Ein Wort wie ein Edelstein

Steh auf, HERR, damit nicht der Mensch triumphiert, damit die Nationen gerichtet werden vor dir.
Ps 9,20

Liebe Gemeinde

Manches Psalmwort ist einem Edelstein nicht unähnlich. Einem Diamanten zum Beispiel. Der Stein selbst ist in diesem Bild der Gedanke oder die Gotteserfahrung, die im Vers zum Ausdruck kommt. Das Ringen des Psalmdichters um die rechten Worte entspricht dem Schleifen des noch unförmigen Edelsteins.

Arbeitsschritt um Arbeitsschritt wird der Diamant klarer. Facette reiht sich an Facette und im Spiel der Oberflächen, Winkel, Lichtbrechung und Eigenschaften des Lichts beginnt der Stein zu strahlen, wenn ihn Sonnenstrahlen treffen. Er funkelt im Licht des Betrachters. Denn damit ein Psalmenwort leuchten kann braucht es uns, als Leserin und Leser. Indem wir die Worte lesen und sie in unserem Herzen bewegen, legen wir Licht an den Stein. Erst im Widerschein unserer Rezeption wird er lebendig. Wenn wir uns mit dem Psalmenwort auseinandersetzen können wir sein Feuer erkennen, wo uns der Heilige Geist Erkenntnis schenkt.

Unser Psalmwort zu lesen und es im Herzen zu bewegen, ist ein kreativer Prozess. Im Zusammenspiel zwischen Wort, Leser und Heiligem Geist entsteht etwas Neues. Die alten Worte lassen frische Erkenntnisse spriessen.

Wie eine unerschöpfliche Quelle sind so die Psalmen. Wie sich ein Edelstein in seinem Funkeln nicht aufzehrt und dennoch stets in neuem Licht strahlt, lässt auch der Glanz der Psalmen nicht nach.

Doch nicht jedes Licht im Stein kommt aus derselben Tiefe. Manches dringt nicht in den Stein ein und spiegelt sich nur an seiner Oberfläche. Anderes durchdringt den Stein und wird dabei gebrochen. Ein dritter Lichtstrahl dringt in den Stein ein und spiegelt sich in den vielen Flächen. Er bricht sich mannigfaltig und lässt den Stein in allen Farben des Lichtes leuchten.

So ist es auch mit unseren Gedanken. Nicht jeder verfängt sich so im Psalm, wie jener letzte Lichtstrahl. Nicht jeder Gedanke dringt tief in den Psalm ein. Es gibt auch jene, die nur die Oberfläche beleuchten. Auch sie zeigen etwas vom Psalm. Auch in ihnen liegt Wahrheit, wenn auch auf einer anderen Ebene. Wenn auch diese Wahrheit wenig weit trägt, als die Wahrheit der Strahlen aus dem inneren. Jene Wahrheit, die im Feuer des Diamanten geläutert wurde und der Mensch darin nicht mehr nur die Welt, sondern sich selbst erkennt.

Doch blicken wir auf unseren Diamanten. Schauen wir unseren Vers und mit ihm unseren Psalm genauer an.

Ein erster Blick. Die Augen treffen auf die Worte des Psalms. Von Gotteslob ist da die Rede. Grosse Taten, die Gott für den Sänger des Psalms und sein Volk vollbringt. Er tritt ein für seine Menschen. Er tritt an ihre Seite. Er streitet für sie.

Die erste Facette widerspiegelt, das Bild Gottes, wie es der Leser aus der Lektüre der Bibel kennt. Gott ist mächtig. Seine Kraft übersteigt die Möglichkeiten der Feinde. Er ist dem Menschen überlegen. Er ist Königen und Fürsten überlegen. Er ist stärker als die Natur. Selbst andere Götter sind nichts in seinen Augen. Souverän herrscht er über Himmel und Erde. Sturm, Regen, Sonne, Feuer, Wasser gehorchen ihm.

Als übermächtiger Richter schafft er Gerechtigkeit. Niemand und nichts soll sein Volk in seinem Recht beschneiden. Er tritt für sie ein, denn ihre Sache ist gerecht in seinen Augen. Als Ordnungsmacht setzt er die Ordnung durch. Er weist allen Völkern ihre Grenzen zu.

