Salz der Erde

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz fade wird, womit soll man dann salzen?
Mt 5,13

Liebe Gemeinde

Es braucht nicht viel, um ein gutes Brot zu backen. Mehl, Wasser, Hefe und Salz. Diese vier Zutaten genügen. Dazu noch Zeit, damit der Teig aufgehen kann und Hitze, damit aus dem Teig ein Brot gebacken wird.

Eigentlich sehr simpel. Und doch immer wieder überraschend. Brot kann ganz verschieden schmecken. Die Mehlsorte und der Mahlgrad des Korns beeinflussen den Geschmack. Auch das Mischverhältnis, die Gärzeit und die Temperatur des Backofens wirken sich auf das Brot aus. Kommt hinzu, dass auch weitere Zutaten mit in den Brotteig gegeben werden können. So einfach das Grundrezept, so variantenreich die Auslage in der Bäckerei. Die Kreativität und Experimentierfreude junger Bäckerinnen und Bäcker, sowie das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung für hochwertige, regionale und natürliche Produkte haben dazu geführt, dass in der Schweiz über dreihundert Brotsorten angeboten werden. Das tägliche Brot tritt mehr und mehr aus seiner Alltäglichkeit. Es tritt ins Bewusstsein der Konsumenten. Seine Bedeutung weitet sich. Aus dem alltäglichen Nahrungsmittel wird ein Genussmittel. Der Mensch geht wieder bewusster mit Brot um. Achtsamkeit ist das Stichwort.

So verschieden das tägliche Brot ist, so unterschiedlich sind auch die Gemeinschaften, in denen wir leben. Keine Gesellschaft, kein Land, keine Region, kein Tal und kein Dorf ist dem andren völlig gleich. Wie jede Brotsorte ihren unverwechselbaren Geschmack hat, so hat auch jede Lebensgemeinschaft ihren eigenen, einmaligen Charakter. So wenig wie es das eine ideale Brot gibt, so wenig gibt es die einzig richtige Form des Zusammenlebens. Wie jede Brotsorte in ihrem Dasein und Sosein berechtigt ist, so hat auch jede unserer Arten des Zusammenlebens ihr Recht.

So sehr sich Brot von Brot unterscheidet, eines bleibt gleich. Auch wenn weitere Zutaten hinzukommen, gehören doch vier Elemente stets dazu. Ohne sie ist Brot nicht Brot. Ohne sie kann kein Bäcker arbeiten.

Mehl, Wasser, Hefe und Salz sind Grundelemente des Brotes. Keines darf fehlen. Auch zu unserer Dorfgemeinschaft, zu unserem Tal, zu unserem Land und unserer Welt braucht es Zutaten, ohne die es nicht geht. Brot und Gesellschaft sind sich darin gleich.

Backen wir ein Gesellschaftsbrot!

Zuerst das Mehl.

Es wuchs auf dem Feld. Die Bauernfamilie hat viel Zeit und Arbeit investiert bis aus dem Saatgut Ernte wurde. Das Korn kam zur Mühle. Mit Sachverstand und Sorgfalt mahlte es der Müller zu Mehl.

Es muss nicht immer Weizen sein. Auch Roggen, Dinkel und Gerste landen in der Mühle. Sogar aus Reis, Mais, Hirse oder Bambussamen lässt sich Mehl mahlen.

Auch für unser Gesellschaftsbrot brauchen wir Mehl. Unser Mehl sind die Menschen. Ohne Menschen keine Gemeinschaft. Es braucht jeden einzelnen von uns. Jeder ist wichtig. Jeder ist Mehl.

Wie es nicht nur eine Sorte Mehl gibt, gibt es auch nicht nur eine Sorte Menschen. Immer nur Weizenmehl wird bald langweilig. Vollkorn macht es schon spannender. Richtig überraschend wird es, wenn Unerwartetes dazukommt.

Zu unserem Gesellschaftsbrot gehören diejenigen dazu, die sind wie wir. Aber mit genau dem gleichen Recht, diejenigen, die nicht so sind wie wir. Die Unterschiede machen es spannend!

Doch Mehl allein macht noch keinen Teig. Es muss etwas hinzukommen, das die einzelnen Mehlteilchen miteinander verbindet.

Das Wasser, welches der Bäcker zum Mehl gibt, bricht die Struktur des Mehls auf. Die Stärke löst sich. Eisweissmoleküle gehen neue Verbindungen ein. Aus dem staubtrockenen Mehl beginnt ein geschmeidiger Teig zu werden.

Auch unsere Gemeinschaft braucht ihre Form des Wassers. Ohne dieses Wasser lebt jeder für sich. Wir wären alleine und auf uns selbstgestellt inmitten von anderen.

Wie der Teig Wasser braucht, so brauchen wir den Austausch. Der Austausch formt aus vielen Menschen eine Gesellschaft.

Wir tauschen uns aus. Dabei wechseln wir nicht nur Worte.

Wir tauschen Waren. Das ist die Grundlage unserer Wirtschaft.

Wir tauschen Wissen. Das ist die Grundlage unserer Schule.

Wir tauschen Erfahrungen aus und geben sie weiter. Das ist Erziehung.

Wir tauschen Gefühle und verbinden uns in Liebe. Das ist die Grundlage unserer Familie. Der Austausch schafft Zukunft.

