Sei ein Baum!

Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!
Jesaja 41,10

Liebe Gemeinde
Liebe Tauffamilie
Lieber Silas

Im Baumgarten meiner Grosseltern stand ein alter Zwetschgenbaum. Es musste einst ein stattlicher Baum gewesen sein, so erzählte meine Grossmutter. Doch seine besten Zeiten waren bereits vorbei, als ich ein Kind war. Wind und Wetter hatten ihn zerzaust. Die Sonne brannte unbarmherzig. Er spendete kaum noch Schatten. So machte er einen schütteren Eindruck, denn es gab viel Totholz in seiner Krone.

Kein Baum wie er im Buche steht und doch gehörte er zu unserer Familie. Der «Bungert», so nannte meine Grossmutter und mit ihr die ganze Familie den Baumgarten, wäre ohne den alten Zwetschgenbaum ein anderer gewesen. Ich liebte diesen Baum!

Einige seiner Äste wuchsen tief. Ich konnte sie gut erreichen. An diesen Ästen konnte ich mich hochziehen und so in die Krone des Baumes klettern. Vermutlich machten sich meine Mutter und meine Grossmutter Sorgen, dass ich hinunterfallen könnte. Doch niemand sagte ein Wort. Ich war kleiner und vor allem leichter als heute, so trugen mich auch die verdorrten Äste.

Doch nicht nur ich, sondern die ganze Familie erfreute sich an diesem Baum. Jeden Sommer, wenn die Zwetschgen reif waren, versammelte sich die ganze Verwandtschaft. Gemeinsam wurden die Früchte geerntet.

Nicht nur von diesem Baum. Im Bungert wuchsen weitere Bäume und viele Beerenfrüchte. Die Ernte war gewaltig – zumindest in den Augen des Kindes, das ich damals war. Zuhause wurde eingemacht und eingefroren. Meine Mutter kochte die Früchte und Beeren zu den köstlichsten Konfitüren ein. Ein Hochgenuss!

Ich denke gern an unseren alten Zwetschgenbaum. Er ist mir zu einem Sinnbild des Lebens geworden. Das Leben von uns Menschen ist einem Baum ähnlich. Wurzeln, Stamm und Äste stehen in diesem Bild für verschiedene Abschnitte des Lebens. Wie der Baum hat auch der Mensch seinen Anfang und sein Ende. In der Spanne seines Lebens soll er Frucht bringen wie der Zwetschgenbaum.

Lieber Silas, was für ein Baum wirst du einst sein? Welche Frucht wirst du bringen? Wirst du es wagen in den Himmel zu wachsen? Aufrecht zu stehen und mit Rückgrat deinen Weg gehen?

Du hast Wurzeln, wie der Baum. Sie geben dir Halt. Sie nähren dich.

Doch deine Wurzeln treiben nicht in die Erde. Deine Wurzeln sind die Menschen. Es sind die Eltern, deine Verwandten, aber auch die Gemeinschaft, in die du hineingeboren bist.

Anders als der Baum, der aus einem Kern treibt, musst du deine Wurzeln nicht selbst schaffen. Der Trieb ist allen Gefahren der Natur schutzlos ausgeliefert. Es braucht nicht viel und er wird nie zum Baum.

Anders dein Leben. Deine Wurzeln sind schon da. Sie geben dir Schutz und sind für dich da.

Die Familie ist Schutzraum für die Kinder. So soll es sein. Darin scheint sich auch unsere heterogene Gesellschaft einig zu sein. Wo es anders ist, da können wir es nicht verstehen – egal wie unterschiedlich unsere Lebensentwürfe auch sein mögen.

Die Familie soll ein Schutzraum sein und – Gott sei Dank – ist sie es auch in den allermeisten Fällen. Die Familie tut das Menschenmögliche, aber das Menschenmögliche hat seine Grenzen. Es ist darum gut, dass Gott uns seinen Beistand vom ersten Tag an zusagt. Er ist bei uns. Er schütz uns. Wir müssen uns nicht fürchten, wir brauchen keine Angst zu haben.

Du wirst heranwachsen. Du wirst den Stamm deines Lebens ausbilden. Jahr für Jahr wird er wachsen. Er wird stärker und fester werden.

Dieser Stamm ist das Vertrauen. Dein Vertrauen.

Als Baby bist du ganz und gar auf deine Mutter angewiesen. Es muss beängstigend sein ein Neugeborenes zu sein. Hineingeworfen in eine lebensfeindliche Welt. Ganz und gar abhängig zu sein von der eigenen Mutter.

Wir alle wären schon als Babys gestorben, wenn sich nicht Menschen unseres zarten Lebens angenommen hätten. Wir sind versorgt worden. Statt Angst und Furcht haben wir im Umgang mit unserer Mutter Vertrauen gelernt. Urvertrauen nennt das die Entwicklungspsychologie.

Jahrring um Jahrring wird aus diesem Urvertrauen in die Mutter, das Vertrauen in die Welt. Aus dem Vertrauen in die Welt, wächst das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten.

Du, lieber Silas, wirst deine Fähigkeiten entwickeln. Du hast Krabbeln und Laufen gelernt. Du wirst weiter lernen. Deine Fähigkeiten und deine Kraft werden zunehmen. Dein Selbstvertrauen darf sich entwickeln.

