Der Trauer Raum geben

Ich bin erschöpft von meinem Seufzen, ich tränke jede Nacht mein Bett, mit meinen Tränen überschwemme ich mein Lager.
Ps 6,7

Liebe Gemeinde

«Ich konnte nicht einmal weinen! Es ist einfach nur finster um mich. Sein Tod zog mir den Boden unter den Füssen weg!» «Die Welt dreht sich weiter, als wäre nichts geschehen!» «Wir waren alle noch da. Der Abschied war schön. Unsere Mutter schlief friedlich ein.» «Der Tod riss mir meinen Sohn am helllichten Tag weg. Ich kann es bis heute nicht glauben. Ich weiss, dass er tot ist und doch: Jedes Mal, wenn die Türe aufgeht, meine ich er komme heim! Ich kann es nicht verstehen. Ich will es nicht verstehen.»

Der Tod trägt ganz verschiedene Gesichter. Er begegnet uns auf unterschiedliche Weise. Mal trifft er uns schwer. Mal kommt er still und leicht. Mal erlöst er von Schmerz und Leid. Mal bringt er Leid und Schmerz mit sich.

Wie keine Schneeflocke der anderen gleicht, so gleicht auch kein Sterben dem anderen. Der Tod tritt stets im neuen Gewand auf. So oft er uns begegnet, so oft ist er ein anderer. Die Erfahrung des Todes wird nie vertraut. So oft man ihn auch erlebt, man wird sich nie ganz auf die Begegnung mit ihm einstellen können. Am Ende ist es doch jedes Mal anders.

So natürlich dieser Gedanke scheint, so entspricht er doch nicht der gesellschaftlichen Erwartung. Der stets unerwartet neue Tod will auf ebenso neue Weise betrauert sein. Trauer braucht Raum. Ist unsere Gesellschaft noch in der Lage diesen Raum zu gewähren? Ich erlebe oft das Gegenteil. Das Sterben, der Tod und die Trauer werden nur selten als einzigartiges und individuelles Geschehen erlebt. «Wir machen es wie immer!» heisst es dann.

Der Tod und das Sterben werden so zum Zwischenfall. Der alltägliche Gang der Dinge muss unterbrochen werden. Der Zwischenfall soll möglichst rasch mit bewährten Methoden bewältigt werden. Mit der Beerdigung soll die Trauer abgeschlossen sein – zumindest in ihrem sichtbaren Kleid. Tränen dürfen nur noch bei den engsten Vertrauten gezeigt werden. Am Grab dürfen sie sein. Schon beim Abschiedsgottesdienst scheinen sie für einige nicht mehr am Platz. Nur so kann ich es mir erklären, dass Trauernde nach dem Gottesdienst meinen, sich für ihre Tränen entschuldigen zu müssen.

Nein, sie müssen sich ihrer Tränen nicht schämen! Weinen sie, wenn es ihnen zum Heulen zumute ist! Es tut mir im Herzen weh, wenn man meint Tränen gehören nicht in die Kirche. Sie dürfen sein. Hier in der Kirche. Hier vor unserem Gott. Einem Gott der mit uns weint! Er fühlt mit uns!

Was für eine Kirche wären wir, wenn Schmerz und Trauer nicht mehr sein dürfen? Nur noch im stillen Kämmerlein geweint werden darf? Verborgen vor der Welt. Damit die Tränen den Lauf der Welt nicht stören? Darf heute nur im Verborgenen geklagt werden, wie der Sänger des Psalms in der Nacht und im Schutz seines Zeltes Tränen vergisst?

Damit wir uns recht verstehen: Tränen sind kein Muss. Es gibt Menschen, die auf andere Weise trauern. Es gibt Menschen, die das Weinen verlernt haben. Ja, weil jeder Tod ein anderer ist, gibt es auch den versöhnlichen Tod. Vielleicht bringt er ganz andere Gefühle mit sich? Das darf sein!

Niemand muss am Grab weinen. Aber jeder soll weinen dürfen, dem es darum ist. Niemand muss sich seiner Tränen und seines Schmerzes schämen.

So einzigartig wie der Tod, so einzigartig und unwiederholbar darf auch die Trauer sein!

Sie darf tief gehen. Sie darf schmerzhaft sein, wie die Trauer, die im Psalmenwort über der Predigt zum Ausdruck kommt.

Der Sänger des Psalms trauert. Der Schmerz über sein Schicksal raubt ihm den Schlaf. Die Feinde trachten ihm nach dem Leben. Es würgt ihn, wie der Tod eines geliebten Menschen auch uns quälen kann. Der Tod kann so mächtig werden, dass er dem Tag das Licht und der Nacht den Schlaf raubt. Der Schmerz scheint endlos und bodenlos. Ohne Hoffnung droht der Sänger des Psalms darin zu versinken. Die Todesangst reisst einen Abgrund unter ihm auf. Er droht in die Gottesferne des Todes zu stürzen. Ein tiefer Fall droht; hinab in die finstersten Schlunde der Unterwelt. So tief, dass er meint keine Hoffnung mehr haben zu dürfen.

Der Sänger des Psalms stimmt ein Klagelied an. Er klagt über den Tod. Er schämt sich seiner Tränen nicht. Er muss so heftig über diesen Schmerz weinen, dass seine Matratze feucht wird. Ja, er singt davon, dass seine Tränen sein Lager überschwemmen. Er steht zu seinen Gefühlen. Gerade auch zu denjenigen, die scheinbar in der Gesellschaft keinen Platz haben.

Ja, sein Schmerz ist tief. Er erlebt seine Trauer finsterer, als es wohl die meisten von uns sich auch nur vorstellen können.

