Du schaffst mir Raum in der Bedrängnis!

In der Bedrängnis hast du mir Raum geschaffen.
Sei mir gnädig und höre mein Gebet.
Ps 4,2b

Liebe Gemeinde

Ein Mensch wird bedrängt. Er wird in die Enge getrieben. Seine Feinde schneiden ihm den Weg ab. Sie trachten ihm nach dem Leben. Einsam und verlassen sucht er Zuflucht. Vielleicht versteckt er sich in einer Höhle, wie es David tat, als er vor Saul floh.

Die Situation passt. Davids Beliebtheit an Sauls Hof stieg stetig. Freundschaftliche Banden umwoben ihn gar mit dem Königssohn Jonathan. Aus dem einfachen Hirtenjungen war ein Mitglied des Hofes geworden.

Doch mit der wachsenden Beliebtheit des jungen Helden wuchs auch die Abneigung Sauls gegen ihn. Saul fühlte sich, wohl zu Recht, durch den musisch begabten und von Gott gesegneten David bedroht.

Noch war es eher eine Ahnung als Gewissheit, doch Saul kannte seinen Gott. Er wusste, dass er gegen ihn gesündigt hatte. Durch den Propheten war er über die Konsequenz unterrichtet. Doch so einfach liess sich ein Saul die Macht nicht nehmen. Er hielt an ihr mit Leibeskräften fest. Er versuchte David zu töten, doch der Speer traf sein Ziel nicht. Ein zweiter Mordplan vereitelte sein Sohn Jonathan. Er warnte mit einem Pfeilschuss seinen Freund, so dass dieser nicht in die Falle ging.

David floh. Saul verfolgte ihn. Als der König sich just in jener Höhle erleichterte, in welche David geflohen war, hätte es nur eines Schwertstreiches bedurft. Doch David hielt sich auf Geheiss Gottes zurück. Noch war die Zeit für Saul nicht gekommen. David verschonte Saul und schenkte ihm das Leben. Lediglich ein Stück seines Rockmantels schnitt er ihm als Beweis der Todesbedrohung ab. Er stand treu zu Gott.

Ich stelle mir vor, wie David sich im Schutze der Dunkelheit jener Höhle Saul von hinten nähert. Er greift nach seinem scharfen Schwert. Seine Finger umschliessen das Heft. Lautlos gleitet es aus der Scheide. Noch hat David die Wahl. Entweder folgt seine Hand dem Willen Gottes und schont den Feind oder er nützt die günstige Gelegenheit. Ein Stoss und Saul wäre nicht mehr. David hätte dem Feind das Leben genommen. Er wäre in Sicherheit gewesen. Das Volk hätte ihn als neuen König ausgerufen.

In diesem Moment der Entscheidung könnte David die Worte des Psalms beten. So möchte ich es mir zumindest vorstellen, wenn ich auch weiss, dass es kaum so war. Weder die Erzählung im Samuelbuch (1. Sam 24), noch der Psalm selbst weisen darauf hin. Es ist ein Bild meiner Fantasie.

Und dennoch meine ich, es passt. Denn das Thema des Psalms ist das Vertrauen auf Gott in der Bedrängnis. Dieses Vertrauen beweist David, indem er Saul leben lässt. Er vertraut darauf, dass Gott ihn schützt, auch wenn er den Feind schont. Er vertraut Gott und nicht der Schärfe seines Schwertes!

Wir sind nicht David. Uns verfolgt Saul nicht. Wir haben uns nicht in einer Höhle versteckt. Und dennoch ist wohl keiner unter uns, der es nicht kennt – das Gefühl bedrängt zu sein. Wir wissen, wie es sich anfühlt in die Enge getrieben zu sein. Wir spüren es geradezu im ganzen Körper, wenn wir uns in die Lage Davids hineinversetzen.

