Wir sind der Leib Christi!

Jedem Einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben nach dem Mass, mit dem Christus zu geben pflegt.
Deshalb heisst es:
In die Höhe hinaufgestiegen ist er, und Gefangene hat er in die Gefangenschaft geführt, Geschenke hat er gegeben den Menschen.
Er ist hinaufgestiegen – was bedeutet das anderes, als dass er auch hinabgestiegen ist in die Niederungen der Erde?
Der aber hinabgestiegen ist, ist auch der, der hinaufgestiegen ist, hoch über alle Himmel, um alles zur Vollendung zu bringen.
Eph 4,7-10

Liebe Gemeinde

Der Epheserbrief gehört zu jenen Briefen des neuen Testaments dessen Adressat, anders als es die Bezeichnung Epheserbrief vermuten lässt, unklar bleibt. Die ältesten erhaltenen Handschriften lassen dort, wo der Gemeindename stehen sollte, jeweils eine Lücke offen. In der Forschung wird diese Lücke damit erklärt, dass es sich bei diesem Brief um ein Schreiben handelt, dass nicht an eine bestimmte Gemeinde geschrieben wurde, sondern für viele Gemeinden bestimmt war. Der Brief wurde im Gemeindegottesdienst geöffnet. Man verlas ihn in der versammelten Gemeinde. Danach verschloss man ihn wieder sorgfältig und reichte ihn der nächsten Gemeinde weiter.

Dies war ein probates und günstiges Mittel vielen Christinnen und Christen die eigenen Gedanken zugänglich zu machen. Allerdings entsprach dies so gar nicht der Gewohnheit des historischen Paulus. Abgesehen von der Gemeinde in Rom, bei der er sich mittels des Römerbriefes vorstellte, waren alle Empfängergemeinden Gründungen des Paulus. Er kannte sie gut. Er stand in regem Austausch mit ihnen. Er freute, weinte, klagte, kämpfte und lobte mit ihnen. Auch wenn er nicht bei ihnen war, so teilte er doch ihr Leben. Auf konkrete Fragen gab er konkrete Antworten. Mit seinen Briefen reagierte er auf Veränderungen in den Gemeinden.

Wie wenig davon im Epheserbrief zu spüren ist. Es scheint geradezu so zu sein, dass der Briefschreiber die Gemeinde kaum oder nur vom Hörensagen kennt. Kann hier Paulus die Feder führen? Kann es jener Paulus gewesen sein, der sich in keiner Gemeinde länger und öfter aufgehalten hat, als in eben jenem Ephesus in der heutigen Türkei, oder schreibt hier einer in seinem Namen?

Der Epheserbrief nimmt ein zentrales Bild der paulinischen Theologie auf. Christus und Gemeinde sind ein Leib. Der historische Paulus verwendet dieses Bild, um zu beschreiben, wie Christus in der Welt präsent ist. Die Gemeinde ist sein Leib auf der Erde. Er selbst wirkt in und durch sie. Wo es eine christliche Gemeinde gibt, da ist Christus selbst anwesend.

Anders der Epheserbrief. Auf subtile Art und Weise nimmt er das paulinische Bild auf und verändert es. Auch er spricht von der Gemeinde als Leib Christi. Doch anders als bei Paulus wird jetzt die Rolle des Hauptes betont. Christus ist das Haupt. Als Hirn steuert er Muskeln. Er ist der Wille. Die Hände gehorchen. Er kennt das Ziel. Die Füsse gehen jene Wege, die er ihnen bestimmt. Der ganze Leib ist ihm Untertan. Der Leib führt aus, was das Haupt will.

Es geht nicht mehr um das Sein Christi in der Welt, sondern um die Hierarchie zwischen dem himmlischen Christus und der Gemeinde. Zwar sind die Glieder immer noch verbunden, doch steht nun nicht mehr ihre Solidarität und ihr Mitgefühl untereinander an erster Stelle. Nicht länger gilt: «Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder!» sondern: «Ist ein Glied ungehorsam, so ist der ganze Leib ungehorsam.» Nur die Trennung vom ungehorsamen Glied, kann den Leib retten.

