Weisst du, wie viel Sternlein stehen?

Wenn ich deinen Himmel sehe, das Werk deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du hingesetzt hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Ps 8,4f.

Liebe Gemeinde

«Weisst du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weisst du, wie viel Wolken gehen weit hinüber alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.»

Kennt ihr dies Kinderlied? Haben es euch eure Mütter gesungen, als ihr noch Kinder wart? Habt ihr es euren Kindern gelehrt?

Ich kannte dies Lied noch bevor ich in den Kindergarten kam. Meine Grossmutter hat es abends gesungen, wenn mich das Heimweh plagte.

Die Behinderung meiner Schwester machte damals eine grosse Operation nötig. Meine Mutter stand meiner Schwester bei – sie war noch fast ein Baby. Die ersten Nächte nach dem Eingriff blieb sie bei ihr im Kinderspital. Ich durfte bei meiner Grossmutter übernachten.

Ich liebte sie innig. Ich war gern bei ihr. Sie konnte Geschichten erzählen, wie es nur Grossmütter können. Bei ihr durfte ich in der Küche helfen und alles Mögliche ausprobieren. Sie zeigte mir viele Sachen und brachte mir das Stricken bei. Ich war gern bei ihr.

Was die Operation für meine Schwester und damit auch für meine Eltern bedeutete, verstand ich damals nicht. Ich war nicht in Sorge. Vielmehr freute ich mich auf die Tage bei meiner Grossmutter. Es war schön sie ganz für mich allein zu haben. Am Abend durfte ich noch Fernsehschauen mit meiner Gotte, sie lebte mit meiner Grossmutter zusammen. Nach dem «Guet Nachtgschichtli» brachte mich meine Grossmutter ins Bett. Doch ich konnte nicht einschlafen. Plötzlich plagte mich ein unbekannter Schmerz und grosse Traurigkeit kam über mich. Ich begann zu weinen, denn ich vermisste meine Mami! Meine Grossmutter hörte mich. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich. Leise begann sie zu singen: «Weisst du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? …»

Wie im Vers über der Predigt verbinden die Reime dieses Schlafliedes gegensätzliche Gefühle. Sie geben Heimat in einer Welt, die so gross ist, dass sie weit über unser Vorstellungvermögen hinausgehen. Sie verbinden Weltall und Menschenwelt. Sie verbinden schiere Unendlichkeit mit meinen begrenzten Möglichkeiten. Sie verbinden das Staubkorn Erde, das im Kosmos fast verloren geht, mit dem blauen Planeten, der bald acht Milliarden Menschen Heimat bietet, unter denen ich einer bin. Es verbindet die Bedeutungslosigkeit meiner Existenz in der Weltgeschichte mit dem Buch meines Lebens, in dem ich die Hauptrolle spiele. Es verbindet Verlorensein und Geborgensein. Es verbindet die Widersprüchlichkeit unserer Existenz.

Ich vermute, es gibt nicht viele Menschen, denen es nicht wie mir geht im Anblick einer sternenklaren Nacht. Wenn ich mich im Sommer bei Neumond ins Gras lege und in den Nachthimmel blicke, dann ist das Gänsehaut Moment. Es fröstelt mich, nicht nur wegen der Kühle der Nacht. Es ist ein Blick in die Unendlichkeit. Ich fühle mich klein und zerbrechlich. «Was bist du, Mensch?», scheinen mich die Sterne zu fragen. «Wir haben schon geleuchtet, da hat es dich nicht gegeben. Wir werden auch noch strahlen, wenn du längst zu Staub verfallen sein wirst. Ja, wir sind schon da gewesen, als es noch keine Menschen gab. Wir funkelten als der Funke des Lebens im Urozean sprang. Wir waren schon alt, als die Erde in den Wehen lag! Was ist der Mensch?»

Reduziert man die rund 14 Milliarden Jahre, die nach heutigem Wissensstand seit dem Urknall vergangen sind, auf ein Jahr, dann werden diese unfassbaren Zeiträume etwas begreifbarer. Setzt man den Urknall genau auf den Beginn von diesem Jahr um Mitternacht vom 1. Januar, dann entsteht unsere heutige Heimatgalaxie, die Milchstrasse, erst Mitte März. Anfang September entzündet sich die Sonne, die Leben erst möglich macht. Vier Tage später wird die Erde geboren. Noch ist sie ein glühender Ball in einem Sonnensystem, das erst gerade geboren wird. Irgendwann im Oktober springt der Funke vom Leben über. Aus unbelebter Materie bilden sich die ersten Einzeller. Sie brauchen noch kein Sauerstoff. Er ist das reinste Gift für sie, doch entsteht er als Abfallprodukt ihres Stoffwechsels. Das Leben vernichtet sich ein erstes Mal fast selbst.  Ende Oktober gibt es Sauerstoff in der Atmosphäre.

Die ersten Fische schwimmen am 4. Advent, eine Woche vor Heilig Abend, durch das Meer. Sogar die Dinosaurier verpassen Weihnachten. Sie entstehen erst im Laufe des Tages. Sogar der Silvestertag ist fast frei von Menschen. Erst eine Stunde vor Mitternacht, es ist längst wieder dunkle Nacht, schreiten die ersten Vorläufer des Menschen über die Afrikanische Savanne. Fünf Sekunden vor Mitternacht wird Jesus geboren. Es wäre schiere Übertreibung zu sagen, dass sein Leben in der Menschheitsgeschichte aufblitzt, denn es wäre kürzer, als ein Blitz leuchtet. Erst, wenn der Hammer schon los saust, um die Glocke zu Mitternacht zu schlagen, werden wir geboren.

