Ein Regenbogen aus Gottes Licht

Und Gott sprach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und allen Lebewesen, die bei euch sind, für alle kommenden Generationen:Meinen Bogen stelle ich in die Wolken. Der soll ein Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde sein.
Wenn ich nun Wolken heraufziehen lasse über der Erde und der Bogen in den Wolken erscheint, dann will ich mich meines Bundes erinnern, der zwischen mir und euch besteht und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und nie wieder wird das Wasser zur Sintflut werden, um alles Fleisch zu verderben.
Gen 9,12-15

Liebe Veltnerinnen und Veltner
Liebe Junge und Junggebliebene
Liebe Festgemeinde

Couleurs. Jugend. Schule. Festzelt. Jugendfest. Die Freude in den Augen beim Lampionumzug und dem Feuerwerk am Freitag. Das Lachen auf den Gesichtern in der Disco und beim Konzert am Samstag. Die Müdigkeit der langen Festtage am Sonntagmorgen. Ein Gottesdienst im Festzelt.

Ich blicke in viele vertraute und einige fremde Gesichter. Dem einen steht das Alter gut. Weisheit spricht aus seinen Augen. Der andere ist voll jugendlichem Schalk. Für die einen ist das Festgelände Alltag, denn ihr geht hier zur Schule. Für die anderen ist es eine Erinnerung an längst vergangene Tage. Eine schöne Zeit, wie man sie nur durch die rosa Brille der Erinnerungen sehen kann.

Ich erinnere mich gerne an meine Schulzeit. Wir hatten noch keine Handys, geschweige denn Smartphones. Unser Tablet war aus einer festen, speziell beschichteten Kartontafel. Auf der einen Seite liniert, auf der anderen kariert. Es war nicht internetfähig – dafür konnte man es mit Wasser und Seife waschen. So war es bereit für neue Schreib- und Rechenübungen.

Unser Internet war das schwarze Brett im Treppenhaus der Schule. Wir bloggten nicht. Dafür schrieben wir Tagebuch. Spotify gab es noch nicht, dafür die Hitparade am Samstagnachmittag. Die coolen Kidz – so hiess das damals – schnitten ihre Lieblingsmusik mit – das war unser Download.

Es war eine andere Zeit. Doch Facebook gab es schon. Noch nicht von Mark Zuckerberg. Dafür gebunden und in allen Farben des Regenbogens. Poesiealben nannte man sie.

Jeder in der Klasse besass mindestens eines. Man gab sie seinen Freunden und Kollegen mit der Bitte sich auf einer Seite einzutragen und ein Foto einzukleben. Mit Herzklopfen und verlegenem Blick auch der heimlich verehrten unter den Mädchen. Und wenn man im Gegenzug das ihre erhielt? Ein Moment wie im Himmel!

Die Poesiealben luden einem ein einige Fragen zu beantworten. Lieblings Essen? Lieblings Band? Liebstes Reiseziel? Bester Freund (Nach dem ungeschriebenen Gesetz des Pausenplatzes war hier der Namen dessen einzutragen, der einem das Poesiealbum gab)? Wunschberuf? Liebstes Schulfach (Sport – alles andere wäre streberhaft gewesen)? Hobbies? Lieblingsfussballclub? Lieblingsbuch (ja wir lasen damals noch alle!)?

Nicht jede Frage kam in jedem Album vor. Doch eine Frage fehlte nie: Lieblingsfarbe?

Was ist ihre Lieblingsfarbe? Was ist deine Farbe?

Meine ist blau. Für mich strahlt sie Ruhe und Gelassenheit aus. Sie ist tief wie das Meer. Sie ist weit, wie der Himmel.

Für andere mag blau kalt und abweisend wirken. Sie haben lieber rot. Die Farbe der Liebe. Oder grün, wie die Natur und die Hoffnung. Andere mögen gelb. So hell und strahlend wie die Sonne. Orange, violett, rosarot, babyblau, magenta, eierschale und so weiter…

Nur braun ist wegen einem wahnsinnigen Massenmörder und seiner Anhängerschaft in Verruf geraten. Es erfüllt mich mit Sorge, wenn ich sehe, wie dieses Gedankengut unter neuen Bezeichnungen wieder gesellschaftsfähig wird.

Farben sind nicht neutral. Sie sind verbunden mit politischen Einstellungen. Die Lieblingsfarbe sagt etwas über ihren Träger aus. Man trägt die Farbe seines Vereines.

Farben können harmonieren. Sie können aber auch zu Konflikten führen. In der Politik, in der Gesellschaft und auf dem Pausenplatz.

Liebe Schülerinnen und Schüler, wie ist das bei euch in der Schule? Darf jede und jeder seine Farbe einbringen? War es ein buntes Schuljahr, das nun zu Ende geht, oder gab es auch Konflikte und Streit?

Wenn jeder seine Farbe einbringen darf, dann wird es bunt. In der Schule, aber auch in der Gesellschaft. Das ist nicht immer leicht, gilt es dabei auch jene Farben zu ertragen, die einem selbst nicht liegen. Es braucht ein Miteinander, in dem alle und nicht nur die gleichfarbigen respektiert werden und jeder Respekt für jene aufbringt, die er nicht versteht.

