Selig!

Freut euch an jenem Tag und tanzt! Denn seid gewiss, euer Lohn im Himmel ist gross.

Lk 6,23

Liebe Gemeinde

Eine eigenartige Aufforderung, die uns zum Schluss des Lesungstextes begegnet. Die Armen, die Hungernden, die Weinenden und die Verhassten sollen fröhlich sein und tanzen. Sie sollen sich freuen! Dabei wird ihnen nicht das Ende ihres Leidens angekündigt. Ganz im Gegenteil. Sie sollen sich freuen, weil sie leiden. Weil ihre Not kein Ende kennt. Erst im Himmel werden sie Trost erfahren. Der Eintritt ins Reich Gottes wird ihnen als Lohn ihres Leidens vor Augen gehalten. Leide und du verdienst dir den Himmel!

Religion, insbesondere die christliche, sei das Opium des Volkes, meinte deshalb Karl Marx. Religion, so der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker, wirke in der Gesellschaft wie ein Schmerzmittel. Sie betäube den Schmerz, der aus der Ungerechtigkeit der politischen Systeme entstehe. Wer sein Leiden nicht spürt, erträgt es. Er unternimmt nichts dagegen und findet sich damit ab.

Religion stabilisiere die politischen und wirtschaftlichen Systeme. Sie diene dem Machterhalt weniger, weil die unterdrückten Bevölkerungsgruppen ihr Leid nicht wahrnehmen. Religion vertröste auf später. «Im Jenseits wirst du für das erlittene Unrecht tausendfach belohnt!», so das Versprechen der Religionen.

Erst wenn der Mensch aus diesem religiösen Rausch erwache, sei er fähig den eigenen Schmerz wahrzunehmen. Sobald er dem Schmerz der Ungerechtigkeit gewahr werde, werde er sich den Ursachen des Schmerzes zuwenden.

Karl Marx war Mitte des 18. Jahrhunderts davon überzeugt, dass dies zu einer Revolution führen müsse. Die leidende Klasse der Arbeiter werde sich erheben und die Macht an sich reissen. Aus ihren Unterdrückern, dem Bürgertum und dem Adel, würden die Unterdrückten werden, ehe sich die Gesellschaft eines besseren besinne und das klassenlose Ende der Geschichte erreicht sein werde. In diesem Paradies auf Erden hätte Religion dann ausgedient. Sie wäre nicht mehr notwendig zum Erhalt der Macht einer herrschenden Schicht und würde sich in der Bedeutungslosigkeit auflösen. Die Welt würde ihre Probleme durch Vernunft lösen. Ein Paradies auf Erden.

Lese ich Marx, so bin ich erstaunt, wie oft sich seine Überlegungen bewahrheitet haben. Ja, nehme ich seine Beschreibung der klassenlosen Gesellschaft als Grundlage und vergleiche sie mit dem gegenwärtigen Zustand in der Schweiz, so leben wir ein grosses Stück in seiner Utopie. Es gibt keine Klassen mehr im Sinne Marx. Das Volk herrscht souverän. Die Religion hat an Bedeutung verloren. Sie ordnet die Gesellschaft nicht mehr. Die Kirchenbänke sind leer geworden.

Doch ist unsere Welt frei von Leiden? Ist sein Paradies unsere Realität?

Ich meine nein. Neue Problemfelder öffneten sich, von denen Karl Marx nicht wissen konnte. Welche Probleme eine exponentiell wachsende Weltbevölkerung mit sich bringen wird, konnte er nicht ahnen. Der Gedanke, dass menschliches Wirtschaften das Klima verändern und die natürliche Lebensgrundlage bedrohen kann, war ihm unvorstellbar.

Das Ende der Klassengesellschaft brachte nicht das Ende des Leidens und des Schmerzes, wie Karl Marx hoffte. Es führte lediglich zu einer Verschiebung.

Etwa zur gleichen Zeit, in der Karl Marx als Visionär und Theoretiker wirkte und das Leiden der Fabrikarbeiterinnen und -Arbeiter sah, begann auch eine Gruppe in London zu wirken. Auch ihnen war der Schmerz aufgefallen. Auch sie wollten ihn bekämpfen. Auch sie wollten ihn an der Wurzel packen und nicht bloss die Symptome behandeln.

Doch anders als Marx sahen sie im Christentum nicht das Opium des Volkes, sondern erkannten in ihm ein Heilmittel.

