Güte und Gnade – Zuspruch, Anspruch, Verheissung

“Güte und Gnade werden mir folgen alle meine Tage, und ich werde zurückkehren ins Haus des HERRN mein Leben lang.”

Psalm 23,6

Liebe Gemeinde
Liebe Tauffamilie
Liebe Sophia

Ja, für dich ist diese Predigt, liebe Sophia. Du bist heute getauft worden. Dir ist dieser Vers über der Predigt als Segenswort mit auf den Lebensweg gegeben worden.

Du verstehst seine Worte noch nicht. Vermutlich weisst du nicht einmal, dass du jetzt angesprochen bist, denn du kannst noch nicht reden. Vielleicht verstehst du unsere Sprache noch nicht einmal. Geschweige denn den Sinn der Worte deines Taufspruchs. Und doch: Vielleicht bist du gerade diejenige, die seinen Gehalt besser als alle von uns begreifen. Nicht mit dem Verstand, aber mit deinem Herzen!

Für uns Erwachsene. Für uns, die wir der Sprache mächtig sind. Für uns, die wir in der Bibel lesen können, liebe Gemeinde, möchte ich dies ein wenig aufschliessen, was ich meine, wenn ich sage, dass Sophia vielleicht am besten verstehe, obwohl ihr der Sinn für unsere menschliche Sprache fehlt.

Denn Sophia ist ein Baby. Schwach, getragen, hungrig, müde, satt, ausgeschlafen, abhängig, ohnmächtig, fröhlich. Liebe Sophia, du bist noch unmittelbar, deiner Selbst so gewahr, dass du noch ganz in dir und deinem Sein ruhst – ohne dir Gedanken über dich selbst, über deine Zukunft, über deine Vergangenheit, über deine Chancen und Risiken machen zu müssen. Noch bist du fast pures sein. Du bist auf das innigste mit deiner Mutter verbunden. Ja, du könntest nicht leben ohne sie.

Unsere Kinder werden in eine Welt hineingeboren, die unsicher, ja voller Gefahren und Bedrohungen für sie ist. Sie sind sich ihrer Sache nicht sicher. Doch sie wachsen heran. Nehmen an Grösse und Kraft zu. Auch du, liebe Sophia, wirst deine Fähigkeiten entwickeln. Du wirst an Selbstsicherheit gewinnen.

Das ist gut so! Und doch: auch die Unsicherheit, der Zweifel, die Schwachheit haben ihr gutes.

Schau auf den Sänger deines Taufspruches. Er ist sich seiner Sache sicher. «Güte und Gnade werden mir folgen! Ich darf jeder Zeit zurückkehren in das Haus meines Herrn. Mein Leben lang steht Gott auf meiner Seite!»

Nichts kann ihn in seinem Vertrauen erschüttern. Nichts lässt ihn wanken und es wirft ihn schon gar nichts aus der Bahn. Selbst im Angesicht seiner Feinde kann er nichts anders, als sich von Gott gesalbt zu wissen. Ja, nicht einmal die Todesschatten können ihm das Fürchten lehren. Er geht seinen Weg in der Gewissheit, dass Gott ihn auf dem Weg in sein Reich immer wieder an den frischen Wassern vom Glauben trinken lässt und er sich auf grünen Auen der Gottesgegenwart erholen darf.

Es gibt Menschen, die so stark in ihrem Vertrauen auf Gott sind, wie der Sänger vom Psalm in seinem Lied. Für diese Glaubensgewissen ist diese Predigt nichts. Denn Sophia, ich habe ja gesagt, ich möchte zu dir sprechen. Zu dir und deiner Schwachheit, deiner Unsicherheit, deiner Ohnmacht.

Ich verrate dir ein Geheimnis. Auch wenn du gross sein wirst, ein Stück dieser Unsicherheit und dieses Zweifels wird bleiben. Mir geht es zumindest so.

Wenn ich diesen Psalm höre, dann staune ich über das unerschütterliche Vertrauen des Psalmenbeters. Ja, wenn ich schwach bin, wenn ich mich ohnmächtig fühle, dann versuche ich mich an seinen Worten aufzurichten. Dann bete ich den 23. Psalm und hoffe, dass Gott mir ein Stück seiner Glaubensgewissheit schenkt.

Ja, hie und da schenkt es Gott dann. So ein Augenblick der Klarheit und des Trostes. Ein Moment der Gewissheit. Doch dies ist flüchtig und hat keinen Bestand. Und doch, solche Geschenke sind ein Glück! Ich wünsche dir, dass du sie erfahren darfst.

Doch, obwohl du und ich schwach sind, gilt uns dieser Vers. Ich will ihn dir erklären. Im Wissen um meine Schwachheit, meinen Unverstand und meinen Zweifel.

Dieser Vers ist ein Wegwort für dein Leben. Ich wünsche dir, dass er dich auf dreifache Weise begleitet. Als Zuspruch, als Anspruch und als Verheissung.

Es ist ein Zuspruch: «Güte und Gnade werden mir folgen alle meine Tage.»

Gott will mit dir sein. Er verspricht dich mit Güte zu begleiten, gerade so, wie dich jetzt deine Mutter begleitet.

Du bist schwach, doch sorgt dein ‘Mami’ für dich!

Sie ist gütig. Ihre Güte zeigt sie, indem sie nur das Beste für dich will. Indem sie freigiebig ist und dich vor allem Schlimmen und Bösen so gut schützt, wie sie es nur kann.

