Trotzdem – Danke!

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird.
Ja, es ist geheiligt durch Gottes Wort und durch Gebet.
1. Tim 4,4f.

Liebe Gemeinde

In der Lesung hörten wir von einem fleissigen Bauern. Er bestellte sein Feld mit Bedacht; säte zum rechten Zeitpunkt den Samen; sorgte sich um das spriessende Grün. Er tat seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen!

Das Korn wuchs und trug Frucht. Mehr als zu erwarten war. Die reiche Ernte fand keinen Platz in der Scheune, so dass der emsige Landwirt ein neues und grösseres Gebäude plante. «Dann habe ich es geschafft. Dann kann ich ruhig werden. Dann kann ich die Früchte meiner Arbeit geniessen!» sprach er zu sich. Endlich das Leben auskosten. Endlich tun und lassen, was man möchte. Endlich sich dem Krampf des Lebens und den Zwängen des Alltags entziehen. Endlich Zeit haben.

Der Alltag kann belasten. Die Sorge um die Arbeit überschattete das Leben des Kornbauern, von dem Jesus in seinem Gleichnis erzählte. Er konnte sich wenig an seinem Alltag erfreuen. Erst später, so dachte er, könne er geniessen. Seine Arbeit und sein Leben waren auf ein Später ausgerichtet.

Wenn es ihm damals schon so erging, wie steht es dann erst um uns heute? Immer mehr soll in immer weniger Zeit erledigt werden. Ökonomisierung, Selbstoptimierung, Stress und Burnout sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sogar manche Schulkinder kennen heute die 20/80 Regel. Sie besagt, dass 80 Prozent des maximalen Ergebnisses in den ersten 20 Prozent der für das maximale Ergebnis nötigen Zeit erreicht werden. Der Optimalismus hat den Perfektionismus abgelöst. Das Hamsterrad dreht sich immer schneller. Viele können nicht mehr Schritt halten.

Selig, wer sich dem Hamsterrad entziehen kann. Glücklich, wer sich nicht dem Tempo der Gesellschaft anpassen muss, sondern nach seinem eigenen Rhythmus schaffen kann.

«Arbeitest du noch oder lebst du schon?» fragt sich wohl nicht nur die Generation Y, die Generation derjenigen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden, zu denen auch ich gehöre. Die Antwort meiner Generation war die Work-Life-Balance. Wir suchten den Ausgleich zwischen Arbeitszeit und Zeit zur Selbstverwirklichung. Haben wir die Balance gefunden?

Wohl kaum. Wie auch in den Generationen vor uns, gab es manchen, der die Balance verlor. Es gelingt nur selten sich selbst aus dem Hamsterrad zu befreien.

Auch ich habe es immer wieder versucht meine Work-Life-Balance zu finden und bin dabei gescheitert. Vielleicht hat das Scheitern mit dem Ansatz selber zu tun. Wer die Work-Life-Balance sucht, stimmt implizit der Unterscheidung von Arbeit und Leben zu. Arbeit als Gegenbegriff zu Leben – dabei ist Arbeit doch ein Teil des Lebens!

Meinem Leben würde ein wichtiges Stück fehlen, wäre Arbeit nicht auch Teil davon.

Und doch. Ich kann dem Kornbauern aus dem Gleichnis Jesu nachfühlen. Auch ich habe diese Momente, in denen ich mich auf ein Später vertröste. Momente, in denen ich meine, wenn nur genügend Vorräte eingelagert seien, dann dürfe sich auch meine Seele freuen.

Der Kornbauer freute sich: «Bald habe ich es geschafft!» Doch Gott sprach zu ihm: «Du Narr!» und forderte noch in derselben Nacht seine Seele. Der Landwirt tat seinen letzten Atemzug und hauchte seine Seele aus. Die reiche Ernte verfaulte auf den Feldern. Die grosszügige, neue Scheune wurde nie gebaut.

Gott sagte «Nein!» zum Kornbauern. Als Warnung vor Habgier und einer falschen Gewichtung des Besitzes überlieferte Lukas das Gleichnis. Nicht die Schätze auf Erden, sondern jene im Himmel zählen. Man kann das Gleichnis moralisch verstehen.

Doch meine ich, wer es moralisch versteht, greift zu kurz. Wer es moralisch versteht, der blickt nur allzu rasch von sich selbst weg. Wer es moralisch versteht, der nimmt es bald als Massstab für die Welt. Er vermisst die andern und vergisst sich selbst.

