Auge um Auge, Zahn um Zahn

Ich aber darf durch deine grosse Güte eintreten in dein Haus. Zu deinem heiligen Tempel hin will ich mich niederwerfen in Ehrfurcht vor dir.
Ps 5,8

Liebe Gemeinde

Der Sänger des Psalms tritt in das Haus Gottes ein. Er betritt den Tempel und wirft sich nieder vor dem ewigen und ehrfurchtgebietenden Schöpfer der Welt. Er betet. Er klagt. Er hofft. Er breitet sein Leid aus.

Es ist nicht irgendjemand, der hier betet. Auch wenn es sich kaum um den historischen David gehandelt haben kann, muss der Beter doch eine bedeuten Persönlichkeit gewesen sein. Er hatte Zugang zum Haus des Herrn. Er betete nicht in einem der Vorhöfe, wie das gewöhnliche Volk. Er betrat den Tempel. Dies war den Priestern vorbehalten.

Nur die Priester durften sich Gott nähern. Nur sie gehörten ein Stück weit der Welt des Heiligen an. Das Heilige aber ist der Raum Gottes. Es gehört ganz ihm. Es ist seine Präsenz die diesen Raum heilig macht.

Heiliges gehört in diesen Raum. Doch was der Beter vor Gott bringt, ist alles andere als heilig. Er schimpft über seine Gegner. Sie wollen Rufmord an ihm begehen. Er glaubt, an Leib und Leben bedroht zu sein.

So bringt er nicht nur seine Not vor Gott. Auch seinem Zorn gibt er im Heiligen Raum. Er klagt. Er klagt an.

Das Gebet des Sängers des Psalms, das wir in der Lesung hörten, ist mir vertraut. Ich erkenne mich in ihm wieder. Es spiegelt einen Teil meiner Seele. Es spiegelt jenen Teil, den ich nicht mag. Ja, den ich verabscheue. Jener Teil widerspricht meinem Bild vom guten Christen. Ich suche ihn vor der Welt zu verbergen, wie Dorian Grey das Porträt, das an seiner Stelle altert und die Spuren seines Lebens und seiner Sünden trägt, auf dem Dachboden versteckte.

Dieser Teil meiner Selbst versteht den Psalm nur zu gut. Er will Gott einspannen für seine Zwecke. Er will seine eigenen Rachegelüste befriedigen. Blut und Galle spuckt er gegen seine Gegner. Göttlicher Zorn soll die Frevler treffen. Die Übeltäter soll Gott hassen. Den Lügner soll er vernichten. „Lasse sie büssen, Gott, sie sollen fallen durch ihre eigenen Ränke.“ (Ps 5,11)

Der Psalmsänger und ich, wir sind uns ähnlich. Wir tragen ein Stück Welt in uns. Die Weltseele spricht aus ihren tiefsten Abgründen in diesen Worten. Der Schmerz, die Bedrängnis, die Todesdrohung der Verfolger möge sich gegen sie wenden. Sie mögen finden, was sie einem anzutun suchen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

So du mir, so ich dir! – In den Augen der Welt ist es gerechter Zorn, der hier zum Ausdruck kommt. Die Anklage des Beters entspricht den Tatsachen. Er wird verfolgt. Man erzählt Lügen über ihn. Der Rufmord an ihm ist keine Einbildung. Seine Gegner versuchen ihn wirklich mit allen Mitteln zu zerstören.

Die Frevler des Psalms sind Frevler. Die Lügner sind Lügner. Betrüger betrügen. Mörder morden. Sie verdienen, was der Psalm dafür fordert. Die Strafe ist gerecht und angemessen.

Und doch. Etwas in mir sagt mir, dass himmlische Gerechtigkeit anders ist, als Gerechtigkeit nach den Massstäben der Welt. Die klare Linie von Auge um Auge und Zahn um Zahn gilt in der Welt. Doch vor Gott? Kann ich vor ihm bestehen? Muss himmlische Gerechtigkeit nicht von ganz anderer Qualität sein?

Es ist mehr eine verschleierte Ahnung, als ein klares Bild. Doch wächst sie im Lichte Jesu zur Gewissheit. Die Gerechtigkeit Gottes übersteigt menschliche Gerechtigkeit nicht nur quantitativ. Sie ist auch von ganz anderer Qualität. Sie hat ein eigenes Wesen. Sie protestiert gegen das Auge um Auge und Zahn um Zahn der Welt. Sie sucht nicht Ausgleich, sondern Beziehung. Sie arbeitet auf Vergebung hin.

Jesus selbst bittet am Kreuz: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Ganz anders sind seine Worte. Eine ganz andere Herzenshaltung als diejenige des Psalmensängers.

Auch er wurde verfolgt. Im Prozess vor dem Hohenrat traten Lügenzeugen gegen ihn auf. Der Hohepriester selbst suchte ihm die Worte im Munde zu verdrehen. Selbst das Römische Reich, in seinem Selbstverständnis Garant des Rechtes für alle Untertanen in allen Provinzen, sprachen ihn des Aufstands gegen Rom für schuldig, ohne sich um die eigenen Prozessregeln zu kümmern. Am Kreuz sollte er sterben. Alles Unrecht der Welt traf ihn. Er hätte allen Grund gehabt, am Kreuz die Welt zu verfluchen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Obwohl gerade er, der Sohn Gottes, mit allem Recht der Welt in den fünften Psalm einstimmen könnte, tut er es nicht. Ganz anders als der Sänger des Psalms tritt er vor Gott.

Er klagt nicht, sondern bittet für seine Verfolger. Noch am Kreuz erkennt er ihre Not und bittet inständig um das, was sie so bitter nötig haben. Er bittet für sie. Er bittet für uns, die wir an derselben Not leiden.