Und doch: Auch bei uns gibt es Menschen, die wie er fühlen. Doch ihr Schmerz scheint nicht zum Ausdruck kommen zu dürfen. Sie können kein Klagelied anstimmen. Sie dürfen dem Tod und der Trauer nicht so viel Raum geben, wie sie es möchten. Es zieme sich nicht; Es passe nicht – sagt man ihnen. Es scheint ihnen, als wolle niemand ihr Leid hören.

Gerade, beim sogenannten guten Sterben, kann es vorkommen, dass die Trauer verdeckt wird. «Es war so stimmig, da kann ich nicht traurig sein!» denkt ein Hinterbliebener dann. Doch auch im guten Sterben stirbt ein Mensch. Der Verlust ist da. Der Schmerz darf sein.

Es braucht Zeit und Raum zur Trauer. Es würde unserer Gesellschaft gut stehen, wenn wir dazu wieder mehr Raum geben würden. Wenn wir bereit sind der Trauer mehr Zeit einzuräumen, als die ein oder zwei Arbeitstage, die das OR im Todesfall einem nahen Angehörigen einräumt. Mit der Beerdigung ist die Trauer nicht abgeschlossen. Die Beerdigung ist nur ein Schritt auf dem Weg der Trauer.

Der Weg der Trauer ist kein kurzer. Verena Kast, eine Schweizer Psychologin, die zu den Mitbegründerinnen der Trauerforschung gehört, zählt in ihrem Modell vier Phasen der Trauer auf. Das «Nicht-Wahrhaben-Wollen»; das «Aufbrechen der Emotionen»; das «Suchen und Sich-Trennen» und das Finden eines «Neuen Selbst und Weltbezug». Dieser Weg braucht Wochen, Monate, oft Jahre!

Diese Zeit darf man sich nehmen. Alle vier Phasen sind Trauer! Nicht nur die Phasen mit den Tränen. Ja, Tränen dürfen, müssen aber nicht dazu gehören. Trauer darf ganz verschiedene Gesichter tragen. Es ist genauso in Ordnung und Normal, wenn es einem vier Wochen nach einem Todesfall zum Heulen ist, wie wenn man nach vier Wochen über den Verstorbenen ohne Tränen erzählen kann. Weder das eine, noch das andere und noch ganz vieles mehr ist dabei nicht normal. Man braucht keinen Psychologen und keinen Psychiater, wenn die eigene Trauer eine andere ist, als diejenige der besten Freundin.

Aber man braucht Menschen, die offene Ohren haben. Man muss erzählen dürfen.

Wenn ich als Pfarrer ein paar Wochen nach einer Beerdigung anrufe und nach dem Befinden frage, dann darf man ehrlich sein. Man darf die Tränen zu forderst haben. Man darf klagen. Man darf danken. Man darf sagen, dass die Beerdigung schön war und man trotzdem noch traurig ist. Es darf einem ergehen, wie dem Sänger des Psalms.

Mein Nachfragen will ein Angebot sein. Es meint: «Wo stehst du auf dem Weg der Trauer?» Auf kein Fall will es sagen, dass die Zeit der Trauer vorbei sei.

Mein Nachfragen ist ein Angebot. Man darf es ausschlagen. Man darf es annehmen. Wo es angenommen wird, da darf im Gespräch alles zur Sprache kommen. Nichts muss. Nicht einmal ein Gebet. Man darf erzählen. Man darf klagen. Man darf danken. Man darf aber auch heulen wie ein Schlosshund. Man darf schwach sein.

Der Weg der Trauer darf erschöpfend sein. Die Trauer kostet Kraft. Tränen dürfen dazu gehören.

Der Sänger des Klagelieds erlebt das. Bis zur Erschöpfung weint er. Er hat Angst. Er erlebt Wut. Er hat Schmerzen. Er glüht vor Zorn.

Der Prozess bringt ihn an seine Grenzen. Seine Trauer ist so tief, dass er glaubt aus der Hand Gottes zu fallen.

Doch zugleich haben seine Tränen eine reinigende Wirkung. Die Emotionen, die er zulässt, reinigen seine Seele. Er wird sich seinem Schmerz bewusst. Er realisiert, was ihm seine Feinde rauben. Darin anerkennt er seinen Verlust. Er geht den Weg durch die Finsternis.

In der Finsternis seines nächtlichen Lagers und im Meer seiner Tränen, erfährt er die Umkehr hin zum Leben. Dort, wo er nicht mehr mit Gott rechnet, findet Gott ihn. Der Psalm kehrt um. Aus der Klage wird Zuversicht.

Sogar die äusserste Gottesferne ist nicht ohne Gottes Nahe sein. Er fällt. Doch er fällt nicht aus dem Beistand Gottes. Gott fängt ihn auf.

Unsere Trauer mag ganz anders sein, als die Trauer des Sängers des Psalms. Sie mag uns selbst gar leichter erscheinen, als er sie beschreibt. Und doch ist uns das gleiche versprochen, das er erlebt hat. Mag unsere Finsternis lichter sein, Gottes Licht will dennoch in uns aufleuchten.

Er ist der gleiche Gott, damals und heute. Der Gott, der uns nicht bewahrt vor dem Leid und dem Schmerz des Todes, ist derjenige, der mit uns geht – in Leid und Tod. Er ist uns nahe. Er ist mit uns in jedem Leiden. Er trägt den Schmerz des Todes mit uns. Am Kreuz nahm er ihn auf sich.

Am Ende bekennt der Sänger des Psalms: «Der HERR hat mein Flehen gehört, der HERR nimmt mein Gebet an.»

Mit ihm ist auch uns versprochen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Am Ende muss er weichen vor der Lebenskraft unseres himmlischen Vaters.
Amen

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