Mit dem Epheserbrief beginnt die Hierarchisierung der Kirche. Wo bei Paulus noch das Miteinander und die Aufhebung der Standesunterschiede im Zentrum des Zusammenlebens der Gemeinde stand, tritt nun eine Unterordnung. Weil sich die Gemeinde als Leib ganz Christus, dem Haupt unterordnet, sollen sich auch die Frauen ihren Männern, die Kinder ihren Eltern, die Sklaven ihren Herren und die Laien den Geweihten unterordnen. Kein miteinander gleicher, sondern ein Befehlen und Gehorchen.

Mit dem Epheserbrief beginnt sich die Kirche als Institution auszuformen. Immer stärker und immer strenger werden ihre Regeln werden. Die Hierarchie tritt zwischen Glaubenden und Gott. Sie trennt ihn.

Martin Luther, Huldrych Zwingli, Johannes Calvin und viele mehr werden dagegen protestieren. Es braucht keine vermittelnde Hierarchie. Jeder Mensch darf zu Gott kommen. Mit dem Gedanken des Priestertums aller Gläubiger werden sie sich gegen diese Hierarchie stellen.

Als reformierte Kirche gründen wir auf den Gedanken dieser Männer und auch Frauen. Sie scheinen so im Gegensatz zur Hierarchie des Epheserbriefes zu stehen, dass man fragen könnte: Hat uns dieser Brief noch etwas zu sagen? Was können wir aus ihm lernen?

Zuerst sollten wir uns bewusst machen, dass auch dieser Brief zu den neutestamentlichen Schriften und somit zur christlichen Bibel gehört. Für die Menschen, die um das Jahr 325 im Konzil von Nicäa klärten, welche Schriften fortan für die Christenheit verbindlich sein sollten, spielte nicht die historische Autorenschaft die wesentliche Rolle, sondern ob in ihnen der Geist Gottes zum Wohle der Menschen wirkte.

Wenn auch Paulus selbst den Brief nicht schrieb, so verfasste ihn einer seiner Schüler im Sinne des Heidenapostels. Der Autor oder gar die Autorin versuchte die Gedanken des Paulus neu für ihre Zeit zu formulieren und aus ihnen die Lehren für ihre Gemeinde zu ziehen.

Er reagierte dabei auf den Druck durch die beginnende Christenverfolgung im östlichen Teil des römischen Reiches. Das Christentum gehörte nicht zu den erlaubten Religionen. Es fand im Verborgenen statt. Die Ausbildung einer starken Hierarchie von Oben war die Antwort auf diese Herausforderung. Wo das Haupt Christus ist, da kann dem Körper angetan werden, was ihm auch angetan wird. Das Haupt bleibt bestehen. Der Körper kann sich wandeln.

Auffahrt wird für diese Gemeinde in Ephesus zwischen 70 und 90 nach Christus zur Gewissheit ihrer Hoffnung. Der Sohn Gottes ist vom Himmel herabgestiegen und hat Gnade gebracht. Nach Kreuz und Auferstehung ist er zurück in den Himmel gestiegen. Den besiegten Tod führt er als Gefangener mit sich. Nicht länger wird er als ewiger Sold der Sünde über die Gläubigen herrschen. Seine Macht ist gebrochen, wie auch dereinst die Macht des Satans endgültig gebrochen werden wird.

Doch noch ist es nicht soweit und der Versucher darf die Epheser weiterhin prüfen. Um diese Prüfung zu bestehen, brauchen sie eben diese Hierarchie. Christus gibt den Gliedern der Gemeinde Gnade «nach dem Mass, mit dem Christus zu geben pflegt.» Die hierarchische Unterstellung in der Gemeinde heisst auch, dass durch die Hierarchie die Gnade so verteilt wird, dass im jeweiligen Gehorsam die Prüfung bestanden wird.