Ja, es gibt sie, die Habgierigen in der Welt. Ja, es fällt nicht schwer andere zu finden, die mehr Reichtümer anhäufen, als man selbst. Ja, man kann auf Unternehmen wie Syngenta und Monsanto zeigen. Man kann verächtlich auf Topmanager wie Pierin Vincenz und Daniel Vasella oder Politiker wie Pierre Maudet oder Donald Trump herabblicken, gerade dann, wenn sie straucheln. Vermutlich stimmt es, wenn man von sich selber meint, man sei moralisch besser. Und sei es auch nur deshalb, weil man nie durch eine scheinbar günstige Gelegenheit in Versuchung geführt wurde.

Doch eben. Diese moralische Deutung des Gleichnisses greift zu kurz. Sie vergisst gerne das eigene Leben. Die eigene Existenz.

Das «Nein!» Gottes ist nicht nur moralisch zu verstehen. Es ist nicht bloss eine Absage an Habgier und Besitz. Es geht viel weiter. Es betrifft den Menschen und die Schöpfung an sich.

Das «Nein!» Gottes trifft den Menschen existenziell. Es ist eine Absage an jeglichen Selbstbehauptungswillen des Menschen. Gott sagt nein zu einer Schöpfung, die sich selbst erhalten will. Er sagt nein zu einer Schöpfung, die aus sich selbst leben will. Er sagt nein zu einer Schöpfung, die meint, sich selbst genug zu sein.

Der Kornbauer scheitert nicht nur moralisch. Er scheitert nicht wegen seiner Habgier. Er scheitert als Mensch!

Er scheitert, weil er meint die Grundlage seines Lebens in der eigenen Hand zu halten. Er scheitert, weil er glaubt, seine Vorräte erhalten ihm das Leben. Er scheitert, weil er sein Leben vor Gott aus sich selbst rechtfertigen will und sei es auch nur sein weltliches.

Gott sagt nein. Nicht bloss zur Habgier. Nicht zum Besitz. Nicht zum Überfluss. Nicht zur Masslosigkeit. Gott sagt nein zum Menschen, der sich selbst erhalten will. Er sagt nein zum Menschen, der dem göttlichen «Nein!» widerspricht.

Dem «Nein!» Gottes kann der Mensch nichts entgegensetzen. Weder Besitz, noch gute Taten können ihn von diesem «Nein!» befreien. Der Mensch hat Gott nichts zu bieten, nicht einmal den eigenen Glauben.

Gott sagt nein. Er sagt nein zu unserer Existenz. Und trotzdem leben wir!

Wir leben! Nicht aus uns selbst. Nicht durch unser «Trotzdem!», sondern durch Gottes «Trotzdem». So radikal sein «Nein!» über uns gesprochen ist, sein «Trotzdem!» ist radikaler.

Er gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Er schenkt uns unser Leben. Er erhält es. In jedem Augenblick sind wir von seiner Ewigkeit getragen.

Darum dürfen wir ihm danken. Nicht nur heute, am Erntedankfest. Nein, jeden Tag. Denn Erntedank heisst, das «Nein!» Gottes stehen zu lassen. Es heisst ganz aus diesem «Nein!» zu leben und zu danken.

Erntedank in diesem Sinn heisst, nicht wir danken Gott, dass er zu unserem Arbeiten auf dem Feld, Acker und im Gartenbeet seinen Segen dazu gibt, sondern darüber zu staunen, dass er uns an seiner Gnade, an seinem «Trotzdem!» teilhaben lässt. Nicht wir schaffen und er gibt seinen Segen, sondern er gibt seinen Segen und wir dürfen schaffen. Nicht unser Säen ist der Ursprung, sondern seine Gnade steht am Anfang. Er allein vermag, dass es werde!

Der Kornbauer im Gleichnis ist reich gesegnet mit den Früchten des Feldes. Doch er versteht es als sein Verdienst. Er sieht in den vollen Ähren die Frucht seiner Arbeit. Wegen seinem Arbeitsethos und seinem Fleiss verpasst er das Leben. Er kann nicht in Dankbarkeit empfangen. So gerät seine Work-Life-Balance aus der Balance. Er verpasst das Leben, weil seine Arbeit nicht Teil davon ist.

Auch wir führen oft unser Leben, wie jener Kornbauer. Wir hören das «Nein!» Gottes als «Nein!» über andere. Als moralischer Anspruch. So verpassen wir sein «Trotzdem!». Gott beschenkt uns reich. Nicht weil wir besser sind, sondern trotzdem wir Menschen sind, die sein «Nein!» nicht bestehen lassen können. Es ist sein «Trotzdem!», das uns leben lässt. Es ist sein «Trotzdem!», für das ich dankbar bin.
Amen

 

 

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