Als Garant der guten Ordnung im Grossen, darf jeder sich seines Beistandes gewiss sein, dessen Recht im Kleinen verletzt wird. Er tritt ein, für Witwen, Waisen und Arme. Im Rahmen der guten Ordnung schafft er ihnen Recht. So ist auch der Kleinste, Ärmste und Einsamste nie ganz verloren. Wo die Starken, die Mächtigen und die Rechtsbrecher sie bedrohen und ihnen nicht Recht widerfahren lassen, da erhebt sich dieser Gott.

Dieser Gott steht den Witwen, Waisen und Armen nicht wegen ihrer Armut, ihrer Einsamkeit oder ihrer Ohnmacht bei. Er steht ihnen bei, wenn sie in ihrem Recht bedrängt sind. Weil sie sich als die Schwachen in der Gesellschaft nicht selbst für ihr Recht wehren können.

Solange ihnen kein Unrecht geschieht, tritt dieser Gott nicht an ihre Seite. Er wehrt ihrer Ohnmacht, ihrer Einsamkeit und ihrer Armut nicht. Solange die Ordnung nicht gestört ist, lässt es dieser Gott zu, dass Ungleich herrscht zwischen den Menschen.

Alles in allem lässt es sich gut leben im Spiegel dieser ersten Facette des Psalms. Gottes Zorn richtet sich gegen die Feinde. Er streitet für sein Volk. Er wird eingespannt für die eigenen Bedürfnisse. Dem Gerechten geht es gut.

Der Mensch blickt in den Spiegel dieser Facette und erkennt das Böse am andern. Sich selbst aber erkennt er nicht. Gottes Macht ist seine in den Himmel projizierte Allmachtsfantasie. Gott, nicht mehr als der verlängerte Arm des Menschen. Er soll das Böse wehren, damit nicht die bösen Menschen triumphieren.

Doch je länger der Blick auf den Vers gerichtet ist, desto mehr beginnt er sich zu verlieren. Das Spiegelbild der Oberfläche beginnt zu verschwimmen. Zuerst trübe, dann immer klarer taucht ein zweites Bild auf. Der Blick durchdringt die Oberfläche. An Kanten und Winkeln beginnt er sich zu brechen. Er dringt ein. Er verliert sich.

Eine innere Bewegung wird erkennbar. «Steh auf!» ruft der Sänger des Psalms. Gott erhebt sich. Doch nicht wegen des menschlichen Rufes. Aus einem inneren Antrieb heraus. In seiner ganzen Freiheit und Herrlichkeit erhebt sich dieser Gott.

Nun wird deutlicher. Gott ist nicht nur Garant der Ordnung. Er ist viel mehr als ein gerechter Richter. Er erhebt sich nicht bloss gegen den Triumph des bösen Menschen. Er verhilft nicht nur dem Recht zum recht.

Gott erhebt sich gegen den Menschen, der meint Gut und Böse unterscheiden zu können. Er erhebt sich gegen die Anmassung des Menschen Gesetze erlassen und aufheben zu können. Er erhebt sich gegen die Hybris des Menschen Gerechtigkeit schaffen und Unrecht bekämpfen zu können. Dieser Gott lässt sich nicht für die Zwecke der Menschen einspannen.

Denn dieser Gott ist mehr als Herrscher über die Naturgewalten und Garant des Rechtes. Er gibt der Natur ihr Gesetzt. Er bestimmt unten und oben. Er lässt den Apfel auf die Erde fallen. Er setzt dem Licht eine Schranke. Er begrenzt seine Geschwindigkeit. Er gibt der Schöpfung die Zeit. Nach seinen Regeln sind den Gestirnen die Bahnen bestimmt. Er wirkt im Verborgenen. Er gibt Ordnung.

Doch sein Recht, seine Gerechtigkeit und seine Ordnung sind nicht auf die Natur begrenzt. Auch den Raum der Kultur ordnet er. Er gibt dem menschlichen Zusammenleben Regeln und Normen. Als göttliche Offenbarung werden sie der Menschheit durch seine Boten geschenkt.

Mose steigt auf einen Berg. Gott überreicht ihm zwei Tafeln. Zehn Gebote für das Zusammenleben. Sie sind göttliche Gabe. Sie sollen seinem Volke gelten. Doch nicht nur ihm. Sie formulieren universelles Recht. Gottes Recht, wie es in den Zehn Geboten manifest wird, soll allen Menschen gelten.