Diese Gruppe organisierte sich militärisch und gründete die «Salvation Army» als methodistische Freikirche. Die Heilsarmee, wie sie sich auf Deutsch nennt, wandte sich den Menschen in den Elendsquartieren zu und brachte ihnen praktische Hilfe und Verkündigung des Evangeliums.

William Booth, ihr Gründer, war davon überzeugt, dass das zeitgenössische Christentum auf Abwege geraten war. Die Christen, so seine Überzeugung, suchen ihr Heil in den kirchlichen Ritualen und haben darüber ihre lebendige Beziehung zu Gott verloren. Sie vertrauen dem Symbol der Taufe und nehmen andächtig Teil am Abendmahl, doch fehle es ihnen an der Gottesbeziehung. Sie vertrauen auf die Sakramente, als ob jene magisch wirken, anstatt darin Gott zu begegnen. William Booth predigte gegen diesen Missstand und empfahl den Gläubigen sich an Jesus zu orientieren, wie er in Galiläa unter den Menschen am Rande der Gesellschaft wirkte.

Zugespitzt könnte man sagen, dass er dem historischen Jesus, der als Mensch unter Menschen wirkte, wieder mehr Gewicht gab und ihn wieder gegen eine zu starke Betonung von Jesus als auferstandenen Christus in Erinnerung rief.

In gewisser Weise haben Karl Marx und William Booth die gleiche Schwäche des Christentums erkannt, nämlich die Gefahr aus dem Glauben eine rein jenseitige Angelegenheit zu machen. Sie sind dieser Schwäche jedoch auf ganz unterschiedliche Weise begegnet. Wo Marx die Religion beseitigt sehen wollte, wollte Booth Jesus wieder vermehrt zu Wort kommen lassen. Er erhob seine Stimme gegen eine religiöse Vereinnahmung Jesu, die ihn zu sehr hinter den Christus treten liess. Er forderte nicht einen theoretisch-theologischen, sondern einen praktischen, in der Nachfolge Jesu stehenden Glauben, der sich dem Mitmenschen zuwendet.

Es ist nun gerade der Mensch Jesus, der in unserem Lesungstext scheinbar das Leid verherrlicht und seine Zuhörer auf ein Jenseits zu vertrösten scheint. Doch stimmt dies? Trifft die Kritik Karl Marx auf unseren Lesungstext zu? Ist er schmerzbetäubendes Opium oder echtes Heilmittel?

Schauen wir genau hin!

Jesus spricht vor dem Volk. Doch heisst es, dass er vor den Seligpreisungen seine Augen auf seine Jünger gerichtet habe. Er spricht das Folgende nicht zum Volk, sondern zu seinen Schülern. Was jetzt folgt, das gilt nicht dem Volk. Es gilt nicht den Menschen. Es gilt nicht an und für sich den Armen, den Hungernden, den Trauernden und den Gehassten. Das folgende Wort gilt nicht dem leiden Menschen an und für sich.

Was folgt ist zum innersten Kreis gesagt. Es gilt unter der Bedingung der Jüngerschaft. Es gilt jenen zwölf Männern, die ihre Familie, ihre Freunde und ihren Beruf hinter sich liessen und ganz und gar dem Ruf Jesu folgten.

Diese Seligpreisungen und die darauffolgenden Warnworte gelten den Jüngern, die nach Ostern zu den ersten Leitern der jungen Kirche wurden. Sie gelten in der Folge der Kirche! Sie sollen ihr Kirchesein bestimmen.

Diese Worte sind an die Jünger als Gemeinschaft gerichtet. Sie gelten nicht Petrus, Andreas, Bartholomäus, Thomas, Judas und so weiter. Sondern sie gelten ihnen als Gemeinschaft. Die Seligkeit ist den Jüngern, nicht dem einzelnen Menschen versprochen, wie auch die Weherufe nicht dem einzelnen Jünger, sondern den Jüngern gelten.

Freilich sind so auch die einzelnen Jünger betroffen. Doch nicht in ihrem Menschsein, nicht in ihrem Individuum sein, sondern als Teil einer Gruppe, als Glieder jener Heilsgemeinschaft.

Dass Jesus hier die Gruppe der Jünger und nur sie anspricht, zeigt sich auch in der Fortsetzung des Textes, den wir in der Lesung nicht mehr hörten. Dort wird das Volk angesprochen, denn Jesus setzt neu ein und sagt: «Euch aber, die ihr zuhört…».