Eine solche Gesellschaft wird zu einem Regenbogen. Sie trägt traditionelle, Patchwork- und Regenbogenfamilien gleichermassen. Jeder Mensch darf sein, wie er ist. Es darf leuchten, wie ein Regenbogen!

Ist er nicht schön, der Regenbogen?

Ich wollte mehr über den Regenbogen erfahren. So tat ich, was wohl viele heute tun. Ich ging online. Ich loggte mich ein. Ich googelte und entdeckte erstaunliches.

Bei den alten Griechen beispielsweise stand der Regenbogen für die Göttin Iris. Ihre Aufgabe war es als Botin zwischen der Welt der Menschen und den Göttern zu vermitteln. Sogar wenn unter den Göttern selbst Streit ausbrach, wurde Iris gerufen. Ihr Wasser deckte Unrecht auf und überführte Lügner.

Oder bei den alten Germanen. Als Brücke Bifröst, was wörtlich «wankende Himmelsstrasse» heisst, verbindet er die Zeit mit der Ewigkeit und sorgt so für den Bestand der Welt. Bricht diese Brücke zusammen, so geht die Welt unter. Es ist Ragnarök!

Bei den alten Babyloniern dagegen kämpften die Götter mit Pfeil und Bogen gegeneinander. Wurde der Götterkrieg beendet, so hängten die Götter ihre Pfeilbögen in den Himmel. Die Menschen sahen sie als Regenbögen.

Ja, bis heute haben Regenbögen ihre mystische Bedeutung bewahrt. Sie stehen für Versöhnung und Harmonie. Sie haben ihren Weg in die Populärkultur gefunden. Kennt ihr ihn noch, den Filmklassiker «Der Zauberer von Oz»? Judy Garland besingt darin diesen zauberhaften Ort: «Somewhere over the rainbow» – irgendwo über dem Regenbogen liegt dieses magische Land Oz, wo Träume Wirklichkeit werden.

Auch wer den Film nicht kennt, kennt vermutlich das Lied. Als Coverversion aus dem Jahr 2010 des Maori Israel Kamakawiwo’ole nur von einer Ukulele begleitet zum Beispiel. Oder meine Generation. In der Technoversion von Marusha aus dem Jahr 1994.

Auch im Alten Testament in der Bibel kommt ein Regenbogen vor. Wir hörten in der Lesung davon.

Nach der Sintflut schliesst Gott einen ewigen Bund mit Noah.

Gott stritt mit den Menschen. Wie die babylonischen Götter griff auch er zum Bogen. Doch sein Kampf galt dem Bösen unter den Menschen. Alles Böse sollte vernichtet werden. Jede Kraft, die sich gegen Gott stellte, wollte er ausrotten. Nur Licht ohne Finsternis sollte übrigbleiben.

Doch die Farben der Menschen sind nie nur Licht. Sie sind nicht rein. In meiner, in deiner, in unserer aller Farben steckt auch ein Anteil Schwarz mit drin. Keine Farbe ist rein. Kein Mensch ganz frei von Schuld.

Gott wollte das Dunkle aus den Farben austreiben. Doch in der Sintflut hätte es das Ende des Lebens bedeutet. Er lässt ab vom Kampf. Er wählt das Leben seiner Schöpfung. Er hängt seinen Kriegsbogen in den Himmel.

Als Regenbogen wird er zum Zeichen des Lebens.

Es ist wie bei einem Prisma – und für die Physik ist ein Regenbogen einem Prisma ähnlich. Der Regenbogen teilt das reine Licht auf. Aus weissem Licht werden alle Farben des Regenbogens. Meine Farbe. Deine Farbe. Unsere Farben. Sie alle haben Anteil an dem Lichtstrahl Gottes.

Dieser göttliche Lichtstrahl ist die Lebenskraft. Wie durch ein Prisma geteilt, ist uns in unserer Farbe Anteil an ihr gegeben. Es ist der Lebensatem, der in uns fliesst.

Auch wenn wir ganz verschiedene Farben haben. Auch wenn wir uns in unserer Einmaligkeit einbringen. Auch wenn unsere Farbe anders ist als die Farbe unseres Nächsten, kommt sie doch aus der gleichen Kraft.

Als Menschen sind wir in dieser Kraft miteinander verbunden. Auf Grund dieser Kraft dürfen und sollen wir uns in die Gemeinschaft einbringen. Wir müssen unsere Farbe nicht verstecken. Doch sollen wir die Farben unserer Mitmenschen respektieren. Denn der Grund ihrer Farbe und der Grund meiner Farbe ist der gleiche.

Gott schliesst mit Noah seinen Bund zum Leben. Er schenkt den Menschen eine Chance auf Versöhnung.

Heute am Jugendfest, am Ende eines spannenden und mitunter spannungsvollen Schuljahrs dürfen wir diese Chance nutzen. Wir dürfen uns miteinander versöhnen, weil Gott sich mit den Menschen versöhnt hat.

Alles Ungelöste dürfen wir in seine Hand legen. Wir dürfen ihm danken für unsere Farbe – für unser aller Farben. Miteinander sind wir ein wunderschöner, buntstrahlender Regenbogen.
Amen

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