Adventlich glauben

Und jetzt sollst du stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tag, da dies geschieht, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die in Erfüllung gehen werden zu ihrer Zeit.

Lk 1,20

Liebe Gemeinde

Gabriel, der Erzengel Gottes, erschien Zacharias. Gerade als jener im Tempel turnusgemäss seinen Dienst verrichtete, brach das Heilige in Form des himmlischen Boten in sein Leben ein. Der fromme Priester erschrak, so jedenfalls lässt es der englische Gruss erahnen: «Fürchte dich nicht!»

Zacharias erschrak. Hunderte Male hatte er als Priester im Allerheiligsten seinen Dienst verrichtet. Längst hatte er sich an den leeren Raum gewöhnt. Der wohlige Schauer des Heiligen, den er als junger Mann verspürte, als er zum ersten Mal den ehrenvollen Dienst verrichtete, hatte sich längst gelegt. Nie war ihm in all den Jahren Gott begegnet. Die Heiligkeit des Raumes war ihm längst zur frommen Gewohnheit geworden. Sein Dienst war Ritual. Er folgte den Regeln und Vorschriften. Mit Hingabe und Frömmigkeit, doch ohne Glauben. Ohne es zu merken, hatte er längst die Erwartung verloren, dass hier im Allerheiligsten Grosses geschieht. Aus lebendiger Hoffnung wurde Tradition. Der heisse Strom der göttlichen Gegenwart war erkaltet. Die glühende Lava zu festem Stein erstarrt. Seine Seele hatte sich eingerichtet im traulichen Heim der Religion.

Das Haus der Religion und der Frömmigkeit ist ein schützendes Haus. Es steht fest, selbst wenn in ihm kein lebendiger Glaube lebt.

Trotzdem gibt es Halt in der Welt. Man kann sich an ihm orientieren. Es spendet Trost in der Trauer und bietet dem Glück einen Raum. Das ganze Leben findet in ihm Platz. Für jede Lebenslage gibt es ein Zimmer. Die Rituale sind die spirituellen Türen zwischen den Zimmern. Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung, Karfreitag, Ostern, Auffahrt, Pfingsten und Weihnachten. Dieses Haus ist Heimat!

Das ist gut so. Auch ich habe mich in diesem Haus eingerichtet. Ich finde in ihm Wärme in der Kälte der Welt, Licht in den Schatten meiner Zweifel und Geborgenheit in der Einsamkeit meiner Trauer. Es lässt mich in der Verzweiflung hoffen. Diese Hoffnung ist nicht leer. Sie hat Gehalt. Denn das Haus unseres Glaubens ist von Gott getragen. Es gründet in Jesus Christus. Ob wir glauben oder nicht.

Das Fundament trägt, nicht unser Glaube. Das Fundament trägt das ganze Haus. Doch liegt es tief im Untergrund verborgen. Das Haus steht sicher auf ihm, auch wenn es im Alltag oft vergessen geht. Es trägt, auch wenn wir nicht daran denken.

Doch was, wenn Gott plötzlich da ist? Wenn ein Bote Gottes das Haus betritt? Wenn Gott selbst kommt?

Die Erscheinung des Engels stellte das Leben Zacharias und seiner Frau Elisabeth auf den Kopf. Mit einem Mal war alles anders. Die Geburt eines Sohnes wurde ihnen verheissen. Nicht irgendein Kind sollte ihnen geboren werden, sondern der letzte Prophet. Jener Gottesmann der auf Gott selbst hinweisen wird. Jenem Gott, der in Jesus Christus Mensch wird!

Das Wort des göttlichen Boten trifft Zacharias mitten ins Herz. Es zieht ihm den Boden unter den Füssen weg. Im wahrsten Sinn des Wortes verschlägt es ihm die Sprache. Er wird kein Wort über die Lippen bringen, bis zu jenem Tag, an dem sein Sohn beschnitten werden sollte. Seine Zunge löste sich erst als er seinem Sohn den Namen Johannes gab. «Und auf der Stelle tat sich sein Mund auf, und seine Zunge löste sich; und er redete und pries Gott.» (Lk 1,64)

Fast ein Jahr schwieg Zacharias. Er wartete. Er erwartete die Geburt seines Sohnes. Mit nichts hätte er sein Kommen beschleunigen können. Er musste sich in Geduld üben.

Heute, am ersten Adventssonntag, beginnt auch für uns die Zeit der Erwartung. Vier Sonntage, vier Wochen, 24 Tage Advent! Unser Schweigen und Warten hat erst begonnen.

Wobei: «Warten» und «Schweigen» unseren Advent wohl nicht wirklich beschreibt. Unser «Warten» ist mehr ein Rennen. Unser «Schweigen» mehr ein hastiges zurufen. «Es weihnachtet!» ist heute mehr Schlachtruf als fröhliche Botschaft. Es treibt zur Eile, denn so vieles muss doch noch erledigt sein!

So stürmen wir die Einkaufshäuser und die Weihnachtsmärkte. Weihnachtsgebäck wird nach grossmütterlichen und trendig-neuen Rezeptengebacken und akkurat in Dosen gelagert. «Das mir ja keiner stibitzt!» droht dieMutter den Kindern, wohl wissend, dass alles Drohen nichts nützt und sie gewisswieder in allerhöchster Zeitnot noch einmal backen werden muss. Die Väter sinddabei die schlimmsten Langfinger! Ein Weihnachtsbaum muss her! Kräftig und symmetrischgewachsen; nicht so ein Besen wie im letzten Jahr! Kinder üben neu die ewiggleichen Weihnachtslieder. «Versli» werden auswendig gelernt und Kostümegeschneidert für das Krippenspiel. Der letzte Einkauf vor Heilig Abend wird trotz generalstabmässiger Planung auch in diesem Jahr wieder fast im Chaosenden. Ein einziger grosser Stress – diese Weihnachtsfeier!

