Wertvoller als Gold

Der Anfang der Weisheit ist: Erwirb Weisheit, und erwirb Verstand mit deinem ganzen Besitz.

Spr 4,7

Liebe Gemeinde

Heute, am Drei-Königstag, da dürfen die drei edelgekleideten Figuren auf ihren exotischen Reittieren in kaum einer Krippe fehlen. Ja, mitunter wird ihre Reise in manchen Stuben und Kirchen während der Advents- und Weihnachtszeit richtiggehend inszeniert. Fernab der Krippe werden sie zuerst aufgebaut. Adventsonntag um Adventsonntag rücken sie der Krippe näher. Ihre Kamele sind ausdauernde Tiere, aber offenbar nicht die Schnellsten. Wenn an Weihnachten das Jesuskind in die Krippe gelegt wird, so dürfen zwar die Hirten mit ihren Schafen das Wunder schauen, Melchior, Balthasar und Kasper aber sind noch auf dem Weg. Erst am Drei-Königstag dürfen auch sie endlich ankommen, so will es die Tradition.

Es ist diese Tradition, die den seltsamen Besuchern der Krippe nicht nur ihre Namen verliehen und ihre Zahl auf drei festgelegt hat, sondern sie auch zu Königen machte. Von all diesen Details weiss die Bibel nichts. Matthäus unterliess es sogar von den Kamelen zu berichten, seine Weisen mussten wohl oder übel zu Fuss zu Herodes nach Jerusalem und dann weiter nach Betlehem. Spät erreichten sie die Krippe. Als letzte der biblischen Besucher. Doch es war nicht zu spät. Auch die Magoi, die Magier, wie Matthäus sie nannte, fanden zu Christus.

Wenn wir Magier hören, da kommen uns ganz verschiedene Bilder in den Sinn. Der eine denkt dabei etwa, an David Copperfield und wie er die Freiheitsstatue verschwinden lässt. Einem anderen kommen düstere Szenen in den Sinn. Ein finsterer Magier aus einem alten Märchen. Oder auch ein heller, weiser Zauberer, wie Gandalf aus dem «Herr der Ringe» Epos. Neues und altes Hexentum. Schwarze und weisse Magie. Mittelalterliche Bilder, die durch Aufklärung und Moderne verändert, aber in ihrem Kern nicht verwandelt wurden.

Bloss, mit dem, was Matthäus mit Magier meinte, haben unsere Bilder nur wenig zu tun. Die Magoi waren Gelehrte aus Persien, gewissermassen das Gegenstück zu den griechischen Philosophen, die unserem Denken ganz andere Assoziationen wecken, als die Magier. Gelehrte und Philosophen kommen zur Krippe!

Anstatt vom Drei-Königs-Tag zu sprechen, wäre es sinnvoller vom Tag der «Philosophen bei der Krippe» zu reden. Philosophen kommen zur Krippe!

Philosophen sind keine Weisen. Vielmehr sind es Menschen, die nach Weisheit streben. Der wahre Philosoph sagt nicht: «Ich weiss!» Er sagt wie Sokrates: «Ich weiss, dass ich nichts weiss!»

Sokrates Erkenntnis, dass in der Welt kein gesichertes Wissen möglich ist, steht am Ende eines langen Weges. Es ist ein ganz anderes Nicht-Wissen als das Nicht-Wissen eines faulen Schülers. Nicht mangelnder Einsatz steht hinter dieser Aussage, sondern die Suche bis zum Äussersten.

Wie die Magier im Matthäusevangelium machte auch Sokrates sich auf den Weg Weisheit zu finden.

Weisheit ist etwas anderes als das Anhäufen von Wissen. Nicht wer viele Fakten aus Geographie, Geschichte, Mathematik, Chemie, Psychologie und so weiter kennt, ist klug. Es braucht auch mehr, als die Kompetenz sich diese Daten zu beschaffen. Trotz Internet und Wikipedia und der ständigen Verfügbarkeit jedes Faktes sind wir auf keine Weise weiser als unsere Vorfahren. Weder wer viel auswendig lernt, noch wer seine Datensammlung beherrscht ist klug. Bei der Weisheit geht es um etwas anderes.

Sokrates und mit ihm die Philosophen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit, so sie denn wahrhaftig Philosophie treiben, streben und strebten nach dem guten Leben.

Nicht nach dem einfachen, angenehmen oder leichten Leben, sondern nach dem guten, alles umfassenden Leben. Das gute Leben misst sich daran, dass es ein Leben in Verantwortung ist. Der Philosoph strebt danach, sein Leben so zu gestalten, dass er die Verantwortung dafür übernimmt.

Damit er dies tun kann, strebt er nach Weisheit. Er fragt nach den Voraussetzungen dieses Lebens. So fragt Sokrates ganz einfach: «Was ist Besonnenheit? Was ist Tapferkeit? Was ist Frömmigkeit? Was ist Gerechtigkeit?»