Dieses Gefühl schnürt einem die Luft ab. Das Herz pocht kräftig und schnell. Adrenalin wird ins Blut geschüttet. Der Stresslevel erreicht das Maximum. Er muss sich entladen! Jede Faser des Körpers will fliehen, doch das Auge findet keinen Ausweg. Man steckt in einer Sackgasse. Die Anspannung kann sich nicht in der Flucht entladen. Man verzweifelt. Man fühlt sich ohnmächtig! Die Bedrängnis hat einem fest im Griff. Sie lässt einem nicht los.

Bedrängnis kann viele Ursachen haben, das Gefühl bleibt das gleiche. Es kann entstehen, wenn man von Feinden umzingelt ist, wie David. Es kann seinen Grund in chronischer Krankheit haben. Andauernder Streit und beständiger Konflikt mit nahestehenden Menschen kann geradeso gut dazu führen, wie unbearbeitete Trauer.

Wer beständig mit der eigenen Situation überfordert ist, und keine Möglichkeit hat diese Situation zu verändern oder ihr zu entkommen, erlebt dieses Gefühl. Was die Bibel mit Bedrängnis umschreibt, ist deshalb einem Burnout gar nicht so unähnlich. Kann ein Mensch einer bedrängenden Situation nicht entfliehen, so schlägt der eigentlich gute Stress der Situation in sein Gegenteil um. Man fühlt sich erschöpft und müde. Die Lebensfreude weicht, es fehlt an Antrieb. Die Kräfte schwinden. Was früher kaum Anstrengung verlangte, wird plötzlich zum schier unüberwindbaren Berg. „Das schaffe ich nicht!“ wird zum beherrschenden Gedanken. Der eigene Möglichkeitsraum schrumpft. Schliesslich steht man in seinem Leben da, wie festgenagelt.

Dem bedrängten Menschen fehlt eine Zukunftsperspektive. Es ist als hätte man keinen Grund mehr zur Hoffnung. Als gäbe es nichts mehr um einem, dass einem Erleichterung verschaffen kann. Es fehlt jeder Lichtblick.

Von daher erstaunt es mich nicht, dass für viele Menschen gerade das Sterben und der Tod als letzte Bedrängnis verstanden wird. Man kann ihm nicht entkommen. Er ist die letzte Grenze. Er grenzt jeden Lebensraum ein. Er ist das Ende jeder menschlichen Erfahrung. Was jenseits von ihm kommt, ist dem Mensch entzogen. Nur im Vertrauen auf Gott kann es ein jenseits von dieser Grenze geben.

Bedrängnis hat viele Gesichter. Nicht immer fällt es leicht sich ihr zu entziehen. Rasch wird sie bedrohlich eng. Sie kann zur Krankheit, dem Burn-out, werden. Ja, sie kann tödliche Dimensionen annehmen. In der Höhle von En Gedi geht es um Leben und Tod, sowohl für David als auch für Saul. Zurecht kann es einem angst und bange werden.

Aus der Höhle der Bedrängnis gibt es oft keinen leichten Ausweg. Man kann sich in ihr verirren. Es will einem nicht gelingen sich selbst aus ihr zu befreien.

Der vierte Psalm weiss darum. Der Sänger des Psalms betet nicht im Vertrauen auf seine eigene Kraft, sondern vertraut sich im Gebet Gott an. Er anerkennt seine Lage. Er erkennt die Ausweglosigkeit. Er täuscht sich nicht selber. Kein „Ich schaffe das schon!“, „Ich muss mich nur mehr anstrengen!“ oder „Irgendwie kann ich mich schon durchwursteln“, trübt seine Gedanken. Er schämt sich nicht seiner Schwachheit, denn er ist nicht schwach. Die Bedrängnis ist einfach zu schwer, als dass sie mit menschlicher Kraft überwunden werden könnte.

Der Sänger des Psalms braucht Hilfe. Er kann sich nicht selbst befreien. Er kann sich nicht selber Raum schaffen. Der nötige Freiraum ist ein Geschenk. Er ist eine Gabe, die nur ein anderer geben kann.

Voll Vertrauen betet er zu Gott. Er bittet um Raum. Gott möge geben, wie er schon gab. Wie er ihm schon gab! Dieser Beter betet nicht zum erstmal. Er kennt seinen Gott. Er hat es schon erlebt, wie sein Vertrauen auf Gott erfüllt wurde.

