Von Gott berührt

Du sollst sehen und erfüllt werden von heiligem Geist!
Apg 9,17

Lieber Jonathan
Liebe Tauffamilie
Liebe Gemeinde

Pfingsten war ein Spektakel. Wie Feuer sahen die Jüngerinnen und Jünger den Geist Gottes vom Himmel herabkommen. Fünfzig Tage nach dem Kreuz und der Auferstehung. Zehn Tage nach der Auffahrt. Jetzt erfüllt sich jenes Versprechen, das über dem ganzen Auftreten Jesu stand. Johannes sprach es aus, als er auf den Messias hinwies und sagt: «Ich habe euch mit Wasser getauft; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen» (Mk 1,8)

Der Heilige Geist schwebt auf die Urgemeinde hinab. Einem Jeden und einer Jeden von Ihnen teilt er sich als flammende Zunge zu. Die Kraft Gottes überkam die erste Gemeinde, die sich bis zu jener Stunde verborgen hielt. Nun aber war die Stunde da. Die Welt sollte hören und sehen. Wer es erlebte, hörte das Evangelium in seiner Muttersprache. In Persisch, in Griechisch, in Latein, in Makedonisch, in Arabisch und so weiter.

Alle hörten es. Doch nur Wenige verstanden es. Das Wunder wurde abgetan. «Die haben doch zu tief ins Glas geschaut!» hörte man die Zeuginnen und Zeugen des Pfingstwunders sagen. Es reicht eben nicht zu hören. Es reicht eben nicht zu sehen. Wer taub ist, ist taub. Wer blind ist, ist blind.

Besonders deutlich wird das, so meine ich, an jener Geschichte von der Berufung des Paulus. Aus dieser Geschichte ist auch dein Taufspruch entnommen, lieber Jonathan. Sie geht so.

In Tarsus wird ein Junge geboren. Saul nennen ihn seine Eltern. Saul ist fleissig und fromm. Er will lehren und ganz genau verstehen wer Gott ist und was Gott von ihm will. Als junger Mann macht er sich auf. Er zieht nach Jerusalem. Beim berühmten Rabbi Gamaliel nimmt er Unterricht.

Etwa zur gleichen Zeit kommt auch ein Wanderprediger nach Jerusalem. Jesus hiess jener. Es nahm kein gutes Ende mit ihm. Doch seine Anhänger waren sich sicher. Der, der am Kreuz gestorben ist, ist auferstanden. Jesus lebt! Er ist der Sohn Gottes.

Das erschreckte Saulus. «Diese Christen beleidigen Gott!» sagte er. «Dieser Jesus war nicht Gott. Gott kann nicht sterben. Schon gar nicht am Kreuz! So ein Blödsinn! Solch grosse Torheit!»

So verfolgte er die Christen in Jerusalem. Er liess sich sogar beauftragen, auch diejenigen in Damaskus zu verfolgen. Denn nach Pfingsten breitete sich das Christentum aus. Nicht alle hörten „Betrunkene“. Einige hatten verstanden. Doch Saulus gehörte nicht zu ihnen.

Er brach auf nach Damaskus. Schon konnte er die Stadtmauer sehen. Da überkam ihn ein göttliches Licht und er hörte den auferstandenen Jesus fragen: «Warum verfolgst du mich?»

Es hat wohl nur wenige Augenblicke gedauert. Aber es hat Saulus verändert. Die Blindheit seines Herzens war zur Blindheit seiner Augen geworden. Er sah nichts mehr. Seine Begleiter mussten ihn führen.

Doch Gott bestrafte ihn nicht. Seine Blindheit war viel mehr ein Zeichen. In Damaskus angekommen, bekam er Besuch. Hananias, ein gläubiger Christ, kam zu ihm. Durch Gott hatte er verstanden, dass Saulus nun ein anderer war. Das Erlebnis auf dem Weg nach Damaskus hatte ihn blind gemacht.

Denn die Blindheit seines Herzens legte sich auf seine Augen. Doch damit war sein Herz frei. Mit dem Herzen erkannte Saulus die Wahrheit. Fortan sollte er nicht mehr die Christen verfolgen, sondern als einer von ihnen die Botschaft Jesus in die Welt tragen.

Hananias verstand. Er legte Paulus die Hände auf. Der Geist Gottes öffnete ihm die Augen wieder. Paulus, wie er sich jetzt nannte, trug die Liebe Gottes in seinem Herzen.

Hananias legt ihm die Hände auf. Paulus gehen die Augen auf. Manchmal braucht es nicht mehr als eine Berührung.