Und doch. Dieses Superjahr wäre nicht mehr als ein Augenblick in Gottes Ewigkeit, wenn diese nur quantitativ und nicht auch qualitativ von unserer Zeit unterschieden wäre. Der Vergleich also sinnlos ist, weil er zu wenig weit geht, und dennoch sinnvoll, weil er eine unaussprechliche Ahnung weckt. Im Anblick von Gottes Ewigkeit ist das Menschenleben weniger als ein einzelnes Sandkorn im Vergleich zum Sand aller Strände der Welt.

Es schaudert mich bei diesem Gedanken. Als Mensch bin ich verloren in der Grösse von Gottes Schöpfung. Er, der dies alles erschaffen hat, ist so unendlich grösser und mächtiger als ich es sein kann. Ich bin Klein. Ein Nichts in seinen Augen. Furcht erfasst mich. Heilige Furcht. Gottesfurcht.

Im Blick in den Nachthimmel empfinde ich Ehrfurcht vor ihm.

Ich blicke hoch zum selben Sternenzelt, zu dem schon der Sänger des Psalms blickte. Es sind dieselben Sterne, die sein Auge sieht. Die Sterne die über David, Mose, Joseph, Isaak, Abraham leuchten. Dasselbe Firmament unter dem Adam und Eva das Paradies verliessen, um die Welt mit menschlichem Leben zu bevölkern. Vertrieben von dem einen Gott, der dies alles schuf.

Wie es derselbe Nachthimmel ist, so ist es auch derselbe Gott. Der Gott Adams und Evas, war auch der Gott Abrahams und Sarahs, der Gott Isaaks und Esaus, der Gott Josephs und seiner Brüder, der Gott Moses und der Israeliten, der Gott Davids und seines Nachfahren Josephs, der Maria heiratete. Er ist derselbe Gott, den Jesus, der Menschgewordene Sohn, als Vater verkündigt und der Heilige Geist den Glauben weckt. Derselbe Gott, von dem es im Schlaflied heisst: «Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen grossen Zahl.»

Den kleinen Jungen, der sich so sehr nach seiner Mama sehnte, dass er ganz traurig wurde und ihn das Heimweh plagte, tröstete dieser Gedanke. Es ist dasselbe Bild, das mir auch heute noch Kraft gibt, wenn ich mich in der Welt verloren fühle.

Gott, der sich meiner Sinne und meiner Erkenntnis entzieht, der sich hinter den Sternen und der schieren Unendlichkeit des Weltalls verbirgt, wendet sich mir zu. Er wendet sich uns Menschen zu.

Er gedenkt uns! Trotz seiner Grösse, seiner Allmacht und seiner Ewigkeit!

Er antwortet auf die bange Frage des Sängers des Psalms «Wer ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?» in dem er den Menschen «nur wenig geringer schuf als Gott». Seine Antwort ist keine Antwort, die erst durch die Frage entsteht. Seine Antwort ist eine ewige Antwort. Gott, der himmlische Vater, entscheidet sich für den Menschen, der voll Ehrfurcht zu den Sternen blickt. Er erwählte ihn, als er ihn schuf. Als er ihn als Mann und Frau erschuf.

Gott erwählte den Menschen in seiner Treue allein durch Gnade. Seine Erwählung zerbrach nicht. Sie gilt trotz dem Aufstand des Menschen in Adam und Eva. Sie gilt uns. In unserem Staunen unter einem sternenklaren Nachthimmel. In unserem Zweifeln unter der Klarheit des Tages. In unserem Widerstand und unserer Ergebung. Wir sind von ihm erwählt unter unserem Ja und unserem Nein. Er nimmt sich uns an in unserem Da-Sein und So-Sein.

Das ist das Wunder, dass Gott uns widerfahren lässt. Dass er sich uns zuwendet. Dass er der ganz Nahe wird. Dass er sich uns offenbart, obwohl wir ihn nicht fassen können. Dass er uns versteht, trotz unseres Unverstandes.

Wir sind angenommen bei ihm. Er, der die Sterne in ihrer unzählbaren Zahl schuf, schuf auch uns. Wie er die Sterne am Himmel zählt, so zählt er erst recht uns, damit ihm nicht auch nur einer fehle.

In Jesus Christus zeigt er uns sein menschliches Gesicht. Er begegnet uns auf Augenhöhe und blickt uns an. Bei ihm sind wir anerkannt. Er lässt uns nicht fallen.

Wir dürfen aufschauen zu seinem Himmel. Wir dürfen über seine Grösse staunen und uns in Ehrfurcht vor ihm beugen.

Denn in ihm sind beide Seiten vom Wiegenlied gehalten. Das ganz Grosse und das ganz Kleine. Die Ewigkeit und der Augenblick. Das Ganze des Weltalls und das Unteilbare des kleinsten Teils des Atoms. Er ist Herr über den Makro- und den Mikrokosmos. In ihm darf ich getrost sein in meiner Verlorenheit und meiner Geborgenheit. In ihm bin ich gehalten im Licht des Tages und in der Finsternis der Nacht. Er ist bei mir im Anfang und im Ende.

Wir dürfen staunen. Wir dürfen uns an seinem Wunder erfreuen. Wir dürfen zu den Sternen aufschauen und ihm in die Augen blicken. Wir dürfen ihn erkennen in der Begegnung mit unseren Nächsten. Als Sandkörner am Strand von seiner Ewigkeit.

Amen

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