Es sind einfache Fragen. Aber sie haben Tiefgang. Keine davon lässt sich einfach beantworten. Immer wenn man meint die Antwort gefunden zu haben und diese Antwort kritisch überprüft, so merkt man, dass man noch nicht am Ziel ist. Die Dialoge Platons, welche dieser als Schüler des Sokrates abfasste, zeugen davon.

Wer sich damals in Athen auf ein Gespräch mit Sokrates einliess, der wurde so sehr in eine Suchbewegung hineinversetzt, dass er zwar das Ziel nicht erreichte, aber doch in dieser Suche nach Weisheit zu streben begann. Dies konnte das Leben eines Menschen verändern. Dies kann es noch heute.

Die einzige Möglichkeit diesem Kreis zu entkommen, ist es, die Suche selbst als dummes Zeug abzutun. Oder wie man es in Anlehnung an Immanuel Kant sagen könnte: «In der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu verharren.»

Dieser Ausweg ist der gleiche, welchen auch mancher Zeitgenosse nimmt, wenn er mit religiösen Fragen belästig wird. Wer Weihnachten zum Familienfest erklärt und sich mit mehr oder weniger stimmigen sentimentalen Bildern betäubt, der kann der Frage nach dem gelingenden Leben ausweichen. In Ruhe lässt sie ihn oft nicht, davon zeugt so mancher Familienkrach unter dem Christbaum.

So modern es ist, nach dem Nützlichen zu fragen und nach einem einfachen, leichten und angenehmen Leben zu streben, so drängt die Frage nach dem guten Leben doch.

Es ist richtig, Religionsunterricht und Gottesdienst sind nicht nützlich. Sie helfen nicht dabei gute Noten in der Schule zu bekommen oder im Job Karriere zu machen. Sie machen das Leben nicht einfacher. Sie machen es nicht leichter. Sie machen es nicht angenehmer. Sie helfen nicht die Frage nach dem guten Leben zu verdrängen. Ganz im Gegenteil. In kaum einem anderen Bereich von unserem Leben werden diese Fragen so drängend, wie in der Kirche.

Ich meine, es wird deutlich, dass das Grundanliegen der Philosophie mehr mit dem Christentum zu tun hat, als es der, in unserer Zeit oft postulierte, Gegensatz von Religion und Wissenschaft vermuten lässt. Die Weisen aus dem Orient sind eben noch keine Weisen, aber es sind Menschen, die nach Weisheit und dem guten Leben streben.

Sie haben den Stern gesehen. Sie sind aufgebrochen mit ihrer Frage nach dem guten Leben. Sie haben alles aufgegeben, um das Rätsel zu lösen. Sie haben sich der Frage ausgesetzt. Haben Antworten gefunden und wieder verworfen. Ihre Reise war lang. Sie führte sie durch die ganze damals bekannte Welt.

Je länger sie nach der Antwort suchten, desto deutlicher wurde ihnen: Wir finden die Antwort nicht. Der Mensch kann nicht aus sich heraus Weise werden. Das gute Leben kann nicht theoretisch erdacht werden. Es kann noch viel weniger aus eigener Kraft gelebt werden. Sie wissen, dass sie nichts wissen.

Da gelangen sie zur Krippe. Im Kind erkennen sie den menschgewordenen Gott. Das gute Leben liegt vor ihnen. Sie geben alles hin, um diese Weisheit zu erlangen. Sie bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe dar.

Sokrates strebte nach Weisheit. Er suchte das gute Leben. Seine Suche brachte ihm den Tod. Er trank den Schierlingsbecher und vollstreckte das Urteil der Welt über sich.

Anders die Magier aus dem Morgenland. Auch ihr Suchen ist nicht von Erfolg gekrönt. Sie finden das gute Leben nicht als eigene Möglichkeit. Der Mensch ist nicht fähig gut zu sein. Er kann nicht mehr als danach zu streben. Erreichen aber wird er sein Ziel nicht.

Die Magier finden nicht die Möglichkeit des guten Lebens, sondern das gute Leben selbst. Nicht als ein zu erreichendes, sondern als ein geschenktes. Nicht als ein zu besitzendes, sondern als ein besitzergreifendes. Nicht als theoretisches, sondern als erfülltes.

Gott kommt dem Menschen entgegen. Er ist das gute Leben. Er ist das wahre Leben. Er ist das ewige Leben.

Im Kind in der Krippe kommt uns die Weisheit entgegen. Diese göttliche Weisheit ist es wert, dass der Mensch alles dahingibt, um sie zu bekommen. Aber nicht als Besitz, nicht als Möglichkeit, nicht als verfügbares, sondern als Ausgangspunkt. Als Ausgangspunkt eines Weges mit Gott. Dieser Weg ist das gute Leben. Dieses Leben ist Weisheit.

«Der Anfang der Weisheit ist: Erwirb Weisheit, und erwirb Verstand mit deinem ganzen Besitz.»

So taten es die Magier. Sie beteten an und huldigten. So dürfen es auch wir tun.

Amen

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