Wir alle werden täglich unzählige Male berührt. Manche Berührung nehmen wir bewusst war. Wenn wir uns zur Begrüssung die Hand reichen. Andere bekommen wir nicht einmal mit. Manche Berührungen sind angenehm. Doch es gibt auch die anderen.

Berührungen können schmerzen. Wir können uns gegenseitig verletzen und Schmerzen zu fügen. Wir können die Grenzen überschreiten. Und das ist schlimm.

Berühren hat etwas intimes. Im Schlechten, wie im Guten. Eine Berührung schafft Nähe. Sie stellt eine Verbindung her.

Auch du, lieber Jonathan, bist heute schon von ganz vielen berührt worden. Eine ganze besondere Berührung hast du in der Taufe erlebt. Mit Wasser und dem dreifachen Kreuzeszeichen auf die Stirn habe ich dich heute taufen dürfen. Ich habe dich berührt und dabei darauf vertraut, dass dich zugleich auch ein anderer berührt; dass er dich mit seinem Segen anrührt.

Lieber Jonathan, ich wünsche dir ein Leben voller guter Berührungen. Sie vermögen so viel.

Es gibt Berührungen, die dich trösten. Wenn du weinst und dir deine Mutter fein über den Kopf streicht. Ihre Hand gibt dir Halt. Du darfst dich bei ihr geborgen fühlen. Sie will nur das Beste für dich!

Vielleicht wird es dir ganz ähnlich gehen, wie es mir als Junge ging. Es kommen Aufgaben und Herausforderungen auf dich zu, vor denen du zuerst ein wenig zurückweichst. Da ist es gut, wenn dir dein Vater die Hand auf die Schulter legt und dir Mut zuspricht.

Manchmal sind wir Menschen schon ein wenig komisch. Da braucht es für den einen oder anderen auch mal eine Berührung, die ein Anstoss ist. Ein kleiner Schupf, den wir uns nicht immer selbst geben können. Fast, als müssten wir zum ersten Schritt getrieben werden. Doch dann läuft es wie von allein. Warum das wohl so ist?

Hie und da verliert man sich auch in seinen Tagträumen. Der Körper ist da, doch die Seele weit weg. Es kann schön sein zu träumen. Doch manchmal braucht es uns ganz im Hier und Jetzt. Eine Berührung kann einem zurückholen.

Doch gewisse Berührungen bewirken das Gegenteil. Sie lassen uns erst recht träumen. Die zärtlichen Berührungen unter Liebenden gehören dazu. Sie sind wie ein Versprechen. Sie sind wie ein Gespräch. Sie sind wie ein Anfang!

Lieber Jonathan, ich wünsche dir diese Erfahrung von Berührungen, die keinen Augenblick dauern und in denen doch eine ganze Ewigkeit gegenwärtig ist.

Es sind Berührungen, wie sie in der Bibel immer wieder berichtet werden. Wo Hände aufgelegt werden und Gott zum Guten wirkt.

Vielleicht sollten auch wir solche Berührungen wieder mehr wagen. Sie brauchen Beherztheit und Gottvertrauen. Nicht für denjenigen, der die Hände auflegt. Auch für den Empfangenden. Es braucht Mut sich auf dieses Erlebnis einzulassen.

Nicht immer wird dabei Heilung im Sinn von Gesundwerden geschehen. Und doch ist jede von diesen Berührungen heilsam.

Sogar, wo ein Mensch seinen letzten Weg geht. Das Berührungsempfinden ist der letzte Sinn, der im Sterben schwindet. Eine Berührung kann gut tun und Kraft für den letzten Weg geben. Habt Mut und versucht es.

Doch denkt daran. Vorsichtig. Erklärend. Sagt was ihr tut. Ergreift die Hand. Steigt ein auf den Atemrhythmus vom Sterbenden. Druckt leicht die Hand beim Einatmen. Verringert den Druck beim Ausatmen. So kann eine letzte, intensive Kommunikation stattfinden. Nur eine ein paar Atemzüge lang und doch wie eine Ewigkeit. Als ob alles an Liebe, Dankbarkeit und Ungesagtes ausgesprochen werden würde. Doch nicht mit Worten. Nur mit einer sanften Berührung. Am Besten versuchst du es einmal bei einem Freund. Vielleicht gegenseitig. Wie fühlt es sich an? Wenn ihr es richtig macht, wird es ein unglaublich intimer Moment werden.

Vielleicht ist das gar so, wie wenn Gott das Herz eines Menschen anrührt. Ein kurzer Moment Ewigkeit. Die Augen gehen auf und man sieht wahrhaftig. Der Geist Gottes füllt einem das Herz und man ist getrost. Denn Gott hat das Herz berührt. Wie er Paulus die Augen auftat, so verspricht er dir seinen Geist.
Amen

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