Von Schwertern und Schilden

Mein Schild ist Gott, der denen hilft, die aufrichtigen Herzens sind.

Ps 7,11

Liebe Gemeinde

Als ich ein Kind war, spielten meine Schwester und ich Ritterburg. Das Sofa im Wohnzimmer wurde zuerst von den grossen Kissen befreit. Dann wurden diese als Burgmauer hochkant um das Sofa gestellt. Einige Regenschirme dienten als Dach. Fertig war die Burg.

Es liess sich gut darin hausen. Unsere Burg war gemütlich und sicher. Sie bot Schutz gegen alle Angreifer, die wir uns vorstellten.

Doch zum echten Rittertum gehörten auch Ritter, die sich während eines Angriffes gut gerüstet den Feinden in den Weg stellten oder gar selbst zu Eroberungszügen auszogen.

Unsere Ritter, das waren wir. Schliesslich war das Rittersein das schönste an diesem Spiel.

Aus alten Waschmittelkartons, die damals noch rund waren und wie Eimer aussahen, bastelten wir uns Ritterhelme. In der Werkstatt unseres Grossvaters fanden wir das Material für unsere Schwerter. Lange Holzlatten wurden zur Schwertklinge. Ein kurzes Stück im rechten Winkel zur Klinge wurde als Parierstange mit zwei oder drei Nägeln befestigt. Mit einer Raspel gaben wir dem Heft seine Form und umwickelten es mit Malerkrepp oder Klebeband. Das bewahrte die zarten Kinderhände nicht nur vor Splittern, sondern dämpfte auch die Schläge. Mit unseren Schwertern wurde gekämpft!

Besonders mit meinen Kindergartenkameraden übte ich mich im Schwertkampf. Wobei im «Schwertkampf üben» zu zivilisiert klingt. Genau genommen droschen wir unsere Holzschwerter aneinander, bis die Späne flogen! Ein Heidenspass! Damals.

Heute bin ich dankbar, dass damals nie etwas Schlimmes passierte. Abgesehen von blauen Flecken und aufgeschürften Händen blieben wir unverletzt. Unsere Mütter müssen Nerven wie Drahtseile gehabt haben. Dass sie nicht wussten, was wir mit unseren Schwertern taten, kann ich mir nicht vorstellen. Aber gesagt wurde nichts. Ob das heute auch noch möglich ist? Oder wachsen unsere Kinder zu beschützt auf, so, dass sie solche Abenteuer mit ihren Freunden nicht mehr erleben können?

Es ist gut, dass wir unsere Kinder beschützen wollen. Es ist gut, wenn wir sie vor Gefahren bewahren. Sie sollen nicht verletzt werden. Es ist nur natürlich, wenn Eltern ihren Kindern ein Schild gegen die Gefahren des Lebens sein möchten. Doch gibt es einen  Punkt, an dem aus Schutz Bevormundung wird. Wenn der Schutz die Entfaltung des Lebens hindert, dann ist er kein Schutz mehr. Er bereitet nicht mehr auf das Leben vor, sondern verhindert das Leben.

Ein überbehütetes Kind kann wichtige Erfahrungen nicht mehr machen. Doch sind es diese Erfahrungen  im Kindesalter, welche auf das Erwachsenenleben vorbereiten.

In unserem Ritterspiel haben wir unsere Kraft erprobt. Wir haben gelernt,  dass sie Wirkung zeigt in der Welt. Beabsichtig, wenn das Schwert in den Händen ob der Wucht eines Schlages vibrierte. Unbeabsichtigt, wenn der Schlag so heftig war, dass eine Klinge brach und es feuchte Augen gab. Schliesslich stecke viel Liebe in jedem Schwert. Wir lernten einander zu trösten und uns miteinander zu freuen. Unser Selbstvertrauen wuchs.

Was wir taten war gefährlich. Keine Frage. Es war reines Glück, dass die Schläge jeweils bloss die Klinge des gegnerischen Schwertes trafen. Auch die Parierstangen taten ihren Dienst und schützten die Finger. Doch wenn einmal ein Hieb danebengegangen wäre? Eine Hand, einen Arm oder gar einen Kopf getroffen hätte? Nicht auszudenken.

Heute glaube ich, dass wir damals nicht ganz allein im Wald waren. Unser himmlischer Vater war mit dabei. Still und leise wird er so manchen Hieb gerade noch an einem Finger oder dem Kopf vorbei gesaust haben lassen.

Gott war uns Schild. Er bewahrte uns vor all dem, vor dem uns unsere Mütter und Väter nicht bewahren können. Nicht nur beim Spiel im Wald. Ganz grundsätzlich. In unserem Aufwachsen. Er ging mit uns all jene Wege, auf denen uns unsere Eltern nicht begleiten konnten. Er war da.  Auch wenn er uns nicht vor Schmerzen, Enttäuschungen und Trauer bewahrt, ist er doch bei uns. In Freude und Leid. Das tut gut und macht Mut zum Leben!

Gewiss, seit jener Zeit, als der Sänger Gott als seinen Schild lobte, hat sich die Welt verändert. Sein Schild war noch Kriegswerkzeug. Der Kampf mit dem Schwert, mit Speeren und Pfeil und Bogen war noch nicht reines Kinderspiel. Es war bitterer Ernst seiner Zeit.

Er wusste was es hiess, wenn Kriegslärm ertönte. Schon die Kunde von drohendem Krieg liess ihm den Atem stocken. Den Plünderungen, die mit so manchem Kriegszug einhergingen, waren er und seine Familie schutzlos ausgeliefert. Hatte er Pech, so verlor er alles.