Doch leben wir in einer anderen Zeit. Unsere Herausforderung ist eine andere. Längst ist das Christentum als Religion anerkannt. Es ist integriert in der Gesellschaft und ein Teil von ihr.

In dieser Teilhabe liegt unsere Herausforderung. In dieser Herausforderung ist Auffahrt als Aufstieg, wie es der Epheserbrief beschreibt, neu zu bedenken.

Eines der grossen Themen unserer Zeit, die auch die Kirche betrifft, ist die Veränderung des Klimas. Es ist klar, das Klima verändert sich. Dies lässt sich nicht vernünftig bestreiten. Die Veränderung der Umweltbedingungen ist besorgend. Will der Mensch weiterhin eine Grundlage für sein Leben haben, so muss er handeln.

Soweit haben auch wir als Christinnen und Christen teil. Doch stehen wir als Kirche in Gefahr, wenn wir uns unreflektiert der Klimabewegung anschliessen, mit dem nötigen auch die implizite Theologie dieser Bewegung zu übernehmen.

So nötig es ist, sich für den Umweltschutz auch als Christinnen und Christen zu engagieren, so sehr sollten wir dabei bedacht sein, unser anderes Sein in der Welt nicht zu vergessen. Als Christinnen und Christen leben wir als Teil von der Schöpfung im Bewusstsein, dass diese Schöpfung einen Schöpfer hat. Sie ist nicht selbst der Schöpfer.

Als Christinnen und Christen sind wir in unserem Handeln darum dem Schöpfer verpflichtet. Wir sind verantwortlich vor Gott.

Anders als der Hauptstrom der Umweltbewegung können wir darum unser Handeln nicht in Verantwortung vor der Natur begründen. Sondern immer nur als Verantwortung vor dem Schöpfer.

Als diejenigen, die um die Gefahr der Abgötterei wissen, sollen wir uns davor hüten, aus der Natur selbst einen Gott zu machen. Sondern in aller Sorge um die Schöpfung auch immer wissen, dass sie uns nicht über-, sondern zu geordnet ist.

Die Natur ist von ihrem Wesen her nicht Ort der Erlösung. Sie ist viel mehr der Ort des Kampfes um das Überleben. Jedes Leben lebt auf Kosten von anderem Leben. Die Natur kennt keine Rücksicht.

Der Mensch ist Teil von diesem Prozess. Unser Leben kann nie im Gegenüber zur Natur stattfinden, sondern ist und bleibt ein Teil davon.

Dass wir dabei aus eigenem Überlebenswillen uns selbst beschränken sollten, ist augenfällig.

Weltlicher Naturschutz und christliche Rücksichtnahme auf die Schöpfung haben viele, sehr viele Überschneidungspunkte. Aber in einem wichtigen Punkt weicht sie ab. Die Natur wird nicht vergöttlicht. Das Handeln geschieht in Verantwortung vor Gott.

Das heisst, dass christlicher Einsatz für die Schöpfung auch Wege gehen kann, die der Naturschutz nicht beschreiten kann. Als Christinnen und Christen wissen wir um unsere Teilhabe an der Natur. Weil wir ihr nicht gegenüberstehen, sondern in ihr leben, können wir uns auch stark machen für radikal andere Lösungen.

Warum nicht für die Forderung einstehen, dass die Weltbevölkerung stagnieren soll? Warum nicht nach Massnahmen fragen, die das exponentielle Wachstum eindämmen? Warum nicht ganz bewusst mit dem göttlichen Wort: «Seit fruchtbar und vermehret euch!» brechen?

Und zwar als eben solche, die um diesen Gott wissen. Die ihn aber auch so gut kennen dürfen, dass sie darum wissen, dass er das Leben will. Denn nicht unser Leben auf der Welt ist das eigentliche, sondern unser himmlisches. Im erzählen von Auffahrt und im Bild von der Kirche als Körper Christi dürfen wir darauf vertrauen. In ihm sind wir gehalten und gerettet.
Amen

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