So wird deutlich, die Seligpreisungen können nicht Opium für das Volk sein, denn das Volk ist nicht angesprochen. Es sind die Jünger und in ihrer Folge die Kirche, welchen diese Worte gelten.

Viermal heisst es selig. Ein eigenartiges Wort. Ein Wort, das verstanden werden will!

Selig, das meint den Bewusstseinszustand des Glücklichseins, der aus dem Gewahr werden der eigenen Teilhabe am Heil des Reiches Gottes erwächst. Selig ist derjenige, der sich ganz und gar als Teil der Heilsgemeinschaft in Jesus Christus erkennt. Selig ist, wer zu tiefst versteht, dass er Erbe ist am Reich Gottes. Selig zu sein heisst sich ganz und gar durch die Kraft Gottes verwandeln zu lassen. Seligkeit trifft den Menschen existenziell. Sie verwandelt ihn ganz und gar. Selig, wer ganz und gar verstanden hat, dass Gott ihn aus lauter Gnade vom Sünder zum Heiligen gemacht hat. Selig ihr Geretteten!

Seligkeit ist Wirken Gottes. Sie kann schon darum nicht Wirkung des Leidens sein. Selig sind die Jünger und mit ihnen die Kirche, wenn sie trotz Armut, trotz Hunger, trotz ihren Tränen und trotz des erlittenen Hasses an ihrer Nachfolge und ihrem Kirchesein festhalten.

Als Kirche dürfen wir selig sein und uns an unserem Teilhaben am Reich Gottes erfreuen, wenn wir trotz den fehlenden Finanzen uns nicht abschrecken lassen und Gemeinschaft vor Gott bleiben. Wir müssen nicht eine super tolle Kirche haben. Es muss nicht die modernste Technik verbaut sein. Es muss bei uns nicht hochheilig zu und her gehen. Aber wir müssen das Wort haben. Wir sollen es weitergeben, als wären wir reich. Ohne Rücksicht auf die Finanzen sollen wir Gemeinschaft miteinander und mit Gott feiern. Wir sind reich in der Beziehung zu unserem himmlischen Vater.

Als Kirche dürfen wir selig sein auch in unserem Hunger nach einer gerechteren, menschenfreundlicheren Welt. In unserem Engagement müssten wir blind sein, wenn wir glauben würden, dass wir alles Leid der Erde beseitigen könnten. Wir können es nicht. Weder als Ortsgemeinde noch als Landeskirche und auch nicht als weltweiter Kirchenbund. Unsere Mittel sind zu gering, um den Hunger zu beseitigen. Doch müssen wir in unseren Bestrebungen nicht verzweifeln. Wir dürfen uns nach unseren Möglichkeiten anstrengen, auch wenn wir den Hunger nie ganz stillen werden. Wir dürfen trotz unseren Grenzen und unseren endlichen Mitteln selig sein.

Als Kirche dürfen wir auch in der Trauer und den Tränen an Gott festhalten. Es ist nicht an uns den Tod und den Schmerz wegzutrösten. Es ist nicht an uns ihn ungeschehen zu machen. Aber es ist an uns in Tod und Trauer den Menschen beizustehen, sie zu begleiten und gemeinsam die Ohnmacht des Menschen vor dem Tod auszuhalten.

Als Kirche dürfen wir selig sein, auch wenn uns die Welt belächelt, sich über den Glauben lustig macht oder ihm gar mit Hass begegnet. Als Kirche darf man uns für Opium des Volkes halten. Wir müssen uns nicht dagegen wehren. Doch sollen wir uns aus dieser Erfahrung für jene einsetzen, die der Hass und die Ausgrenzung der Welt treffen. Wir als Kirche und wir als Glieder dieser Kirche sollen uns für die Menschen am Rande mutig einsetzen und denen beistehen, die ausgelacht, fertig gemacht und gehasst werden.

Als Kirche und als Glieder dieser Kirche ist uns Heil widerfahren. Wir dürfen auf Gott vertrauen. Wir dürfen darin selig sein und uns nach bestem Wissen und mit besten Kräften zum Wohle seiner Schöpfung einsetzen.

Darin dürfen wir uns freuen. Darin dürfen wir tanzen. Darin dürfen wir in Beziehung zu Gott und der Gemeinschaft mit Jesus leben.

Amen

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