Nur einer kann ihm helfen. Nur einer kann ihm Schutz bieten. So wendet er sich betend an den Allmächtigen. «Hilf mir, ich bin ein Rechtschaffener».

Zog das Kriegsgeschrei an ihm vorbei und blieb seine Familie, sein Hof und er verschont, so wusste er, wer ihn bewahrte. Er lobte Gott für die Rettung. Er war dankbar, wie auch ich dafür dankbar bin, dass unser Kinderspiel ohne böse Folgen blieb.

Gott war seine einzige Hoffnung. Er war der einzige Schild, auf den sich der Sänger des Psalms verlassen und bei dem er auf Schutz hoffen konnte. Ihn rief er an in der Not. Gott half nicht nur im Krieg, auch bei Unwettern, Dürren, Krankheit, Kinderlosigkeit und Unfällen. Er war Schirmherr über Witwen und Waisen.

Heute haben wir NATO und UNO. Zumindest in Westeuropa leben die Völker in Frieden miteinander. Die Verstrickung der Wirtschaft lässt den Gedanken an Krieg kaum mehr zu. Wenn, dann kommt die Bedrohung von aussen. Doch wir wähnen uns gut gerüstet.

Zwar können wir auch heute kaum etwas gegen die Unbill des Wetters unternehmen, doch gegen die Folgen sind wir alle gut versichert. Auch muss bei uns niemand verhungern, denn die Notversorgung ist gewährleistet.

Auch Unfälle verlaufen heutzutage oft weniger dramatisch als früher. Unsere Autos sind fahrende Sicherheitszellen. Ein Autounfall, der vor fünfzig Jahren noch tödlich gewesen wäre, kann man heute mit leichten Blessuren überstehen. Gegen Arbeitsunfälle sind tausende von Sicherheitsbestimmungen und vorsorglichen Massnahmen getroffen, so,  dass sie zur Ausnahme geworden sind. Natürlich bleibt ein Restrisiko. Doch der Langzeittrend der Unfallstatistik zeigt eindeutig nach unten.

Auch für Witwen und Waisen ist gesorgt. Eine staatliche Versicherung übernimmt die Kosten und sorgt für den Erhalt der Lebensgrundlage.

Wo wir früher zum Schlittenfahren eine Mütze, zum Velofahren eine Kappe und zum Schlittschuhlaufen ein Stirnband trugen, trägt man heute Helme. Knie- und Ellbogenprotektoren waren in meiner Kindheit Extremsportlern vorbehalten. Sie suggerierten Gefahr. Deshalb hätten wir sie noch so gerne getragen, wenn wir denn welche bekommen hätten.

Heute sind diese Protektoren schon fast ein Muss. Dank Weiterentwicklung tun sie ihren Dienst auch zuverlässiger als früher. Sie stehen nicht mehr für Extremsport und Gefahr, sondern für Freizeit und Sicherheit.

Fast scheint es, als ob wir gut ohne Gott als Schild leben könnten, denn wir sind uns selbst zum Schild und Schutz geworden.

Vielleicht stimmt es, dass wir Gott als Schild vor allen möglichen Gefahren nicht mehr brauchen. Ihn als Schutz im Restrisiko zu sehen, macht ihn mir kleiner als er ist. Schliesslich soll ja auch das Restrisiko noch weiter verkleinert werden. «Vision Zero» heisst der Traum von der risikofreien Welt.

Gott als Schild in Gefahr ist zum geistigen Trostpflaster geworden. Ein Trostpflaster, das mancher nicht mehr nötig haben will.

Und dennoch haben wir Gott als Schild genauso nötig, wie damals der Sänger des Psalms. Doch nicht mehr als Schild gegen Gefahr von aussen. Gott muss uns heute in erster Linie nicht mehr vor Krieg, Naturkatastrophen, Armut oder Unfällen bewahren.

Wir brauchen Gott als Schild gegen uns selbst. Wir brauchen heute mehr Schutz vor unserer eigenen «Null Risiko Fantasie».

In der Absicht die Risiken immer mehr zu vermindern, greifen wir je länger je mehr in das Leben jedes einzelnen von uns ein. Damit beschneiden wir die Freiheit, auf die wir als Gesellschaft stolz sind. Wir nehmen uns weg, was uns selbst ausmacht. Wir nehmen uns die Möglichkeit an der Verantwortung für unser eigenes Leben zu wachsen.

Unser Ritterspiel war gefährlich. Vermutlich war es verantwortungslos uns mit Holzschwertern spielen zu lassen. Leicht hätte es ins Auge gehen können.

Doch wäre uns dieses Spiel von unseren Müttern verboten worden, es wäre uns eine wichtige Erfahrung genommen worden. Selbstvertrauen, Verantwortung und das Abschätzen von Risiken kann der Mensch ohne Gefahr nicht lernen. So sehr wir unsere Kinder vor der Erfahrung des Schmerzes auch bewahren wollen, erst die Erfahrung des Schmerzes macht uns zu Menschen.

Wir brauchen das Vertrauen auf Gott als Schild im Leben, damit wir uns nicht die Erfahrung des Lebens nehmen, in dem wir es von allen Risiken zu befreienver suchen. Wir brauchen einen Gott, auf den wir trauen, damit wir unseren Kindern etwas zutrauen können, so wie unsere Eltern uns etwas zutrauten.

Nur im Vertrauen auf diesen göttlichen Schild können wir Menschen mit aufrichtigen Herzen sein.

Amen

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