Suche den Frieden und jage ihm nach – Gedanken zur Jahreslosung 2019

Suche den Frieden und jage ihm nach.

Ps 43,15

Liebe Gemeinde

Wenn ich dieses Psalmenwort höre, steigt in mir als erstes ein Bild auf, das nicht recht passen will. Es ist eigenartig, aber ich denke bei der diesjährigen Jahreslosung zuerst an die Jagd. Wie ein Jäger sich an das Wild schleicht, es aufscheucht und ihm nachjagt, so nähert sich der Psalmsänger dem Frieden und eilt ihm hinterher.

Zuerst wollte ich dieses Bild aus meinem Kopf verdrängen, doch je länger ich es versuchte, je stärker wurde es. Ich begann darüber nachzudenken. Die Suche nach dem Frieden und die martialische Jagd auf das Wild trennt vieles. Beim Gedanken den Frieden zu suchen steigen sanfte, zarte Gedanken auf. Es ist schön und angenehm. Den Frieden zu suchen hat etwas Edles an sich. Ganz anders die Assoziationen der Jagd. Vielen Menschen scheint die Jagd etwas Martialisches und Überkommenes zu sein. Beim Jagen geht es um das Töten. Das Wild soll erlegt werden. Der Jäger hat Freude am Schiessen, so meinen es zumindest viele Zeitgenossen. Doch stimmt dies? Meine Gespräche mit Jägerinnen und Jägern haben mir ein anderes Bild gegeben. Es ist differenziert. Es weiss darum, dass jedes Leben auf Kosten von anderem Leben lebt. Will ich leben, so muss anderes sterben. Will ich den Frieden, so muss ich auf eigenes Leben verzichten. Darin liegt wohl der grösste Unterschied.

Und doch, das Bild von der Jagd passt auf seltsame Art zu diesem Psalmenwort. Je länger ich dieses Bild meditierte, desto passender schien es mir zu werden. Diesem Bild folge ich in der Predigt. Ihr seid eingeladen mit mir auf die Jagd nach dem Frieden zu gehen. Haben wir Erfolg auf der Jagd, so werden wir als Beute einige Erkenntnisse zum Frieden und wie er zu erreichen ist mit nach Hause tragen.

Die Jagd beginnt. Nicht erst im Wald, schon daheim.

Wer auf die Jagd geht, der kann das nicht in der gemütlichen Stube tun. Der Jäger zieht sich entsprechend an. Er wird viele Stunden draussen verbringen. Seine Kleidung muss dem Wetter standhalten. Sie soll ihn vor Regen und Sonne, aber auch vor Wind und Kälte schützen.

Auch der Friede lässt sich nicht in der traulichen Stube oder dem warmen Studierzimmer finden. Was man daheim findet mag sich wie Frieden anfühlen, es ist aber nicht der Frieden, von dem der Psalm spricht. In den eigenen vier Wänden kann ich nur die Welt ausschliessen und den Frieden mit mir selbst haben. Doch Frieden, der nur mir gilt ist kein Frieden. Frieden muss zwischen mir und anderen entstehen, damit er Frieden ist. Frieden ist die höchste Form der Beziehung.

Wer diesen wahren Frieden will, der muss die Gemütlichkeit des bequemen Sofas verlassen. Man findet ihn nicht in der eigenen Komfortzone. Ja, wo ich den Frieden ernstlich suche, muss ich mich warm anziehen. Er stellt sich nicht von allein ein.

Der Jäger schultert seine Waffe. Sie ist zugleich Arbeitsgerät und tödliche Waffe. Ob moderne Jagdbüchse oder steinzeitlicher Pfeil und Bogen – stets ist es das Ziel, das Tier mit möglichst geringem Leid zu töten.

Was wie ein Euphemismus klingt ist keiner. Der Jäger weiss darum, dass er für eine erfolgreiche Jagd töten wird. Dies ist das Ziel. Dies ist Leid. Er nimmt Leben. Sei es, um selbst vom Fleischgewinn zu leben. Sei es, um einen gesunden Wildbestand zu erhalten. Denn auch der Verzicht auf die Jagd bringt Leid mit sich.

«Wer den Frieden sucht, bereite den Krieg vor» heisst es in einem lateinischen Sprichwort. Fast scheint es, dass dies in das Bild der Jagd passt. Doch wer dem Frieden nachjagt braucht eine andere Waffe. Zu oft schon hat diese Politik den Frieden mehr gehindert als ihn gefördert. Mehr als einmal im Kalten Krieg hatte diese Einstellung fast das Ende der Menschheit gebracht.

So war es gerade der Verzicht auf dieses Motto, der während der Kubakrise die Lage nicht eskalieren liess. Beide Seiten rüsteten zum Krieg und wollten so den Frieden bewahren. Um ein Haar wäre daraus die letzte Katastrophe der Menschheit geworden. Erst der Verzicht auf eigene Sicherheit löste die Lage.

Wer den Frieden sucht, rüste sich nicht zum Krieg. Seine Waffe ist kein Gewehr und keine Mittelstreckenrakete. Sie ist weder Steinschleuder noch Atombombe. Auch Davids Heldentat brachte Israel keinen Frieden. Das Duell mit Goliath brachte nur weitere Jahre des Unfriedens und der Bedrohung durch die Philister.

Die Waffe des Friedensjägers ist die Bereitschaft zum Verzicht. Wer Frieden sucht muss bereit sein Opfer zu bringen.

