anzunehmen. Wir scheitern, weil wir meinen, es seinen wir unsere Entscheidung für Gott, die uns glauben lässt. Doch alles religiöse Bekennen und alle Rituale werden zu hohlem Schauspiel, wenn Gott nicht in ihnen wirkt.

Im Handeln und Glauben Elijas blieb Gott stets der Unverfügbare. Im Vertrauen auf diesen unverfügbaren Gott sind wir gerettet. Dies ist das unauflösliche Paradox unseres Glaubens. „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“
Amen

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