Du wirst lernen und dabei deine Möglichkeiten und deine Grenzen kennenlernen.

So gut es ist, dass wir Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, so schwer fällt es uns Menschen manchmal unsere Grenzen zu akzeptieren. Wir sind begrenzte Wesen. Der eine vermag mehr als der andere und doch ist keiner von uns grenzenlos.

So mächtig und stark der Stamm eines Baumes auch werden kann, es wird Stürme geben, denen er nicht gewachsen ist. Ein Gewitter mit Böen zerzaust nicht nur seine Krone, es kann auch den Stamm biegen. Schicksalsschläge können das Selbstvertrauen und das Vertrauen in die Welt auf eine harte Probe stellen.

Wer glaubt, wer auf Gott vertraut, wird nicht bewahrt von diesen Stürmen. Doch er steht im Sturm nicht allein da. Gott steht ihm zur Seite. Denn er kennt die Stürme des Lebens.

In Jesus ist er selbst Mensch geworden. Er hat den letzten Sturm am eigenen Leib erfahren. Durch Kreuz und Auferstehung hindurch hat er den Tod überwunden. So geht er mit als derjenige, der voran gegangen ist.

Der Stamm deines Lebens wird sich zur Krone weiten. Jeder Ast ist eine Lebensmöglichkeit, eine Beziehung, eine Reise, ein Hobby, eine Sprache, eine Handwerkstechnik. Jede Astgabel eine Entscheidung. Die Krone macht dich zu dem Menschen, der du bist.

Es gibt keine zwei Zwetschgenbäume, die gleich sind. Jede Baumkrone ist einmalig, wie auch jeder Mensch einzigartig ist.

Das ist das Wunder am Leben. Wir Menschen können, dürfen und müssen uns entwickeln. Jeden Tag treffen wir unzählige Entscheidungen. Manche davon werden uns nicht einmal bewusst. Welches Paar Socken ich trage zum Beispiel. Ich habe einfach in die Schublade oder in den Schrank gegriffen und eines von den bereitliegenden Paaren geschnappt. Es hätte gerade so gut ein anderes treffen können.

Doch auch diese Wahl hat unter Umständen Auswirkungen. Das gewählte Paar hat vorne ein Loch, das gerade erst am Entstehen ist. Unter Tags beginnt es sich zu weiten. Der kleine Zeh gleitet ins Loch. Das Blut wird abgeschnürt. Es tut weh. Ich nehme einen Zug früher. Ich nehme eine Abkürzung. Und plötzlich treffe ich einen Menschen, den ich mit dem einwandfreien Paar Socken nicht getroffen hätte. Die unbewusste Wahl am Morgen beim Griff in die Socken kann das Leben verändern. Zum Guten, wie zum Schlechten.

Und dann erst die grossen Entscheidungen. Berufswahl? Heirat? Eigentumswohnung? Familie? Haustiere?

Da kann man sich stunden-, wenn nicht tagelang den Kopf zerbrechen! Da gestaltet man ganz bewusst sein Leben.

Lieber Silas, mit dem Leben, das dir geschenkt ist, sind dir unzählige Möglichkeiten gegeben. Du hast eine grosse Freiheit, wie du dich entscheidest und wer du sein möchtest.

Natürlich hat auch diese Freiheit ihre Grenzen. Wie aus einem Zwetschgenbaum kein Birnbaum werden kann, so bestimmen deine Wurzeln und dein Stamm mitdarüber, welche Möglichkeiten du hast.

Doch bei allen Einschränkungen. Du bist frei. Freier als es die meisten Menschen sind!

Soviel Freiheit, du könntest dich darin verlieren.

Doch derjenige, der dir das Leben schenkt, möchte, dass du Frucht bringst und dich nicht ängstigst. Gott verspricht dir seinen Beistand.

Sei in deiner Freiheit nicht klein, weil du dir von Sorgen und Ängsten Grenzen setzten lässt. Geh deinen Weg aufrecht. Bring deine Frucht und nicht die Frucht, die von dir erwartet wird. Sei du selbst.

Du selbst sein – das ist es, was Gott dir mit seinem Zuspruch schenken möchte. Du musst dich nicht verkrümmen, um geliebt zu sein. Du musst dich nicht beugen, um leben zu können. Du darfst dich für das Gute einsetzen. Du darfst dich für deine Ideale engagieren.

Der Zwetschgenbaum im Baumgarten meiner Grosseltern war schief und alt. In seinem Schief- und Altsein aber, stand er aufrecht. Er brachte nicht die Früchte, wie man sie von jungen Bäumen erwartet. Seine Zwetschgen hätten es nicht in den Laden geschafft. Aber es waren seine Zwetschgen.

Ich habe sie geliebt. Klein und schrumpelig, aber süss und aromatisch, wenn man hineinbiss. Voller Geschmack und Charakter. Früchte, wie sie nur dieser Baum bringen konnte.

Lieber Silas

Sei ein Baum! Sei der Baum, den du sein möchtest. Sei der Baum, der seine Frucht bringt. Der sich nicht unter Sorgen und Ängsten biegt, sondern aufrecht dem Sturm ins Auge sieht. Wissend, dass du nicht alleine bist.

Denn Gott steht dir bei. Er will dich begleiten. Hab keine Angst und lass dich nicht von Furcht ergreifen. Denn er ist dir Gott.
Amen

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