Nicht nur die Juden, nicht nur die Christen, nicht nur das Abendland, nicht nur die Schweiz soll dieses Recht halten. Allen Menschen gilt es.

In unserer jüdisch-christlichen Tradition spielt dabei die Erzählung von Mose auf dem Sinai eine zentrale Rolle. Sie ist eine Sternstunde der Menschheit. Hier wird göttliches Recht offenbart. Doch so wichtig dieses Ereignis auch ist, es ist nicht das einzige seiner Art.

Denn auch nicht jüdisch-christliche Tradition kennt ähnliches Recht. Was kann dies anderes bedeuten, als dass der Schöpfer sein Recht auch anderen offenbarte?

Denn in einem ist sich jedes Recht in seinen Ursprüngen ähnlich. Es will Leben ermöglichen. Es schafft auch dem Schwachen, Armen und Ohnmächtigen einen Raum zu leben. Es will dem Leben dienen.

Dieses Recht ist dem Menschen gegeben. Er entwickelt es weiter. Er formuliert es aus, so dass es zur jeweiligen Gesellschaft passt. Wo dieser Prozess im Einklang mit dem Grundanliegen des göttlichen Rechtes geschieht, da liegt Segen auf dem Recht. Es ermöglicht das Leben. Es schenkt Freiheit und beschränkt diese Freiheit zu Gunsten des Lebensraumes für den Nächsten.

Wo dieser Prozess pervertiert wird und das Recht dazu dient den Schwächeren nicht zu schützen, sondern ihn noch weiter zu Boden zu werfen, da erfüllt sich der Segen nicht. Vielmehr wird es zum Fluch, der sich über kurz oder lang gegen jene richtet, die das Recht zum Mittel der Unterdrückung machen.

Als Schweizerinnen und Schweizer bestimmen wir unser Gesetzt selbst. Wo wir uns dabei vom Wohl des Schwachen leiten lassen, da dürfen wir zuversichtlich sein, dass unser Gesetz in aller Unvollkommenheit der göttlichen Gerechtigkeit folgt. Wir dürfen auf Segen hoffen!

Der Blick ist gewandert. Vom Spiegel der Oberfläche, die den anderen im Blick hatte, hin zur Brechung des Lichtstrahles in den Facetten des Psalms. Nun erkennen wir unsere Gesellschaft. Wir sehen unsere Gemeinschaft vor Gott.

Doch noch haben wir das innere Feuer nicht geschaut!

Wer lange in den Vers blickt und wem Gott in seiner Gnade seinen Geist schenkt, der den Diamanten von innen erleuchtet, wird tiefer blicken.

Die Predigt mag jenes innere Feuer nicht zu fassen. Sie muss sich daran genügen lassen, einige Gedanken mit auf den Weg zu geben, die jenen den Weg weisen können, die sich ganz auf die Gottesbegegnung einlassen wollen.

Diese Gottesbegegnung können wir nicht machen. Es liegt nicht in unserer Kraft Gott in seinem Wort zu begegnen. Ob der Diamant sein Feuer offenbart, oder es nicht geschieht, es liegt allein in Gottes Macht. Denn es ist sein Geist, der den Weg weisen muss.

Wo er ihn weist, da erkennt der Beter sich selbst. Nicht länger dringen bloss seine Gedanken in den Psalm ein. Er selbst mit seinem ganzen Wesen durchschreitet das Tor. Ja, Gott selbst, stellt ihn mitten in das Wort.

Es ist, als würde die Welt aufhören zu sein. In diesem Zustand ist nur noch der Beter, das Wort und Gottes Herrlichkeit.

Gott steht auf. Er steht auf gegen den Menschen. Er steht auf gegen den Beter. Er steht auf gegen das Unrecht in ihm.

Der Beter selbst erkennt. Er erkennt sich als derjenige, der er vor Gott ist.

Gott tritt ihm an die Seite. Er streitet für ihn gegen seine eigene Verlorenheit. Als von Gott getragener erkennt der Beter seine eigene Verlorenheit. Er erkennt sich als Böser. Er anerkennt seine eigene Ungerechtigkeit. Das Feuer des Diamanten reinigt ihn.

Es ist keine Frömmigkeit mehr. Es ist keine Theologie mehr. Es ist Mystik.

Unsagbar – und doch wahr.

«Steh auf, Herr, damit nicht der Mensch triumphiere!»
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Allgemein, Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.