Gut ausgerüstet begibt sich der Jäger auf die Jagd. Er streift durch den Wald oder wartet auf einem Hochsitz. Stunden vergehen ohne dass sich das Wild zeigt. Ja, mitunter kehrt er unverrichteter Dinge von der Jagd zurück.

Wer den Frieden sucht, braucht Geduld. Der Frieden ist scheu, wie ein Reh im Wald. Nicht jede Jagt ist von Erfolg gekrönt.

Gerade im Grossen zeigt es sich, wie unendlich viel Geduld das Streben nach Frieden braucht. Selbst Expertinnen und Experten haben Mühe auch nur alle Friedensinitiativen des Nahostkonfliktes aufzuzählen. Seit mehr als fünfzig Jahren werden immer wieder neue Anläufe genommen. Zwei Schritt vor, einer zurück. Und manchmal auch ein Schritt vor, zwei zurück.

Was sich im Grossen zeigt, gilt gerade auch für das Kleine. Wie schnell ist ein Nachbarschaftsstreit vom Zaun gebrochen? Ungleich viel länger dauert es wieder Frieden zu schliessen. Es braucht Geduld, Mut und Demut. Wer den Frieden sucht, muss sich den eigenen Fehlern und der eigenen Schuld stellen.

Nach langem Suchen erhascht der Jäger das Wild. Vielleicht nur für einen Augenblick zeigt sich ihm das Reh oder die Wildsau. Greift er jetzt überhastet zum Gewehr und gibt einen Schuss ab, so verstösst er nicht nur gegen alle Regeln der Jagd, er riskiert auch, das Wild zu vertreiben. Oder noch schlimmer, es zu verletzen, ohne es zu töten. Das leidende Tier springt davon und verendet elendig.

Auch wo sich mir der ersehnte Frieden zeigt, darf ich nicht überhastet handeln. Gerade dem Ziel so nahe, braucht es noch einmal Geduld.

Der Friede ist zum Greifen nah. Doch will man ihn packen, so springt er davon. Er flieht und ist vielleicht für immer verloren.

Wo ich im Streit mit meinen Nächsten lebe, da braucht es viel Geduld bis ein neuer Friede wachsen kann. Greif ich zu schnell nach den Zeichen eines neuen Vertrauensverhältnisses, so kann ich es dem Nächsten nicht übelnehmen, wenn er darin einen Trick zu sehen glaubt. Verscheucht wie das Reh flieht er. Die Geduld und die Kraft, welche die ersten Schritte gebraucht haben, ist verloren. Der Streit ist nicht weniger geworden, sondern der unbedachte Griff hat ihn nur umso tiefer werden lassen. Es ist schwer und hart. Gerade nahe am Ziel, muss man sich besonders zurückhalten.

Der Friede ist scheu, wie das Wild im Wald. Nur Geduld und Ausdauer bringt mich dem Ziel näher.

Der Jäger im Alten Israel, der mit Geduld und Ausdauer jagte, hatte nicht immer Erfolg. Er kehrte genauso oft mit leeren Händen zurück, wie mit Beute auf der Schulter. Sein Erfolg, so lehrte es ihn das Leben, war nicht allein von seiner Erfahrung und seinem Geschick abhängig. Jagderfolgt hatte für ihn auch immer etwas mit Gnade zu tun.

Auch wer den Frieden sucht, wie es die Jahreslosung empfiehlt, wird ihm nicht immer erfolgreich nachjagen. Ob Frieden wird, hängt nicht allein von meinem Können und Vermögen ab. Es braucht etwas, dass sich nicht machen lässt, sondern nur als Geschenk empfangen lässt.

Der Jäger im alten Israel erblickte darin den Segen Gottes. Gott schenkt ihm Segen. Auch uns widerfährt dieser Segen, wo es gelingt den Frieden zu finden. Im Kleinen und im Grossen ist Frieden mehr als Menschenwerk. Wo Frieden neu wächst, da wirkt Gott, wenn auch oft im Verborgenen.

Der Jäger trägt seine Beute nach Hause. Das Fleisch ist Nahrung. Die Felle werden zu Kleidung verarbeitet. Selbst die Knochen und Geweihe wurden verarbeitet. Jagderfolgt bedeutete Leben. Nicht nur für den Jäger, sondern auch für die ganze Sippe.

So gehörte zur Jagd auch immer der Dank an Gott. Die Menschen dankten dem himmlischen Vater für den Segen, den er ihnen erwiesen hat. Reste dieser Dankbarkeit haben sich in der Jagdtradition bis heute erhalten, wenn sie auch oft nur noch als Folklore und Pflege der Tradition verstanden werden. Und doch: Noch lebt ein Funke dieses alten Feuers der Gnade.

Wie steht es bei mir?

Wenn mein Streben nach Frieden erfolgreich war, trage ich die Beute des Friedens mit nach Hause. Sie bedeutet mir und den meinen Leben. Im Frieden wird eine ganz neue Art des Zusammenlebens möglich. Gemeinschaft kann wachsen. Neues Leben wird möglich.

Ich bin Gott für seinen Segen dankbar. Vielleicht nicht immer so dankbar, wie ich es sein sollte. Doch weiss ich darum. Wer den Frieden sucht und ihm nachjagt, der darf darin auf den Segen Gottes hoffen.

Amen

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