Nicht Rache gegen unsere Feinde. Nicht himmlischen Zorn, der unsere Verfolger trifft. Nicht den Tod des Lügners haben wir nötig. Was uns fehlt, was wir am dringendsten von allem brauchen, fasst er am Kreuz in ein Wort: Vergebung!

Wir brauchen keinen Gott, der uns an unseren Feinden rächt. Wir brauchen keinen Gott, der für uns streitet. Wir brauchen keinen Gott, der sich für unsere ach so weltlichen Ziele einspannen lässt. Wir brauchen nur eines: einen Gott, der uns gnädig ist. Einen Gott der uns vergibt.

Diesen vergebenden Gott hat Jesus der Welt verkündigt. Er erzählte vom Vater, der dem verlorenen Sohn vergibt. Er liess seine Hörer entscheiden, wessen Gebet Gott lieber höre. Sie selbst entschieden zwischen dem Pharisäer und dem Sünder, der um nichts anderes bat, als Vergebung für seine Sünden.

Den Menschen, die Jesus damals hörten, war klar. Wir sollen uns den Sünder und nicht den Pharisäer zum Vorbild machen. Sich den Sünder zum Vorbild machen, nicht aber seine Sünde. Das heisst vor Gott zu treten und sich zu seinen Verfehlungen bekennen. „Ja, Vater ich habe gesündigt! Ich bin nicht der, den du gedacht hast. Ich bin Zerrbild meiner Selbst. Vergib mir. Schaffe mich neu. Richte mich auf aus meiner Verkrümmung!“

So sollen und so dürfen wir vor Gott treten. Doch es ist verdammt schwer, so zu beten. Es ist verdammt schwer, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wer nicht so betet, spricht sich selbst das Urteil. Wie der Pharisäer, der im Tempel Gott dankt, dass er nicht wie der Sünder ist, bricht den Stab über sich selbst. Er glaubt, sich selbst vor Gott rechtfertigen zu können. Er vertraut auf das eigene Vermögen, den eigenen sittlichen Lebenswandel und die eigene religiöse Kraft. Auf den Sünder hinter ihm blickt er herab, unfähig sich selbst, in seinem vor Gott stehen, zu erkennen. Nicht fähig zu begreifen, wie unendlich klein er selbst vor der Herrlichkeit des Höchsten ist.

Es ist verdammt schwer so zu beten. Dabei geht es nicht darum sich selbst klein zu beten. Es geht nicht darum sich mit seinem Sünder sein selbst zu kasteien. Gott will, dass wir uns selbst quälen. Gott will nicht, dass wir uns selber weh tun, aber wir dürfen den Schmerz über unsere Fehler spüren. Wir sollen uns nicht als Versager fühlen und doch zu unseren Fehlern stehen. Als von Gott getröstete dürfen wir über unsere Schuld trauern.

Denn Christus bittet am Kreuz nicht nur, er vergibt auch. Er nimmt Sünde der Welt mit sich ans Kreuz. Im Sterben und Tod überwindet er ihre Macht. Er reisst die Mauer ein, die wir zwischen uns und Gott aufgebaut haben. In ihm haben wir Zugang zu Gott.

Christus als der wahre Priester, lässt uns im Glauben Anteil haben an seinem Priestertum. Wo wir glauben, sind wir Priester. Ohne kirchliche Weihe und ohne Theologiestudium. Das meinten die Reformatoren, wenn sie vom Priestertum aller Gläubigen sprachen. In Christus werden wir in den selben Stand versetzt, wie ihn der Beter des fünften Psalms Kraft seiner Abstammung, Ausbildung und Weihe hatte.

Wir sind Priesterinnen und Priester. Durch die Gnade Gottes sind wir es. Wir dürfen durch seine grosse Güte in sein Haus eintreten. Zum heiligen Tempel hin uns niederwerfen in Ehrfurcht vor ihm. Wir dürfen es, wie es der priesterliche Beter des Psalms durfte.

Doch müssen wir nicht wie der Sänger des Psalms werden. Anders als er, können wir davon absehen gegen Menschen zu beten. Wir müssen Gott nicht um gerechte Strafe für unsere Gegner bitten. Wir müssen unseren Feinden nicht den Tod wünschen.

Als begnadigte und von Gott frei gesprochene Sünderinnen und Sünder dürfen wir anders beten. Nicht gegen, sondern für Menschen. Wir dürfen ihn um Vergebung bitten für unsere Verfolger. Wir dürfen ihn um Erkenntnis bitten für diejenigen, die uns vor der Welt schmähen. Wir dürfen um Frieden bitten mit all jenen, mit denen wir im Streit leben. Wir dürfen um die Kraft der Liebe bitten, die Mauern zwischen uns und den andern einzureisen vermag.

Es fällt nicht leicht so zu beten. Unsere Seele mag oft lieber in die Worte des fünften Psalms einstimmen, als ins Gebet unseres Herrn am Kreuz. Es ist alles andere als leicht um Vergebung zu bitten, selbst dann, wenn man nicht ans Kreuz geschlagen worden ist.

Doch Christus bat am Kreuz für die Menschheit: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ Er betet noch heute als auferstandener und lebendiger Herr. Er bittet um Vergebung.

Nichts anderes haben wir von Gott nötig, als dass er uns vergeben hat und beständig aufs Neue vergibt. In seiner Vergebung dürfen wir mit dem Sänger des Psalms einstimmen und sagen: „Ich aber darf durch deine grosse Güte eintreten in dein Haus. Zu deinem heiligen Tempel hin will ich mich niederwerfen in Ehrfurcht vor dir.“
Amen

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