Wie der Teig aneinanderklebt, so sind auch wir als Gemeinschaft miteinander verbunden. Wir leben eingebunden in ein Netz von Beziehungen. Das Wohl und Weh des Einzelnen wirkt sich auf seine Nächsten aus. Es beeinflusst so die ganze Gesellschaft.

Eine Gesellschaft aus Mehl und Wasser funktioniert. Man kann daraus Brot backen. Doch bleibt das Brot flach. Es fehlt die Hefe, die den Teig aufgehen lässt.

Neue Ideen und Innovationen sind für die Gesellschaft, was die Hefe für das Brot ist. Sie sind Treibmittel ohne die Fortschritte und Veränderungen nicht möglich sind. Eine Gemeinschaft ohne frische Ideen kann sich nicht entwickeln. Erst wo Neues gewagt wird, kann es Entwicklung geben.

Mehl, Wasser und Hefe. Miteinander vermengt und gut geknetet werden sie zu einem Teig. Er geht auf. Er lässt sich zu Brot formen. Gebacken ist es Brot. Man kann es essen. Es nährt. Man verhungert nicht. Und doch fehlt ein entscheidendes Detail.

Es fehlt das Salz!

Ohne Salz will das Brot nicht richtig schmecken. Schon beim ersten Bissen ist es klar. «Oh nein, ich habe das Salz vergessen!»

Nur eine Priese Salz braucht es. Fast nichts. Und doch verändert es das Brot.

Jesus sagt: «Ihr seid das Salz der Erde.»

Wir als Kirche sind das Salz in der Gesellschaft. Es ist unsere Aufgabe Salz zu sein. Wo wir diese Aufgabe verfehlen, da sind wir wie Salz, das nicht mehr zu salzen vermag.

In der heutigen Zeit hört man oft die Klage, dass die Kirche an gesellschaftlicher Bedeutung verloren hat. Viele Christinnen und Christen bedauern diese Entwicklung. Viele von uns sind davon überzeugt, dass es der Gesellschaft gut tun würde, wieder mehr auf die Kirche zu hören.

Egal mit welchen Rezepten Kirchenleitung und Pfarrerpersonen dagegen ankämpfen, stets steht dabei der Gedanke dahinter, dass es die Gesellschaft ist, die hören muss.

Man fordert mehr kirchlichen Unterricht. Er soll spannender und mitreisender sein. Man fordert eine glaubwürdigere Amtsführung. Die Pfarrerperson soll das Amt tragen. Man erwartet mit mehr Professionalität auch wieder mehr Relevanz gewinnen zu können. Man will Vorbild sein für die Gesellschaft. Man verweist auf das Gute und den Nutzen der Kirche.

All das ist gut und recht. Doch was nützt es, wenn das Salz nicht mehr salzt?

Das Salz der Kirche ist nicht ihr gesellschaftliches Engagement. Es ist nicht der Einsatz für die Armen. Es ist nicht der Kampf für einen besseren Umweltschutz. Es ist nicht der Traum von einer besseren Welt. Die Kirche gewinnt ihren Einfluss in der Gesellschaft nicht aus ihrer Nützlichkeit.

Armutsbekämpfung, Kampf für Gerechtigkeit und Erhaltung der Schöpfung sind nicht die Ursache, sondern sind die Folge von der Salzigkeit der Kirche. Sie entstehen aus der Salzigkeit. Doch sind wir als Kirche nicht mehr salzig, so kann all das nicht werden.

Worin liegt also das Salz der Kirche? Wie sind und wie werden wir als kirchliche Gemeinschaft salzig?

Jesus spricht das Salzwort am Anfang der Bergpredigt aus. Es ist zu jenen Menschen gesagt, die die Bergpredigt hören. Als Hörende empfangen sie sein Wort. Sie sind Salz, noch ehe sie die ethischen Forderungen der Bergpredigt in die Tat umsetzen. Ja, sie sind Salz, sogar dann noch, wenn sie die Bergpredigt nie in die Tat umsetzen. Sie sind Salz, weil sie hören. Sie sind Salz solange sie auf Gottes Wort hörende sind. Sie sind Salz, wenn und nur wenn sie das Wort hören. Sie sind Salz, wenn und nur wenn sie das Wort weitersagen. Sie sind Salz, wenn und nur wenn sie das Wort in der Welt verkündigen.

Als Kirche sind wir gerufen nach der Bergpredigt zu leben. Doch nicht die Umsetzung macht uns zu Salz. Sogar wenn wir in der Umsetzung versagen, bleiben wir dennoch Salz, solange wir im Hören bleiben und das Wort weitersagen.

Ja, darüber hinaus. Wenn wir die Bergpredigt vollständig umsetzen, dabei aber das Hören und Weitersagen vergessen, verlieren wir unsere Salzigkeit.

Kirche ist salzig. Nicht wegen ihrem Tun, sondern wegen ihrem Hören. Als Christinnen und Christen sind wir Salz, nicht weil wir den Nicht-Christen moralisch überlegen wären – wir sind es nicht. Wir sind Salz, weil wir Gottes Wort hören und es bezeugen. Wir sind Salz, wo wir auf Gott hinweisen. Wir sind Salz, wo wir in Verbindung zu ihm leben.

«Ihr seid das Salz der Erde!» Salzt kräftig in der Gesellschaft. Auf dass unser Brot nicht fade werde.
Amen

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