Überraschender Besuch

Ich will einen Bissen Brot holen, dass ihr euch stärken könnt, danach mögt ihr weiterziehen.

Gen 18,5

Liebe Gemeinde

Sonntagnachmittag. Ein heisser Sommertag, wie wir sie im letzten Sommer zu Duzenden gehabt haben. 36 Grad und es wird noch heisser. Der Schweiss rinnt ohne körperliche Anstrengung. Ein jeder sucht sich ein schattiges Plätzchen. Windstill. Kein Lüftchen weht und brächte etwas Erfrischung. Es ist zu heiss, um zu lesen. Zu heiss, um zu stricken. Zu heiss, um mit der Liebsten zu reden. Zu heiss, um zu denken. Das Wetter nimmt einem allen Antrieb. Gut, dass es Sonntag ist. Vor lauter Hitze wird man müde. Doch es ist zu heiss, zum Schlafen. So döst man vor sich hin.

Da klingelt es an der Tür. «Nanu» denkst du, «wer mag das sein?» Du erwartest keine Gäste. Wer wohl bei diesem heissen Wetter den Weg zu dir gefunden hat? Ob er zu Fuss, mit dem Fahrrad oder dem Auto gekommen ist? «Hoffentlich mit Klimaanlage!» Bei diesen Temperaturen hält man es sonst keine fünf Minuten im Auto aus. Du öffnest die Tür. Drei Fremde stehen vor der Tür. Was tust du?

Abraham öffnet nicht nur die Tür. Er bittet die unbekannten Besucher herein. Es sind Fremde für ihn. Er kennt sie nicht. Doch spürt er, das sind keine gewöhnlichen Gäste. Diese drei Männer haben mit ihm zu tun, auch wenn er ihnen noch nie begegnet ist. Es ist eine Schicksalsbegegnung. Dieser Besuch ist eine Gelegenheit. Er ist ein Angebot. Abrahams Leben wird sich verändern. Doch in welche Richtung, das entscheidet er.

Abraham kann auf diesen Besuch reagieren. Er könnte schroff und hart sein. Er könnte freundlich Nein sagen und die Fremden weiterschicken. Er könnte sie fragen, was sie wollen. Er könnte sie zu seinem Nachbarn senden. Er könnte seine Anwesenheit verleugnen. Er könnte sich fürchten, schliesslich sind sie zu dritt und er allein!

Doch Abraham tut nichts dergleichen. Ganz im Gegenteil. Er empfängt die überraschenden Gäste. Er bietet ihnen Wasser, damit sie ihre Füsse waschen können und will sie bewirten. Für Abraham ist klar, diese drei Männer sind Boten seines Gottes.

Mich fordert die Reaktion Abrahams auf die ungebetenen Gäste heraus. Er ist nicht bloss höflich. Er ist nicht bloss freundlich. Er ist sich gewiss, dass er in diesen Fremden Gott persönlich begegnet! Es ist mehr als ein Vorschussvertrauen, welches er den Unbekannten entgegenbringt. Es ist so viel mehr als Neugier. Es ist Gewissheit!

Da klopft Gott an die Tür. In fremder Gestalt. Er ist ganz anders als ich ihn erwartet habe. Sein Besuch kommt nicht gelegen. Ich bin skeptisch, wenn ein Fremder vor der Türe steht. Es gelingt mir nicht, den letzten Zweifel aus dem Kopf zu bekommen.

Ich würde dem Fremden freundlich begegnen. Ich würde ihn hereinbitten. Aufmerksam würde ich ihm zuhören, wenn er sein Anliegen schildert. Hilfe bliebe ihm nicht versagt.

Auch der Fremde findet bei mir ein offenes Ohr, der Hinweis auf eine Beratungsstelle, eine kleine finanzielle Unterstützung. Wenn es sein muss bekommt er auch etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf für eine Nacht.

Doch der Fremde käme als Bittsteller.

Wie anders Abraham. Er nennt ihn Herr und erblickt ein Zeichen von der Gnade.

«Komm herein. Iss einen Bissen. Dann ziehe weiter!»

Abraham erkennt Gott in den drei Männern, die ihn besuchen. Der Allmächtige steht vor ihm. Der Schöpfer von Himmel und Erde.

Es ist ein Wunder!

Was würde ich nicht alles von Gott erbeten?! Sündenvergebung! Heilung von Krankheit! Ein Zeichen seiner Gegenwart! Ein Segen für mich, meine Liebsten, mein Dorf, meine Region, mein Land!

Wie anders Abraham. Bescheiden. Demütig. Keinen Moment fragt er auch nur nach dem kleinsten Vorteil. Er lässt sich an der Begegnung mit Gott genügen. Er will nicht mehr als einen Bissen Brot mit ihm teilen. Er ist zufrieden, wenn Gott sich an seinen Tisch setzt. Er ist überglücklich, dass er einige Stunden in der Gegenwart von Gott verbringen darf. So wird aus dem Bissen Brot ein Festmahl!

Mit Gott ein Stücklein Brot teilen. Mit Gott ein Schluck aus dem Festbecher nehmen. Im Abendmahl bietet Gott uns dies an. Wir dürfen ihm begegnen. Wir dürfen einen Moment in seiner Gegenwart verbringen. Wir sollen es uns daran genug sein lassen.

Es wird manchem von uns nicht immer gelingen. Das mit dem genug sein lassen. Wir möchten oft mehr, als eine flüchtige Begegnung. Wie viel einfacher wäre es, wenn wir ein festes Pfand für unseren Glauben hätten! Wenn wir Beweise hätten!

All das braucht Abraham nicht. Er lässt es sich genügen Gott einladen zu dürfen. Er lässt ein Festmahl bereiten, sogar ein Kalb wird geschlachtet.

Es ist ein Freudenmahl. Ursprünglich. Opulent. Archaisch. Im besten Sinn profan, denn diese Gottesbegegnung kennt keine heilige Scheue. Ja, die späteren Speisegebote gelten noch nicht. Es wird fröhlich kombiniert. Koscher ist dieses Mahl nicht.

Und dennoch. Abraham begegnet Gott. Quasi auf Augenhöhe. Die Begegnung des geteilten Mahls wird ihm zum Segen. Während sie essen, wird ihm die Geburt des ersehnten Sohnes angekündigt. «Du wirst Vater! Sarai, deine Frau, wird Mutter!» Entgegen jeder weltlichen Erwartung versprechen die Fremden Abraham Leben. Neues Leben, an das er die Verheissung, die er einst empfing, weitergeben kann.

Sarah hört es und lacht. Es ist einfach unglaublich. Nicht mehr als ein Versprechen. Nicht weniger als ein Versprechen von Gott.

Das Festmahl geht zu ende. Gott zieht seines Weges. Abraham versucht nicht ihn aufzuhalten. Er will ihn nicht für sich behalten. Gott ist ihm begegnet. Doch die Begegnung ist Augenblick. Ist Geschenk. Gott lässt sich nicht aufhalten. Er zieht weiter.

Zurück bleiben ein andächtiger Abraham und eine ungläubig lachende Sarah. War es Gott, der da bei ihnen einkehrte? Kam er in fremder Gestalt? Genügt der Augenblick? Genügt sein Versprechen? Lass ich mir an seiner Verheissung genügen?

Amen

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