Und dennoch tun wir es uns Jahr für Jahr an. Dabei bin ich gewiss nicht der einzige, der es gern tut. Trotz dem Stress. Trotz der Arbeit. Trotz dem drohenden Chaos. Denn Weihnachten so zu feiern, heisst auch, sich vor dem Warten und dem Schweigen drücken zu können. Die Geschäftigkeit erlöst davon die Stille aushalten zu müssen. Es bewahrt vor der Gefahr Gott zu begegnen.

Schweigen fällt uns schwer. Gerade dann, wenn es nicht das kalte Schweigen nach einer Enttäuschung oder die glühende Sprachlosigkeit der fehlenden, schlagfertigen Antwort ist. Es fällt uns leicht, wenn es das erste oder das letzte Wort einer Beziehung ist, wenn wir aus Liebe oder Hass schweigen. Doch es braucht ein anderes Schweigen vor Weihnachten. Es braucht das Schweigen des Zacharias. Es braucht ein hörendes, für Gottes Kommen offenes Schweigen.

Wohl, Johannes wäre auch geboren worden, wenn Zachariasnicht geduldig geschwiegen hätte. Er wäre auch geboren worden, wenn Zachariasvon Pontius zu Pilatus gerannt wäre, um alles für den Kleinen zu besorgen. Wenner wie wild ein Bettchen gezimmert hätte. Wenn er Elisabeth fast verrücktgemacht hätte, weil er das Kinderzimmer fünfmal neu strich. Wenn er im ganzenDorf erzählt hätte, was der Engel ihm sagte, bis man ihn nicht mehr ernst nahm und ihn alle belächelt hätten.

Johannes wäre trotzdem zur Welt gekommen. Er hätte trotzdem auf Christus hingewiesen. Es wäre trotzdem Weihnachten geworden, wie es trotz unseres Rennens und Springens Heilig Abend werden wird.

Doch Zacharias hätte die Freude der Ankunft anders erfahren. Er hätte sie gewiss nicht so staunend erlebt. Sein Schweigen hätte nicht ins Gotteslob explodieren können. Das Wunder dieser Geburt wäre unentdeckt geblieben. Es wäre vergessen worden. Es hätte nicht die Kraft gehabt andere anzustecken. Seine Begegnung mit dem Göttlichen im Allerheiligsten wäre allein seine Begegnung geblieben. Sie wäre nicht Teil der Weihnachtsgeschichte geworden.

Die wundersame Begegnung verschlug Zacharias die Sprache. Er sprach kein Wort mehr. Das Volk vor dem Tempel wartete lange auf ihn. Als er endlich den Tempel verliess, konnte er nicht berichten. Dennoch verstand das Volk: Es war etwas geschehen. Man sah ihm die Erscheinung an. Er legte Zeugnis ab ohne Worte. Nur durch sein Sein.

Als Christinnen und Christen leben auch wir mit einer Verheissung, wie Zacharias mit einem Versprechen Gottes lebte. Er konnte es nicht mitteilen, doch sahen es ihm die Menschen an, die ihm begegneten.

Wie ist es mit uns? Gerade jetzt in der Adventszeit? Wenn die Welt sich auf Weihnachten vorbereitet? Sieht man uns diese Verheissung an, die doch so viel mehr ist, als die geschäftige Erwartung des Festes der Liebe, wie es in der Werbung heisst? Weist unsere Weihnachtsvorbereitung über die Welt und ihren Himmel hinaus? Leben wir mit oder ohne Glauben an das Wort Gottes auf Weihnachten hin?

Vorerst änderte Zacharias sein Leben nicht. Er vollendete seinen Dienst. Er liess sich ob seiner Sprachlosigkeit nicht Krankschreiben. Erst nach dem er seine Pflicht erfüllte, kehrte er zu Elisabeth, seiner Frau, zurück. Sie wurde schwanger, wie es Gabriel verheissen hatte.

Weihnachten ist für uns mehr als eine Verheissung. Es ist das Versprechen, dass Gott uns entgegenkommt. Nicht nur historisch im Menschen Jesu, sondern existenziell. Im Advent können wir uns deshalb nicht nur auf Weihnachten freuen, sondern uns erneut und vertieft damit auseinandersetzten, was es heisst, dass Gott auf uns zu kommt. Das heisst Glauben im Advent.

Dazu müssen wir uns nicht aus der Welt lösen. Auch Zacharias löste sich nicht aus seiner Welt. Er blieb seiner Arbeit als Priester treu. Er erfüllte seine Pflicht vor der Welt. Er war Elisabeth ein liebender Ehemann.

Und doch änderte er sich durch die Verheissung. Er schwieg. Er lebte ganz in der Erwartung. Geduldig wartete er, dass sich die Zeit der Geburt seines Sohnes erfülle.

Als Christinnen und Christen sind wir eingeladen es ihm gleich zu tun.

Für mich heisst dies: Ich möchte mich auf Weihnachten vorbereiten, ohne mich von der Hektik der Adventszeit mitreisen zu lassen. Wie Zacharias möchte ich Schweigen. Nicht die ganze Zeit, aber wenigstens eine Viertelstunde am Tag. Eine Viertelstunde lang will ich schweigen und mich ganz auf die Verheissung Gottes einlassen. Eine Viertelstunde im Bewusstsein verbringen: Gott kommt! Er kommt zu mir! Adventlich glauben!

Wir sind eingeladen es Zacharias gleich zu tun. Wir sind eingeladen uns schweigend Zeit für Gott zu nehmen. Er kommt. Er kommt zu uns!

Amen


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