David fühlte in der Höhle von En Gedi die Bedrängnis nicht zum ersten Mal. Schon als kleiner Junger bei den Schafen hatte er sie erfahren. Wenn ein Löwe oder ein Rudel Hyänen um seine Herde schlich, wurde ihm angst und bange.

Doch damals auf dem Feld war er nicht allein! Er wusste: „Gott ist bei mir.“ Er war nicht allein – weder in der Höhle noch auf dem Feld bei den Schafen. Gott gab ihm Kraft. Er bewahrte ihn. Er schuf ihm Raum in der Bedrängnis. Auf Grund der eigenen Erfahrung ist sich der Beter des Psalms in der aktuellen Bedrängnis gewiss: „Ich bin nicht allein! Gott vermag es, mir Raum zu schaffen!“

In der Erfahrung und seiner Geschichte mit Gott schöpft er Hoffnung. In dieser Hoffnung bittet er Gott um Raum. In diesem Raum kann er durchatmen. Die Bedrängnis seiner Feinde drückt ihn weniger. Sie kann ihn nicht länger erdrücken.

In der Bedrängnis dürfen wir Gott um Raum bitten. Der Raum den er uns gibt, lässt uns durchatmen. Doch vermag das Geschenk seines Raumes noch viel mehr. Nicht erst in der Bedrängnis. Nicht erst in der äussersten Not schafft Gott Raum.

Nein, in seinen Raum darf auch der Unbedrängte eintreten. Es ist der Raum Gottes, der offen ist für unsere Träume. In seinem Raum kann die zarte Blume des Friedens erblühen. Hier schlägt der Baum des Lebens wurzeln. Gottes Raum ist frei von Bedrängnis. Er macht frei, wer in ihn eintritt.

In diesem Raum des Vertrauens auf Gott kann David auf die Schärfe seines Schwertes verzichten. Er muss nicht zum tödlichen Stoss ausholen. Wie Gott die Bedrängnis von ihm nimmt, so kann er sie von seinem Feind nehmen. Er tötet Saul nicht, der in seine Hand geraten ist. Er schenkt ihm das Leben. Ja, er nimmt ihn in sein Gebet auf.

Der Raum der Freiheit, den Gott schenkt, ist so unfassbar weit, dass auch die Fürbitte für den Feind darin Platz findet. Der Sänger des Psalms bittet für seine Verfolger. Auch sie mögen die wahre Freiheit Gottes erfahren!

Gott befreit aus der Bedrängnis. Die Höhle, die Sackgasse, der ausweglose Raum wird zum Umkehrpunkt. Nicht länger wird der Raum kleiner. Im Vertrauen auf Gott öffnet sich ein Raum. An die Stelle der Bedrängnis tritt Freiheit. Aus Angst wird Hoffnung. Aus Tod wird Leben.

David tritt aus der Höhle. Er tritt seinem Verfolger Saul entgegen. Nicht zum Kampf, sondern als Zeuge der Freiheit, die Gott ihm schenkt. In der Hand der abgeschnittene Rocksaum des Königs. Er ist das Zeichen. Die Freiheit, die Gott schenkt, gilt nicht nur dem Befreiten. Sie wird auch dem Feind und Verfolger angeboten. Er kann sie ergreifen. Sie wird auch ihn befreien.

Doch Saul greift nicht zu. Es fehlt ihm die Weite im Herzen. Er macht sich selbst den Raum klein.

Gott bietet uns seine Freiheit an. Er vermag auch in der letzten Bedrängnis Raum zu schaffen. Er gibt uns Raum, wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann. Einen Raum für unsere Träume.

Der Raum ist da. Doch liegt es an uns, ob wir in ihn eintreten. Es liegt an dir, ob du die Höhle deiner Bedrängnis mit David verlässt oder dich immer tiefer in sie verstricken lässt. Es liegt an dir, ob du das Angebot annimmst oder es ausschlägst. Du bestimmst. Du bist am Zug.
Amen

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