Unter uns, Sophia, ich glaube, dein ‘Mami’, so wie ich sie kennen gelernt habe, würde sogar ihr Leben geben, damit du Leben kannst. So sehr liebt sie dich!

Genau so dein Papi. Du hast es gut getroffen. Du darfst Güte und Liebe von deinen Eltern erfahren.

Doch du wirst grösser werden. Du wirst deine Grenzen ausloten. Hie und da willst du Gutes tun, doch es wird nicht gelingen. Ganz im Gegenteil. Vermutlich wirst auch du die Erfahrung machen, dass aus guten Gedanken, nicht immer gute Taten folgen.

Vielleicht werden es deine Eltern nicht verstehen. Gut möglich, dass sie nur die Folgen sehen und nicht begreifen können, dass keine böse Absicht dahinter steht. Doch bin ich zuversichtlich. Sie werden gnädig mit dir umgehen. Sie werden dir verzeihen und vergeben – ganz umsonst. Gratis – soli gratia – aus reiner Gnade!

Gütig und gnädig sind deine Eltern. Gütige und gnädige Eltern wünsche ich euch allen. Ich weiss, nicht jedem Kind ist dies vergönnt.

Und auch dort, wo die Eltern mit bestem Willen und Gewissen ihre Aufgabe erfüllen: Ihre Güte und Gnade werden von der Güte und der Gnade Gottes immer übertroffen werden.

Denn vor all unserem Tun und Können steht sein Ja zu uns. Seine Gnade und seine Güte gelten uns, wo wir noch nicht einmal geworden sind. Güte und Gnade sind seine ersten Gedanken über unser Leben. Das ist der Zuspruch, der gilt. Es ist dieser Zuspruch der gilt, vor dem Anspruch, welcher auch in diesem Vers liegt.

Dein Taufspruch, liebe Sophia, ist auch Anspruch an dich. Eine Aufgabe für dein Sein in der Welt.

Noch bist du ein Baby. Doch du wirst wachsen. Dein Handeln und dein Tun werden die Menschen beeinflussen. Du kannst ihnen zum Guten dienen, oder ihnen schaden. Du kannst dich für deine Nächsten aufgeben oder ein miteinander finden. Du kannst Wege gehen, die zur Gemeinschaft führen. Du kannst deinen Weg gehen. Du kannst Zeit teilen und du kannst sie einteilen.

Es fällt wohl keinem von uns leicht immer eine gute Balance zu finden. Weder sich ganz für die anderen hinzugeben und sich selbst zu verleugnen noch nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, scheint mir eine gute Lösung zu sein. Die Extreme entsprechen uns nicht. Denn Gott will unser und unser Nächsten Gutes. Er ist gütig und gnädig, damit Güte und Gnade unseren Umgang miteinander bestimmen können.

Gütig und gnädig miteinander umzugehen fällt nicht immer leicht. Es ist anspruchsvoll! Wir können scheitern. Bei aller menschlichen Anstrengung. Bei allem Einsatz. Bei allem Gott vertrauen, denn wir sind Menschen. Die Schwäche, der Zweifel, die Unsicherheit und das Scheitern gehören mit zu unserem Sein in dieser Welt.

Gott stellt grosse Ansprüche. Gerade Güte und Gnade fordern uns nicht nur heraus. Sie überfordern uns mitunter. Liebe Sophia, da wird es dir wohl nicht anders gehen, als es mir geht: Nicht immer gelingt es mir gütig und gnädig über meine Mitmenschen zu denken!

Aber, Sophia, lass dich dadurch nicht entmutigen. Du bist Mensch. Du darfst scheitern ohne dass Gott dir seine Gnade und seine Güte entzieht. Denn zuallererst ist dein Taufvers ein Zuspruch! Gottes Versprechen gilt!

Nicht immer wird es gelingen die Güte und Gnade, die Gott dir schenkt, in der Welt zu leben. Doch es gibt sie. Die Momente des Gelingens. Die Momente, wo Güte und Gnade die Beziehungen zu deinen Mitmenschen bestimmt.

Es sind geschenkte Momente. Momente von der Verheissung.

In diesen Momenten wird die Welt für einen kurzen Augenblick verwandelt. Wo uns die Güte und Gnade geschenkt ist und wo wir sie weitergeben, da kann die Welt sich öffnen. Ein Stück Himmel wird in solchen Momenten in der Welt manifest. In dieser Begegnung ist Gott anwesend. Wo zwei Menschen sich in Güte und Gnade begegnen wird Gott in Beziehung mächtig. Da wird Gott Ereignis!

Mir fehlen die Worte. Es ist als ob man heimkehrt. Als ob man eintritt ins Vaterhaus. Als ob man zurückkehrt in jene Heimat, in der die Welt oft nicht mehr als eine leise Ahnung ist!

Wo sich die Verheissung von deinem Taufspruch erfüllt, liebe Sophia, da ist Himmel auf Erde!

So wünsch ich dir, deiner Familie und uns allen, dass das Wort über uns steht. Nicht in unsrer Gewissheit, sondern in unserer Unsicherheit. Nicht in unserer Stärke, sondern in unserer Schwäche. Nicht in unserem Glauben, sondern mitten in unserem Zweifel. Ganz in unserem Mensch sein. Auf dass es uns Zuspruch, Anspruch und Verheissung werden wird und wir hören:

«Güte und Gnade werden mir folgen alle meine Tage, und ich werde zurückkehren ins Haus des HERRN mein Leben lang.»
Amen

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